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12. Dezember 2013

Hans-Dieter Heun, Die Läusekönigin

Der ehemalige Zirkusartist Ludwig, zum Penner verkommen, erfriert in einer kalten Dezembernacht mit seinem Hund auf der Parkbank Nummer 7. Die Beiden, fest aneinander gefroren, steigen auf bis zur Himmelspforte. Hunde sind im Paradies jedoch nicht erlaubt, aber Ludwig will auf seinen treuen Kumpel keinesfalls verzichten. Der Himmel selbst findet die Lösung. Vom Aufnahmeengel Rasmus wird dem Paar aufgetragen, zurück auf der Bank für das Liebespaar Juliane, selbstbewusste Physiotherapeutin, und Elmar, schüchtern unbeholfener Kartograph, ein im wahrsten Sinne des Wortes befriedigendes Ende herbeizuführen. Französisch ist gemeint, so scheint es.

Doch, einem bösen Märchen entstiegen, lauert die Läusekönigin, ist immer und fast überall …


Rezension

Was für eine Fülle
an Fantasie entsprang dem Autorengehirn in diesem Märchen für Erwachsene! Üppig erzählt er von Himmelsboten (Stadtstreicher und Hund), die erfroren sind, und nun eine Aufgabe zu erfüllen haben, die schwer erfüllbar ist. Vor allem, weil ja auch die böse Läusekönigin mitmischt. Herrlich verrückt, komisch, zugleich romantisch zart, mit Anleihen an klassische Märchen, treibt es einen vergnüglich durch diesen wilden Roman.

Ich möchte nicht allzuviel
über diese im Grunde zärtliche, schmerzliche Liebesgeschichte erzählen, denn man muss einfach lesen, was da abgeht. Diese vielen Details, der besondere Erzählstil, das Schwadronieren, Fabulieren, der Aufbau schräger Charaktere, liebevoll beschriebene Abgefeimtheiten, ich würde ja fast sagen, ein Hippie-Roman, so locker gehen dem Autor die Sätze von der Feder.

Wärmste Empfehlung eines Nischenproduktes für Feinschmecker in Zeiten der Bücher von Werwölfen, Anderswelten, Zombies und dergleichen. Literarisch wertvoll!

Elsa Rieger


Leseprobe

Mama Martha

Mama Martha war neunundvierzig Jahre alt und ihre Muschi fast schon vertrocknet. Dass sie, die Muschi, vertrocknete, war wenigstens die Meinung von Dieter, dem Alleinunterhalter. Daher servierte er Martha Haschplätzchen zum billigen Prosecco, nachdem es ihm endlich gelungen war, sie in sein schmuddeliges Junggesellenappartement abzuschleppen.
Er behielt Recht, der Dieter: Prosecco und Haschplätzchen brachen alle Dämme, willkommene Feuchtigkeit überschwemmte die trockene Wüste und brachte Martha zum Blühen.
Marthas Eltern — brave Seefischverkäufer und daher mit weltlichen Gütern nicht allzu gesegnet, denn Seefisch aßen die Bürger ihrer Kleinstadt nur am Freitag — luden den Herrn Direktor der örtlichen Kreissparkasse ein, ihre einzige Tochter gründlich zu besichtigen. Diese war gerade süße achtzehn, ziemlich rundlich und selbstverständlich noch unberührte Jungfrau. Körperlich wie auch in Gedanken. Stets von Fischgeruch umgeben — die Jungfrau ging noch ins Gymnasium und pflegte ihre Hausaufgaben im Büro zu machen, das an den Laden grenzte — und selbst mit den geschwollenen, halb offen stehenden Lippen eines Zackenbarschs ausgestattet, interessierte sich kein einziger Junge aus der engeren und auch viel weiteren Umgebung für sie.
Martha machte das nichts aus, ihre Erfüllung fand sie im Glauben. Das jedoch nur nach den Hausaufgaben und nachmittags einsam in der Kirche sitzend, denn im katholischen Jungmädchenbund hatte man ihr dringend geraten, wegen eben dieses besonderen Geruchs nicht länger an den allgemeinen Treffen teilzunehmen. So war sie einigermaßen neugierig und aufgeregt, warum ausgerechnet der Herr Direktor der Sparkasse sie besichtigen wollte.
Der Herr Direktor war fünfundzwanzig Jahre älter als Martha, im Kirchenvorstand und nicht bekennender Schwuler. Sich zu seinen homoerotischen Neigungen zu bekennen, das schickte sich nicht für den Leiter der örtlichen Kreissparkasse. Für einen Kirchenvorstand ebenso nicht. Doch es kursierten bereits Gerüchte, zu oft verbrachten der Herr Direktor und der Herr Pfarrer den Mittwochabend zusammen im Pfarrhaus. Also kam endlich der Herr Pfarrer nach einem vollzogenen Akt gegenseitig sich schenkender Liebe auf den glorreichen Gedanken, der Herr Direktor möge doch den Mantel der Ehe über seine Veranlagung decken. Und er wüsste auch schon die geeignete Jungfrau für ihn: Martha, deren keusche Seele der Herr Seelsorger aus zahlreichen langweiligen Beichten genauestens kannte.
Nach der Besichtigung bei Kaffee und Pflaumenkuchen mit Butterstreuseln, den niemand so gut zu backen wusste wie die Mama von Mama Martha — als letztere noch keine Mama war, sondern noch unbefleckte Martha —, schlug der Herr Direktor der Jungfrau einen gemeinsamen Spaziergang im öffentlichen Stadtpark vor. Sie willigte mit klopfendem Herzen ein. Beim Lustwandeln mit Martha am Ufer des kleinen Sees sonnte sich der Herr Direktor in den neugierigen Blicken der übrigen Spaziergänger, die meisten von ihnen seine Kunden. Ein gutes Gefühl: Er kannte all ihre Konten, das Haben und besonders das Soll. Die Kontoinhaber jedoch sahen, dass er, der Herr Kreissparkassendirektor, entgegen durchsickernder Meinung doch auf der rechten Seite der Geschlechtlichkeit stand.
Aus einer plötzlichen Hochstimmung heraus, die er ansonsten nur bei warmen Stunden am Mittwochabend mit dem Herrn Pfarrer erlebte, zog der Herr Direktor Martha auf eine schattige Bank neben dem städtischen Entenweiher und küsste sie mit geschlossenen Lippen auf ihren halb geöffneten Zackenbarschmund — ihr Fischgeruch dazu, ein geradezu grässliches Erlebnis. Aber leider dringend erforderlich.
„So, meine gute Martha, jetzt sind wir verlobt. Und in wenigen Wochen wird bereits unsere Hochzeit sein.“ Der Direktor hatte gesprochen. Aber seine wichtigen Worte klangen nicht nach einer Werbung, sie waren ein Befehl. Zu tief stand der Fischladen bei der Kreissparkasse in der Kreide.
Weitere Zärtlichkeiten vermied Marthas zukünftiger Mann während ihrer Verlobungszeit mit dem Hinweis, sie wären beide Mitglieder der Kirche, folglich Beispiele leuchtender Gläubigkeit, und denen sei voreheliche Fummelei nicht erlaubt. Nur mit Grausen dachte der Herr Direktor an die unumgängliche Hochzeitsnacht.
Hochwürden Blasius, der Herr Pfarrer, hätte nie von sich gedacht, dass er einmal eifersüchtig werden könnte. Aber der Herr Bankdirektor war halt nicht nur vom Geld her sehr potent. Und so gestaltete der eifersüchtige Blasius die Hochzeitsrede äußerst merkwürdig, des Merkens wahrhaft würdig.
„Liebes Brautpaar, ihr seid zwei junge christliche Menschen, dazu noch unbescholtene Mitglieder der Gemeinde und ihr kniet hier vor mir wie es gutes Recht, nebenbei gesagt noch billig ist und wie es sich rein christlich gesehen zumindest so gehört. Aber auch ihr anderen, in aufrichtiger Freude versammelte Hochzeitsgäste vernehmet nun die Worte des Propheten Samuel, Kapitel 25, Vers 41, die da lauten: Deine Magd will dir als Sklavin dienen und den Knechten ihres Herrn die Füße waschen.
Doch zuerst zu dir, mein mir sehr lieber Herr Direktor! Jene schlichten Worte des Propheten widmet dir das Fischweib Martha, deine zukünftige Frau, aus reiner, sich verschenkender Liebe. Und mit jenen bewegenden Worten aus dem Alten Testament verkündet sie gleichzeitig euch, liebe Hochzeitsgäste als glaubwürdige Zeugen dieses heiligen Bundes, dass sie willens ist, ihren Beruf einer anständigen, reinlichen und bei körperlichem Verlangen stets zur Verfügung stehenden Ehefrau in die von Gott geschaffene Ordnung für ihren Mann, für seine Mitarbeiter und für seinen Besitzstand zu stellen – also auch für die Kreissparkasse, ohne deren immerwährenden Rückhalt selbst die Kirche nicht existieren könnte. In diesem Zusammenhang nochmals vielen Dank für deine letzte großzügige Spende, Herr Direktor.“
Hochwürden Blasius blickte gerührt zu seinem Betbruder und dachte daran, wie dieser erst letzten Mittwoch voller Inbrunst seinen Samen gespendet hatte. Dann fuhr er mit heiligem Pathos fort: „Wie nun, liebe Gemeinde im Herrn, sollen wir dieses Versprechen eines noch unschuldigen Fischweibes werten, welches mutig vor den Altar der einzigen Wahrheit getreten ist, um den heiligen Bund der Ehe zu begehen? Gesegnet mit dem Wort Gottes möchte ich versuchen, euch solches zu erklären.
In der heutigen Zeit, da die Werte einer Gesellschaft, in die Gott, der Herr, uns alle gestellt hat, sich weit von dem anfänglichen natürlichen Rollenverständnis zwischen Mann und Weib zu entfernen scheinen, stellt sich ein so junges, rundliches Mädchen mit dem ihr eigenen besonderen Geruch vor den Altar des Höchsten und verkündet mit einem Satz des Propheten: Ja, ich will dienen! Ich will meinem Mann, dem Herrn Direktor dienen und allem, was zu ihm gehört. Ich will ihm ohne Ausnahme untertan sein. Und ein weiteres Mal: Ja, ich will ihm Magd und immer treue Dienerin sein!
Damit, allein mit diesem edlen Vorsatz, mit diesem leuchtenden Beispiel, setzt unsere Martha, die heutige Braut, in der ehelichen Krone strahlende Diamanten gut geordneten Zusammenlebens wieder an den rechten Platz. Doch kommt diese lobenswerte Einsicht aus dem Fischweib allein? Nein, niemals, ich behaupte sogar: Unser aller Schöpfer hat dich, Martha, mit einem Geruch am Leib, der selbst allen Weihrauch in unserer Kirche überlagert, hat dich also durch seine grenzenlose Güte erkennen lassen, was Er verstanden haben wollte, als Er den Mann und erst danach das Weib erschaffen hat. Und ich, Sein würdiger Diener, möchte hinzufügen: Gott tat gut daran, und du hast dieses verstanden!“
An dieser Stelle übermannte Hochwürden fast die Eifersucht: Ach könnte er, ein wirklich guter Blasius, doch selbst an Stelle von Martha stehen, ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß. Mühsam nur riss er sich zusammen. „Aber auch du, sehr geschätzter Herr Direktor, hast ein in edlen Farben glühendes Verständnis der Ehe bewiesen, da du mit den Worten des Königs David geantwortet hast: Gepriesen sei der Herr, welcher dich mir heute gesandt, und gepriesen sei dein feines Empfinden.
Damit hast du, ein gestandenes Mannsbild, wie ich jederzeit zu bezeugen vermag, gezeigt, dass du dir der Verantwortung für dein künftiges Eigentum bewusst bist. Dass du dir weiterhin bewusst bist, dieses Fischweib nach besten Kräften behüten zu müssen und dass du nach Möglichkeit für sie sorgst, in guten und manchmal auch in schlechten Tagen.
Gott will dir Martha zu eigen geben, und es entspricht ebenso Gottes Willen, dass der Mann sein Eigentum mehre. Gehe also hin im besten inneren Frieden, sei fruchtbar, vermehre die Deine und vertraue darauf, dass der Herr allein trennen wird, was Er heute verbindet.“
Gerührtes Schluchzen in der Kirche, die ersten Tränen.
„Und so frage ich dich, Herr Direktor, willst du die hier anwesende Martha, Tochter des Fischhändlers am Ort, aber irgendwie auch Tochter Gottes, als Deckmantel nehmen? Und wir treffen uns weiterhin jeden Mittwoch nach der Abendmesse?“
Der glückliche Bräutigam nickte ob dieser schönen Aussicht: „Schon ... Ja, ich möchte schon. Aber was ist mit ihr?“
„Sie wird hier nicht gefragt!“

„Ave Marii-i-ah!” Gounod Charles, die Trauung war vollzogen. „Santah Mariiah, Santaaah Mariii-ah-ah!“  Die Gesellschaft ging zu Tisch.

Die üblichen zwei Tanten, die bei keiner Hochzeit fehlen.
„Also das Fischweib als Braut ist ja ganz hübsch, wenn auch ein wenig rundlich. Und dann noch dieser Zackenbarschmund! Auf alle Fälle aber ist dieser Salat Waldorf auf meinem Teller entschieden zu dick geschnitten.“
„Und so fett, meine Liebe und so fett!“
„Und hinterher gibt es sicherlich wieder diese grässlichen zermantschten heißen Himbeeren auf Vanilleeis. Als ob man sich da nicht mal etwas Neues einfallen lassen könnte.“
„Ja, aber was denn, meine Liebe, aber was denn?“
„Ich weiß doch auch nicht. Vielleicht heiße Brombeeren oder so.“
„Heiße Brombeeren wären schön. Heiße Brombeeren auf Vanilleeis wären bestimmt mal ganz was anderes.“

Dieselben üblichen Tanten.
„Jetzt tanzen sie den Brautwalzer.“
„Wenn sein Johannes genauso groß ist wie des Herrn Direktors Füße, wird das Fischweib wohl ziemlich glückliche Nächte haben.“
„Glaubst du das, meine Liebe, glaubst du im Ernst, dass dies wirklich davon abhängt?“
„Mein verschiedener August, Gott habe ihn selig, hat das jedenfalls behauptet. Aber er war ja auch eine echte Sau.“
„Aber, aber, du Schlimme, du kannst doch vom lieben August, der leider viel zu früh von uns gegangen ist, nicht behaupten, dass er eine Sau gewesen ist.“
„So, kann ich nicht? August wollte, dass ich ihn schon in der Hochzeitsnacht in den Mund nehme. Schon in der Hochzeitsnacht, stell dir das einmal vor!“
„Wen solltest du in den Mund nehmen, deinen verflossenen Mann?“
„Quatsch, seinen Schwanz selbstverständlich.“
„Ja, im Ernst? Also so eine Sau, meine Liebe! So eine echte Sau aber auch!“
„Sagte ich doch. Nun, anscheinend zieht sich das Brautpaar zurück.“
„Das arme Fischweib! Schon in der Hochzeitsnacht, meine Liebe, das ist wirklich nicht richtig.“
„Meinst du? Und was ist dann später?“

Nichts war es mit jenen lustvollen Spielen. Auf ihrem Hotelzimmer angekommen, hielt der Herr Direktor Martha erst einmal eine Rede: „Meine gute Martha, wir sind nun verheiratet, und wie es gute Sitte ist, bekommst du jetzt meine Geschenke. Das Erste ist eine Butterbrotdose. Lach nicht, sie hat schon meinem Vater vor Stalingrad gute Dienste geleistet, und ich möchte, dass du mir an jedem Arbeitstag, den die Sparkasse mir noch schenkt, diese Dose mit zwei belegten Broten füllst. Tilsiter wäre schön, aber ich nehme auch eine gute deutsche Salami. Das zweite Geschenk ist ein Bausparvertrag, er soll dir einmal reichlich Zinsen bringen. Und vielleicht können wir uns ja nach Ablauf von dem Ertrag einen Wintergarten bauen. Mit dir dann unter einem Gummibaum zu sitzen, stelle ich mir richtig gemütlich vor.“
Der Herr Direktor stellte sich keineswegs einen Wintergarten und Gummibäume vor, er wollte Martha einzig und allein bei guter Stimmung halten für die weitere Ansprache.
„Damit, liebe Martha, zu unserer Hochzeitsnacht. Und wie du der Rede von Hochwürden Blasius entnehmen konntest, ist der Sinn einer guten Ehe, sich zu vermehren, das heißt, einen männlichen Nachkommen zu zeugen. Das macht man unter gläubigen Christen aber nicht wie die Tiere, gegenseitiger Respekt sollte bei all den folgenden notwendigen Handlungen im Vordergrund stehen. Der Akt der Zeugung selbst ist nämlich eher schmutzig und mühsam. Doch leider unumgänglich.“
Der Herr Direktor hängte sein Sakko auf einen Bügel, öffnete seine Hose, setzte sich auf das Doppelbett und holte tief Luft. Ihm war fast schon schlecht. „Wie ich von deiner Mutter erfahren habe, ist heute der Tag deiner höchsten Fruchtbarkeit. Aber hat es einmal geklappt, und ich hoffe doch, eine Zeugung gelingt auf Anhieb, müssen wir dieses sündige Geschäft als gläubige Christen keineswegs mehr wiederholen.“
Er beugte sich vor, band die Schnürsenkel auf und zog seine Schuhe aus. Die Socken behielt er an. „Du brauchst dich auch nicht deines Brautkleides völlig zu entledigen. Es reicht, wenn du den Rock genügend hoch hebst, damit keine Flecken auf die teure Spitze geraten. Vielleicht kannst du ja das Kleid später noch einmal gebrauchen. Ändern und umfärben, oder so.“
Der Herr Direktor dachte kurz nach und legte dann doch Hose und Socken ab. Schließlich musste er ja nach vollzogenem Akt bei Martha und dem Fischgeruch übernachten. Sie beide dann nach ausführlichem Waschen hoffentlich im langen Nachthemd. Und mit ihr irgendwie zu übernachten, gehörte sich einfach, wenigstens in der Hochzeitsnacht. „Gut, wo war ich? Ach so, wie das Ganze nun vor sich zu gehen hat. Also, du ziehst noch deine Unterhose aus und legst dich danach rückwärts auf dieses Bett hier. Danach öffnest du deine Beine, und ich mache das Licht aus … Du musst ja nicht unbedingt sehen, wie die Unkeuschheit in dich fährt. Aber bete dabei zum Herrn, dass Er dich sogleich segnet.“
Dem Herrn Direktor war nun richtig übel. Er führte das jedoch nicht auf die vielen Potenzmittel zurück — Tribulus Terrestris und Muira Puama —, die er in Mengen geschluckt hatte aus purer Angst zu versagen. Viel mehr machte ihm der innere Widerstand gegen Frauenfleisch zu schaffen, das bei Martha noch dazu mit üblem Seefischgeruch belastet war. Es half aber nichts, der Herr Direktor brauchte den Deckmantel einer Ehe für sein Ansehen in der Öffentlichkeit und den beruflichen Aufstieg. So schloss er die Augen, dachte intensiv an die Zärtlichkeiten eines gewissen Blasius, und es gelang. Neun Monate später erblickte Elmar das Licht dieser Erde.

Der Herr Direktor war ein guter Vater und ein treu sorgendes Familienoberhaupt. Ehegatte im Sinn von Begattung war er jedoch nicht, jeden Mittwochabend verbrachte er weiterhin im Pfarrhaus. Doch Martha schien damit zufrieden. In ihrem gemütlichen Reiheneckhaus verlor die junge Mama bald ihren Fischgeruch und durfte deswegen auch wieder dem christlichen Frauenverein beitreten, selbstverständlich mit der ausdrücklichen Genehmigung ihres Ernährers.
Ihre ganze Liebe widmete Martha daher dem einzigen Sohn, wurde zur Mama Martha. Dass ihre Muschi dabei vertrocknete, bemerkte sie noch nicht einmal. Es ging ihr nichts ab. Als dann der Herr Direktor plötzlich und viel zu früh an einer Dickdarmverletzung verstarb — der Pfarrer fühlte sich völlig schuldlos, litt jedoch unter dem Verlust wie eine echte Witwe —, hinterließ er sein Eheweib wohl versorgt.
Das wiederum witterte nach vielen enthaltsamen Jahren der Dieter, den der Frauenbund an Stelle des Küsters, welcher sonst die Orgel spielte und der bei diesem Anlass wegen eines Gehörsturzes ausfiel, zu einem geselligen Beisammensein engagierte. Der Dieter zauberte sogleich derart auf den Tasten seines Akkordeons, sang dazu mit samten weicher, jedoch durchaus männlicher Stimme vom Sonnenuntergang auf Capri und von Fischern, die aufs Meer hinaus fahren, dass sich Mama Marthas Blicke ihm unvermeidlich und schicksalshaft zuwandten. Bei der Stelle mit den Fischern, die frische Fische fischen, wogte sogar ihr Busen. Und der Dieter beschloss, sich in Zukunft ernsthaft um diesen wogenden Busen zu kümmern.


Der Autor
Geboren: 09.07.1942 in Berlin, Produkt einer heißen Bombennacht, dennoch friedfertig, ja von fast sanftem Gemüt.

Geworden: Nach Abitur und einem Hotel-BWL-Studium wurde er letztendlich einer der fünf ‚besten Köche der Welt‘. Die anderen vier ‚besten Köche‘ kennt er bis heute nicht. Kochen und die hohe Kunst der Gastronomie übte er über dreiunddreißig Jahre aus, bis ihn persönliche Faulheit überfiel. Das Gute daran: Heun begann zu schreiben.
Neben der phantasievollsten Küche war er auch stets weiteren schönen Künsten zugetan, besonders dem Weinbau, der Literatur und der modernen Malerei – jener letzteren holden Muse allerdings nur als freigiebiger Gönner und Sammler.

Gelebt: Ja, sicherlich, und zwar überall sehr intensiv, wo es ihm ein Wohlgefallen. Die meiste Zeit seines schweifenden Lebens - durch viele, viele Umzüge geprägt - jedoch in München mit seinem grünen Drumherum.
Heute spinnt er seine zumeist verdorbenen Fantasien auf einem schönen einsamen Bauernhof in Egglham, nahe Bad Birnbach, Niederbayern.

Weitere Interessen: Trotz seines fortgeschrittenen Alters bildet Heun sich noch immer ein, geradezu unwiderstehlich auf das weibliche Geschlecht zu wirken.


Hans-Dieter Heun, Die Läusekönigin

eBook und Taschenbuch

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