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Rezensionen

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11. Dezember 2013

Bunt ist das Leben und seltsam - Anthologie ProLyKu

Die Autorengruppe ProLyKu, Prosa–Lyrik–Kunst, versteht sich als lebendige Schreibgruppe.
Sie besteht seit September 2004; die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig im kreativen Prozess.
Die Autorinnen und Autoren stammen aus Deutschland, Österreich, Ungarn und der Schweiz. Darunter sind Verleger und veröffentlichte AutorInnen neben KollegInnen, die ihre ersten Schritte zum guten Schreiben erarbeiten.
Viele sind sich schon im „echten“ Leben begegnet durch Leseveranstaltungen in München und Wien.
Die Autorengemeinschaft hat bereits drei Anthologien als Spendenausgaben veröffentlicht, deren Erlöse der Welthungerhilfe, der Arche Berlin und zuletzt dem Verein Künstler helfen Kindern zugutekamen.

Dieser Band hier zeigt einen Querschnitt der Arbeiten (Prosa, Lyrik, Kunst) des letzten Jahres von 14 Forumsmitgliedern.



Leseprobe – eine Auswahl:

Lieselore Warmeling

Familienfeier

Robert kam fröhlich pfeifend durch die Eingangstür, warf seine Aktentasche auf den Dielentisch und rief durch die Tür zur Küche:
„Hi Liebling ... nur noch zwei Tage und wir haben es wieder mal geschafft.“
„Wir?“
Wer saß denn hier vor der perfekten Katastrophe in Form eines perfekten Weihnachtsgebäck-Debakels? Hölle und Teufel, warum musste nur immer mir so was passieren.
Die Küche sah aus wie Pearl Harbor nach dem Angriff der Japaner. Meine Frisur hatte sich in etwas Undefinierbares aufgelöst. Ich kam mir wieder mal vor, als habe meine Schwiegermutter anlässlich eines ihrer Überraschungsbesuche jedes Stäubchen in meinem Haushalt höchst inquisitorisch daraufhin überprüft, wie lange es meinem Staubtuch schon entgangen sei.
Sie hatte die nervige Angewohnheit, plötzlich von einer nahenden Befürchtung zur knallharten Realität zu werden, sie wurde zur Heimsuchung und das ohne Vorwarnung.
„Willst du etwa jetzt bis Weihnachten jeden Abend mit diesem Countdown-Spruch hier reinkommen?“, raunzte ich missgelaunt.
„Stimmt was nicht?“, fragte Robert erstaunt, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die mehlbestäubte Wange, riss die Kühlschranktür auf und goss sich ein Bier ein.
„Aber nicht doch, abgesehen davon, dass ich den unbezwingbaren Wunsch verspüre, beim nächsten Kaufhausbesuch den Weihnachtsmann zu verprügeln und seinem Engel höchst persönlich in den Arsch zu treten, ist alles völlig in Ordnung. Bis auf die unerhebliche Kleinigkeit vielleicht, dass jemand in diesem Haushalt als Saboteur tätig ist. Die Dose mit der Aufschrift *Zucker* enthielt leider Salz, und nun probiere mal meine Plätzchen, eine völlig neue Schöpfung weihnachtlicher Salzkräcker.“
„Wollte ich mir nicht einen Mercedes kaufen und jedes Jahr vor den Weihnachtsfeiertagen zu einer Deutschlandtour aufbrechen?“ Robert sah nachdenklich in sein Glas und wischte sich den Bierschaum vom Mund. „Wenn es stimmt, dass alle Erfindungen der Menschheit der logischen Befriedigung eines elementaren Bedürfnisses entspringen, dann dürfte Mann das Rad wohl als Fluchtinstrument erfunden haben, als die erste Familienfeier ins Haus stand.“
„Flucht genehmigt, aber nur, wenn du deine Mutter mitnimmst und sie zumindest dieses Jahr daran hinderst, mein weihnachtsfrohes Nervenkostüm mit ihren ätzenden Sprüchen über meine hausfraulichen Tugenden zu belasten!“
„Ach, nimm sie doch nicht ernst, du weißt doch, sie setzt sich gerne in Szene, typisch weiblich eben.“

Sinnend betrachtete ich Robert.
Da war sie wieder, die ewige Frage, die in einer Beziehung so unweigerlich auftaucht wie ein Wal zum Luftholen aus den Fluten des Pazifik: „Wozu ist er überhaupt da?“
Und die ebenso regelmäßig wiederkehrende Antwort darauf war, „ich hasse es, ohne ihn zu sein.“
Er ist so zuverlässig mein Robert.

Ich glaube seine progressivste Handlung war sein Heiratsantrag vor 15 Jahren. Wir hatten uns mal wieder gefetzt und es herrschte Funkstille zwischen uns. Zwei Dickköpfe von denen keiner dem anderen eingestehen wollte, dass ihm der Streit schon Minuten später unendlich leid tat. Ich hatte beschlossen ihn nicht anzurufen, nein, auf gar keinen Fall, er konnte sich trollen, der verdammte Streithammel.

Und dann war er in der Leitung und sagte: „Bettina, ich bin schwanger und ich glaube, das Kind ist von dir, wir müssen heiraten.“
Das war Robert und ich lachte noch, als er schon vor meiner Tür stand und meinte, wir müssten entweder unbedingt sofort an der Gästeliste arbeiten, oder Erkundigungen einziehen, ob Gretna Green oder Las Vegas für Schnelltrauungen passend seien.
Es wurde dann Las Vegas.
Das schien uns weit genug entfernt zu sein, die beiderseitige Mischpoke auf Abstand zu halten.
Sie haben es uns nie verziehen.

Ob irgendwann der Tag kommen wird, an dem Roberts Blick irgendwelchen Blondinen gilt, deren Beine höher sind als ihr IQ, oder er mit dem Schicksal hadern wird, das ihm nur die beginnende Zellulitis an meinem Hinterteil zugedacht hat, bleibt offen. Aber ich hoffe natürlich, dass es ihm so ergeht wie mir, die ihre Hirnzellen noch immer im Sekundentakt verliert, wenn er von oben ruft: „Wann kommst du endlich ins Bett“.

Seufzend schnappte ich mir meinen Wäschekorb und beschloss, mir den Tag nicht länger mit nutzlosen Betrachtungen über das nahende Familiendrama am ersten Weihnachtstag verderben zu lassen.
Ich konnte dieses stressbelastete Zusammentreffen nicht verhindern, es sei denn, ich hätte Roberts Eltern glaubhaft machen können, dass unser Haus unter Quarantäne stünde und von Leuten in weißen Schutzanzügen ausgeräuchert würde.
Mein Waschtrockner und ich hatten gerade eine der üblichen Auseinandersetzungen, ob Flusensiebe nun wöchentlich oder monatlich zu reinigen seien.
Er entschied die Frage für sich, in dem er sich einfach weigerte, den gewünschten Trockenheitsgrad herzustellen.
Ich lag also auf dem Boden, weil ein debiler Techniker die Klappe zu diesem Teil des Trockners in Verkennung meiner sportlichen Fitness so unzugänglich wie möglich angebracht hatte, als oben in der Diele das Telefon klingelte.
Hochfahrend aus meiner liegenden Stellung knallte ich mit der Stirn gegen die noch offene Bullaugentür der Maschine. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, als säße meine Nase am Hinterkopf.

Schwiegermonster!!!!! Wer auch sonst.

Diese beknackte alte Schildkröte neigte dazu, genau zwei Tage vor dem jährlichen Familientreffen anzurufen, um das Menü zu besprechen.
Dass sie bei dieser wiederkehrenden hochnotpeinlichen Befragung keine vagen Aussagen duldete, verstand sich von selbst.
Küchentechnische Angaben, wie beispielsweise *ein Klacks Sahne* für die geplante Eiskreation konnten durchaus zu der strengen Frage führen, wie viele Quäntchen eigentlich ein Klacks habe.
Kurz und gut, sie nervte.
Bevor ich mich endgültig zu fühlen begann wie Scheiße an einem Absatz, beschloss ich, das heutige Mittagessen aus dem nahegelegenen China-Restaurant zu holen. Die Küche sah im Moment ohnehin nicht so aus, als sei sie vor dem Abend wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Li Chung thronte hinter dem Tresen wie Buddha persönlich, seine kleinen Augen wie immer zu misstrauischen Schlitzen geschlossen.
Seine letzte Spezial-Diät hatte offensichtlich bei ihm ebenso wenig zum Erfolg geführt wie zuvor bei mir. Er sah aus, als sei ihm sogar ein Smart als Unterhose zu eng. Entsprechend war seine Laune.
Seine zierliche Frau saß an der Kasse und verströmte den Charme einer kaiserlichen Konkubine. Sie setzte sich stets in Szene, als habe sie zumindest schon einmal den Papst aus dem Treibsand gerettet. Ihr Faible für große Auftritte hätte der Duse Ehre gemacht.
Heute war mir nicht danach, mit Li Chung das Auf und Ab unser beider Abspeckmarathone durchzuhecheln und danach komplexbeladen nur mit einer Frühlingsrolle nach Hause zu schleichen.
Ich stand total ausgehungert vor dem Riesenbüfett und sagte:
„Ich sollte einen Gabelstapler bestellen, denn ich möchte das Essen mitnehmen.“

Frau Chung hatte leider so gar keinen Sinn für Wortwitz, sie sah mich an, als sei ich eine besondere Sorte Kakerlake. Ihr Puppenmündchen stand etwas töricht offen. Na gut, kein Humor, kein Trinkgeld.
Ich erinnerte Li Chung noch einmal an die pünktliche Lieferung des weihnachtlichen Festbratens, den ich diesmal zur Vermeidung schwiegermütterlicher Mängelrügen seiner meisterlichen Kochkunst überlassen hatte, und trollte mich.

Die kommenden beiden Tage hatte ich irgendwie zu überstehen. Aber ich kam mir vor, als sei ich ein Hamster, der gerade dabei ist, ein paar total überflüssige Runden in seinem Laufrad zu drehen.

„Stell dir doch vor, du seiest zu einem Casting eingeladen, Liebchen“, sagte Robert später und sah mich mitfühlend, aber auch ein bisschen spöttisch an. „Vorsprechrolle, *die perfekte Schwiegertochter* und dann spielst du das einfach durch von A-Z und wirst gar nicht merken, wann Spiel und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen.“
„Sag das deiner Mutter“, fauchte ich, „vielleicht nimmt sie deine Regieanweisungen an. Was mich betrifft, kannst du aber davon ausgehen, dass ich dieses Casting nie mit einem Vertrag in der Tasche verlassen würde.“

Und dann war es mal wieder soweit.

Wir waren acht Personen bei Tisch. Robert, unser Sohn Tim, mein Vater, Schwiegermutter, Schwiegervater Theo, meine Schwester Carola mit ihrem neuen Lover Carl und ich.
Eigentlich waren Carola und Carl als eine Art Puffer gedacht, der Schwiegermutter daran hindern würde, sich allzu sehr auf mich einzuschießen.
Das schien auch anfangs zu klappen. Sie wandte sich mit der übertriebenen Liebenswürdigkeit, die sie fremden Personen gegenüber stets zeigte, an Carl und begann ihn gezielt über seine beruflichen Aussichten, seine Sicht auf Familie, Kinder und eine Zukunft mit Carola auszufragen. Innerhalb von fünf Minuten erreichte sie damit, dass sich in Carls Gesicht ein Ausdruck wilder Panik breit machte.
Carola dagegen wurde auf ihrem Stuhl immer kleiner.
Ihre Beziehung mit Carl war zu diesem Zeitpunkt über ein paar heiße Nächte noch gar nicht hinausgegangen, eine gemeinsame Zukunft war bisher nicht einmal angedacht.
Das Ganze war eine gezielte Attacke meiner Schwiegermutter. Sie wusste genau, dass die beiden einander erst seit vier Wochen kannten und dieser Abend der Versuch war, Carl in die Familie einzuführen.
Noch ein paar Sätze aus dieser inquisitorischen Kanone, und Carl würde nach diesem Weihnachtsessen nie wieder gesehen werden, das stand fest.

Ich sah, dass sie es wusste. Ihre Augen glitzerten in boshaftem Vergnügen. Mit einem Blick auf Carola, der Wohlwollen vortäuschen sollte, meinte sie dann:
„Na Kind, dann hat sich ja doch für dich noch alles zum Guten gewendet. Welch ein Glück, deine biologische Uhr tickt ja inzwischen nicht gerade leise gell?“
An der Stelle verdrehte Schwiegervater Theo nur noch die Augen und tat das, was ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen war, er übte sich in hintergründiger Schadensbegrenzung. Er erhob sein Glas, drehte munter die Enden seines grauen Zwirbelbartes und sagte: „Verehrte Anwesende, wie wir alle wissen, ist das Limbische System eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Gelegentlich werden dem Limbischen System zwar auch intellektuelle Leistungen zugesprochen, aber wir alle haben uns gerade mal wieder davon überzeugen dürfen, dass dies nicht als Regel angesehen werden sollte.“
Falls Schwiegermutter diese Rüge begriffen hatte, ließ sie sich nichts anmerken.
Carola allerdings saß auf ihrem Stuhl, als habe man ihr angetragen, nackt auf dem Tisch zu tanzen.
Sie wagte es nicht, ihren Carl anzusehen und das war auch gut so, denn der sah aus, als drohe ihm gleich nach der Feier lebenslange Haft, oder zumindest das Aufgebot beim Standesamt.
Es war überdeutlich, dass ihm in diesem Moment nichts ferner lag, als die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft mit Carola.

Ich kochte vor Zorn und meine Schwester tat mir unendlich leid.
Schwiegermama ließ ihren unerbittlichen Blick ungerührt über die Festtafel gleiten und muss wohl auf Anhieb nichts gefunden haben, das es zu beanstanden gab. Sie griff nach der Gabel, richtete deren Spitze auf Tim, unseren Sohn, und begann mit der weihnachtlichen Gesinnungsprüfung unseres Zwölfjährigen.
Unser Kleiner hatte eine salbadernde Tirade über Sinn und Zweck des Weihnachtsfestes über sich ergehen zu lassen. Sie endete damit, dass er aufgefordert wurde, darüber nachzudenken, wie viele Obdachlose wohl für den Gegenwert seiner Weihnachtsgeschenke beköstigt werden konnten und dass sein soziales Engagement einer dringenden Schulung bei einer Organisation wie der Caritas bedürfe.
Tim hörte zu und stellte dann seine pragmatische Frage: „ Bezahlt dich die Caritas dafür, Oma?“
„Aber nicht doch.“ Schwiegermama war not amused, „dafür lässt man sich doch nicht in schnöder Münze entlohnen Kind. Die Entlohnung erfolgt eher geistig, weißt du.“
Das schien dann die Sache für Tim zu erledigen. Sein Blick bekam etwas seltsam Abwesendes, als er erwiderte: „Ich möchte Pilot werden Oma, das kostet und ich muss mir also doch einen anderen Arbeitgeber suchen.“
Ich muss daran denken, meinem Sohn das Taschengeld zu erhöhen.

„Du bist das Großartigste seit der Erfindung der Atkins-Diät“, Robert flüsterte es mir ins Ohr. So gerne mein Ego das als Kompliment aufgefasst hätte, irgendwas stimmte an dieser Sache absolut nicht. Er drückte unterm Tisch beruhigend meine Hand und raunte: „Deine Aufnahmekapazität für Mutters Attacken ist bewundernswert.“
O nein, nicht diesmal.
Entweder er würde endlich einsehen, dass seine Mutter auf jede einigermaßen angenehme Gesellschaft wie ein losgelassener Kettenhund wirkte und sie selbst einmal stoppen ... oder ich würde ... ich würde ... ja, was würde ich denn?
Etwa ebenso wie in den vergangenen fünfzehn Jahren und bei vielen anderen Anlässen auch, eine Faust in der Tasche machen und diese Frau ertragen, weil sie eben die Mama meines Vielgeliebten war?
Würde ich es wirklich ihm zuliebe hinkriegen, ihre häufigen unangemeldeten Besuche klaglos zu ertragen? Zu übersehen, wenn sie mit spitzen Fingern über die Möbelkanten fuhr oder in schöner Regelmäßigkeit meinen eilig aufgebrühten Kaffee als ungenießbare Zumutung bezeichnete?

Robert wusste ja nicht einmal, dass ich seine Mutter dabei erwischt hatte, wie sie in unserem Schlafzimmer die Nachtischschubladen kontrollierte.
Demonstrativ hatte sie dort die Handschellen aus Plüsch, die Robert bei der Tombola des Betriebsfestes gewonnen hatte, angeekelt in die Ecke gefeuert, mit der Bemerkung, ihr armer Robert sei zu bedauern, an eine Solche wie mich geraten zu sein.

Ich erhob mich und schob seine Hand weg. Jetzt musste ich Li Chungs Braten auftragen. Ein Meisterstück, an dem Roberts Mutter diesmal absolut nichts auszusetzen finden würde, dessen war ich sicher.
Knusprig braun, duftend und riesig stand er auf dem Tisch und mein Vater schickte sich an, ihn in appetitliche Scheiben zu zerlegen.

„Gib nur acht“, Schwiegermutter sagte es mit schmalen Lippen. „Du wirst schon vorher die Messer schleifen müssen. Bettinas Braten neigen dazu, eine lederartige Konsistenz aufzuweisen.“ Sie ließ ihren Furcht erregenden Blick über die wundervoll gedeckte Tafel schweifen. Dann sah sie mich mit ihrem Basiliskenblick direkt an und ich hätte wetten können, sie gedachte, mir an diesem Abend endgültig den Todesstoß zu versetzen.
Wie beiläufig meinte sie, „Bei einem so reich gedeckten Tisch fällt mir schon ein, dass weniger mehr wäre. Man kann die Völlerei auch übertreiben. Du hast doch nicht etwa schon wieder vergessen, in diesem Jahr für Misereor zu spenden, meine Liebe?“
Das war dann der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Ich fühlte wie mir die Wut wie eine unbezwingbare Woge zu Kopf stieg. Mit beiden Händen packte ich das Damasttischtuch und riss es samt Terrinen, gefüllten Soßenschüsseln, Braten und Bestecken zu Boden.
Die Gläser zerbarsten klirrend. Mit eiskalter Stimme hörte ich mich sagen: „Wer hier glaubt, wegen eines opulenten Weihnachtsessens breche gleich die Kulturrevolution aus, der kann seinen Obolus für Misereor in der Diele auf die Garderobe legen und sich vom Acker machen.
„Weiber“, sagte mein Vater und wischte sich die Spritzer der Rotweinsoße vom Kinn. „Konntest du denn mit dem Abräumen nicht wenigstens warten, bis ich den Braten tranchiert habe?“
Ich stürmte hinaus.

Als ich die Treppe zum Obergeschoss erreichte, hörte ich Robert sagen: „Mutter, würdest du bitte mein Haus verlassen. Es tut mir leid, dass du mich zwingst, Stellung zu beziehen, aber du hättest wissen müssen, vor die Wahl gestellt, gilt meine Liebe und Loyalität immer meiner Frau.“

Falls mich nach dieser Weihnachtsfeier irgendein Psychotherapeut auf seiner Terminliste notieren muss, dann gewiss nicht, um mich künftige Schwiegermutterbesuche überstehen zu lassen.
Wir würden vielmehr herauszufinden haben, wieso ich diesen Befreiungsschlag nicht bereits vor zehn Jahren unternommen habe.


Heinz-Kurt Rintelen

Carlo Goldoni lächelt

Tizianrot zerfließt in Arkaden
von San Marco – Brücken verbinden
Carpaccio hauchdünn mit geschliffenem
Marmor und Brokat der Roben

Serenissima auf Leinwand gemalt
die Lagune geflutet in schwebend Blau
Licht über dem Canale Grande
plätschert in Bildern

geschäftige Dominikaner gießen
in Bleikammern – flüchtiges Glück
eilt mit Giacomo durch die Palazzi
und Faltenwürfe liebestoller Damen

Masken fallen bei Capuccino
stehgeigende Töne verfliegen sich
zu Tauben im Geläut der Glocken
während auf der Bühne von La Fenice

der Diener zweier Herren extemporiert
silberverschleierter Atem der
Vergangenheit bis in die Zehenspitzen


Werner Weimar-Mazur

Das Leben ist seltsam

Wir sind zusammen gesessen und haben die revolution geplant, Lisa hat zwischendurch zigaretten geholt, am automat um die ecke. Abends liebten wir uns, lang. Ich musste an rosenknospen denken, deine brüste wippten zu einem alten schlager. Später einmal, habe ich damals gedacht, werde ich mich nur an das rattern des zuges erinnern, der draußen vorbei fuhr, vierzig güterwaggons und zwei loks.
Das leben ist seltsam.
Das gras wuchs schnell in jenem frühjahr.
Und die angst.
Wir haben uns in die augen geschaut, lang, und kaugummi gekaut. Die blasen knallten bis an die decke. Die schachtel war leer. Lisa ging den aschenbecher leeren und ist nie mehr zurückgekehrt.
Rosenknospen und ein alter schlager.


Die Autoren

Dagmar Baude, Thom Delißen, Christa Issinger, Bernd Lierheimer, Michael Lüttke, Ilona Pagel, Elsa Rieger, Heinz Kurt Rintelen, Birute Rosemann, Monika Schudel, Lieslore Warmeling, Kerstin Weber, Werner Weimar-Mazur


Bunt ist das Leben und seltsam

eBook und Taschenbuch bei Amazon

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