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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

24. Mai 2014

Marlies Lüer, Miras Welt



Die Autorin verwebt autobiografische Realität und Magie und entführt den Leser in Miras Welt, einen Altfrauen-Kokon aus Freundschaft, Liebe und Glaube. Die junge Journalistin Melissa, die innerhalb weniger Tage ihren Lebensmittelpunkt verliert, findet sich schließlich in „Gottes Gästezimmer“ wieder und gelangt in Miras Lindenhaus zu einer neuen Weltsicht. Sie taucht lesend in die Vergangenheit der Alten ein und erfährt, wie es ist, wenn eine Familie Krankheit, Tod eines Kindes und Trauer durchleben muss und dennoch zurück zur Lebensfreude findet. Leserstimme: Der Roman ist eine interessante Mischung aus verschiedenen Genres. Es ist ein bisschen so, als ob Bridget Jones auf die Magnolien aus Stahl treffen würde, und sie sich zusammen Life of Pi anschauen.


Leseprobe:

Szene: wie Melissa die alte Dame Mira kennenlernt, und warum

Ich arbeitete zu der Zeit an einer Reportage über deutsche Landfrauen, die altes spirituelles Brauchtum pflegten, insbesondere über die „Heilerinnen des Dorfes“, die das Wissen der Vergangenheit für die Nachwelt erhalten wollten. Ich hätte lieber eine echte Schamanin aus dem Altaigebirge interviewt, die Kontakte mit Tiergeistern herstellte, das Wetter machte und andere, für Westler seltsame, aber doch höchst eindrucksvolle Aktivitäten pflegte. Aber Linda, unsere Redaktionsleiterin, hatte mein Ansinnen sofort abgewimmelt, und zwar mit einem Hinweis auf die knappen Finanzen des Verlages. Schade.
Auf meiner Liste standen jetzt noch drei Adressen zur Auswahl für ein Interview, zwei davon lagen im Umkreis von 30 Kilometern. Ich warf einen Blick auf die Uhr: In zwei Stunden würde der Brunch geliefert werden. Bis dahin wollte ich den Text der Reportage in die vorläufige Endfassung bringen, die Fotos einarbeiten und die letzten Interviewpartnerinnen ausgewählt haben.
Hoffentlich war die nächste Frau nicht auch wie diese merkwürdige „Möchtegernschamanin“ aus Travemünde, von einem Nöck „vor dem Ertrinken bewahrt worden und lebte seitdem mit ihm in trauter (eingebildeter!) Zweisamkeit.“
Ich wünschte mir von Herzen, eine ernstzunehmende Gesprächspartnerin zu finden. Gab es eigentlich einen Schutzheiligen für geplagte Journalisten?
Während ich darauf wartete, dass eine gewisse Mira Mertens den Hörer abhob, ging ich im Geiste die bisherigen Ergebnisse durch. Von zweiundzwanzig Adressen hatten sich bisher nur vier als brauchbar erwiesen! So manch eine „Dorfhexe“ wollte etwas Besonderes sein, war es aber in Wirklichkeit nicht. Ich selbst stand dem Thema der Reportage mit einer Mischung aus Skepsis und Aufgeschlossenheit gegenüber.
„Ja? Hier Mertens am Apparat.“
„Frau Mertens, ich grüße Sie! Ich bin Melissa Fink vom Magazin „FRiZ, Frauen in der Zeitenwende“ und möchte Sie um ein Interview bitten. Vor einiger Zeit haben wir einen Leserbrief von Ihnen abgedruckt, zum Thema „Alternative Heilmethoden“. Sie berichteten von ihrer selbstgemachten Salbe, mit der Sie die Neurodermitis des Nachbarkindes heilten.“
„Also, geheilt würde ich jetzt nicht sagen, es war eine deutliche Besserung der Haut, mehr nicht“.
„Frau Mertens, wären Sie denn bereit, mir einige Fragen zu beantworten? Ich arbeite an einer Reportage über Dorfheilerinnen, die ihr Wissen an die Nachwelt weitergeben möchten.“
„Wie bitte? Ich kann Sie so schlecht verstehen, ich bin etwas schwerhörig und es rauscht grad so im Telefon. Schorffeilerinnen?“
„Nein, Dorfheilerinnen!“
„Was für Dachrinnen?“
Ich merkte, das würde schwierig werden und schielte schon zur nächsten Adresse auf meiner Liste.
„Junge Frau, wenn Sie netterweise zur mir nach Hause kommen würden und ich dann auch Ihre Lippen sehen kann, dann würde ich mich gerne mit Ihnen unterhalten, aber am Telefon ist mir das zu anstrengend, ich bin über 70 Jahre alt, das müssen Sie bitte verstehen. Und jetzt habe ich auch keine Zeit, weil gleich jemand kommt, dem ich die Karten legen soll.“
Kräutersalben und Kartenlegen? Vielleicht passte sie ja doch in die Reportage.
„Frau Mertens, wäre es Ihnen recht, wenn ich übermorgen, also Mittwoch, gegen halb zehn zu Ihnen komme? Das Gespräch würde etwa eine halbe Stunde dauern.“
„Übermorgen? Ja, meinetwegen. Wir können eine halbe Runde durch das Dorf gehen.“
„Halbe Stunde, Frau Mertens, das Gespräch würde eine halbe Stunde dauern!“
„Und wie war noch mal Ihr Name? Frau Fritz?“
„Nein, ich bin Frau Fink und arbeite für das Magazin „FRiZ“.
„Schön, schön, ich freue mich auf den Besuch, Frau Fink. Ich backe für uns dann was Leckeres, so erzählt es sich doch angenehmer.“
„Das ist wirklich nicht nötig, liebe Frau Mertens. Ich bin also Mittwoch um 9.30 Uhr bei Ihnen.“
(Gott, das hätte mir noch gefehlt, dachte ich. Kaffeekränzchen am Morgen, oder was?)
„Ach ja, Frau Fink, bevor wir auflegen, möchte ich Ihnen noch sagen, wie leid mir das mit dem Brief tut! Bis bald, und seien Sie pünktlich, liebe Frau Fink!“
Ich drückte die Leitung weg und wollte zur nächsten Kontaktnummer übergehen, da merkte ich, dass Frau Mertens etwas Seltsames gesagt hatte. Wieso tat ihr das mit dem Leserbrief leid? Wollte sie nun doch nicht über ihr Kräuterwissen sprechen, oder hatte die Kleine der Nachbarin Nebenwirkungen der Salbe gehabt und das war ihr nun peinlich, weil im Heft ihr Lesername vollständig abgedruckt gewesen war? Ich verstand das nicht und nahm mir vor, sie während des Interviews danach zu fragen. Nicht, dass ich mir die ganze Arbeit umsonst machte und mir vergebens die Zeit nahm, zu ihr zu fahren, und dann würde sie am Ende die Freigabe des Interviews verweigern!

Szene betreffs Melissas Wut auf ihren Freund (der mit ihr unverhofft Schluss macht)

Vor Wut und Enttäuschung heulend warf ich mein Handy aus dem Fenster. Ich hätte es ihm gern ins Gesicht geworfen! Aber ich traf nur die blöde, wiederkäuende Kuh hinterm Zaun. Zum Glück war das Fenster runter gekurbelt gewesen.
Die Kopfschmerzen waren wieder da. Sie klopften von innen an meine Stirn und begehrten Einlass.
Ach nein, sie waren ja schon in meinem Kopf. Was begehrten sie dann? Wollten sie raus? Meinetwegen.
Ich saß eine ganze Zeit lang aufs Äußerste angespannt im Auto, starrte vor mich hin und erging mich in Mordfantasien, in deren Mittelpunkt Hardy stand, und als Nebenfigur kam eine dralle Blondine vor. Naja, vielleicht war die Tochter vom Boss auch brünett und mager. Keine Ahnung.
Schließlich rief ich mich zur Ordnung und brachte meine Aggressionen unter Kontrolle, wie meine Therapeutin es mich gelehrt hatte. Dann stieg ich aus, um mein Handy zurückzuholen. Ich ging rüber zur Kuhweide, beugte mich leicht über den Zaun und suchte mein Handy, das überaus wichtige Kunden- und Geschäftsdaten in seinem Inneren barg. Mehrere Minuten suchte ich es, dann konnte ich es sehen. Und ich begann, hysterisch zu kichern.
Mein Handy lag in einem Haufen Kuhscheiße!
„Alles in Ordnung mit Ihnen?“
Ich erschrak und drehte mich um. Da stand aber nur eine junge Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging. Anstatt ihr Antwort zu geben, deutete ich nur auf mein Handy, das gerade vollständig in stinkender, grüner Biomasse absoff. Die Hundefrau grinste und zog wortlos ein schwarzes Beutelchen aus ihrer Hosentasche, das für die Beseitigung hündischer Hinterlassenschaften konzipiert war, drückte es mir in die Hand und ging dann vor sich hin lachend weiter ihres Wegs.
Leise fluchend ergab ich mich in mein Schicksal, kletterte über den Zaun, machte einen großen Bogen um die neugierige Kuh und griff dann, den Atem anhaltend, beherzt zu.
Nicht nur mein Handy lag in der Scheiße, mein Liebesglück lag dicht daneben und verschwand blubbernd vor meinem inneren Auge auf Nimmerwiedersehen.

Szene: Melissa beginnt in dem Buch zu lesen, und erfährt Intimes aus Miras Vergangenheit

Das Buch auf dem Nachttisch zog mich förmlich magisch an. Ich konnte mich noch zwei weitere Zeitschriften lang („Was bringt uns das Jahr 2012?“ und „Sommerbeeren in Hülle und Fülle!“) beherrschen, dann siegte meine Neugier über den Anstand und ich las weiter. Ich hatte ja ohnehin schon, ohne es zu wollen, die Privatsphäre meiner Gastgeberin verletzt, da kam es auf einige Seiten mehr auch nicht mehr an, dachte ich. Aber ich schämte mich auch ein wenig dafür. (So viel zu meiner Ehrenrettung.)
Es folgte eine Schilderung des ersten Lebensjahres von Martin, offenbar Frau Mertens Sohn, welches geprägt war von Krankenhausaufenthalten, einer Operation im sechsten Lebensmonat und der Erkenntnis, was es bedeutet, die Mutter eines behinderten Kindes zu sein:

Drei Tage später, ich kam gerade von einem Telefongespräch, war ich mit anderen Frauen im Fahrstuhl der Frauenklinik. Eine von ihnen kannte ich noch von den Voruntersuchungen. Sie fragte: „Na, ist jetzt ihre kleine Tochter da?“ „Nein, es ist ein Junge. Mein Gynäkologe hatte sich beim Ultraschall geirrt, als er sagte: Das wird zu 90% eine Tochter!“ Sie sagte munter: „Das macht doch nichts, Hauptsache gesund!“ Ich schaute ihr traurig in die Augen und erwiderte: „Er ist nicht gesund. Mein Sohn ist körperbehindert.“ Die Gespräche im Fahrstuhl wurden leiser und verstummten zum Teil. Jede der Frauen vermied es, mir in die Augen zu sehen, und war anscheinend erleichtert, als ich in der nächsten Etage ausstieg. Ich ging weinend in mein Zimmer, das ich mit zwei anderen Müttern teilte und vermied es nun meinerseits, ihnen in die Augen zu sehen und weinte still vor mich hin. Wie schädlich es für die Seele ist, Kummer zu verstecken, sollte ich erst Jahre später am eigenen Leib erfahren und verstehen.

Dann folgte eine Stelle, der mich aufhorchen ließ:

Einige Tage nach der Geburt hatte ich ein seltsames Erlebnis: Plötzlich fühlte und „sah“ ich, wie ein Geist neben Martins Wiege stand. Ich fühlte seine Emotionen und sah eine menschliche durchsichtige Gestalt, so als ob die Luft innerhalb der Umrisse etwas dichter sei. Dieser Geist (war es Martins Schutzengel???) sah mit großer Liebe, Wehmut und leisem Bedauern auf mein Kind. Als er merkte, dass ich ihn wahrnehmen konnte, verschwand er. Ich wunderte mich über seine Gefühle und die Botschaft, die darin war. So schlimm waren die Klumpfüße doch gar nicht! (Heute wundere ich mich darüber, dass ich mich damals nicht über die Erscheinung an sich gewundert habe.)

Das konnte ich mir nicht erklären, außer mit einer echten, paranormalen Veranlagung.  Ich erinnerte mich an Frau Mertens Worte über ihre Gespräche „mit Elfen.“ War die Behauptung, mit Elfen im Garten zu kommunizieren doch keine Altfrauenskurrilität? Sollte ich hier doch einer echten Begabung auf der Spur sein?
Dann beschrieb Frau Mertens, wie sie sich nach der Klumpfuß-OP ihres Babys gefühlt hatte, im Aufwachzimmer neben dem OP-Saal, und das ging mir so richtig zu Herzen:

Ich war tränenblind. Martin war schon wach und schrie aus Leibeskräften und konnte sich nicht beruhigen lassen. Er erkannte mich nicht einmal!
In seinen Augen waren Angst und Schmerz, Entsetzen und die Frage:
Warum hast du mich verlassen?

Bis heute und wohl bis ans Ende meiner Zeit verfolgt mich diese Erinnerung. tiefste Einsamkeit, Verlassenheit und panische, nackte Angst in den Babyaugen. Gibt es eine schlimmere frühkindliche Erfahrung?
Waren diese Ängste der Grundstein für die spätere seelische Behinderung?

So saß ich nun elend neben Martins Bettchen und versuchte, ihn mit meinen kalten Händen und meiner Stimme zu beruhigen – vergebens.
Sein Herzchen raste, seine Stimme war heiser. Hin du wieder fielen ihm vor Erschöpfung die Augen zu, doch nur für einige Sekunden. Beim nächsten Geräusch schreckte er wieder hoch und schrie weiter. Noch nie zuvor hatte ich mich so hilflos gefühlt!

Mit der „späteren seelischen Behinderung“ war wohl der Autismus gemeint, der am Anfang erwähnt wurde. Allerdings hatte nicht jeder Autist eine OP im Babyalter über sich ergehen lassen müssen. Aber es wunderte mich nicht, dass sie auf diesen Gedanken gekommen war. Dieses Erlebnis hatte aber auch in der Mutter seine Spuren hinterlassen:
Doch dann zuhause war es seltsam mit mir. Ich war irgendwie gar nicht richtig anwesend. Immer noch hörte ich all die Babys schreien, sah die Station vor meinem geistigen Auge. Ein Teil meiner Seele schien im Krankenhaus geblieben zu sein. In den folgenden Tagen wurde ich von unerklärlichen Ängsten und Visionen heimgesucht, über die ich mit niemandem sprechen mochte.

Es folgten dann Schilderungen über den Alltag mit zwei kleinen Kindern. Offenbar hatte Frau Mertens zwei Söhne zur Welt gebracht. Die ganze Familie war von der Therapie und was damit zusammenhing, beeinträchtigt:

Der Alltag wurde immer stressiger. Die Übungen schafften wir nur 4 bis 6x täglich (8x war vorgesehen), 3x in der Woche mussten wir die Krankengymnastiktermine wahrnehmen. Dazu kamen die üblichen zusätzlichen Arztbesuche mit Kleinkindern, Schichtarbeit, Berge von Wäsche, Staub in allen Ecken.
Ich wusste nicht mehr ein noch aus und versuchte krampfhaft, eine „gute Mutter und Hausfrau“ zu sein. Dass ich auch Ehefrau war, war mir nicht mehr wichtig, ich war viel zu erschöpft. Mein Mann war für mich in erster Linie Chauffeur, Einkäufer, Geldverdiener. Die Gefühle füreinander blieben leider weitgehend auf der Strecke. Wir waren übermüdet, fanden keine Gelegenheit für Entspannung und Gespräche.
Was war aus unseren Träumen vom Ehe- und Familienleben geworden? Die Realität war so ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Meine Jungmädchenträume zerbrachen Stück für Stück und die ehemals „heile Welt“ lag in Trümmern.

Ich legte nun das Buch aus der Hand und starrte eine Weile auf die Bettdecke, in meine Gedanken versunken. Inzwischen war die Sonne aufgegangen und die Vögel waren mitten in ihrem Morgenkonzert. Ich liebte diese Zeit des Tages. Auf der Diele waren nun Schritte zu hören, Frau Mertens war aufgewacht und ging umher.


Rezension folgt ...


Die Autorin
Marlies Lüer, gebürtige Niedersächsin, lebt mit ihrem Mann seit 2009 in Baden-Württemberg in einer herrlichen Weinberggegend. Sie begann 2011 ihre schriftstellerische Laufbahn als Indie-Autorin. "Miras Welt" ist der erste von vielen Romanen. Derzeit ist u.a. eine Fantasy-Trilogie in Arbeit. Freuen Sie sich auf gute Unterhaltung!
Möchten Sie die Autorin und ihre Arbeiten näher kennenlernen? Besuchen Sie ihre Website: www.Kerzenschatztruhe.de


Marlies Lüer, Miras Welt. Traumstunden Verlag




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