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25. Mai 2014

Marlies Lüer, Melissas Welt



Melissa Winter, geb. Fink, hat vor über zwanzig Jahren eine außergewöhnliche Frau kennengelernt: Mira Mertens, die im Auftrag der Engel arbeitete und verzweifelten Menschen Geborgenheit gab. Mira hatte auch ihr in großer Not geholfen und nahm die noch junge Melissa zu sich in das „Lindenhaus“ auf. 
Hier lebt Melissa nun mit ihrem Mann Robert und den Töchtern Hannah und Miranda, genannt Miri. 

Die spirituelle Macht der alten Mira reicht weit in Melissas Leben hinein und spendet auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch Schutz und Hilfe: in den prophezeiten Tagen des Schwarzen Hahnes.



Leseprobe:



Szene: Melissas heile Welt bekommt erste Risse!

Eine gute Stunde später saßen wir mit Hannah am Tisch und aßen gegrilltes Gemüse und Fladenbrot mit selbstgemachter Kräuterbutter, als Miranda geräuschvoll heimkam. Sie hatte die Angewohnheit entwickelt, alle Türen zuzuknallen. Unsere Jüngste blieb in der Küchentür stehen und knurrte ein leises „Hi, Leute“. Ich deutete auf ihren Stuhl, aber sie schüttelte den Kopf. „Hab´ schon.“
„Du hast schon was?“ fragte Robert streng. „Setz dich zu uns, auch wenn du schon gegessen haben solltest.“
Mürrisch schlurfte sie zum großen, alten Holztisch, der noch aus Miras Zeit stammte. Früher hatten wir oft lustige Tischgespräche geführt und unsere abendlichen Zusammenkünfte genossen. Früher? Das war nur ein gutes Jahr her. Dieses Jahr fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Ich hasste mittlerweile Teenagerhormone.
„Bist du wieder mit dieser Beata zusammen gewesen? Du riechst nach Rauch und Vanille.“
„Wird das jetzt ein Verhör? Dann kann ich ja gleich wieder gehen.“
Robert war kurz davor, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Ich legte meine Hand signalisierend auf sein Bein, um ihn milder zu stimmen.
„Kein Verhör, nur ein ganz normales Eltern-Kind-Gespräch. Weißt du, Eltern interessieren sich für ihre Kinder, was sie tun und mit wem sie sich treffen und so weiter.“
Mir gelang es nicht ganz, den Sarkasmus aus meiner Stimme zu nehmen. Zu oft schon hatten wir diese Art der gereizten Kommunikation gehabt. Miranda funkelte uns aus ihren grünen Augen an. Im Sommer hatte sie goldene Sprengsel in ihrer Iris. Zusammen mit ihrer blassen Haut und dem glänzenden, schwarzen Haar war sie eine kleine Schönheit, nur war es ihr nicht bewusst. Sie gab ihren Haaren seit einiger Zeit einen violetten Ton mit blaugrünen Strähnen, der sich fürchterlich mit ihrer meist bordeauxschwarzen Kleidung biss. Ganz zu schweigen von der Akne, die sie leider Gottes schwer befallen hatte. Hannah war dies erspart geblieben, als sie in der Pubertät gewesen war.
Als hätte Robert meine Gedanken gelesen, nahm er eine Strähne ihres Haares in die Hand und rümpfte die Nase. „Schon wieder gefärbt? Da hat mir das Grau vom letzten Monat bald besser gefallen, als dieses kranke Lila. Damit sahst du nur alt aus, aber nicht wie eine ertrunkene Wasserhexe.“
Aufheulend stieß Miranda den Stuhl zurück, der gegen den Herd donnerte. Sie rannte die Treppe nach oben, knallte hinter sich die Tür zu und schloss sich in ihr Zimmer ein.
„Robert! Was sollte das? Wie kannst du nur so ihre Gefühle verletzen?“ Ich war gleichermaßen wütend wie entsetzt über so viel Unsensibilität.
„Wieso? Was habe ich denn schon gesagt? Sieh doch, wie sie wieder aussieht! Und außerdem, was ist mit deinen Gefühlen, die sie permanent verletzt? Ihre Unverschämtheit nimmt von Woche zu Woche zu. Wird Zeit, dass sich hier mal was ändert.“
Hannah räusperte sich. „Apropos Änderung. Dieses Jahr werde ich nicht mit euch in den Urlaub fahren.“
„Was? Warum nicht?“ Meine Augen füllten sich mit heißen Tränen. Ich war nervlich zu angespannt, um darauf nicht mit einem Schwall von Gefühlen zu reagieren. Wir hatten doch immer so schöne gemeinsame Urlaube gemacht. Mal abgesehen vom letzten, der war eine Katastrophe gewesen. Wegen Miri.
Bevor Hannah mir antworten konnte, sagte Robert mit rauer Stimme: „Wir fahren sowieso nicht weg.“
„Nicht?“ fragten Hannah und ich aus einem Mund.
„Nein. Zu viel Arbeit.“
Robert versuchte eine Maske des Gleichmuts aufzusetzen, aber das misslang ihm. Ich sah, dass er tief im Inneren etwas vor uns verbarg. Beunruhigt wendete ich mit einer Zange die zweite Portion der mit Olivenöl bestrichenen Zucchinistücke auf dem Tischgrill, häufte mir etwas Quark auf meinen Teller und nahm auch vom Fladenbrot. Hannah verstand es wunderbar Brote zu backen, gleich welcher Art. Den Quark hatte ich angerührt mit frischen Kräutern und Blütenblättchen von Ringelblumen. Drei blaue Borretschblüten verzierten die Quarkspeise. Ich wusste, dass jetzt nicht der Zeitpunkt war, in Robert zu dringen. Darum wechselte ich das Thema.
„Ich habe eine neue Dyskalkulietherapiemöglichkeit für Miri gefunden und …“
„Oh nein, nicht schon wieder! Jetzt lass das Kind doch endlich in Ruhe damit.“
„Aber was soll denn aus ihr werden, wenn sie nicht richtig lernt zu rechnen?“ Ich begann, die fertigen Zucchini auf unsere Teller zu verteilen. „Du auch, Hannah?“ Sie verneinte.
Robert stopfte sich das Gemüse in den Mund und kaute energisch.
„Ich bin eben der Meinung, sie hat genügend Fortschritte gemacht. Es ist doch wirklich besser als früher, und wir wissen doch, dass sie nie wie andere sein wird. Finde dich doch endlich damit ab.“
„Ich denke ja gar nicht daran!“ Mit mehr Kraft als nötig piekte ich mit der Gabel in eine etwas zu dunkel geratene Zucchinischeibe. „Das muss sie uns doch wert sein, dass wir weiterhin für sie kämpfen.“
Robert zerriss mit mehr Kraftaufwand als nötig sein Fladenbrot in kleine Stücke.
„Du siehst doch, was diese Rennerei von einem Therapeuten zum anderen aus ihr gemacht hat. Der Höhepunkt war ja wohl dieser bescheuerte Geistheiler mit seinem Tamtam.“
„Wie darf ich das verstehen? Gibst du etwa mir die Schuld an ihrem Verhalten? Soll das heißen, ich habe sie zu dem gemacht, was sie heute ist?“
Ich mochte es nicht, wenn meine Stimme so schrill wurde. Aber mein unglückseliges Temperament gewann hin und wieder die Oberhand. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass Hannah sich ihren Teller füllte und wortlos die Küche verließ. Aber ich war zu abgelenkt von Roberts Vorwürfen, um darüber nachzudenken. Wir stritten noch eine Weile weiter. Das letzte Stück auf dem Tischgrill verkohlte.

Als die Abenddämmerung die Hitze des Tages schluckte und auch meine Wut am Abklingen war, ging ich zu meinem Kräuterbeet hinter dem Haus. Wie immer fand ich Trost in der Gartenarbeit. Das Hacken der Erde beruhigte mich, brachte mich in die heutzutage so vielbeschworene „Mitte“ zurück. Mit einem Hauch Bitterkeit resümierte ich, dass der ganze Garten seit mindestens einem Jahr so blitzblank unkrautfrei war wie nie zuvor. Robert hatte sich ins Büro zurückgezogen und saß über der Buchhaltung. Wir hatten vor drei Monaten unsere Bürohalbtagskraft entlassen müssen. Die Geschäfte liefen nicht gut. Jetzt hatten wir nur noch den Gesellen und hin und wieder einen Zeitarbeiter, wenn ein größerer Auftrag anstand. Das Anziehen von Kräutern und einigen ausgewählten Blumensorten für die Firma war meine Domäne, auch das Anbieten von Kursen. Zusätzlich zu meiner eigenen Arbeit als Illustratorin für Kinderbücher bot ich noch als freie Volkshochschuldozentin Kurse an, wie: „Oh du herrliche Wurzelkraft“ (den peinlichen Namen hatte ich nicht selber ausgedacht!) oder „Räuchern zur Wintersonnenwende“, „Herbstkranzflechten“, „Kräuterhexen sieden ihre Seifen“. So kam immer wieder mal Extra-Geld in die Kasse.
Ich hielt mit dem Hacken inne, als ich eine leise Stimme murmeln hörte. Miranda war am Kaninchenstall und kümmerte sich liebevoll um eines ihrer Tiere in Not. Wo sie die verletzten oder kranken Wildtiere aufsammelte, wusste ich nicht. Wir hatten fast immer kleine Patienten mit Fell oder Federn bei uns. Vielleicht fanden die Tiere auch Miranda, und nicht sie die Tiere? Das Mädchen hatte eine bemerkenswerte Geduld und Gabe, mit Tieren umzugehen. Ich beobachtete sie unauffällig. Mein Herz lief über vor Sehnsucht. Wo war meine kleine Miri geblieben, das Kind, das so schön lachen konnte und die ganze Welt umarmen wollte? Ich bekämpfte den Impuls, zu ihr zu gehen und sie an mich zu drücken. Ich hatte Angst, sie würde es als aufdringlich empfinden. Wann hatten wir uns das letzte Mal umarmt? Als ich mich entschloss, doch zum Stall zu gehen und die Hacke am Zaun abstellte, merkte ich, sie war längst im Haus verschwunden.
Meine Sehnsucht nach Nähe verschwand nicht.

Szene: Besuch des Lehrers

Das Wetter war umgeschlagen. Seit Tagen regnete es. Im Garten konnte ich nicht viel tun. Ich erntete in halbwegs trockenen Stunden, was zur Reife gelangt war. Miri war nach der Schule ständig unterwegs und Hannah bereitete sich auf ihren Umzug vor. Es war ein Freitag, das weiß ich noch. Ich glaube, an diesem Tag fing alles an, aus dem Ruder zu laufen. Um meine gedrückte Stimmung zu heben, begann ich ein weiteres Märchen zu schreiben. Vier hatte ich schon seit längerem fertig und auch illustriert. Ich wollte unbedingt ein weiteres eigenes Buch erschaffen. Vielleicht würde der Sonnenkäfer-Verlag es annehmen und drucken, vielleicht auch nicht. Das war mir egal. Hauptsache, ich konnte schreiben und meiner Psyche damit Gutes tun. Schreiben war eines meiner Lebenselixiere geworden. Ich war es leid, immer zu kämpfen, immer wieder neue Sorgen zu haben. Es frustrierte mich zunehmend, dass ich so selten ganz für mich sein konnte. Ruhe wollte ich, schlicht und einfach meine Ruhe und Frieden. Ich war es ebenso leid, mit meiner alten Mutter zu telefonieren. Sie schien zunehmend verwirrt zu sein. Unsere Telefonate waren unverändert seltsam. Aber, ach – weg mit den Gedanken! Ich wollte jetzt schreiben und an nichts anderes denken. Die Realität würde mich früh genug wieder auf den Boden der Tatsachen zurückverfrachten. Jetzt wollte ich in meinem Inneren auf Reisen gehen. Ich hatte es mir im Wohnzimmer in der Ecke mit der Steinsammlung gemütlich gemacht. Miras zahlreiche Amethyste und meine eigenen Steine hatte ich in einer flachen, anthrazitfarbenen Schale auf dem kleinen Tisch neben dem Korbsessel angeordnet. Hier war mein Ort, mein kleines Reich, wo ich ins Meer der Fantasie eintauchte. Eine Kristallschale mit Wasser, einigen Tropfen Lavendelöl und frischen Blüten vervollständigte das Arrangement.
Ich wusste schon, wie das neue Märchen heißen sollte: „Das Märchen vom Lavendelpferd und dem Roseneinhorn“. Ja, das gefiel mir. Ich ließ vor meinem geistigen Auge Bilder entstehen, spielte mit ihnen, lauschte in mich hinein und nahm meine Gefühle dazu wahr. Langsam tauchten die ersten Personen auf. Ich sah ein kleines, goldiges Kind, das selig und selbstvergessen auf einer blühenden Wiese spielte. Als Gegenpart erschien ein sehr trauriger Mann, der umgeben war von Staub und Dunkelheit. Warum? Ich ließ mich auf diese Wesen ein, fühlte in sie hinein und ließ sie erzählen, lernte sie kennen … und dann „kam“ die Geschichte zu mir, wuchs heran und die Bilder wurden klarer. Jetzt musste ich nur noch zum Stift greifen und schreiben:

Es war einmal vor langer Zeit eine kleine Prinzessin, gar lieblich anzuschauen. Sie war des Königs Augenstern und das Herzblatt der Königin. Die Untertanen des Reiches lebten satt und zufrieden in ihren Dörfern und Städten, waren fleißig und ehrbar und litten nur selten Not. Die Natur bot reichlich Nahrung für den Körper und Schönheit fürs Gemüt.
Es hieß im Volksmund, die kleine Prinzessin mit dem goldenen Haar sei nicht nur schön wie die Sonne selbst, sondern sie wäre auch der Garant für des Volkes Wohlergehen, denn seit ihrer Geburt vor acht Jahren hatte es keine Überflutung, keine wilden Stürme und auch keine Dürren mehr gegeben. Volk und Regenten priesen ihr Glück und fühlten sich innerhalb der Grenzen ihres Landes so sicher, dass sie nicht mehr auf die umliegenden Nachbarländer achteten.
Und so kam es, dass sie nicht bemerkten, wie groß die Not und der Neid im kleinen Land hinter den schroffen Bergen im Westen war. Die Menschen dort hungerten oft, denn Dürre und Heuschrecken hatten ihre Ernte zu oft vernichtet. Wölfe und Vielfraße trieben ihr Unwesen und rissen immer wieder Schafe und Ziegen. Der Herrscher dieses Landes war ohne Weib, ohne Kind. Einsam und bitter war sein Leben im Schloss. Sein einziger Trost war der Garten gewesen, den seine Fürstin im Jahr bevor sie im Kindbett starb, angelegt hatte. Damals, als er noch lachen konnte. Damals, als sein Leben noch Sinn und Ziel hatte. Doch selbst der Garten verlor mit der Zeit seinen Reiz, und er verkümmerte ohne Pflege, denn der Fürst hatte allen verboten, ihn zu betreten und er trug den Schlüssel immer bei sich.

An dieser Stelle stoppte ich, denn ich fühlte jetzt selber Trauer. Ein verkümmerter, ungepflegter Garten, sein Zugang verschlossen … Es gab eine Parallele zwischen dem Fürsten und meinem Leben. Oder? Was war mir verschlossen? Bevor ich mich in Verlustgefühlen verlor, schrieb ich lieber weiter. In schlechter Stimmung konnte ich nicht schreiben, also zog ich mich da schnell wieder raus. Tz, tz … „sich in Verlustgefühlen verlieren“ – das war ja wohl doppelt gemoppelt. Also, weiter im Text, Melissa, forderte ich mich selber auf.

Sein Volk klagte und jammerte. Sie sprachen heimlich zueinander, der Fürst trage die Schuld am Elend allenthalben, denn seit Jahren blase er Trübsal. Immer größer wurde die Unzufriedenheit, immer lauter knurrten die leeren Mägen, so dass es klang, als lebten keine Menschen, sondern brummige Bären im Land. Eines Tages wurde ihre Wut so groß, ihre Verzweiflung so übermächtig, dass sie sich zusammenrotteten und am Schlosstor lauthals Einlass begehrten.
„Der Fürst soll zu uns sprechen und sich nicht länger hinter schwarzen Fenstern verbergen! Er muss uns helfen, oder wir jagen ihn davon!“ Männer und Frauen drohten mit emporgereckten Heugabeln, Messern und Knüppeln und schrien gar laut. Alle Vögel im Umkreis des Schlosses flogen erschrocken auf und flatterten auf und davon.
Der Hauptmann der Wache eilte zum Kanzler und erstattete Bericht. Dieser rief nach dem Hofmagier und zu dritt eilten sie in den Thronsaal und verneigten sich tief vor ihrem Fürsten. „Herr, vergib uns die Störung, aber das Volk steht lärmend vor dem Tor und verlangt nach Euch.“
Der Fürst, dessen Augen so finster umschattet waren wie die großen Fenster von verstaubten, schwarzen Vorhängen verdunkelt, blickte auf und starrte den Kanzler, den Hofmagier und seinen Hauptmann verständnislos an. „Was will das Volk von mir? Es soll mich nicht in meiner Trauer stören. Weiß es nicht, dass seine geliebte Fürstin zu den Ahnen gegangen ist?“. „Herr“, so sprach der Kanzler, „gewiss teilen die einfachen Menschen Eures Landes die Trauer in Eurem gebrochenen Herzen. Doch sie hungern und darben auch. Das Glück hat dieses Land vor acht Jahren mit der Fürstin verlassen, und die Not wird größer und größer. Sie brauchen Eure Hilfe!“ Der Fürst dachte kurz nach. Dann schloss er ermattet seine Augen und sprach: „Ich kann mir nicht mal selbst helfen.“ Dann hüllte er sich in Schweigen.

Armer Fürst, dachte ich. Dir muss wirklich geholfen werden. Helfen, das war das Stichwort, welches mich aus meiner Schreibtrance riss. Meiner Mutter musste geholfen werden! Ich konnte das nicht länger wegschieben. Sie hatte doch neulich wirklich felsenfest behauptet, mein Bruder Benito, ihr erstgeborenes Kind, dessen kurze Existenz sie jahrzehntelang verschwiegen hatte, wäre zu ihr zu Besuch gekommen. Und überhaupt würde er sich mehr um sie kümmern als ich. Großer Gott, meine Mutter verlor ihren Verstand! Ich musste dieser Tatsache ins Auge sehen. Tante Ursula war leider längst verstorben, sie konnte ich nicht mehr fragen, wie schlimm es wohl wirklich sei. Aber Walther, mein lieber, skurriler, hypochondrischer Onkel lebte in Mutters Nähe auf Sylt. Ausgerechnet er, der alle Nase lang eine eingebildete Krankheit gehabt hatte, war der Gesündeste von allen. Dummerweise hatten die drei sich verzankt und redeten seit Jahren nicht mehr miteinander. Ob er trotzdem etwas über Mutter wusste?
Ich griff zum Telefon. Doch genau in diesem Moment schellte es an der Tür. Der Korbsessel knarrte, als ich aufstand. Mit etwas Glück würde es ein Kunde sein, der für seinen Garten etwas brauchte. Schnell richtete ich meine Frisur, als ich am Dielenspiegel vorbeikam, und öffnete die Haustür mit meinem professionellem „Was-kann-ich-für-Sie-tun“-Lächeln. Allerdings verging es mir gleich wieder, als ich Mirandas Klassenlehrer vor mir stehen sah.
„Guten Tag, Frau Winter.“
„Guten Tag, Herr Reimann. Ich bin überrascht, Sie hier zu sehen.“
„Ich wollte mich nach Mirandas Befinden erkundigen und fragen, ob sie vor den Sommerferien noch zum Unterricht wird kommen können.“
Vermutlich war das ein Irrtum. Es musste ein verdammter Irrtum sein. Wenn nicht, dann …
„Kommen Sie doch bitte herein.“ Ich öffnete die Tür ein Stück weiter und machte eine einladende Geste, unauffällig um meine Fassung ringend. „Lassen Sie uns in die Küche gehen und bei einer Tasse Kaffee über Miranda sprechen. Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben.“
Herr Reimann strahlte mich an. „Gern. Sie sind ja berühmt für Ihren Kaffee und die Trostkekse. Miranda hatte früher immer wieder mal welche in die Klasse mitgebracht. Sie sind wirklich köstlich.“
„Wie meinten Sie das bitte, Herr Reimann, ob sie vor den Sommerferien noch zum Unterricht wird kommen können? Ich verstehe das nicht.“ Ich griff zur Thermoskanne und schenkte uns einen Becher gewürzten Kaffee ein, griff zur Keksdose und stellte sie geöffnet vor ihn hin. Dann setzte ich mich gegenüber an den Tisch und mühte mich redlich, die Fassung zu bewahren.
„In der Entschuldigung, die Beata aus der Parallelklasse vorbeibrachte, hatten Sie mitgeteilt, dass Miranda … Oh, ich sehe es Ihnen an, liebe Frau Winter. Sie wissen nichts von dem Entschuldigungsschreiben? Und dass Miranda seit zwei Wochen nicht mehr in der Schule war?“
Der Keks, den ich in der Hand hielt, zerbröselte in meiner geballten Faust. „Dieses kleine Biest! Sie kommt jeden Tag pünktlich heim, isst was und verschwindet dann wieder zu Verabredungen. Ich hätte mir was dabei denken müssen, dass sie täglich pünktlich nach Hause kommt und nicht mehr herumstromert. Aber ich dachte, sie gibt sich jetzt mehr Mühe. Sie hat also in Wirklichkeit die Schule geschwänzt! Und dabei hat sie uns erzählt, sie und Frau Liebrecht hätten sich ausgesprochen und gegenseitig entschuldigt.“
Der Lehrer zog seine Augenbrauen hoch und gab einen trockenen, humorlosen Lacher von sich. „Keineswegs. Die Kriegsbeile wurden nie begraben. Wissen Sie, Frau Winter, ich hatte so ein gewisses Gefühl, was Mirandas Abwesenheit und die Entschuldigung angeht. Obwohl die Unterschrift echt wirkt. Haben Sie als Eltern eine Idee, weshalb das Kind sich so verändert hat? Ich habe den Eindruck, dass das Mädchen seine Lernbehinderung nicht mehr akzeptieren kann. Dabei hat sie Fortschritte gemacht, ich bin mir sicher, dass sie trotz allem das Zeug zu einem Hauptschulabschluss hat. Ich würde es gern sehen, wenn sie noch ein Schuljahr dranhängen würde.“
Ich wischte die Krümel vom Tisch in meine Hand und betrachtete sie, als wären sie Runen, die mir den Sinn erklären könnten. Doch dieser Keks taugte offenbar nicht als Weisheitsvermittler und ich ließ mein Bröselwerk im Ausguss verschwinden. „Miris Veränderung begann, als sie anfing, sich mit dieser Beata abzugeben. Sie hat einen wirklich schlechten Einfluss auf mein Mädchen. Aber das allein kann es nicht sein, es kommt auch aus Miranda selbst heraus. Sie hat große Probleme entwickelt, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen und mitzuteilen. Oft streitet sie mit uns. Alles, was man sagt, ist falsch. Manchmal reicht schon ein Blick, ein einziges Wort, und sie geht ab wie eine Rakete. Wir sind mit unserem Latein am Ende.“
„Nun, ich mache Ihnen einen Vorschlag, Frau Winter. Das ist nicht ganz astrein, was ich vorschlage, aber Miranda soll ihre Chance bekommen. Ich schlage vor, ich akzeptiere das Entschuldigungsschreiben als echt, wider besseres Wissen, und ihm Gegenzug sorgen Sie dafür, dass Miranda ab Montag wieder zur Schule geht. Tag für Tag, bis zum Beginn der Sommerferien. Und ich bestehe darauf, dass Sie entweder beim Schulpsychologen einen Termin machen, oder bei einem Berater Ihrer Wahl. Das kann so nicht weitergehen.“
Erleichtert stimmte ich zu. Wenn doch nur alle Lehrer an dieser Schule so wie Herr Reimann wären! „Ich verspreche Ihnen, dass ich meine Tochter persönlich zur Schule fahren werde und auch wieder abhole. Die ganze Woche bis zu den Ferien. Und wir werden uns um professionelle Hilfe bemühen.“ Als er das Haus verließ, rief ich ihm meinen aufrichtigen Dank hinterher und nahm dann einen Berg Trostkekse mit zu meinem Korbsessel. Geräuschvoll aß ich einen nach dem anderen und starrte finster vor mich hin. Gern hätte ich am Märchen weitergeschrieben, aber der Fürst hüllte sich immer noch in Schweigen.


Rezension folgt ...





Die Autorin


Marlies Lüer, gebürtige Niedersächsin, lebt mit ihrem Mann seit 2009 in Baden-Württemberg in einer herrlichen Weinberggegend. Sie begann 2011 ihre schriftstellerische Laufbahn als Indie-Autorin. "Miras Welt" ist der erste von vielen Romanen. Der Folgeroman ist "Melissas Welt". Derzeit ist u.a. eine Fantasy-Trilogie in Arbeit. Freuen Sie sich auf gute Unterhaltung!

Möchten Sie die Autorin und ihre Arbeiten näher kennenlernen? Besuchen Sie ihre Website: www.Kerzenschatztruhe.de







Marlies Lüer, Melissas Welt. Traumstunden Verlag



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