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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

8. Januar 2014

Victoria S., Mein wundervolles Pariser Mädchen



„Der alte Hans trägt eine schwere Bürde. Seit Elfriede tot ist, muss er sich ganz alleine um Birgitchen kümmern – und die schreit und schreit und schreit …

16 Erzählungen über Menschen am Abgrund, am Ende ihres Lebens, über Vorurteile, Außenseiter, Wahnsinn, Trauer, Trauma und Träume, über Verdrängung, Wut und Ohnmacht ... aber auch über Erkenntnis, Weisheit, Vergebung, Nachsicht und Liebe.
 Geschichten, wie aus dem Leben gegriffen, die zum Nachdenken anregen.“


Wer sich auf die Kurzgeschichten von Victoria S. einlässt, sollte wissen, dass er keine Heile-Welt-Lektüre beginnt. Aber - es sind keine Geschichten, die von Ausweglosigkeit erzählen. Einmal in die nachdenkliche, manchmal auch melancholische Welt der Victoria S. eingetaucht, wird der aufmerksame Leser ob des hohen Wiedererkennungswertes auch Trost in diesen sorgfältig erzählten und komponierten Geschichten finden. 

Melancholisch, aber nicht deprimierend.
Voller Wahrheit, aber nicht moralisierend.
Britta Langhoff
Literaturzeitschriften.de


Leseprobe:

Ein gegebenes Versprechen ist eine unbezahlte Schuld.
William Shakespeare (1564 - 1616)


Mein wundervolles Pariser Mädchen

Hans war gerade im Sessel eingeschlafen, als er die gellenden Schreie aus dem Schlafzimmer hörte. Benommen strich er über sein schütteres Haar und suchte nach der Brille. Sein Blick wanderte zu der alten Wohnzimmeruhr. Halb zehn war es jetzt, es waren also noch nicht mal fünf Minuten vergangen, seit er bei ihr gewesen war.
Der alte Mann zog seinen Rollator an den schweren Sessel heran und richtete sich mühsam auf.
„Birgit, der Papa kommt gleich.“
Seine Worte zeigten keine Wirkung. Die Schreie hielten unvermindert an und verursachten ihm Kopfschmerzen. Mit schweren Schritten bewegte er sich in Richtung Schlafzimmer. Sieben waren es vom Sessel bis zur Tür, sieben kleine Schritte. In Gedanken zählte Hans leise vor sich hin. Seit seinem Schlaganfall im letzten Jahr war sein linkes Bein gelähmt. Glücklicherweise hatte er keine Schmerzen, nur manchmal, wenn er die ganze Nacht in seinem Sessel verbracht hatte.
Wieder hörte er seine Tochter. Mittlerweile waren die Schreie in lautes Wimmern übergegangen. Bestimmt hatte sie Durst, oder er musste ihr die Windeln wechseln. Den ganzen Tag schon war sie unruhig.
„Ich komm doch schon, Birgitchen.“
Er musste sich beeilen, sonst würde gleich die Nachbarin vor der Tür stehen und sich wieder beschweren. Sie hatte schon an die Hausverwaltung geschrieben und diese unzumutbaren Zustände beklagt. Vergangene Woche war ihm deshalb eine Abmahnung zugestellt worden; man drohte ihm mit der Kündigung. Aber wo sollten sie dann hin?
Mühsam löste er seine rechte Hand von dem Führungsgriff des Rollators und versuchte das Gleichgewicht zu halten. Dann drückte er die Klinke des verrosteten Kastenschlosses an der Schlafzimmertür herunter.
Klack!
Das laute Geräusch hatte auch Birgit vernommen, denn sie verstummte augenblicklich.
Sein erster Blick galt wie immer dem Foto seiner Frau, das auf dem schweren Rockabilly-Nachtschrank stand. Seit Elfriede vor zehn Jahren gestorben war, hatte er nichts mehr in der Wohnung verändert. Alles erinnerte noch an die Zeit mit ihr, wenngleich heute alles ein wenig verschlissener und schäbiger war. Aber wen interessierte das schon? Hans wollte es auch nicht anders. Zu sehr vermisste er seine Frau. Er würde sie und ihr Andenken nicht verraten.
Fünfzig Jahre waren sie verheiratet gewesen. Eine große Zahl in der heutigen Zeit. Gekannt hatten sie sich kaum länger. Er war Elfriede kurz nach dem Krieg begegnet und hatte sie vom Fleck weg geheiratet. Damals war die Suppe dünn, und das Fleisch war knapp. Aber ihre Herzen waren heiß wie das Feuer des Sonnenwindes. Sie brauchten ja auch nicht viel, denn sie hatten doch sich. Und Samstag, ja, am Samstag waren sie immer zum Tanzen gegangen, zu Rosi ins Krokodil. Eigentlich hatte das Lokal ja Bei Meyers geheißen, aber der grüne Tanzboden und die weißen Stühle erinnerten an ein Krokodilmaul, sodass Elfriede es immer Krokodil nannte. Was hatten sie darüber gelacht, und wenn dort Caterina Valente das Lied „Ganz Paris träumt von der Liebe …“ sang, dann hatte er sie in den Armen gehalten und sein Glück fest an sich gedrückt.
Hans schloss die Augen und drehte in Gedanken Tanzrunden mit seiner Frau. Sie war leicht wie ein Schmetterling, und sie duftete nach Christmas Angel, nach dem Parfüm, das er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Fast sein ganzer Wochenlohn war dafür draufgegangen.
Als der alte Mann im Schlafzimmer angekommen war, setzte er sich auf das Bett seiner Tochter. Er nahm eine Babyflasche, die er mittags schon mit Tee gefüllt hatte, und hielt sie ihr an den Mund. Birgit begann sofort zu trinken. Die Lichtreklame des Nachbarhauses erhellte immer wieder den Raum, und Hans konnte dabei zusehen, wie sich ihre Gesichtszüge entspannten.
Wie ähnlich sie doch Elfriede war.
Damals hatten die Leute getuschelt, als sie heirateten. Schließlich war seine Frau zehn Jahre älter gewesen als er – und auch noch Witwe. Ihr erster Mann war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Manchmal, wenn die Blicke zu schlimm wurden, hatte er sie in den Arm genommen und ihr „Mein wundervolles Pariser Mädchen“ ins Ohr geflüstert. Elfriede hatte dann gelacht, ganz spitzbübisch, und Hans wusste, dass nichts sie trennen konnte.
Das Getuschel war immer lauter geworden mit den Jahren. Schließlich gehörte doch zu jeder guten Ehe ein Kind. Aber es wollte einfach nicht klappen bei ihnen. Der Storch flog Jahr für Jahr vorbei. Hans war es immer schwerer gefallen, Elfriede zu trösten und zu beschwichtigen. Einmal hatte sie sogar ihn angeschrien, er solle sich eine neue Frau suchen, eine jüngere.
Nie im Leben würde er die Verzweiflung in ihren Augen vergessen. Doch als er sie dann wieder an sich gedrückt und ihr „Mein wundervolles Pariser Mädchen“ zugeflüstert hatte, da war alles wieder gut. In jener Nacht hatten sie sich geliebt wie niemals zuvor und auch niemals mehr danach. Mit aller Kraft ihrer Liebe und auch ihrer Verzweiflung.
Wahrscheinlich hatte der liebe Gott ein Einsehen mit ihnen gehabt, denn nach dieser Nacht wurde Elfriede schwanger. 1972 war ihr Glücksjahr gewesen, denn seine Frau schenkte ihm eine Tochter – Birgit. Hans war überglücklich, aber die Leute tuschelten noch immer. So alt, und dann noch Mutter werden, das konnte ja nicht gut gehen!
Es war ihm egal.
Die Glücksmomente holten ihn ein, und er erinnerte sich, wie er voller Freude und Demut das erste Mal seine Tochter im Arm gehalten hatte. In der Morgendämmerung war ihr erster Schrei durch die Türen des Kreißsaals gedrungen, und er war einfach hineingestürmt. Ein Skandal damals, doch Hans und Elfriede hatte es nicht gestört. Ihr Glück war perfekt, so perfekt wie das kleine Mädchen mit der Pfirsichhaut, das in ihren Armen lag. Sie war ein so süßes Baby gewesen!
Ein Baby war sie heute immer noch, aber ihr Alter passte nicht mehr dazu. Es hatte nur äußerlich eine Verwandlung gegeben. In der letzten Woche war Birgit einundvierzig Jahre geworden. Hans hatte ihr aus Tannenzapfen lustige Tiere gebastelt und die Schallplatte von Urmel aus dem Eis aufgelegt. An ihrem Gesicht konnte er erkennen, dass es ihr gefiel. Sie schrie auch nicht so viel wie sonst und lag ganz entspannt in den Kissen.
Seit Elfriede nicht mehr da war, schlief seine Birgit mit im Ehebett. So war er immer bei ihr, wenn sie ihn brauchte, denn er schaffte es nicht mehr, ständig in ihr Zimmer zu laufen. Schon die sieben Schritte waren ihm zu viel.
Die Leute … ja, für die war Birgits Schicksal ein gefundenes Fressen gewesen. Jetzt tuschelten sie nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, schließlich hatten sie ja recht behalten.
„Gebt das Kind in ein Heim!“, hatte ihnen Klaus geraten.
„Genau, die merkt das doch sowieso nicht!“, stimmte dessen Frau eilfertig zu.
Alle redeten so, sie meinten es doch nur gut!
Hans und Elfriede brachen den Kontakt ab, und er hatte ihr an diesem Abend einmal mehr versichern müssen, dass er sich immer um Birgit kümmern würde. Bei ihrer Liebe hatte er es geschworen und gesagt: „Ich verspreche es dir, mein wundervolles Pariser Mädchen.“

Birgit war wieder eingeschlafen, und Hans bewegte sich mit viel Mühe zurück ins Wohnzimmer. Gerade als er sich setzen wollte, hörte er erneut die Schreie. Er nahm ein Kissen vom Sofa und presste es auf das eine Ohr, das andere hielt er sich mit der Hand zu.
Der alte Mann konnte einfach nicht mehr. Heute war einer der schlimmen Tage, an dem seine Tochter immerzu plärrte. Wie an all den vergangenen letzten Tagen …
Aber welche Wahl hatte er schon? Wenn er sie nicht beruhigte, beschwerten sich die Nachbarn, und dann würden sie ihr Heim verlieren. Irgendwie musste er es schaffen.
Langsam hangelte sich der Alte an seinem Rollator zum Plattenspieler. Die Vinylscheibe von Caterina Valente lag schon auf. Er stellte ihn an und schaute mit einem innerlichen Kniefall zu Elfriede auf dem Bild an der Wohnzimmerwand. Es war ihr Hochzeitsfoto, verblasst von den vielen Jahren. Dann legte er das Sofakissen und die Schlaftabletten in den Korb des Rollators und schob sich mühsam Richtung Schlafzimmer.


Rezension hier im SALON



Die Autorin
Der Autorenname »Victoria S.« ist ein Pseudonym.

Was war Victoria S.?

Victoria S. war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ sie im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn VictoriaS. vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak sie manchmal sehr.
Erkannt?

Wer ist Victoria S.?

Irgendwann entschloss sich Victoria S., ihr Märchenbuch zuzuklappen und selbst Geschichten zu schreiben. Geschichten mit Träumen und Wünschen und auch mit dem Schrecken, der sie jedes Mal beim Lesen ereilte: Denn da draußen, jenseits der warmen Stuben und engen Gärten mit dem Geruch der Lumpen der Papierfabrik, gab es ja noch diese große Welt mit vielen Drachen und wenig Drachentötern.

Wo ist Victoria S.

Heute lebt Victoria S. mit Mann, Kind, Hund und Pferd in warmen Stuben im romantischen Hessen, putzt ihren Liebsten die Ohren und pflegt im Sommer und im Winter die Goldregen-und Fliederbäume im großen Garten vor dem Fachwerkhaus. Wenn immer die großen Träume anklopfen, dann öffnet sie das Märchenbuch, ihr eigenes Märchenbuch der Realitäten und Eventualitäten, und schreibt sie auf, wenn sie sich fürchten mag.
Die Geschichte „Zeitenleise Erinnerung“ ist die Grundlage eines Romans, den sie gemeinsam mit der Autorin Enya K. geschrieben hat und der 2014 erscheinen wird.


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