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20. Dezember 2013

Kerstin Michelsen, Frau Berger wird unsichtbar



Eine zufällige Begegnung führt Frau Berger und David zusammen. Unwahrscheinlich eigentlich, dass die hochbetagte Dame und der Student sich etwas zu sagen hätten, und doch brauchen sie einander auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Ganz nebenbei deckt David ein altes Familiengeheimnis auf …

Der Rückblick auf Frau Bergers langes Leben stellt sich wie ein Mosaik dar, an dem viele Menschen mitgewirkt haben. Die Teile passen nicht exakt zueinander und dennoch ergeben sie ein unverwechselbares Muster. Je nach dem Standpunkt des Betrachters ergibt sich ein anderes Bild, und so ist auch dieser Roman aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt.


Leseprobe

(…)
Frau Berger sitzt in dem blauen Lieblingssessel am Fenster. Hier kann sie ausruhen und bekommt trotzdem mit, was draußen passiert. Hannelore Berger sieht auf die Straße hinunter, zwei Stockwerke sind es nur, aber an manchen Tagen ist das viel. Neuerdings stellt das Treppenhaus ein nahezu unüberwindliches Hindernis dar. Wie wird es heute sein? Sie ahnt es bereits, es hat schon mit dem Aufstehen angefangen, nein, genau genommen vorher. Sie ist im Morgengrauen aufgewacht, was sehr früh ist in dieser Jahreszeit. Es ist immer noch Sommer, wenngleich die Tage schon wieder kürzer werden.
Das Erste, was sie wahrgenommen hat an diesem Morgen, ist die schmerzende Hüfte gewesen.
Es ist ganz egal, wie sie liegt, es tut jeden Morgen weh.
Vielleicht sollte sie sich doch eine neue Matratze gönnen? Bisher hat allein der Gedanke an den Aufwand, den die Beschaffung bedeuten würde, sie immer wieder davon Abstand nehmen lassen. Obwohl es vermutlich helfen würde.
Hannelore Berger hat sogar schon einmal gedacht, dass es sich für sie nicht mehr lohnen würde. Solche Sachen hatten doch Lieferzeiten und wer weiß denn, ob sie die Ankunft überhaupt noch erlebt? Im Übrigen verabscheut sie Verschwendung, ein Überbleibsel wohl aus der schlechten Zeit, dem Krieg und den Jahren danach. Aber vielleicht ist es auch nur ein Vorwand, um nicht handeln zu müssen? Es ist alles so mühsam geworden.
Nun ist es also die Hüfte, die ihr zu schaffen macht, und dann melden sich, sobald sie die Beine mühsam über die Bettkante hebt und auf dem Boden absetzt, schmerzhafte Signale aus den unteren Extremitäten. Sie steckt die Füße in die bereitstehenden Pantoffeln, die ausgetreten sind, aber bequem.
Schuhe sind auch so eine Sache. Man könnte meinen, sie wäre noch gewachsen auf ihre alten Tage, denn sie passt kaum noch in ein Kleidungsstück hinein, und mit den Schuhen ist es ebenso. Weil die Füße jeden Tag geschwollen sind, und bei diesem warmen Wetter ist es noch schlimmer.
Zuerst hat sie sich deswegen geschämt, aber nun geht sie auch in den Pantoffeln aus dem Haus. Es nützt ja nichts, Frau Berger kann schließlich nicht barfuß gehen. Im Winter passen zum Glück noch die schwarzen Stiefeletten mit dem Fellbesatz am Saum, die hat sie damals etwas zu groß gekauft und sich anschließend geärgert, doch inzwischen hat sich dieser Umstand als Vorteil herausgestellt.
Das ist aber nun auch schon – ach, vielleicht zehn Jahre her, oder länger? Die Mode spielt schon lange keine Rolle mehr für Frau Berger, doch Winterstiefel brauchte man ja schließlich. Mit der Ingrid ist sie in der Stadt gewesen, damals, das weiß Hannelore Berger noch, wie würde sie auch die letzte Freundin vergessen, die ihr noch geblieben war, und die nun auch schon so lange tot ist. Ja, mindestens zehn Jahre muss es her sein, das mit den Stiefeln, denn Ingrid hat Anfang 2002 ihren Schlaganfall gehabt, danach hat sie nur noch gelegen, monatelang. Und dann, am Morgen des Heiligabends hat sie Ingrid noch besucht, und am zweiten Feiertag ist sie dann gestorben.
Endlich, muss man sagen, auch wenn es für Frau Berger ein weiterer, schmerzvoller Abschied gewesen ist. Trotzdem hat sie es ihrer Freundin gegönnt, dass sie gehen durfte, das ist kein Leben mehr gewesen. Oder?
Und was hat sie selbst eigentlich noch für ein Leben?
Hannelore Berger mag keine Menschen, die dauernd jammern, aber einmal so richtig ausheulen, das täte ihr doch irgendwie gut. Oder wenigstens nett und gemütlich plaudern mit den Freundinnen, so wie früher. Man ist so allein mit seinen Gedanken.
Doch es gibt ja niemanden mehr.
An manchen Tagen ist Frau Bergers Mund ganz trocken und verklebt, weil sie ihn nur noch zum Essen und Trinken öffnet.
Rosemarie ruft einmal im Monat an, für diese Viertelstunde alle vier Wochen lebt Hannelore Berger. Wenn das nicht mehr wäre, dann könnte sie ebenso gut Schluss mit allem machen. Das Ganze einfach abkürzen. Wieso nicht? Was hat sie denn noch zu erwarten?
Aber so etwas tut man natürlich nicht, wenn man ein Kind hat, auch wenn das Kind selbst schon das Rentenalter erreicht hat und am anderen Ende der Welt lebt.
Frau Berger nimmt es ihrer Tochter nicht übel, dass sie sich für das Leben in der Fremde entschieden hat. Für Rosemarie ist es dort natürlich nicht mehr fremd, wo sie inzwischen den größeren Teil ihres Lebens zugebracht hat — aber für sie selbst ist es unvorstellbar exotisch und fern.
Aber das ist nun einmal der Lauf der Dinge, dass sie hier ist und das Kind dort, und man will auch niemandem zur Last fallen.
Vor Jahren schon hat das Röschen angeboten, sie runterzuholen, wie sie es ausgedrückt hat: Mutti, hat sie gesagt, komm doch zu uns runter, als ginge es lediglich darum, eine Etage tiefer zu ziehen. Wir kümmern uns um dich, überleg es dir doch noch einmal!
Doch Frau Berger hat nicht lange überlegen müssen, gar nicht eigentlich, sie hat nur ein wenig so getan, als erwöge sie den Gedanken ernsthaft, dem Kind zuliebe.
Aber wirklich infrage gekommen ist das nicht. Alte Bäume verpflanzt man nicht, und so weiter, und vor allem, was soll sie da unten in Afrika? Südafrika?
Hannelore Berger hat so einiges erlebt in ihrem langen Leben, aber weit gereist ist sie nie. Dafür fehlte immer die Zeit und als sie in den Ruhestand gegangen ist und über die freie Zeit verfügt hätte, da ist es mit der Rente nicht mehr so dolle gewesen.
Vielleicht fehlt ihr auch das Interesse, es hat immer andere Dinge gegeben, die wichtiger gewesen sind. Sonst wäre es vielleicht doch möglich gewesen?
Ach nein, sie hat doch bis in ihre Siebziger hinein gearbeitet und danach ist die Luft irgendwie heraus gewesen. Man ist alt und unbeweglich geworden. Sie fängt doch in dem Alter auch nicht damit an, nach Mallorca zu fliegen, wie so viele andere es tun? Eine Seniorenreise vielleicht gar? Nein, danke!
Heute ist an solche Distanzen ohnehin nicht mehr zu denken: Wenn schon der Weg zum Bäcker beschwerlich erscheint.
Und da ist Frau Berger wieder bei der Überlegung angelangt, ob sie sich nun auf den Weg machen soll oder nicht. Einerseits, andererseits. Sie wägt das Für und Wider lange ab, doch schließlich siegt der Wunsch nach ein wenig menschlicher Gesellschaft über die Furcht vor der Anstrengung, die notwendig ist, um das Haus zu verlassen. Sie wird gehen, aber oh, diese Treppen!
Heute verwünscht sie die Entscheidung für eine Wohnung im zweiten Stock, ohne Fahrstuhl, aber vor vier Jahrzehnten hat diese Überlegung noch keine Rolle gespielt. Stattdessen hat der sentimentale Gedanke den Ausschlag gegeben, dass die Meiningerstraße, in der sie aufgewachsen ist, um die Ecke liegt und dass Frau Berger das Haus, in dem sie nun lebt, seit ihrer Jugend kannte, von außen damals natürlich nur.
Sie hat sich früher jedenfalls nicht vorstellen können, dass die Treppen einmal zu einem solchen Hindernis werden könnten. Außerdem hat man nicht damit rechnen können, dass sie endgültig hierbleiben würde – quasi bis zum Schluss, anders kann man es nicht sagen.
Aber wenn man vorher wüsste, wie etwas ausgeht, dann würde man ja oft anders handeln, da man hinterher bekanntermaßen immer schlauer ist. Na ja, manchmal vielleicht auch nicht, und es ist ohnehin müßig, darüber zu grübeln.
Hannelore Berger steht mühsam auf, da sie ja nun einmal entschieden hat, dass sie ausgehen wird. Obwohl die Wege auf so geheimnisvolle Weise länger geworden sind als früher. Der Bäcker zum Beispiel, ihr heutiges Ziel, ist doch immer nur einen Katzensprung entfernt gewesen und manchmal fragt sich Frau Berger, wie das passieren konnte. Natürlich ist diese Überlegung nicht ganz ernst gemeint, denn sie weiß genau, woran es liegt. Sie ist alt geworden, aber dass dies so anstrengend sein würde, das hat sie nicht geahnt und hat es gar nicht wissen wollen. Wer will das schon, wenn man noch jung ist?
Ihre Knochen knacken bei jeder Bewegung, ein ekelhaftes Geräusch. Kaum zu glauben, dass man früher, ohne groß nachzudenken, einfach so durch die Gegend gesprungen ist. Jetzt ist beinahe jede Tätigkeit von Schmerzen begleitet.
Frau Berger wackelt hinüber in die Küche, sie sucht ihr Portemonnaie, dann geht sie in den Flur und verschnauft kurz vor dem Spiegel.
Wenn sie jetzt an den Abstieg denkt, die Straßen, die sie gehen muss, und schlimmer noch, auf dem Rückweg dann der Aufstieg zurück in den zweiten Stock, dann möchte sie am liebsten doch von ihrem Vorhaben ablassen. Aber Frau Berger hat in ihrem Leben niemals einfach so aufgegeben.
(…)


Rezension folgt...


Die Autorin


Kerstin Michelsen, Jahrgang 1963, wuchs in Hamburg und in der Lüneburger Heide auf. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem kleinen Dorf südlich von Hamburg.



Bisher veröffentlicht:

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