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22. Dezember 2013

Lena Sanders, Zersetzt



Es kann jeden treffen – nächste Woche – morgen – heute – jetzt! Die schrecklichsten Storys schreibt oft das Leben selbst. 
Diese Erfahrung macht die junge Journalistin Julia Hoven, als sie die Hintergründe einer mysteriösen Krankheit recherchiert, an der ihr Vater leidet. Und Julias Vater ist nicht der Einzige... Stück für Stück deckt Julia zusammen mit ihrem Kollegen Felix eine haarsträubende Geschichte auf. Als in ihre Wohnung eingebrochen wird und ihr jemand offensichtlich nach dem Leben trachtet, stellt sich heraus: Julia hat sich mächtige Feinde gemacht. Und die werden alles tun, um sie zum Schweigen zu bringen.

Die Grundidee des Thrillers "Zersetzt" basiert auf wahren Begebenheiten.


Leseprobe

Prolog

Heute

Es hielt sie mit aller Kraft in den Wirrungen und Verzweigungen seiner Untiefen gefangen. Gefangen auf einer Bewusstseinsebene, der sie machtlos gegenüberstand und auf die sie keinen Einfluss hatte. Ihr Körper lag leblos auf einer Trage, doch im nächsten Moment öffnete sie ihre Augen und begann zu zittern. Ein karg eingerichteter Raum, nur der grelle Schein eines Strahlers, der direkt auf sie gerichtet war. Sie ließ ihren Kopf nach rechts fallen und sah Messer, die akribisch der Größe nach geordnet auf einem Beistelltisch lagen. Die Klingen reflektierten das grelle Licht. Mit einem lauten Knarren wurde eine Tür geöffnet und quietschende Schuhsohlen kamen Schritt für Schritt näher. Der Fremde machte sich an den glänzenden Utensilien zu schaffen. Sie strampelte panisch, doch dies verursachte nur eine Straffung der Fesseln, die ihre Gliedmaßen gefangen hielten. Sie schnürten sich immer tiefer in das Fleisch ihrer Hand- und Fußgelenke und stoppten die Blutzufuhr. Der Unbekannte griff nach dem größten Messer und einem Bunsenbrenner. Ein Reflex befahl ihr, die Augen zu schließen, doch die Person fixierte ihre Lider mit einem Klebeband. Sie wollte entfliehen, diesem Wahnsinn entkommen. Sie riss abermals an den Bändern und wollte schreien, was jedoch der Knebel in ihrem Mund verhinderte. Mit geübter Hand brannte ihr Peiniger die Klinge ab und drehte sich zu ihr um. Sie roch das glühende Eisen, das sich langsam ihrem Augapfel näherte. Die Spitze der roten Glut hatte die Bindehaut fast erreicht.

Als hätte jemand den Antennenstecker des Bildschirmes gezogen, sah sie nur noch ein Flimmern vor den Augen. Mit aller Macht wollte sie diesem Albtraum entfliehen, doch dann änderte sich schlagartig das Bild. Gefangen in einem engen Raum, eine klaustrophobische Angst, die ihr die Luft abschnürte und sie zur Hyperventilation zwang. Ihre Blicke schweiften nach oben. Dunkle Schatten krochen in amphibischen Bewegungen über die mit Nägeln bestückten Wände. Diese rückten Stück für Stück näher und drohten sie zu zerquetschen. Sie öffnete den Mund, wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie brachte keinen Ton hervor. Je weiter sie sich von den Schatten entfernen wollte, desto näher kam sie den scharfen Metallspitzen. Wie Rasiermesser zerschnitten sie jedes Stück Stoff auf ihrer Haut.

Es war nur ein Albtraum!? Sie wollte die Geschehnisse zwischen Realität und Täuschung rekapitulieren, doch es gelang ihr nicht. Die Bilder veränderten sich, sie waren wie in Nebel gehüllt. Schritte kamen auf sie zu. Durch den milchigen Schleier konnte sie das Gesicht der Person, die sich jetzt über sie beugte, nicht genau erkennen. »Wer sind Sie? Wo bin ich?« Einzelne Wortfetzen drangen an ihr Ohr, aber die Gestalt sprach nicht mit ihr. Wieder versuchte sie, sich darauf zu konzentrieren, ihr volles Bewusstsein zu erlangen.

Über die Venen schoss es in ihren Blutkreislauf, gelangte über die Kapillare in das Netzwerk ihrer Organe und setzte sich in jeder Zelle ihres Körpers fest. Die Bilder wurden unscharf, und das Flackern, das sich wie ein Lauffeuer in ihren Augen ausbreitete, explodierte in einem schwarzen Nichts.

Kapitel 1

Vor zwei Tagen

Sie drückte den Klingelknopf neben dem Praxisschild »Dr. Johanna Seifert – Fachärztin für Psychologie«, und eine wiederkehrende Melodie ertönte. Julia hoffte, dass sich die Psychiaterin auch außerhalb der Sprechzeiten, die auf dem Acrylglasschild ausgewiesen waren, in ihrer Praxis aufhielt. Durch die zerrissene Bluse betrachtete sie die Wunde an ihrer Schulter. Das Blut war bereits getrocknet. Sie spürte die gebrochene Rippe, die ihr wenig Luft zum Atmen ließ, und die Prellungen, die sich über einige ihrer Körperregionen verteilten. Dennoch waren dies ihre geringsten Probleme. Ihre linke Hand, deren Hautoberfläche eine Verbrennung zweiten Grades aufwies, war zwar Tage zuvor medizinisch versorgt worden, allerdings vernebelten die starken Schmerzmittel nur ihre Sinne und betäubten kaum die höllischen Schmerzen. Der plötzliche Regenschauer, in den sie auf dem Weg zu Dr. Seifert geraten war, hatte ihren Verband aufweichen lassen. Aus den vollgesogenen Kleidern tropfte das Wasser herab und bildete eine kleine Pfütze auf der Fußmatte. Sie betätigte erneut den Klingelknopf, doch hinter der Tür war kein Klacken von Schuhsohlen zu hören, kein Räuspern, das sie sonst immer vernehmen konnte, kurz bevor Dr. Seifert die Tür öffnete.
Die Bilder tauchten immer wieder auf. Bilder, von denen sie sich nicht lösen konnte. Die sich in ihrer Seele eingebrannt und tiefe Narben hinterlassen hatten. Sie kamen jede Nacht, griffen nach ihr, bahnten sich den Weg und zogen sie in den Abgrund ihres tiefsten Unterbewusstseins. Dort, wo die Geheimnisse eines jeden Menschen gehütet und vergraben werden, bis … ja, bis die Schleuse geöffnet wird.

Nachdem Julia energisch gegen die Tür gehämmert hatte, wurde diese abrupt geöffnet. Frau Dr. Seifert stand etwas benommen vor ihr und strich sich eine Strähne ihrer brünetten Haare, die nicht wie sonst frisch vom Friseur gestylt waren, aus der Stirn. Julia nahm an, dass sich die Psychiaterin gerade selbst auf ihrer Couch etwas Ruhe gegönnt hatte. Seifert hielt sich am Türrahmen fest, als sie Julia in ihrem jämmerlichen Zustand erblickte.
»Großer Gott, Frau Hoven … « Sofort half sie ihr in die Praxis und auf die charakteristische rote Psychiatercouch, mit der Julia schon einige Male Bekanntschaft hatte machen dürfen.
»Ich brauche Ihre Hilfe, bitte«, brachte Julia gequält hervor.
»Was ist denn geschehen?« Johanna Seifert lief kopfschüttelnd durch die Praxisräume und kam dann mit einigen trockenen Kleidungsstücken und Verbandsmaterial zurück.
»Menschen, Frau Seifert«, keuchte Julia gehetzt. »Menschen, die nicht nur dein Äußeres zerstören, sondern da zupacken, wo es noch viel schmerzhafter ist. Die äußeren Narben können heilen, doch die inneren Wunden ganz tief in der Seele bluten weiter.«
Nachdem die Psychologin Julias Verletzungen notdürftig versorgt hatte, schob sie den großen Klubsessel, der unter den Schiebebewegungen verdächtig knarrte, neben das Sofa und ließ sich hineinfallen.
»Ich …«, Julia stockte.
»Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber gestern muss etwas Schreckliches passiert sein. Ich weiß, dass ich gewissen Personen durch meine Recherchen seit Wochen schon auf die Füße getreten bin, allerdings weisen meine Erinnerungen große Lücken auf.« Julia lehnte sich zurück und zog die Wolldecke, die auf dem Sofa lag, über ihre Beine.
»Das würde für eine dissoziative Amnesie sprechen, die durch ein Trauma ausgelöst wurde. Dafür ist das explizite Gedächtnis zuständig. Hier werden alle bewusst abrufbaren Ereignisse gespeichert. Es kann Wochen dauern, bis Ihr Gehirn diesen komplizierten Verarbeitungsprozess abgeschlossen hat und Sie sich wieder an alle Fakten erinnern können«, diagnostizierte Frau Dr. Seifert. Julia bekam einen Hustenanfall und spürte dabei den Schmerz, den die gebrochene Rippe verursachte.
»Genau das ist mein Problem. Die Zeit habe ich nicht. Auch wenn ich sonst nichts weiß, aber dass mir die Zeit davonrennt – warum auch immer – kann ich mit Bestimmtheit sagen.« Obwohl es in den kleinen Praxisräumen nicht kalt war, zitterte Julia am ganzen Körper und zog die Decke bis unter ihr Kinn. Frau Dr. Seifert schob die Brille, die auf ihre Nasenspitze gerutscht war, nach oben und sah Julia an.
 »Neben den psychoanalytischen Ansätzen könnte auch eine hypnotische Therapie in Betracht kommen. Warten Sie mal ...« Seifert stand auf, ging zu dem großen Aktenschrank in der Ecke, zog die Lade auf, nahm Julias Akte heraus und blätterte darin herum.
»Durch die Hypnose können wir zwar die vergessenen Ereignisse ins Bewusstsein zurückholen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das bei Ihrer Vorgeschichte der richtige Weg ist. Wir müssten weiter in Ihrer Vergangenheit zurück, circa eineinhalb Jahre.«
»Nein«, hörte sich Julia selbst lauter als beabsichtigt sagen. »Nicht dahin zurück. Zwei Monate, das reicht vollkommen, damit ich die Zusammenhänge eruieren kann. Bitte, die Zeit läuft mir davon.«
»Ist in Ordnung«, sagte Frau Dr. Seifert und unterstützte Julia dabei, ihren geschundenen Körper auf dem Sofa abzulegen. Nachdem sich auch die Psychologin in ihrem leicht zerknitterten roten Designerkostüm wieder in dem Klubsessel niedergelassen hatte, leitete sie mit ihrer gleichbleibend beruhigenden Stimme die Hypnose ein.

Zwei Monate zuvor

Als sie mit ihrem roten Golf auf die Friedrichstraße bog, waren ihr das Getümmel der geschäftigen Fußgänger, das Gebimmel der S-Bahn und die renovierten Fassaden der prächtigen Altbauten egal. Alles zog an ihrem fokussierten Blick vorbei. Wie ein schlecht produzierter Spielfilm, der nur lief, weil man aus Gewohnheit am Abend den Knopf des Fernsehers betätigt hatte. Zwischen Trance und vollem Bewusstsein. Julia wusste, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, warum sollte das Krankenhaus sonst bei der Zeitung anrufen und sie direkt aus der Redaktionssitzung zitieren? Sie biss sich auf die Lippen. Nervosität quittierte ihr rechtes Bein seit ihrem Trauma immer mit einem Zittern, das sich vom Oberschenkel bis in den kleinen Zeh ausbreitete. Dort angelangt, zappelte das komplette Bein einen gleichbleibenden, schnellen Rhythmus.

Julia sah nur einen Schatten, der an ihrem starren Blick vorbeihuschte. Instinktiv trat sie auf die Bremse. Durch das Quietschen der Reifen erschreckt, zuckte die ältere Dame auf dem Zebrastreifen zusammen und ging dann wild gestikulierend ihres Weges.

Julia hörte die Worte der Ärzte immer noch in ihren Ohren nachhallen – »Es war richtig, ihn nach Berlin zu bringen, hier können wir ihm helfen«. Dabei hatten sie keine Ahnung, genau wie die Ärzte in den letzten fünf Krankenhäusern in Freiburg. Karl wurde immer schwächer. Unerklärliche Symptome hatten sich im letzten halben Jahr gehäuft.
Um das Elisabethen-Krankenhaus war ein Gerüst aufgestellt. Julia sah sich auf dem Weg vom Parkplatz bis zur Klinik das alte Gemäuer an und zweifelte, ob die Empfehlung, Karl hierher zu verlegen, richtig gewesen war. Krankenhäuser. Sie hatte mittlerweile eine Abneigung gegen diese kahlen, weißen Wände. Selbst die abstrakten Bilder, die dort hingen, waren nichtssagend und konnten dem Ambiente definitiv keinen fröhlichen Touch verleihen. Die Neonbeleuchtung unterstrich die kalte Atmosphäre. Der Geruch nach Bohnerwachs, Desinfektionsmittel und Urin war unangenehm. Ihr Vertrauen zu den Ärzten, die sie immer wie ein kleines, dummes Kind behandelten, war schon lange gebrochen.
Ihre Schuhe quietschten auf dem abgelatschten Linoleumboden. Sie zupfte nervös an einer langen, blonden Haarsträhne, die ihr über die Augen fiel, während die Krankenschwester beschwichtigte.
»Mir ist nichts bekannt, aber wenn Sie angerufen wurden, dann wird es schon seine Richtigkeit haben. Sprechen Sie mit dem behandelnden Arzt, er kann Ihnen weiterhelfen.« Verstört und etwas desorientiert machte sich Julia auf den Weg ins Arztzimmer. Eine der Migräneattacken, die sie immer wieder heimsuchten, kündigte sich durch ein leichtes Klopfen unter der Schädeldecke an. Das Pochen verstärkte sich mit jedem Schritt, den sie sich ihrem Ziel näherte. Den Film, der gerade in ihrem Kopfkino abgespielt wurde, wollte Julia nicht sehen, doch den OFF-Knopf konnte sie nicht entdecken. Die Tür zum Arztzimmer war nur angelehnt und ein älterer Herr mit schräg über die Glatze gekämmten, weißen Haaren bat Julia, einzutreten.
»Sie sind Julia Hoven, die Tochter?«
»Ja, was ist los, Herr Doktor, warum haben Sie angerufen?«
»Mein Name ist Dr. Pupescu, ich bin Chefarzt der Kardiologie. Wir mussten Ihren Vater auf die Intensivstation verlegen, da sich sein Zustand drastisch verschlechtert hat. Zu den Unterleibsschmerzen, dem Blutdruckabfall, der plötzlichen Erblindung auf einem Auge und den schweren Herzrhythmusstörungen haben wir eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert.«
Für einen kurzen Moment setzte Julias Atmung aus. Der Schreck über diese Aussage ließ Tränen über ihre Wangen kullern.
»Aber warum, was ist die Ursache? Konnten Sie mittlerweile etwas herausfinden?«, schluchzte Julia, die kein Taschentuch in ihrer viel zu großen Handtasche finden konnte und ihre Tränen am Ärmel ihres T-Shirts abwischte. Der Kardiologe griff in seine Schreibtischschublade und schob ihr ein Päckchen Papiertaschentücher über den Tisch.
»Nein, wir haben noch nicht alle Untersuchungen abgeschlossen, aber ich verspreche Ihnen, wir tun unser Möglichstes.«
»Das hat man uns in den letzten Krankenhäusern auch erzählt, und es wurde keine Ursache gefunden. Im Gegenteil, die Symptome werden immer schlimmer, das sehen Sie ja selbst«, erwiderte Julia verzweifelt.
»Beruhigen Sie sich. Sobald wir mehr wissen, melden wir uns sofort bei Ihnen. Er ist soweit stabil, Sie können ihn jetzt auf der Intensivstation besuchen, aber nur kurz.«


Rezension folgt...


Die Autorin
Lena Sander lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in Freiburg, am Fuße des Schwarzwaldes. Sie ist in den wilden 60ern geboren und liebt Bücher, Kunst und Musik. Unter anderem Namen sind bereits mehrere Ratgeber und Kurzgeschichten erschienen, die meist mit einem Augenzwinkern, in die humorvolle Schublade gehören.

Die Grundidee des Thrillers "Zersetzt" basiert auf wahren Begebenheiten. Bei ihren Recherchen fand Lena Sander empörende Fakten heraus, die sie dazu bewegten dieses Buch zu schreiben.


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