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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

13. November 2013

Thea Derado, Nicht ohne Beruf



Lenis Schicksal, geb. 1913 in Freiberg/Sa, steht für eine ganze Frauengeneration. Der aus dem Krieg heimgekehrte Vater verspielt und versäuft das wenige Geld, statt seine Familie zu versorgen. Von dem sozialen Abstieg, Inflation und Hunger gebrochen, stirbt die Mutter früh. Keiner trägt Verantwortung für das 12jährige Mädchen. Auf sich allein gestellt, strebt sie nach einem Beruf, um niemals abhängig zu sein; um stets genug zu essen zu haben. Auch die große Liebe ihres Lebens mündet nicht im trauten Familienglück. Den 2.Weltkrieg übersteht sie in Leipzig. Allein erzieht sie ihre Tochter, die der Mittelpunkt ihres Lebens wird. In deren Familie findet sie als Großmutter endlich Nestwärme und Geborgenheit und, als sie 92jährig an ALS leidet, liebevolle Pflege und Zuwendung bis zum letzten Tag.


Leseprobe

Der Himmel kann noch warten!

„Was? Wieso denn ins Krankenhaus?“
„Ach, Tanja, sie hat sich heute Mittag ins Schwabinger Krankenhaus eingewiesen.“
„Wie: Sie hat sich? Ohne Überweisung?“
„Genau so. Ihre Pumpe spinnt mal wieder. Aber ihr Hausarzt meint, mit dem Herzen würde sie noch uralt werden.“
„Und da ist sie alleine ..?“
„Wegen der Atemnot kriegte sie Panik und rief einen Sani-Wagen. Sie wollte nur noch ins Krankenhaus. Du weißt ja, für sie sind Ärzte ‚Götter in Weiß‘. Ich war hier, als sie abgeholt wurde. Der vom Hilfsdienst hat uns noch den letzten Nerv geklaut.
Als sie weggetragen wurde, hatte ich das Gefühl, nun liegt sie auf einem Fließband und unterliegt einer Automatik, auf die ich keinen Einfluss mehr habe.“
„War es so schlimm mit unserer Omi?“
„Ja, schon. Als ich vor drei Wochen von Euch zurück nach München kam und ihr erzählen wollte, dass ihr Enkel Thomas gerade auf einen Kurzbesuch bei dir in Leipzig war, da war sie völlig Matsch. Von einer Ohnmacht hatte sie noch überall blaue Flecke durch den Sturz. Zum Glück ist nichts gebrochen. Sie war auch wieder alleine aufgestanden. Bei einer 86-Jährigen ist das nicht selbstverständlich. Manche bleiben tagelang liegen und dehydrieren.“
„Das hattest du mir ja am Telefon erzählt.“
„Ihr Arzt vermutete Lungenentzündung, verordnete Gammaglobuline, als Stärkungsmittel ‚Astronauten-Trunk‘ und ans Bett eine Sauerstoffbombe. Die Apothekerin hat alles in die Wohnung bringen lassen. Der Arzt meinte noch, in der Lunge wäre Wasser; also musste sie auch dagegen Tabletten schlucken.“
„Die Ärmste!“
„Nichts half! Sie wurde immer schlapper, ihr bekam kein Essen, sie klagte über Enge in der Brust und dass sie wohl die Jahrhundertwende nicht erleben würde.“
„Das sind ja nur noch paar Monate. Ich habe noch tausend Fragen über ihre Kindheit, ihre Eltern. Los, wir fahren zur Klinik und holen sie raus! Mädels! Auf geht‘s“
In dem Moment klingelte das Telefon. Unsere Omi, meine Mutti Leni: „Mein Schatz, ich will wieder nach Hause. Hier ist alles schief gelaufen. Statt auf der Kardiologie bin ich in der Magen- Darm-Abteilung gelandet. Ständig werde ich gefragt, ob ich was Unrechtes gegessen habe. Ich habe hundertmal gesagt, dass es das Herz ist. Hier bekommt man zu allem Anderen noch Depressionen. Hol mich bitte hier raus.“
„Mutti, wir kommen sofort. Ich packe einen Laborkittel ein, falls mich jemand aufhalten will, Damit komme ich in jede Abteilung. Auch den Schokoladenpudding bring ich wieder, den ich heute Mittag aus deinem Kühlschrank mit zu mir genommen habe. Bis gleich! Welche Station?“
Vorm Krankenhaus bietet der Kofferraum ein leckeres Stillleben: Der Schokoladenpudding hat sich über den bis dahin weißen Kittel ergossen. Es geht auch in Zivil zum Krankenzimmer, einem Vierbettzimmer.
Wie ein Häufchen Elend sitzt Leni startbereit im Mantel auf der Bettkante.
Auf die Frage nach einem Rollstuhl kommt die wenig einfühlsame Antwort, zuhause würde die Patientin ja schließlich auch laufen.
Der Weg zum Bad oder zur Küche ist wohl nicht zu vergleichen mit dem langen Korridor zum Lift und zum Ausgang.
Doch zurückbringen müsse ich den Stuhl.
Der Jungarzt weiß sehr wohl, dass ohne Schlüssel kein Weg in den Lift führt. Zum Glück gibt es auch nette Mitarbeiter im Schwabinger Krankenhaus.
„Omi, lieber täglich 20 Stunden im Bett als 24 Stunden auf dem Friedhof“, ist Tanjas Aufmunterung, als ihre Omi das rettende Sofa erreicht hat und vier Generationen beieinander sitzen.
„Das gibt Kuddelmuddel für meine Kinder, wenn sowohl meine Mami als auch deren Mutti beide Omis sind. Wir müssen die Anreden neu verteilen.“
So mutierte Leni, die Urgroßmutter, zu „Romi“, abgeleitet von Uromi. Deren Tochter Uta wurde für ihre Enkel zu „Momi“, einer Kreuzung von Mami und Omi. Tanja ist „Mami“ von Jana   und Sandra. 

Kurze Zeit später fahre ich mit meinem Mann für zwei Wochen ins Ausland. Wir vereinbaren, dass täglich ein Zivi für eine Stunde von der nahe gelegenen Diakonie zu Romi kommt. Er kann mit ihr an die frische Luft und zum Einkaufen gehen.  
Bei unseren täglichen Telefonaten klingt Leni recht zuversichtlich. Hin und wieder bringt eine Nitroglycerin-Kapsel die Pumpe auf Trab. Die Sauerstoff-Bombe kommt jede Nacht zum Einsatz.

Das kann doch kein Dauerzustand sein!
Beim nächsten Arztbesuch haucht Leni was von „Herzschrittmacher?“
Der Arzt findet: Verstopfung in den Adern, gegen die das Herz anpumpen müsse und schlägt komplizierte Eingriffe vor. Mutti wehrt nur müde ab.
„Ich möchte mit meiner Mutter nicht zu einem Kardiologen in die Praxis, sondern
ins Herzzentrum. Dort kann man Abhilfe schaffen, falls es die Diagnose ergibt.“
Widerwillig unterzeichnet er die Überweisung.
Daheim hänge ich mich ans Telefon, lasse meinen Doktortitel laut und überdeutlich heraushängen und bekomme einen Termin. In drei langen Wochen!
„Mutti, halte durch, das neue Jahrtausend noch zu begrüßen! Die Einführung des Euros! Thomas hat eine feste Freundin. Du willst doch erleben, was aus ihm wird.“
Damit Leni es von ihrem Sofa aus leicht lesen kann, hängt da der Slogan: Der Himmel kann noch warten!

Allmählich wird sie wieder aktiv, fährt gar zum second-hand-Handel, um Klamotten hinzubringen und schickt riesige Pakete an Hilfsorganisationen wie Bethel.
„Lass mich doch. Das ist mein Hobby!“, wendet sie ein, will ich sie bremsen. „Andere tun nichts und werden depressiv.“
Des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmelreich, doch manchmal bringt er ihn dem auch näher.

An einem warmen Tag japst Leni in der stickigen U-Bahn nach Luft. Von der Station bis zu ihrem Haus muss sie sich dreimal hinsetzen. Junge Männer helfen ihr, nehmen ihr die Tasche ab.
Vor der Haustüre setzt sie sich nochmals hin und - kippt um. Der Rasen vorm Haus nimmt die Ohnmächtige weich auf.
Die eifrigen jungen Männer zitieren sogleich einen Krankenwagen herbei. Aber diesmal weigert sie sich standhaft. Sie will nur in ihre Wohnung. „Meine Tochter kommt ja gleich.“
Alarmiert von der Hausmeisterin, bin ich nach sechs Minuten mit dem Radl hingestrampelt.
Kleine Kinder – kleine Sorgen, urgroße Mütter – große Sorgen!
Wir vertauschen die seit Kindertagen eingefahrenen Rollen, und Leni bekommt die Schelte: „Wenn du dir beim Hinfallen einen Schenkelhalsbruch zuziehst, dann kann das fatale Folgen haben!“
„Das wäre das Beste: Augen zu und weg!“
„Aber nicht so! Zwei Jahre Vorlaufzeit brauche ich, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Übrigens, solange du nicht dein Kruschelzimmer aufgeräumt hast, darfst du nicht so einfach abschwirren.
Nur noch fünf Tage bis zum Termin im Herzzentrum. Sehen wir doch erst einmal, was dabei herauskommt.“

Der Überweisungsschein, auf dem schon ‚Herzschrittmacher‘ steht, ist in der Klinik-Verwaltung hängen geblieben. Der Ambulanz-Arzt denkt an verengte Gefäße.
Aber erst einmal ein 24-Stunden-EKG. Solide festgeklebt, damit es nicht wieder nachts abfällt, wie all Alarmiert von der Hausarzt.
Am nächsten Mittag ist es nach einer Stunde ausgewertet. Der Befund leuchtet sogar mir ein: Nachts gegen drei Uhr setzt das Herz so oft und so lange aus, dass es verwundert, dass es sich seiner Aufgaben überhaupt wieder erinnert hat. Die niedrigste aufgezeichnete Herzfrequenz zeigt 24 Schläge pro Minute!
„Sollte man vielleicht einen Herzschrittmacher … ?“
„Ja, unmittelbar“, antwortet der Arzt.
Bei jüngeren Menschen geschieht der Eingriff ambulant, aber als 86-Jährige wird Leni in der Klinik behalten.
Als ich ihr nach einer Stunde die notwendigsten Dinge bringe, liegt meine Mutti auf der Intensivstation, gut verkabelt. Sie ist heiter und guten Mutes und mahnt die Schwester: „Passen Sie nur gut auf mich auf. Ich habe eine so schöne Wohnung, eine gute Rente und eine wunderbare Familie. Die möchte ich noch möglichst lange genießen.“
Ein Herzschrittmacher vom Typ Marathon wird ihr implantiert. Noch zwei Tage bleibt sie zur Beobachtung.
Auf der Heimfahrt im Auto schmettert Urgroßmutter Leni: „Auferstanden von den Toten …“ und „Der Sensenmann ist noch nicht dran!“
Dann frohlockt sie: „Nun kann ich auch noch 93 Jahre alt werden!“
Ganz hat sie es nicht geschafft. Aber die Lebensqualität der gewonnenen Jahre ist ein Grund zur Dankbarkeit. (...)


Die Autorin
19. 10. 1936 geb. in Leipzig, Schule. Kinder-/Pionierfunk beim MDR Leipzig.
ab 1954 Chemie-Studium in Leipzig, dann LMU München.
1963 Promotion am Max-Planck-Institut für Biochemie  in München
August 1964 nach USA: u. a. Krebsforschung in Madison Wisconsin   
1968 zurück nach München. 1970 – 1990 an amerik. Univ. of Maryland (in München) Chemie gelehrt
Seit Seniorenalter schriftstellerisch tätig.
1 Mann, 2 Kinder, 4 Enkel; Die Autorin lebt in München
www.theaderado.de

Übersicht über bisherige literarische Veröffentlichungen:

Buch-Veröffentlichungen: im Salzer/Kaufmann Verlag /Lahr:
            2005 Fanny Mendelssohn Hensel   ISBN 3-7806-5304-4
2007 Im Wirbel der Atome - Lise Meitner ISBN 978-3-7806-3059-9
2009 Engelsdorfer Verlag/Leipzig: Chemie und Irrsinn. Studienjahre in          Leipzig 1954 – 1958  ISBN 978-3-86901-619-1
2013 Nicht ohne Beruf; Urgroßmutter Leni erinnert sich

In Anthologien: viele Kurzgeschichten  - u. a.
In Kochende Leidenschaft und mehr  ISBN 978-3-935841-18-4: Feurige                   Früchte auf Eis beim Wendepunkt-Verlag
In Heitere Wirtshausgeschichten: ISBN 978-3-935841-84-9 (Herbst 2009)
         Ein Gedicht und die Kurzgeschichte Gedanken lesen muss man können.
In Fernweh (Bd. 1) ISBN 978-3-938728-17-8  (Herbst 2010)
         Fünf Beiträge: Vier Reise-Kurzgeschichten, ein Gedicht
In Winterzauber – Weihnachtszeit ISBN 978-3-942688-21-5 : Owi lacht
Im Trübsalkillerbuch ISBN 978-3-942688-12-3 fünf gereimte Beiträge
In Bunte Lesestunde für Senioren ISBN 978-3-942688-53-6 mehrere Beiträge
In Grimms Märchen Update  ISBN 978-3-939727-18-7 Jeder Wunsch …    Schreib-Lust Print: Auf der Flucht ISSN
In der Fremde  in Zeitnah, Zeitschrift für Literatur des FDA/Bayern (2011)
In Zwischentöne (FDA) ISBN 978-3-9392321-44-6 Magische Melodie
Bei www.nexusboard.de : zwei Kurzgeschichten:
         „Artistenliebe“ und „Seelentrümmer“


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