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Rezensionen

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8. Mai 2014

Véronique Ahyi-Hoesle, AYÉLÉ - Tochter im Schatten



In den sechziger Jahren in einer bürgerlichen Familie zur Welt gekommen, wird Ayélé nach ihrer Geburt und auf Befehl ihrer mütterlichen Großmutter einer Bauernfamilie anvertraut. Niemand, vor allem nicht ihr Großvater, Verteidiger der Apartheid und Sympathisant der Front National, darf von diesem Kind erfahren.
Wegen ihrer Farbe und der Gleichgültigkeit ihrer Eltern, wird Ayélé Opfer rassistischer Übergriffe an der Schule und sexueller Missbräuche in ihrer Adoptionsfamilie. Um weniger zu leiden, schafft sie sich eine imaginäre Welt, erfindet Sprachen und begleitet Youri Gagarin in den Raum.
Einige Jahre später öffnet ihre richtige Familie ihr die Haustür halb, aber Ayélé stößt sich an ihrer Mutter, dann an ihrer Großmutter, die, frustriert, nicht an der Universität studiert haben zu können, vom beruflichen Erfolg ihrer Tochter als ihre Stellvertreterin lebt und keine Demütigung auslässt, um diese zu schwarze Enkelin zu vertreiben. Ihr Vater, ein Künstler internationalen Renommees, hält Ayélé im Schatten, um den Schein der von seiner eisernen Lady geführten Ehe nicht anzukratzen.
Von ihren beiden Elternteilen verstoßen, erkennt sich Ayélé in den Minderheiten wieder, verkehrt regelmäßig unter afrikanischen Studenten und beschließt, sich im Senegal niederzulassen, wo ihre Farbe, wie sie meint, nicht mehr von Bedeutung sein würde. Aber sehr schnell sieht sie sich in Dakar einem hinterhältigen Rassismus und einer nur allzu oft heuchlerischen und opportunistischen Umwelt gegenüber.
Bei einem medizinischen Symposium begegnet Ayélé einem deutschen Biologen. Bei ihm findet sie, was sie immer gesucht hat: Liebe und Anerkennung. Er lehrt sie, ihre Farbe zu akzeptieren, lässt in ihr den Stolz entstehen, Mischling zu sein und preist ihren doppelten kulturellen Beitrag. Geleitet und heiter, verkörpert Ayélé eine Welt im Wandel, wo Rassen und Grenzen verschwimmen.


Rezension

Wie denn, was denn? Eine Tote
erzählt in Ich-Form von ihrem eigenen Begräbnis?
Im Grunde ein schriftstellerisches No-Go. Was haben wir doch darüber in Schreibkursen diskutiert! Ein Roman, in dem der Held abkratzt, darf die Geschichte nicht von ihm in 1. Person erzählt werden, PUNKT! Nun, keine Sorge, liebe Leser, im hier besprochenen Buch ist das natürlich auch nicht der Fall. Nur das 1. Kapitel handelt in ausgesprochen heiterem Tonfall der Toten von ihrem Begräbnis.
Ein interessanter Schachzug, der einen schönen Haken für den Leser darstellt.

Chronologisch
wie ich es gern mag, geht es gleich im nächsten Kapitel weiter. Eine abenteuerliche Lebensgeschichte fächert sich auf, eine Familiensaga, die voller Spannung ist. Es geht auch um Rassismus, Apartheid, mit denen Aylélé zu kämpfen hat, und wogegen sie kämpft.

Die Geschichte spielt in den 1960ern,
in denen die Protagonistin es als Mischling schwer hat. Mein Eindruck ist, es hat sich bis heute nicht viel geändert. Offiziell hat man zwar politisch korrekt zu sein, aber innerhalb der eigenen vier Wände oder leider auch in vielen Gruppen wird das nicht gelebt. Immer noch nicht. Ob es jemals soweit kommen wird, dass Menschen, egal welcher Hautfarbe, sich als Menschen, als ich und du begegnen werden? Ich bezweifle das.

Erzählstil und Sorgfalt
Ich zähle dieses Buch eindeutig zur Literatur im besten Sinne. Ausdruckstark, bildhaft, fließend und originell geschrieben, sehr kultiviert, ohne Info-Dump, kommt der Text daher. Sorgfältig und genau wird erzählt, abwechslungsreich. Was ich unbedingt noch erwähnenswert finde, ist die Übersetzung von Ulrich Hoesle, auch wenn er in seiner Bescheidenheit das nicht wollte. Der Stil ist perfekt.
Dieses Buch ist ein Highlight, defintiv.
Der Wermutstropfen: Es ist sehr kurz! Das finde ich schade, denn diese Romanbiografie gäbe noch viel mehr Seiten her!
Dennoch eine große Empfehlung meinerseits.

Elsa Rieger  





Leseprobe hier im SALON




Die Autorin
In Lyon geboren von einer französischen Mutter und einem Vater aus Togo, hat sie heute das Alter, wo Frauen Orchideen zum Geburtstag bekommen.
Nach ihrem Studium angewandter Fremdsprachen an der Universität von Lyon liebäugelt sie mit der Idee, Filmübersetzerin zu werden. Das Schicksal schickt sie in den Senegal, und sie wird Journalistin. Während ihrer Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Amina ist es ihr ein besonderes Vergnügen, afrikanischen Frauen zu begegnen, die sich für die Situation der Frau einsetzen und sich nicht um ihre politische Zukunft scheren. Sie arbeitet auch mit anderen Zeitschriften zusammen und beteiligt sich an der Einführung des ersten senegalesischen People-Magazins mit einem beißend ironischen Dossier über den Tjoff, den senegalesischen Yuppie. Schließlich gründet sie die erste Agentur für Presse und Public Relations von Dakar, AVA PRESS, die sie ca. zehn Jahre lang leitet.
Dann richtet sie sich in Laos ein, wo sie, überdrüssig den Mekong fließen zu sehen und den Reis wachsen zu hören, ihren ersten Roman "Ayélé, fille de l‘ombre" schreibt. Heute pendelt sie zwischen Frankreich und Burundi, und verfolgt ihre Schriftstellerberufung mit einem zweiten Roman.


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