Salon

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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

7. November 2013

Steffen Wittenbecher, Ingeschenk



Örtchen Klang im Mai 1986. Die Ereignisse überschlagen sich: Die resolute und auch etwas schrullige Ingeborg Ginster wird eines Morgens, an ihrem Duschtag, mit dem spurlosen Verschwinden ihres Lieblingspostboten Herrn Schmidt konfrontiert. Gleichzeitig gerät ihr Kater in das Visier eines Unholdes und kehrt verletzt heim. Doch hier endet ihre Unglückssträhne keineswegs: Sie muss feststellen, dass ihr sämtliches Erspartes - immerhin 150.000 DM - nicht mehr aufzufinden ist. Und das, obwohl sie sich aufgrund ihrer Vergesslichkeit wichtige Dinge stets notiert. Ingeborg platzt endgültig der Kragen. Gut, dass sie in kriminalistischer Arbeit dank zahlreicher Fernsehfilme nicht ganz unbewandert ist. Und so begibt sie sich (beinahe) unerschrocken auf die Suche - nach Herrn Schmidt, ihrem Geld und demjenigen, der ihren Kater Helmut verletzt hat. Sie ahnt nicht, dass sie selbst längst in größter Gefahr schwebt, denn im Nachbarort ist ein Mörder und Vergewaltiger aus der JVA ausgebrochen. Abschließend gilt es außerdem noch die Frage zu klären: Was geschah im Keller der Ingeborg Ginster?

Leseprobe

Prolog

Der Hunger hatte ihn zurück in das Haus und als Erstes in die Küche getrieben. Plötzlich drangen schrille ungewohnte Laute bis an sein Ohr. Verwundert unterbrach er sein Mahl, um nachzusehen woher diese Geräusche stammten. In der Diele angelangt entdeckte er, dass erstaunlicherweise die verbotene Tür, die hinunter in den Keller führte, weit offenstand. Sonst gewissenhaft verschlossen, wollte er schon längst einmal ergründen, was sich dahinter verbarg. Doch bereits im Vorraum folgte prompt die Strafe seines Ungehorsams. Erschrocken sah er ein Bein nach ihm treten. Der nachfolgende stechende Schmerz in seiner Seite ließ ihn nach Atem ringend zusammensacken. Mit einiger Mühe gelang es ihm jedoch, sich wieder zu erheben und sein Heil in der Flucht zu suchen. Ein lautes Krachen und dumpfe Schläge folgten ihm bis zurück in die Küche. Ängstlich blickte er hinter sich, doch anscheinend war ihm nichts auf den Fersen und so beruhigte er sich allmählich wieder.
Neugierig stand er kurz darauf abermals im Vorraum des Kellers und sah unten am Ende der Treppe einen Körper liegen. Er machte sich nicht einmal die Mühe nachzusehen, wer genau dort lag. Längst wusste er es. Soeben wollte er wieder gehen, als er aus der Dunkelheit heraus etwas nahen hörte. Sie war es, die die Treppe emporstieg. Gerne wäre er länger geblieben, doch es wurde höchste Zeit, sich um wichtigere Dinge zu kümmern. Ohne zurückzublicken, lief er daher zurück in die Küche, sein angefangenes Mahl zu beenden.
Kapitel 1
Sie faltete die rot geblümte Kittelschürze und ihre schwere leinene Unterwäsche zu kleinen Paketen und legte sie mit Bedacht in den bereitgestellten Schmutzwäschekorb. Sorgsam entblätterte sie ein neues Stück Seife und achtete wie ein Lux darauf, dass die papierne Ummantelung nicht einfach auf den Boden fiel, sondern exakt nach den Falzvorgaben des Verpackungsherstellers zurückgefaltet in das Altpapier gelangte.
Die Heizung des Badezimmers hatte dafür zwei Stunden benötigt, aber nun befand sich das Quecksilber des auffälligen Wandthermometers genau auf den von ihr angestrebten 28,5 Grad. Frau Ginster schob ihren Kopf vor und wischte mit einer bedächtigen Handbewegung den Nebel von der Anzeige des Thermometers. Um auch wirklich sicherzugehen, dass die Temperatur erreicht war, schnippte sie noch einmal mit den Fingern gegen das Glasröhrchen. Perfekt. Mit zwei ausgestreckten Händen schlüpfte sie in die Duschhaube, die an einem gesonderten Haken hing, und zog sie vorsichtig über ihr gewelltes Kopfhaar. Keineswegs durfte es heute bereits nass werden, nicht auszudenken, dreizehn Tage vor ihrem nächsten Friseurtermin. Jeden Dienstag, Freitag und Sonntag war solch ein Duschtag.
Vorsichtig drehte sie das Wasser auf, und während sich eine dampfende Wolke um sie hüllte, überprüfte sie mit ihrer Hand die Temperatur. Noch etwas kaltes Wasser dazu, und schon schien alles seine Richtigkeit zu haben. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr das Wichtigste ein. Kurz entschlossen verließ sie in ihren gelb geblümten Badelatschen das Badezimmer und schlurfte in die Diele ihres Hauses, um dem Kittelschürzenschrank eine frische Kittelschürze zu entnehmen. Keineswegs wollte sie bei den Nachbarn als eine Frau gelten, die jeden Tag dasselbe trug.
Wohl auch deshalb besaß sie neun dieser Kittelschürzen aus nahezu echt wirkendem Baumwollimitat. Nach kurzem Innehalten und nachdenken, ob sie heute noch Besuch erwartete, wählte sie die blau geblümte Kittelschürze aus.
»Ach, Ingeborg, manch einer Frau mögen neun Schürzen nicht genug Auswahl sein. Doch ich finde sie ausreichend, um zumindest jeden Tag der Woche in einem anderen neuen Licht zu erscheinen.«
Umsichtig befreite sie die penibel gebügelte Kittelschürze von dem störrischen Holzbügel und hing sie vorsichtig und ohne zu knittern an den Kittelschürzenhaken des Badezimmers. Jetzt dürfte alles fertig vorbereitet sein. Bevor sie nun endgültig unter die Dusche stieg, hielt sie noch einmal nachdenklich inne. »Ingeborg? Habe ich nun wirklich nichts mehr vergessen?«
Sie kratzte sich am Ellenbogen, während sie sich im Badezimmer umsah. »Nein, es sieht mir nicht danach aus. Jedenfalls nach meinem derzeitigen Kenntnisstand nicht.« Leise summte sie „Dornröschen“ und stieg erfreut in die Dusche. Offensichtlich genoss Frau Ginster ihre Duschtage und niemand, der sie auch nur ein bisschen näher kannte, würde es wagen, sie an einem solch außerordentlich wichtigen Tag zu stören. Wirklich niemand?
Ganze 14 Sekunden war sie bereits vom warmen Wasser umspült worden, als plötzlich das Telefon klingelte. »Das darf doch nicht wahr sein, Ingeborg!« Nach einigem Suchen fand und schob sie den Knopf ihres Duschkopfes in die Halteposition, der umgehend die Wasserversorgung mit einem spürbaren Rückschlag unterbrach. Beinahe wäre er ihr dadurch aus der Hand gerutscht und nur durch rasches Nachgreifen mit ihrer anderen Hand hatte sie dies geschickt zu verhindern gewusst.
Den Duschkopf hängte sie ärgerlich murmelnd in seine Halterung. »Ingeborg, wer wagt es, dich an einem deiner Duschtage zu stören? Gut, dass ich noch nicht eingeseift war, denn dann könnte derjenige etwas erleben. Andererseits, was erleben wird derjenige auch so. Doch beruhige dich, Ingeborg. Du weißt nicht, ob es nicht vielleicht doch etwas Wichtiges ist. Womöglich die nette Frau vom letzten Mal, die dich auf das unschlagbare Angebot dieses 1kg Meersalzgesichtscremetopfes hingewiesen hat.«
Während es bereits zum zweiten Mal klingelte, entstieg sie behände der Duschkabine und schlüpfte, tropfnass, wie sie war, in die bereitgestellten Badelatschen. Im Vorbeigehen versicherte sie sich mit einem kurzen Blick in den Spiegel, dass die Duschhaube noch immer korrekt an ihrem Platz saß. »Nun gut, derjenige hat es wohl tatsächlich nicht anders gewollt. Halt dich fest mein Freund. Oh, halt dich fest!«
Längst hatte sie ihren »Drinnenbademantel« ergriffen, und während sie sich den überwarf und den Gürtel um ihre Hüften festzurrte, klingelte das Telefon bereits zum dritten Mal. Kurz darauf war sie im Wohnzimmer und am Telefontischchen angelangt. Ihre ausgestreckte Hand schwebte über dem Telefonhörer, und sie lauerte auf ein weiteres Klingelzeichen. Doch nichts geschah.
So stand sie einige Zeit, bis sie sich dazu entschloss, ihren Duschtag an der Stelle fortzusetzen, an der sie ihn beendet hatte. Mit angespannt entnervtem Gesicht befand sie sich bereits auf der Höhe der Badezimmerschwelle, als das Telefon abermals klingelte. Es läutete schrill und dieses Geräusch machte sie nun doch außerordentlich wütend. »Das kann doch … «, rasch wandte sie sich um, eilte in das Wohnzimmer, entriss den Hörer förmlich seiner Halterung und hielt ihn sich an ihr Ohr. »Wer stört mich und noch dazu an meinem Duschtag?«, entfuhr ihr es ungehalten. Doch es blieb still am anderen Ende der Leitung und nur ein atmendes Rauschen ließ sie fragend aufblicken. »Ich erwarte umgehend eine Antwort auf diese einfache Frage! Hallo? Ginster am Apparat. Habe ich extra meinen Duschtag unterbrochen, um mir Ihre rasselnde Atmung anzuhören?« Gerade wollte sie den Hörer wieder auflegen, als sie ein Schnalzen hörte, beinahe, als ob sich ein Mund zum Sprechen öffnen würde.
 »… Ingeborg …«, sprach eine seltsam verändert klingende Stimme.
Sie streckte ihren Arm aus, sah auf und hinter den Telefonhörer und hielt ihn sich wieder an ihr Ohr. »Ingeborg? Ingeborg, wer? Ist dort die Ingeborg … die graumelierte Kröte von der letzten Kaffeefahrt? Sie sollten weniger rauchen, das sagte ich Ihnen bereits.« Es blieb still und abermals hörte sie dieses Schnalzen, welches das Rauschen der Leitung unterbrach.
 »… I n g e b o r g! …«
Diesmal hatte sich die Stimme besonders viel Zeit gelassen und den Namen hauchend und zum Ende hin beinahe wimmernd ausgesprochen. Ein fürchterlich schauerliches Kichern folgte. (...)


Rezension folgt...


Der Autor
Geboren 1972 wuchs Steffen Wittenbecher in der ehemaligen DDR auf und lebt heute zwischen den manchmal immer noch ungleichen Welten des Ostens und des Westens Deutschlands in Nordrhein-Westfalen. Hauptberuflich IT-ler hatte er bereits seit vielen Jahren das Bedürfnis, Gedanken niederzuschreiben und seiner regen Fantasie auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Die Ideen zu seinen Geschichten kommen plötzlich, während alltäglicher Situationen in sein Bewusstsein und reifen. Längst hat er sich damit abgefunden, dass es Dinge gibt, die man nicht beschreiben kann, sondern ausschließlich selbst erfahren muss, um sie wirklich verstehen zu können. Doch davon wollte er sich nicht entmutigen lassen und zumindest versuchen, sie zu beschreiben. Als Kind liebte er die Märchen der Gebrüder Grimm und Welten, deren Zeitrechnungen weit in der Zukunft lagen. Er las viel und ausgiebig und die Grenze bildete nicht nur das Inventar der kleinen Bibliothek seines Wohnblocks. Eines nachts, und bereits jenseits der 40, im September 2012 entschloss er sich, einfach die Gedanken niederzuschreiben, die in seinem Kopf herumschwirrten. Das zu tun, wofür sein Herz brennt, etwas aus seiner Kindheit zurückzugeben und die Grenze von damals für zukünftige Generationen zu erweitern.
Sie erreichen den Autor auch über seine Homepage: www.fackelputzer.de


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