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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

10. April 2014

Simone Keil, Keinmärchen




Das Buch

„Als Kind fürchtete ich die Dunkelheit. Die Geräusche, die aus den Schatten zu kommen schienen. Aber es ist nicht die Dunkelheit, die es zu fürchten gilt. Die Furcht lauert im Licht. Sie haben es nicht verstanden, keiner von ihnen, und manchmal wünschte ich, ich verstünde es ebenfalls nicht. Ich erzähle Keinmärchen. Und auch das verstehen sie nicht.“

Die meiste Zeit verbringt Erin im dunklen Keller. Kein Licht, keine Schatten. Er könnte dort sicher sein, doch er ist nicht allein …

Keinmärchen lässt sich in keine Schublade pressen. Fantasy? Gegenwartsroman? Psychologische Studie? Von allem etwas, aber vor allem anders.


Leseprobe:

Jedes Ding hat drei Seiten:
         Eine, die du siehst,
         eine, die ich sehe
         und eine, die wir beide nicht sehen.
        
         Chinesische Weisheit

Dr. Stein
        
Er atmet flach. Die Wolldecke hebt und senkt sich über seinem Brustkorb. Um sein Gesicht zu erkennen, muss ich die Augen zusammenkneifen in der Dämmerung. Im Licht der Strahler ist er kaum mehr zu sehen. Ich gehe davon aus, dass er heute Nacht den Wechsel auf die andere Seite vollenden wird. Wechseln oder sterben, das sind seine Optionen. Es ist zu spät, ihn zurückzuholen. Und ich würde es auch nicht tun, selbst wenn ich es könnte. Aber diese Option steht nicht zur Auswahl, die Medikamente wirken nicht in diese Richtung.
         Kein einziges der Kinder konnte zurückgeholt werden. Kein einziges von sechsundachtzig. Sechsundachtzig Leben. Ausgeknipst wie Taschenlampen.
         Als Kind fürchtete ich die Dunkelheit. Die Geräusche, die aus den Schatten zu kommen schienen. Aber es ist nicht die Dunkelheit, die es zu fürchten gilt. Die Furcht lauert im Licht. Proband 42 wusste es. Ich konnte es in seinen Augen lesen, wenn er ins Licht sah. Erin. Jetzt kann ich ihn bei seinem Namen nennen. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut und Gefühlen. Wir hatten kein Recht, ihm seinen Namen zu nehmen. Kein Recht und keinen Grund, außer unserer unglaublichen Arroganz.
         Einige Fragen sind immer noch offen. Aber ich werde nicht diejenige sein, die sie stellt. Manche Fragen sollten nicht gestellt werden und manche Antworten sollte man nicht kennen.
         Wissenschaft und Magie sind Kontrahenten, pflegte Professor Ruben zu sagen. Wenn er gewusst hätte, wie lächerlich diese Aussage ist.
         Es ist 2.30 Uhr. Ich bin müde und fasele wirres Zeug. Das ist die dritte schlaflose Nacht. Ein Wunder, dass überhaupt einer von uns schlafen konnte, während diese Kinder durch die Hölle gingen. Durch eine synthetische Hölle, die wir für sie geschaffen hatten. Wir sind Wissenschaftsmonster, keine Ärzte. Wir sind die wahren Albe, auch wenn uns keine Flügel wachsen und unsere Augen nicht im Dämmerlicht glühen.
         Sein Puls wird schwächer, kaum noch messbar. Ich halte seine Hand, um ihn nicht zu verlieren, denn sehen kann ich nur noch eine Wölbung unter der Decke. Auf welche Weise es auch enden wird, es endet. Schon bald.
        
3.45 Uhr. Ich bin froh, dass sein Herz aufgehört hat zu schlagen. Endlich. Wenn die Sonne aufgeht, werde ich um ihn weinen. Aber jetzt muss ich es zu Ende bringen. Und ich kann nur hoffen, dass das wirklich das Ende ist. Hoffnung. Merkwürdig, dass ich ausgerechnet jetzt Hoffnung finde.
         Er sieht glücklich aus. Zum ersten Mal. Seine Gesichtszüge haben die Härte verloren. Seine Augen sind braun, seine Haut schimmert wie die eines Neugeborenen.
         Wir hätten das nicht tun dürfen. Es war falsch und ich wusste es. Wir alle wussten es. Aber keiner hat Zweifel angebracht, nicht einer von uns hat unser Handeln in Frage gestellt. Als die ersten Probanden starben, hätten wir es noch stoppen können. Wir hätten es stoppen müssen, es wäre unsere verdammte Pflicht gewesen. Aber wir haben weitergemacht und weiter, bis es nicht mehr zu stoppen war. Ironie des Schicksals. So sagt man doch. Das Schicksal ist ein Arschloch. Oder es ist schlauer als wir alle zusammen.
         Wir haben den Samen in verdorbene Erde gesät und was daraus entwachsen ist, ist die Frucht unserer Überheblichkeit. Das Projekt war also ein voller Erfolg. Wir haben recht behalten, alles ist eingetroffen wie erwartet. Und doch ganz anders.
         Das ist mein letzter Eintrag. Wenn ich seinen Körper verbrannt habe, wie all die anderen vor ihm, werde ich meine Aufzeichnungen vernichten und den Generator vom Netz nehmen. Meine Hände kann ich nicht reinwaschen, zu viel Blut klebt an ihnen, ich kann nur beenden, was niemals hätte begonnen werden dürfen.


Erin
        
Sie haben es nicht verstanden. Keiner von ihnen. Und manchmal wünschte ich, ich verstünde es ebenfalls nicht.
         Erzähl keine Märchen, sagt die Frau, die mir den Toast mit Butter bestreicht. Ich könnte ihr die Energie entziehen, sie verdorren lassen wie Fallobst. Ich würde zusehen, wie sie weniger wird, wie sich ihre Partikel in den Fugen des Fliesenbodens verteilen.
         Ich erzähle Keinmärchen, sage ich aber nur, und auch das versteht sie nicht. Sie lächelt die Butterdose an und spült das Messer unter laufendem Wasser ab. Das Plätschern dröhnt in meinen Ohren. Die Tropfen reiben sich aneinander und tauschen Informationen aus.
         Erin? Sie sagt den Namen schon zum zweiten Mal, aber ich habe nicht zugehört. Ich dachte, das hätten wir geklärt, sagt sie, und deutet auf die Augenbinde.
         Das verstehst du nicht, sage ich und sie atmet tief ein und bläst die Luft langsam und kontrolliert aus. Bewusstes Atmen. Das hat sie in einer der Sitzungen gelernt. Bewusstes Atmen zur Selbstberuhigung. Sie sollte lernen, bewusst zu sehen, aber dann würde ihr das Schnaufen im Hals stecken bleiben. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen und der Gnom lacht auch, als er ihr den Finger ins Ohr steckt. Verdammt! Vielleicht sollte ich diese Atemscheiße auch mal versuchen, dann würde mir so was nicht immer wieder passieren.
         Sie zupft an ihrem Ohrläppchen und er rutscht ab, schaukelt einen Moment an ihrem Ärmel, holt Schwung und springt auf die Arbeitsplatte. Er hinterlässt Fußabdrücke in der Butter und leckt seine Zehen ab, verschwindet mit einem Stück Toastbrot im Abfluss.
         Ich räume mein Geschirr in die Spülmaschine. Die Sonne wirft Lichtstraßen durchs Fenster. Es wird Zeit für mich.
         Wo gehst du hin?, fragt sie mit diesem Zittern in der Stimme. Sie hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, als wolle sie sich selbst wärmen. In ihren Augenwinkeln blitzen kleine Diamanten auf. Ich darf nicht vergessen sie später einzusammeln, heute wird sie sicher ein kleines Vermögen zusammenheulen.
         In den Keller, sage ich, das weißt du doch. Ich wippe ungeduldig auf den Fersen.
         Sie sieht aus dem Fenster. Willst du nicht mal wieder in den Garten gehen? Der Tag wird schön, die Wolken haben sich verzogen.
         Schön. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Tag schön war. Die Nächte könnten schön sein, wenn die Schatten nicht wären. Aber sie sind.

#
        
Du kommst spät, sagt er. Was hat dich aufgehalten?
         Ich bleibe auf der untersten Stufe stehen und versuche ihn zu orten, doch seine Stimme scheint überall zu sein. Spät?, frage ich. Seit wann beziehst du die Zeit in deine Überlegungen ein? Du weißt, dass einmal blinzeln ausreichte und ich käme abends, was genauso wenig bedeutete wie mittags oder jetzt, in diesem Augenblick.
         Ein Rascheln aus dem Regal an der hinteren Wand. Du trägst die Augenbinde, sagt er. Immer noch.
         Vielleicht trage ich sie nur, weil sie es mir verbieten wollen?
         Du lügst schlecht, sagt er und lacht. Du hast schon immer schlecht gelogen. Hast du das Messer mitgebracht?
         Natürlich! Meine Augen gewöhnen sich an die Dämmerung. Ich habe das Kellerfenster mit Brettern vernagelt, aber sie haben ein Notlicht angebracht. Du kannst nicht im Dunkeln da unten sitzen, hat sie gesagt, und es ist mir egal, was für Erklärungen du vorbringst. Ohne Licht sitzt du nicht im Keller!
         Manchmal bin ich froh über den fahlen Lichtschimmer, aber nur, bis die Schatten anfangen sich zu bewegen, dann hänge ich den Jutesack über die Lampe und alles ist still. Und das mache ich auch jetzt, bevor ich meine Arbeit fortsetze.
         Warum Albe?, fragt er. Immer wieder Albe.
         Ich lege das Messer neben mich auf den Boden, taste die Konturen mit den Fingerspitzen ab. Weil sie die einzige Konstante sind, sage ich, und dabei jedes Mal anders. Schlimmer will ich eigentlich sagen, jedes Mal schlimmer. Aber dann würde er lachen. Er hat die Schatten nicht gesehen. Nicht so wie ich. Ich steche mir einen Splitter in den Daumen und lecke das Blut ab, glätte die Kanten vorsichtig mit der scharfen Klinge.
         Der wird gut, sagt er, und die leeren Dosen in dem Karton unter dem Regal klappern. Gute Arbeit.
         Ja, ich werde besser. Aber warum interessiert dich das?, frage ich. Du spinnst sie ein und vergisst sie.
         Nein, sagt er, ich vergesse nichts. Niemals. Seine Stimme ist jetzt ganz nah. Zu nah. Mich fröstelt.
         Nimmst du mich heute mit?, frage ich.
         Wohin?, fragt er und ich höre die Unruhe unter dem Wort brodeln wie kleine Geysire und sein Atem ist heißer Dampf.
         Weg, sage ich. Weg von hier.
         Die Kellertür quietscht und ich reibe mir die Augen. Kommst du zum Essen?, fragt sie. Bitte, komm nach oben. Dein Vater ist gleich zu Hause.
         Dein Vater. Wer soll das sein? Hast du die Rollläden heruntergelassen?, frage ich und sie atmet. Laut und tief. Wie lange willst du das denn noch – Das Ende des Satzes bleibt über der Treppe hängen, als sie die Tür schließt. Ein wenig zu fest, ein wenig zu unkontrolliert. Jetzt wird sie wieder heulen. Nicht wegen mir. Sie hasst es, die Kontrolle zu verlieren. Später werden sie streiten. Zu laut, zu unkontrolliert. Und dann wird sie ihn hassen. Das ist einfacher.
         Stell den Alb ins Regal, sagt er. Unterstes Fach.
         Er ist noch nicht fertig, sage ich. Ich will ihn noch nicht hergeben. Er ist wirklich gut geworden.
         Du kannst einen neuen machen, sagt er. Einen besseren.
         Ja, das kann ich. Ich muss gehen, sage ich, und überprüfe den Sitz der Augenbinde.
         Kommst du wieder?, fragt er. Morgen?
         Morgen? Gestern, sage ich. Ich stecke den Alb in meine Hosentasche; ziehe die Finger durch meine verklebten Haare. Mach das nicht, sage ich. Mach das nicht noch mal. Du bekommst ihn bald.
         Er knurrt. Nicht wirklich; ich glaube nicht, dass er knurren kann. Aber er ist ärgerlich, sein Zorn klebt an der Wand, an der ich eben noch gesessen habe. Irgendwann wird er mich einspinnen wie die Albe, auf die er so gierig wartet.
         Was tust du eigentlich mit ihnen?, frage ich, aber er schweigt.

#
        
Der Mann, den sie als meinen Vater bezeichnet, stellt seine Aktentasche ab. Na, sagt er, ohne mich anzusehen, und geht in die Küche. Der Fußboden wimmelt von Gnomen. Sie tragen Brotscheiben, Wurstenden und kleine Butterstückchen vom Kühlschrank zur Spüle und werfen ihre Beute in den Abfluss. Sie wird mich beschuldigen und ich werde es hinnehmen. Ihre Vorhaltungen, ihren Blick, der mich streift, aber mir nie direkt in die Augen sieht.
         Ich packe einen Gnom am Kragen und nehme ihm den Diamanten ab, klaube die restlichen von der Arbeitsplatte und dem Fliesenboden. Ich stoße an ihre Beine. Wasch dir die Hände, sagt sie, und setz dich.
         Keinen Hunger, sage ich und stecke die Diamanten in die Hosentasche.
         Setz dich, sagt sie noch einmal.
         Ich gehe lieber in mein Zimmer, sage ich und schnipse den Gnom in die Spüle. Er wirft ein Stück Butter nach mir. Sie atmet.
         Schon auf der ersten Treppenstufe kann ich sie streiten hören. Ich halte den Alb fest in der Hand, seine spitzen Flügel bohren sich in meine Handfläche. Alles deine Schuld, sagt sie. Seine Schuld, meine Schuld, niemals ihre. Morgen werden sie mich fortbringen. Wie immer. Wir haben alles versucht, aber wir werden nicht mehr fertig mit dir, wird sie sagen, und zentnerweise Strasssteine in ihr frisch gebügeltes Taschentuch schniefen. Und dann packe ich meinen Rucksack und sie nehmen mir das Holz und das Messer ab. Aber das kann ich nicht zulassen.

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Du bist zurück, sagt er.
         Ja, sage ich, ich bin zurück.
         Ich spüre seine gierigen Blicke, als ich meine Faust öffne und ihm den Alb auf der offenen Handfläche entgegenstrecke. Nimm mich mit, sage ich. Jetzt. Du bekommst den Alb.
         Den bekomme ich, sagt er. So oder so.
         Ich könnte ihn kaputtmachen, sage ich.
         Das könntest du, sagt er. Natürlich.
         Natürlich nicht. Und das weiß er sehr gut. Was willst du noch?, frage ich. Geld?
         Er lacht. Nimm die Augenbinde ab, sagt er.
         Nein!
         Sie werden dich fortbringen, sagt er. Nicht wahr? Weg von hier, das wolltest du doch.
         Du weißt, was ich will, sage ich. Er klopft mit dem Hinterteil auf den Boden und ich weiß, was er will.
         Stell den Alb in das unterste Regal, sagt er und wartet.
         Ich muss ihn auf die Flügel legen, sonst kippt er immer wieder um. Dem nächsten werde ich eine festere Standfläche machen.
         Willst du einen neuen schnitzen?, fragt er. Vielleicht diesmal einen größeren?
         Nein, das will ich nicht. Nicht noch größer. Ja, sage ich und setze mich auf den Boden, den Rücken an die unverputzte Wand gelehnt. Ich taste nach einem passenden Stück Holz, erfühle das Gesicht, die Flügel, die Beine. Die Angst. Perfekt! Das Messer liegt kühl und schwer in meiner Hand, aber bald wird die Klinge wärmer werden. Das ist ein gutes Gefühl.
         Bist du soweit?, fragt er und fängt an, ohne meine Antwort abzuwarten. Erregt und schnell. Klebrig. Ich schnitze weiter. Span für Span fällt in meinen Schoß, bis er sich zu meinen Armen vorgearbeitet hat. Du nimmst mir nicht die Augenbinde, sage ich. Nicht die Augenbinde! Und dann spüre ich ihn an meinem Hals und atme durch die Nase. Er nimmt mich mit. Weg. Weg von hier.


Rezension

Ganz fest muss man das eigene Hirn halten
will man heil durch diesen Wahnsinn kommen, der in diesem Text stattfindet. Aber ich wollte, denn ich finde die Erzählsprache der Autorin unglaublich stark und daher beeindruckend. Wie sie es schafft, die beiden, nein, drei Ebenen zusammenhalten, die hier zur Sprache kommen, also ich könnte das nicht, obwohl ich schon lange schreibe.

Der Strudel der Geschichte ist packend,
teilweise so verwirrend, dass ich pausieren musste. Kein angenehmer, lukullischer Lesegenuss, wo es so dahingeht, nein, überaus hermetisch, tiefgründig, geheimnisvoll ist das Grauen.

Urängste werden wach,
archaische Gefühle, extreme Beklemmung.
Kein einfacher Text, man braucht "Schmackes", um ihn sich zuzutrauen und Geduld, dahinterzuschauen, was mir nicht immer gelungen ist. Aber das macht nichts, der ungewöhnliche, experimentelle Text wird mir in guter Erinnerung bleiben und ich bin sicher, ich mache mich nochmals darüber, um seine letzten Geheimnisse zu ergründen und zu verstehen.
Kompliment und Empfehlung für Leser, die tief in ein komplexes Thema einsteigen wollen!

Elsa Rieger


Die Autorin

Simone Keil, geboren 1971, lebt und arbeitet in Hessen. Seit den ersten Leseversuchen hat sie ihr Herz an Märchen und phantastische Geschichten verloren. 
Zum Schreiben fand sie relativ spät, kann es aber seit dem nicht mehr lassen.


Dieses Buch trägt ein Q auf dem Cover:
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