Salon

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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

30. Juli 2014

Marlies Lüer, Miras Welt und Melissas Welt



Mira:
Die Autorin verwebt autobiografische Realität und Magie und entführt den Leser in Miras Welt, einen Altfrauen-Kokon aus Freundschaft, Liebe und Glaube. Die junge Journalistin Melissa, die innerhalb weniger Tage ihren Lebensmittelpunkt verliert, findet sich schließlich in „Gottes Gästezimmer“ wieder und gelangt in Miras Lindenhaus zu einer neuen Weltsicht.

Melissa:
Melissa Winter, geb. Fink, hat vor über zwanzig Jahren eine außergewöhnliche Frau kennengelernt: Mira Mertens, die im Auftrag der Engel arbeitete und verzweifelten Menschen Geborgenheit gab. Mira hatte auch ihr in großer Not geholfen und nahm die noch junge Melissa zu sich in das „Lindenhaus“ auf. Hier lebt Melissa nun mit ihrem Mann Robert und den Töchtern Hannah und Miranda, genannt Miri. Die spirituelle Macht der alten Mira reicht weit in Melissas Leben hinein und spendet auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch Schutz und Hilfe: in den prophezeiten Tagen des Schwarzen Hahnes.


Rezension:

Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.
Miras und Melissas Schicksale werden in zwei Romanen erzählt. Die Journalistin Melissa trifft im Rahmen einer Reportage auf die ältere Mira und damit eröffnet sich ihr eine andere Welt.

Esoterik, die Welt der Geistigkeit
der Heilerinnen und Heiler durch Kräuter, Engelsanrufung, dem zweiten Gesicht. Oft geschmäht und sogar verpönt in unserer Zeit, früher führte das „geheime“ Wissen zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen oder zur Suche nach dem Rezept, wie aus Stein Gold gemacht werden könnte.
Mira kann Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen, ist eine spirituelle Persönlichkeit, die trotz großer Schicksalschläge, die sie in einem Buch niederschrieb, ihren Lebensmut nicht verliert.

Dieser große Schicksalsschlag,
den autistischen Sohn aufzuziehen und schließlich doch zu verlieren, hat mich sehr berührt. Das ist derart authentisch beschrieben, dass ich vermutete, Marlies Lüer kennt diese Situation selbst nur zu gut. Und dann wusste ich es, Miras Sohn steht für den Sohn der Autorin. Meine Respekt, meine Hochachtung. Diese Lebenssituation ist in Miras Geschichte stilvoll erzählt. Oft sehr ernst, aber auch vergnüglich und heiter geht es durch die Geschichte.

Eine Freundschaft über den Tod hinaus
verbindet Melissa mit Mira. In dem Folgebuch wird das Leben der Melissa 20 Jahre nach Miras Tod beschrieben.
Dieser Band ist viel weltlicher, erdiger, es geht um vielerlei Probleme, rebellierender Teenager, die Ehe steht auf der Kippe, ein turbulentes Leben, das sich in Miras Haus, das Melissa mit ihrer Familie nun bewohnt, abspielt. Wie es ausgeht, wird natürlich nicht verraten.

Knackiger, flüssiger und eleganter geschrieben
ist dieser 2. Band. Man sieht, die Autorin beherrscht das Handwerk nun sehr gut. War der 1. Band vor allem durch das tragische Schicksals des Sohnes von Mira bestimmt, ist dieser hier sehr frisch, lebendig und griffig: Voll ins Leben!

Ich empfehle beide Bücher sehr gern.

Elsa Rieger  
   

Die Autorin
Marlies Lüer, gebürtige Niedersächsin, lebt mit ihrem Mann seit 2009 in Baden-Württemberg in einer herrlichen Weinberggegend. Sie begann 2011 ihre schriftstellerische Laufbahn als Indie-Autorin. "Miras Welt" ist der erste von vielen Romanen. Derzeit ist u.a. eine Fantasy-Trilogie in Arbeit. Freuen Sie sich auf gute Unterhaltung!



Möchten Sie die Autorin und ihre Arbeiten näher kennenlernen? 
Besuchen Sie ihre Website: www.Kerzenschatztruhe.de


Marlies Lüer, Miras Welt. Traumstunden Verlag

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Marlies Lüer, Melissas Welt. Traumstunden Verlag

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29. Juli 2014

Ruth M. Fuchs, Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel



Klappentext:

Graf Alexander von und zu Saragessa ist der Regent einer Insel, die vor allem von Fabelwesen bewohnt wird. Als zwei Geißenmädchen ermordet werden, spricht alles dafür, dass der einzige auf der Insel lebende Wolf der Mörder ist. Doch Alexander von und zu Saragessa ist sich da nicht so sicher und bittet Erkül Bwaroo um Hilfe. Der Elfendetektiv wappnet sich also gegen seine Seekrankheit und reist auf die Insel. Schnell muss er erkennen, dass Fabelwesen so ihre Eigenheiten haben.
Und das Morden ist noch nicht zu Ende.

Auch in seinem zweiten Fall steht dem Elfen mit dem stattlichen Schnurrbart und dem belgischen Akzent sein unerschütterlicher Diener Orges zur Seite. Allerdings wird der von den amourösen Absichten einer Katzenfrau etwas abgelenkt. Und welche Rolle spielt Bernard Fokke, den man auch den Fliegenden Holländer nennt?

Die Reihe „Erkül Bwaroo ermittelt“ ist eine humorvolle Hommage an die Kriminalautorin Agatha Christie und ihren berühmten belgischen Detektiv.

Leseprobe:

Die Tür unter dem Schild mit dem großen blauen Klecks führte in eine Bar, die genau so aussah, wie man sie sich bei einem Namen wie 'Der blaue Papagei' vorstellte. Der fensterlose Raum war nur spärlich mit Kerzen beleuchtet, die in Flaschen steckten, von denen unter dem herabtropfenden Wachs ganzer Kerzengenerationen fast nichts mehr zu sehen war. Die Luft war rauchgeschwängert. Ein intensiver Rumgeruch stand über den kleinen runden Tischen und dreibeinigen Hockern, die wahllos herum standen. Decke und Wände waren mit Fischernetzen, Palmwedeln und Flaschen in Bastgeflecht dekoriert. Der Raum wurde von einem gewaltigen Tresen beherrscht, hinter dem ein wohlbeleibter Mann mit einem Stierkopf stand und Gläser polierte. Ein Prachtexemplar von einem Minotaurus. Neben ihm auf einer Stange saß passend zum Namen des Lokals ein ausgestopfter, blauer Papagei. Einige Gäste waren bereits da, aber es ging ziemlich ruhig zu.
Erkül Bwaroo trat an diesen Tresen, gefolgt von Sergeant Gilliver, der sich in seiner Haut nicht so recht wohl zu fühlen schien. Während letzterer zurückblieb, versuchte Bwaroo, sich auf einen der aufgereihten Barhocker zu hieven, was ihm nicht leicht fiel. Doch schließlich saß er oben.
„Ich hätte gern ein Glas trockenen Rotwein“, wandte er sich an den Gläserpolierer. „Wenn das möglich ist...“
„Klar doch“, antwortete der Angesprochene in tiefem Bass. „Wie wäre ein Lausiger Froschnacken? Sehr guter Jahrgang! Purpurn im Glas. Füllig im Geschmack. Typische Aromen, die an Stachelbeere, Johannisbeere und frisch gemähtes Gras erinnern, als idealer Auftakt des Abends. Mit einer herben Sanddornnote auf der Zunge, erdig im Abgang.“
Erkül Bwaroo hob die Augenbrauen.
„Frisch gemähtes Gras?“, vergewisserte er sich. „Woher wissen Sie denn, wie frisch gemähtes Gras schmeckt?“
„Die Charakterisierung ist nicht von mir. Es ist die einhellige Meinung der Winzergenossenschaft, die diesen Wein klassifiziert hat. Ich persönlich halte ihn vielmehr für einen Charakterwein mit kraftvoller, mineralischer, intensiver Struktur, wenn Sie es genau wissen wollen.“
Bwaroo strich sich den Schnurrbart. Einen Sommelier hatte er am Tresen einer Bar wie dieser nicht erwartet.
„Oder ein Heuburger Trogpisser“, bot der Weinexperte derweil unbekümmert an. „Rotbraun im Glas, merkliche Süßholz-Aromen. Am Gaumen Noten von schwarzen Johannisbeeren und fein integrierte Eichen-Anklänge.“
„Hervorragend“, sagte da eine vertraute Stimme. Der Fliegende Holländer kam gerade zur Tür herein, dicht gefolgt von Anna.
„Pedro“, fuhr er fort, „das ist übrigens der Barkeeper hier und nebenbei auch noch der Eigentümer der Bar, kann Ihnen da einen ganz ausgezeichneten Jahrgang anbieten; herb, aber nicht kratzig und – ein Seebär wie ich weiß das besonders zu schätzen – nicht zu viel Gerbsäure, was bedeutet, dass Sie auch etwas mehr davon trinken können, und trotzdem haben Sie morgen früh keinen Kopf so breit wie eine Schiffskombüse, weshalb ich mich, wenn Sie gestatten, Herr Bwaroo, Ihnen anschließe, falls Sie sich für diesen Wein entscheiden sollten.“
Der Elf gab seine Zustimmung und Fokke schob sich mühelos auf den Hocker neben ihm, während Anna stehen blieb.
Pedro aber bückte sich, holte eine Flasche unter dem Tresen hervor und goss ein wenig daraus in ein Weinglas, das er dem Elf hinstellte. Der hob es gegen das Licht, betrachtete die dunkelrote Flüssigkeit, schnupperte daran und nahm dann einen Schluck, den er prüfend auf der Zunge behielt, ehe er schluckte.
Très bon“, nickte er anerkennend und stellte das Glas wieder vor Pedro, der es nun füllte.
„Und Sie, Sergeant?“ wandte sich der Minotaurus an Gilliver. „Ein Erdbeerlikör, wie immer?“
„Nur ein Glas Wasser, bitte“, erwiderte der Zwerg jedoch und versuchte sich größer zu machen, als er war. „Ich bin im Dienst.“
„Natürlich“, Pedro griente ihn an, servierte aber das Gewünschte.
„Ich hätte erwartet, dass Sie eher etwas Stärkeres wählen“ bemerkte Bwaroo, als nun auch dem Holländer ein Glas gereicht wurde, das er zwischen den Handflächen drehte, ehe er trank.
„Seeleute und Rum“, bestätigte der. „Da ist schon was dran, denn wer hat auf so einem Segelschiff schon Platz für einen Weinkeller! Ich habe in meiner Jugend auch so einiges geschluckt und je stärker, desto besser, sollte ja schließlich möglichst bald eine Wirkung einsetzen nach der anstrengenden Arbeit, und anstrengend war sie wirklich. Aber inzwischen haben wir umgerüstet auf Solarzellen und ein bisschen Magie, das Beste aus zwei Welten sozusagen, was einen großen Unterschied macht, Sie würden es nicht glauben! Die Fortschritte, die die Technik in hundert Jahren macht, hauen mich jedes Mal aufs Neue um, wenn wir unseren Besuch in der Parallelwelt machen, zu dem wir ja immer noch gezwungen sind, fluchbedingt sozusagen, und uns all den Schnickschnack zulegen, den es neu gibt und von dem wir denken, dass wir ihn brauchen könnten.“
„Polly will 'n' Keks!“ ließ sich da der Papagei vernehmen und sträubte sein Gefieder. Er legte den Kopf schief und erwiderte ungerührt den erstaunten Blick des Detektivs, dem erst jetzt klar wurde, dass das, was er für einen ausgestopften Papagei gehalten hatte, in Wirklichkeit ein quicklebendiger Vogel war.
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du die Gäste nicht anbetteln sollst“, schalt ihn Pedro ungehalten. „Du tust ja, als würde ich dich verhungern lassen, Polly.“
„Verfluchter Knickerer“, antwortete der Vogel. „Armleuchter. Analbaron. Hol dich der Teufel.“
„Na, gehörnt bin ich ja schon“, lachte Pedro und strich mit der Hand über eines der beachtlichen Hörner, die seiner Stirn entsprossen.
„Hodenbussard“, konterte Polly.
„Sie müssen die drastische Ausdrucksweise entschuldigen“, wandte sich Bernard Fokke an Bwaroo. „Pedro hat den Vogel seinerzeit mitsamt der Kneipe übernommen, und sein Vorgänger war der Meinung, dass Flüche gut zum Ambiente passen, weshalb er Polly eine Menge davon eintrichterte.“
„Verstehe“, behauptete der Elf, warf aber einen missbilligenden Blick auf den Vogel, der ihn mit einem „Was glotzt'n du so blöd, du Ogerlurch?“ bedachte.
„Haben Sie mit Ihrer Mannschaft gesprochen?“ meldete sich da Gilliver zu Wort, dem sehr daran gelegen war, zum Anlass des Besuches zu kommen. Er zupfte nervös an seiner Uniform herum und nahm einen tiefen Schluck von dem Wasser, das er geordert hatte. Immer wieder sah er sich betont unauffällig um.
„Meine Mannschaft, klar doch – hab jeden einzelnen befragt und dann nochmal alle zusammengerufen und versucht, durch die Gruppe noch etwas herauszufinden, so im Kollektiv, wenn Sie verstehen, was ich meine, weil, wenn man zusammensitzt und seine Gedanken austauscht, kommt oft etwas dabei heraus, an das ein Einzelner gar nicht gedacht hätte, oder eine Kleinigkeit, die man so für sich allein überhaupt nicht für wichtig angesehen und deshalb gar nicht erst erwähnt hätte, wie ich schon oft bemerkt habe und deshalb mache ich das auch ganz gerne!“ Der Seemann nahm noch einen Schluck Wein, warf Anna einen freundlichen Blick zu, als wolle er sich entschuldigen, dass er sie so lange ignorierte. „Mein Steuermann Peter war der Einzige, der glaubte, etwas gehört zu haben, obgleich er sich nicht sicher war, aber er meinte, er hätte so etwas wie einen Schrei gehört oder eigentlich sogar mehrere, die, wie soll ich sagen, dann aber immer angestrengter klangen, weswegen er dachte, dass sich da ein Pärchen vergnügt und der weibliche Teil... nun ja... sehr viel Vergnügen dabei empfand.“
„Bumsnuss, Kuttenluder“, kommentierte Polly.
„Viel zu hören in dieser Nacht“, ließ sich da Anna vernehmen, „wenn der Mond so golden lacht. Wolfsgeheul und Mädchenkicher, sanfte Wellen, verdrießlicher...“
„Wolfsgeheul? Dann war es also doch unser Wolf?“ Eifrig beugte sich Gilliver nach vorn und vergaß darüber sogar seine Nervosität.
Doch Anna verzog nur den Mund und drehte sich einmal im Kreis.
„Bartholomäus, ein sanftes Lamm“, trällerte sie dann. „War da für Anna die Elfe dann und wann. Fidel und froh beim Glockenklang. War niemals eine Gefahr. Traulicher Geselle. Kokolores. Sternenstaub.“
„Wegen des Jungen habe ich auch nachgeforscht, aber eher noch weniger herausbekommen, was eigentlich auch nicht so sehr verwunderlich ist, denn Seemänner verstehen sich zwar auf die Beobachtung von Wind und Wetter und natürlich des Sternenhimmels zur Navigation, aber kleine Jungs treiben sich haufenweise im Hafen herum – nun, vielleicht nicht haufenweise, aber doch oft – weil sie es dort einfach aufregend finden, und da achtet man als Matrose einfach bald nicht mehr drauf, so dass es gar nicht auffällt, wenn da so ein Geißenjunge herumläuft, wobei hier auch noch erschwerend dazu kommt, dass man erst einmal den Unterschied zwischen einem solchen Jungen und beispielsweise einem halbwüchsigen Faun kennen sollte, gerade hier auf dieser Insel.“
„Derlei habe ich schon befürchtet“, nickte Bwaroo. „Aber danke, dass Sie es versucht haben.“
„Kleiner Junge mit weißem Fell, husch und fort, auf der Stell...“
„Was hast du gesehen, Anna?“, forschte der Zwerg. „Nun sag schon...“
„Tirili!“ Anna stupste den Holländer neckisch an und tänzelte dann zur Tür.
„Halt, hiergeblieben!“ Gilliver wollte ihr nach, wurde aber von Fokke am Arm gepackt.
„Nun mal langsam, Sergeant“, sagte er. „Sie wissen doch, welchen Unsinn Anna den lieben, langen Tag von sich gibt!“
„Kanisterkopf. Blödmann. Knallarsch.“
„Na ja, schon.“ Der Zwerg gab seine Versuche auf, sich aus dem eisernen Griff des Seemanns zu befreien. Enttäuscht wandte er sich wieder seinem Glas Wasser zu.
Erkül Bwaroo aber sah den Holländer an und zog fragend die Augenbrauen hoch. Doch Fokke zuckte nur mit den Schultern und grinste breit.
„Klapskalli!“
„Halt die Klappe, Vogel!“ Der Minotaurus warf mit dem Handtuch, mit dem er bei Bwaroos Eintritt die Gläser poliert hatte, nach dem Papagei. „Wenn du übrigens Herzelinde entgehen willst, solltest du allmählich die Fliege machen“, wandte er sich dann unvermittelt wieder an den kleinen Polizisten. „Sie müsste gleich hier sein.“
„Tatsächlich?“ Sofort sah sich Gilliver wieder nervös nach allen Seiten um.
„Polly will 'n' Keks!“ Der Vogel hielt das Tuch mit einer Kralle fest, nahm einen Zipfel in den Schnabel und kaute darauf herum.
„Vielleicht sollten Sie gehen und Ihren Bericht schreiben oder so“, schlug Bernard Fokke freundlich vor. „Außer Peter hat nämlich niemand von meinen Männern was gehört, weswegen sie ihn auch alle ausgelacht haben, was ihn aber nicht gestört hat, denn er meinte, er sei sich ganz sicher, zumindest was die Geräusche angeht – nicht unbedingt wegen der Ursache für die Geräusche, aber immerhin.“
„Ja, vielleicht sollte ich das tun...“ überlegte der Zwerg und war fast schon an der Tür.
„Ach, und Sergeant“, hielt Bwaroo ihn da noch auf. „Ich denke, Anna müssen Sie nicht erwähnen.“
„Nein, glaub ich auch nicht“, stimmte ihm Gilliver zu und war dann auch schon weg.

„Entschuldigen Sie, wenn ich so neugierig bin, aber wer ist Herzelinde?“ wandte sich der Erkül Bwaroo an Pedro.
„Eine Sirene, die hier jeden Abend auftritt“, erklärte dieser. „Die beiden hatten mal was miteinander, und Herzelinde ist immer noch stinksauer auf ihn, weil er Schluss gemacht hat.“
„Pfeifenheini“, bekräftigte Polly, verstummte jedoch gleich wieder, als ihr der Minotaurus einen bösen Blick zuwarf.
„Ein Zwerg und eine Sirene?“ Fokke machte ein verdutztes Gesicht. „Was es nicht alles gibt. Haben Sirenen nicht einen Fischschwanz? Wie haben denn die beiden da... ich meine... wenn die beiden sich näher kamen, wie haben sie dann...“
Erkül Bwaroo konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es war ein erhebender Anblick, den Seebären einmal sprachlos zu sehen. Pedro öffnete den Mund, kam aber nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben, denn die Tür ging auf, und eine junge Frau schwebte herein. Sie war eine spektakuläre Schönheit, mit golden glänzendem Haar, das ihr bis zur Hüfte fiel und einem schlanken, zarten Körper, der von einem enganliegenden, dunkelblauen Kleid mehr betont als verhüllt wurde. Ihre großen Augen waren so blau wie ein Sommerhimmel, und ihr Mund glich einer Rosenknospe.
„Herzelinde!“ begrüßte Pedro sie herzlich. „Du bist früh dran.“
Erkül Bwaroo betrachtete die junge Dame genauer. Von einem Fischschwanz keine Spur. Nur an der Unterseite ihrer Arme glänzten silbrige Schuppen und am Hals hatte sie auf jeder Seite vier parallele Schlitze, die sich rhythmisch öffneten und schlossen – vermutlich Kiemen.
„Bin ich nicht“, fuhr sie Pedro an, ohne sich weiter um den Elfen oder den Menschen zu kümmern. Ihre Stimme klang ein wenig schrill. „Ich hab diesen Dreckskerl von einem Zwerg eben weglaufen sehen...“
„Drecksack, Kotzbrocken, Hannefatzke.“
„Ruhe, Polly.“
„Lass den Vogel doch, er hat doch recht!“ Herzelinde schenkte dem Papagei ein Lächeln, nahm eine Erdnuss aus einer der Schalen, die auf dem Tresen herumstanden und reichte sie dem Vogel, der sie vorsichtig mit dem Schnabel entgegennahm.
„Jaja“, brummte Pedro. „Seit du hier arbeitest, hat sich sein Repertoire erheblich vergrößert.“
„Der Unhold hat mich einfach so sitzen lassen!“ jammerte Herzelinde da mit tränenerstickter Stimme. „Ich habe ihm mein Herz geschenkt, und dieser Mistkerl...“
„Ja, ich weiß“, unterbrach sie der Minotaurus. Seine Miene zeigte, dass er die Geschichte schon bis zum Überdruss gehört hatte. „Aber du hast ja auch jeden Abend recht eifrig geflirtet. Und dass der Kleine dann immer finsterer drein sah, hat dir gut gefallen.“
„Flirten gehört zum Beruf. Da ist nichts dahinter“, verteidigte sich Herzelinde schnippisch.
„Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische“, sprach Erkül Bwaroo sie da an, „aber merken Sie sich bei Ihrer Darbietung die Gäste, die anwesend sind? Schon wegen des berufsbedingten Flirtens, wie Sie ja selbst sagen. Denn es ist ja bestimmt nicht einfach, so die Balance zu halten, damit sich niemand zu viele Hoffnungen macht.“
Die Sirene musterte den Elfen von oben bis unten und schien sich keinen Reim auf ihn machen zu können. Da auch weder Pedro noch Fokke Anstalten machten, Bwaroo vorzustellen, beschloss sie schließlich, ihn von oben herab zu behandeln. Sie warf den Kopf zurück und lächelte ihn an.
„Stammgäste kenne ich selbstverständlich“, gab sie huldvoll bekannt. „Aber im Grunde sind alle gleich uninteressant. Vielleicht mal abgesehen von Gerald Hagedorn.“
„Ach, der ist anders?“
„Oh ja“, nun bekam die Sirene geradezu glänzende Augen. „Er hat so etwas Animalisches...“
„Animalisch? Der?“ Pedro verzog das Gesicht, als müsse er einen Lachanfall unterdrücken. „Dieser harmlose Sonderling?“
„Er hat Stil“, behauptete Herzelinde. „Im Gegensatz zu dir.“
„Armleuchter. Hosenschleicher“, Polly fand anscheinend, dass es wieder an der Zeit war, sich zu Wort zu melden.
„Warum gehst du nicht in deine Garderobe und legst dich noch ein bisschen hin.“ Der Minotaurus war diplomatisch genug, nicht auf Herzelindes Spitze einzugehen. „Deine Fans sollen dich doch in Höchstform erleben.“
„Du hast recht“, gab die Sirene zu und ging am Tresen vorbei zu einer kleinen Tür, hinter der sie verschwand.
„Künstler“, grummelte Pedro, als sie weg war. „Ein ganz eigenes Volk.“
„Sirenen habe ich mir ganz anders vorgestellt“, stellte Fokke fest. „Dabei sollte man meinen, dass ein Seefahrer wie ich irgendwann mal der einen oder anderen begegnen müsste, was aber nicht der Fall war, in all den Jahren nicht, und hier habe ich bisher auch noch nie eine gesehen.“
„Hab sie engagiert kurz nach deinem letzten Aufenthalt hier“, erläuterte Pedro.
„Und warum weiß ich immer noch nichts davon, dass hier jetzt eine Sirene singt?“ fragte Fokke anklagend. „Ich bin jetzt immerhin schon seit vier Wochen zurück!“
„Ist doch nicht meine Schuld, dass du genau dann kommst, wenn Herzelinde Urlaub macht“, verteidigte sich der Minotaurus. „Außerdem ist sie jetzt schon eine Woche wieder da, aber du bist ja nicht aufgetaucht!“
„In letzter Zeit war ich beschäftigt...“
„Anna, hm?“
„Wieso?“
„Nur so.“
„Schmalspurrüpel", verkündete Polly. "Softeisbubi. Furunkelklemmer.“
„Und warum ist Mademoiselle Sirene nicht im Meer, wo sie doch eigentlich hingehört?“ Der Elf nahm einen Schluck Wein.
„Sirenen lauern mittlerweile keinen Schiffen mehr auf.“ Pedro warf dem Papagei einen bösen Blick zu. „Die meisten haben das Meer verlassen. Die mit den schönen Stimmen versuchen sich als Sängerinnen. Die anderen arbeiten im Handwerk. Zum Beispiel bei Malern, wo sie mit Singen die Farbe abbeizen. Die mit den schrillsten Stimmen zersingen Gläser. Herzelinde gehört eindeutig zu ersteren. Sie ist noch nicht lange bei uns. Aber ihr Erfolg ist beachtlich. Bleiben Sie doch, bis sie auftritt.“
„Ist Gerald Hagedorn auch so von ihr angetan, wie sie anscheinend von ihm?“ wollte Erkül Bwaroo statt einer Antwort wissen. „Und die beiden Geißlersöhne? Monsieur Hagedorn erwähnte, sie hier schon gesehen zu haben.“
„Der Sekretär unserer Durchlauchtigkeit ist öfter da, ja.“ Pedro hob die Schultern. „Aber er bleibt immer für sich und sagt nicht viel. Keine Ahnung, ob er wegen Herzelinde kommt. Aber ich glaube eher nicht. Er schaut sie kaum an. Die Geißlersöhne aber, die sind hin und weg von ihr. Na ja, in dem Alter kochen die Hormone hoch.“
„Sind die beiden nicht noch ein wenig jung für so eine Bar?“
„Eigentlich ist es mir ganz recht, wenn sie hier sind. Die beiden sind im Grunde in Ordnung, was man von ihren Freunden nicht gerade behaupten kann. Hier habe ich sie im Auge – natürlich bekommen sie keinen Alkohol. Aber sie sind weg von der Straße und sie benehmen sich. Schon, um Herzelinde zu gefallen.“
„Dann gab es noch nie Ärger?“
„Nein!“ Der Minotaurus lachte laut auf. „Die beiden himmeln das Mädel aus der Ferne an. Aber keiner von denen traut sich auch nur, sie anzusprechen.“
Er nahm mit einer raschen Bewegung Polly das Handtuch weg und besah sich kopfschüttelnd das Loch, das der Vogel hinein genagt hatte.
„Ich hörte, Sie sind gut mit der Geißlerfamilie bekannt“, setzte der Elf das Gespräch fort. „Besonders mit dem Jungen, der entführt wurde.“
„Ziegfried, ja.“ Pedro seufzte und sah mit einem mal sehr traurig aus. „Scheußliche Sache.“
„Sie kennen ihn gut?“
„Sehr gut sogar. Wir haben uns angefreundet, da konnte er kaum laufen. Inzwischen bin ich wohl so etwas wie ein Ersatzvater für ihn.“ Der Minotaurus begann, mit dem Tuch geradezu verbissen die Theke abzuwischen. Plötzlich hielt er inne und schaute Bwaroo eindringlich an. Seine Augen glommen rot. „Wenn ich den Kerl erwische, der Ziegfried verschleppt und ihm womöglich etwas angetan hat...“
„Milchbubi, Weichei, Jammerlappen“, krächzte Polly.
Pedro schoss dem Vogel einen Blick zu, bei dem der Elf sich wunderte, dass der Papagei nicht augenblicklich in Flammen aufging.
„Vielleicht ist der Kleine einfach von zuhause ausgerissen“, vermutete Fokke. „Bin ich auch, als ich vierzehn war.“
„Ziegfried ist erst acht“, grollte der Minotaurus.
„Auch mit acht kommt man manchmal auf dumme Ideen“, lachte der Holländer. Seine unbekümmerte Art hatte eine beruhigende Wirkung auf den Barmann. Dessen Blick klärte sich, und er atmete mehrmals tief durch.
„Wenn Sie mich entschuldigen, meine Herren“, murmelte er. „Ich muss ein neues Fass Bier anstechen.“ Damit verschwand auch er durch die kleine Tür.


Die Autorin:




Ruth M. Fuchs, Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel

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24. Juli 2014

Die Löffel-Liste - 13 bunte Lebensträume



Haben Sie eine Löffel-Liste?

Diese Liste mit den Dingen, die man erleben möchte, bevor man „den Löffel abgibt“? Wer hat als Kind nicht davon geträumt, mit einem Delfin zu schwimmen oder als Teenager, mit einem schweren Motorrad die Route 66 entlangzufahren. Der erwachsene Mensch möchte auf dem Jakobsweg pilgern, Fallschirm springen, auf den höchsten Berg der Welt klettern oder …

Was wäre Ihr Lebenstraum?
13 Autorinnen und Autoren haben sich diese Frage gestellt und ihren Traum in einer Kurzgeschichte Realität werden lassen. Darunter sind Wünsche nach Freiheit, Veränderung, Erfüllung, Liebe, Gerechtigkeit und Abenteuer. Der Leser wird fasziniert von den wirklichkeitsnahen Emotionen, Handlungen, Beschreibungen und Dialogen.

Ob es dabei tatsächlich um persönliche Lebensträume geht oder um Fantasie, wird nicht immer verraten.


Leseprobe

Die Straße der Tränen
Manu Wirtz

Camel Trophy 1984 in Brasilien.
Seit Tagen fuhren wir durch ein feuchtwarmes, irrlichterndes grünes Halbdunkel. Der schwere Land Rover holperte langsam über die mit Rissen, Pfützen und Kratern übersäte Dschungelpiste. Aus dem Cassettenrecorder kreischte NDW-Star Markus sein "... ich mach Spaß, ich geb Gas, ich geb Gas ...". Ich schnaubte ironisch durch die Nase und blickte zum wiederholten Mal auf die Uhr. »Wir sind den anderen Fahrern mindestens eine Stunde hinterher, wenn nicht noch mehr«, sagte ich frustriert.
Plötzlich kippte der Wagen mit dem rechten Vorderreifen in einen Krater. Durch die heftige Bewegung wurde ich gegen die Seite geschleudert und schlug mit dem Kopf an den Türholmen. Eine rote Wasserfontäne spritzte in die Höhe und klatschte ihren Schlamm an die Windschutzscheibe. Für einen kurzen Augenblick waren wir blind. Dann schaltete der Fahrer die Scheibenwischer ein und hektisch verschmierten die Gummis den Dreck.
»Au verdammt Ulli«, ich rieb mir die schmerzende Schädelseite. Allmählich wurde die Sicht nach draußen klarer und durch die rotbraunen Streifen auf dem Glas blickten wir direkt in eine aufgewühlte Brühe, die bis über die Motorhaube schwappte. Vor unserem schiefen Wagen breitete sich ein riesengroßes Schlammloch aus.
»Kruzifix«, schimpfte Ullrich, schaltete krachend den Rückwärtsgang ein und gab Gas. Der Dieselmotor heulte auf und die Reifen drehten auf dem Untergrund durch. Ich spürte, wie der zwei Tonnen schwere Jeep immer tiefer in dem weichen Lehm einsank und sich gefährlich zur Seite neigte. »Stop«, schrie ich und schaute durch das Seitenfenster nach unten. Die Beifahrertüre steckte bereits bis zur Hälfte im Modder fest. Ulrich schaltete in den Leerlauf und blubbernd kam der Land Rover zur Ruhe. Mit der Hand fuhr er über sein schweißnasses Gesicht und blickte mich betreten von der Seite an. »Tut mir leid. Hab für nen Augenblick nit uffpasst«, entschuldigte er sich. Seine übermüdeten Augen waren rot gerändert. »Wie sieht es auf deiner Seite aus?«
»Wir stecken fest«, sagte ich, »Hier komm ich nicht raus.« Ich löste den Gurt und drehte mich auf dem Sitz um. Zwischen den gestapelten Ausrüstung- und Gepäckstücken suchte ich nach der Maglite. Ohne lichtstarke Taschenlampe war in dem dunkelgrünen Schatten des brasilianischen Urwaldes nur wenig Sicht am Boden möglich. Ich ertastete die Stablampe an meinem Rucksack und zog sie hervor. Der Fahrer hatte unterdessen die Tür geöffnet und kletterte hinaus. Ich stieg über seine Seite auch aus dem Land Rover. Draußen versanken wir sofort knöcheltief im Morast.
»Urrg«, kam es von Ulli.
»So krieg ich meine Füße nie trocken«, maulte ich. Ich reichte die Maglite an den jungen Mann und stapfte mühsam auf die Rückseite zu. Der Hinterreifen ragte eine Handbreit über dem Schlamm. Von dem Profil war nichts mehr zu sehen, es verschwand in einem zentimeterdicken roten Brei. Durch die Schieflage musste ich mich anstrengen, die hintere Türe zu öffnen. Zuerst holte ich die Schaufel heraus und steckte sie in die nasse Erde. Dann kletterte ich zu der Dachreling und löste die Halterung der vier Sandbleche. Die Blechprofile sollten den Rädern Grip geben, dass sie wieder festen Boden erreichen konnten. Von oben sah ich den Fahrer unseres Teams auf den Bauch liegen und mit der Taschenlampe den Unterboden kontrollieren.
»Wie sieht es aus?«, rief ich hinab.
»Die Kardanwelle hat aufgesetzt. Himmearschundzwian«, schimpfte er. Ich hatte inzwischen die Sandbleche gelöst und warf sie in den Matsch. Dann kletterte ich hinunter. Ulrich war auch aufgestanden und wischte sich ein paar Klumpen Lehm von seinem Hemd. Die Erschöpfung zeichnete tiefe Falten in sein verschmiertes Gesicht. Wir sahen uns kurz an. Schweigend steckte er die Maglite an seinen Gürtel und griff sich die Schaufel. Ich holte unterdessen das erste der Sandbleche. Wie selbstverständlich teilten wir die Aufgaben unter uns auf. Nach zehn Tagen Camel Trophy waren wir ein eingespieltes Team, das sich ohne Worte verstand. Der junge Mann kniete sich in den Schlamm und fing an, die nasse Erde von dem Bodenblech wegzuschaufeln. Ich klemmte inzwischen ein Sandblech unter das Hinterrad. Ich hatte aufgehört zu zählen, wie oft wir mit dem Geländewagen im Dreck stecken geblieben waren.

Der Transamazonica Highway, auf dem wir fuhren, war ein Monstrum aus Lehm, Regen, Moskitos, Schweiß und Tränen. Fehler verzieh die Piste durch den Dschungel nicht, eine Unterschätzung oder Unachtsamkeit rächte sich bitter. Jedes der zwölf Teams aus sechs Ländern, die an der Camel Trophy 1984 teilnahmen, musste schon für seine Überheblichkeit und Leichtsinn bezahlen. Seit wir Santarém verlassen hatten, war unser Land Rover 110 in überfluteten Flussläufen beinahe untergegangen, blieb vor quer liegenden Bäumen stehen oder wurde mit eingestürzten Brücken konfrontiert. Es gab kein Hindernis, dass die Straße der Tränen, wie die Transamazonica im Volksmund hieß, nicht für uns bereithielt. Die extrem heftige Regenzeit in diesem Jahr machte bereits kurz nach dem Start die Tourenplanung des Veranstalters zunichte. Die Route hatte sich in eine einzige Schlammpiste verwandelt, in der die Geländewagen nur langsam vorankamen. Menschen und Material wurden auf eine nie da gewesene harte Probe gestellt.
Ich lernte den robusten Land Rover sehr schnell lieben. Der sandgelbe Wagen mit dem bekannten Logo war mehr als ein Transportmittel. Er war unser Zuhause, Fahrzelle, Wohnzimmer, Miniküche und Schlafplatz in einem. Wir hatten das Gepäck, die Vorräte und das Werkzeug so verstaut, dass wir blind nach allem greifen konnten, das wir gerade brauchten, ob es das Trinkwasser war, ob Feuerzeug, Konserven oder Klopapier. Leider hatte der Jeep inzwischen im Fahrgastraum das gleiche bematschte und verdreckte Aussehen angenommen, wie außen.
Am meisten schätzten wir die leistungsstarke Elektrowinde am Prellbock des Wagens. Diese Winden hatten schon so manches versunkene Trophy-Fahrzeug aus bodenlosem Morast herausholt, riesige Baumstämme zum Bau einer Behelfsbrücke gezogen und sogar voll beladene Lkw aus Notlagen befreit. Mit Galgenhumor trällerten wir ab dem dritten Tag der Trophy das Lied »Winsch dir was ...«.
Ulrich war noch dabei, den zähen Schlamm unter dem Wagen wegzuschaufeln. Der Spaten löste sich schmatzend von der roten Masse. Immer wieder blieb ein dicker Klumpen an der Schüppe hängen, den er erst mit dem Stiefel wegtreten musste. Ich holte die zweite Schaufel aus dem Kofferraum und begann, eine Bahn für die Hinterräder zu graben. Jeder Spatenstich, den ich machte, füllte sich sofort mit Wasser. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß an Gesicht und Rücken hinunter und lockte Moskitos an.
»Morgen werde ich wieder aussehen wie ein Streuselkuchen«, schoss es mir durch den Kopf, »Weitermachen, einfach weitermachen – nicht denken.« Der Himmel verfinsterte sich, als wenn ein dunkles Rollo vorgezogen würde. Die Nacht im Dschungel kam immer ganz plötzlich.

Aus dem Dunkeln tauchten die Scheinwerfer eines weiteren Rovers auf; es war der belgische Wagen. Der charakteristische Lichterbaum an der Dachreling erhellte den Morast wie unter einer Flutlichtanlage. In sicherem Abstand vor dem großen Schlammloch hielten die Belgier an und stiegen aus. »Ce que tu fais? Can we help you?« rief Marc uns zu.
»You must winch our car out of the mud, please«, gab ich zurück. Christian, sein Beifahrer, kramte bereits nach dem Stahlseil. Sie befestigten das Seil an der Winde und Christian kam mit dem anderen Ende zu uns herüber. »Merde«, fluchte er, als er unseren Wagen erreichte und sich die Bescherung ansah. »Okay, we winch you out!« Christian gestikulierte ausdrucksvoll, um seinen starken Akzent zu überspielen. Ich stapfte auf die Rückseite des Rovers und steckte weitere Sandbleche in die Spur, die ich gegraben hatte.
Ulli war unter dem Jeep hervorgekrochen und rief mir zu: »Setz du dich ans Steuer«, und zu Christian gewandt: »We must upright the car.« Ich setzte mich auf den Fahrersitz und die beiden jungen Männer stemmten sich auf der anderen Seite gegen die schräge Karosserie. Ich spürte das Surren der Winde und den kleinen Ruck, als das Stahlseil anspannte. Der Lehmbrei war zäh und gab das eingesunkene Fahrzeugteil nur sehr widerwillig frei. Schwerfällig setzte sich der Land Rover in Bewegung. Ich hörte Ulli und Christian ächzen und stöhnen unter der Anstrengung. Dann fassten die Räder Grund und der Wagen richtete sich endlich auf. Vorsichtig gab ich Gas. So kamen wir langsam wieder auf den Weg zurück. »Yiiihaa!« Die beiden Jungs brachen in Triumphgeheul aus. Ich stimmte erleichtert in das Lachen ein und umarmte die beiden Belgier. Wir hatten noch gut zehn Kilometer bis zu unserem Nachtlager am Rio Tapajós zu fahren und mittlerweile war es stockduster. Aber im Moment überwog einfach die Euphorie über die Rettung. Drei Männer und eine Frau, bis zur Unkenntlichkeit mit rotem Lehm beschmiert führten im Lichtkreis der Scheinwerfer einen kleinen Freudentanz auf.
Spät abends erreichten wir die Lichtung mit den anderen Fahrzeugen der Camel Trophy. Wir waren seit 36 Stunden unterwegs und todmüde. Das Einzige, was alle wollten, waren jetzt ein paar Stunden Schlaf in relativer Trockenheit. Notdürftig wuschen wir uns in dem Fluss und verkrochen uns neben dem Lagerfeuer in die Schlafsäcke. Schon im Halbschlaf versunken fragte ich mich zum wiederholten Mal, was ich eigentlich im brasilianischen Regenwald zu suchen hatte?

„Wer durch die Hölle will, muss verteufelt gut fahren.“ Das war der Werbespruch, mit dem die Zigarettenmarke Camel seit 1980 das öffentliche Interesse für seine 1000 Meilen Abenteuer reizte. Jedes Jahr lockte die harte Tour mehr junge Menschen aus allen möglichen Ländern an. Mit 24 Jahren war ich sehr abenteuerlustig und bewarb mich einfach für eine der nächsten Trophys, ohne ernsthaft daran zu glauben, in die engere Auswahl zu kommen. Um so überraschter war ich, als ich mit der Post die Einladung zu einem nationalen Trainingscamp erhielt. Mich trieb die Sehnsucht, etwas völlig Verrücktes zu tun, einmal aus der Normalität auszubrechen. Ich wollte Grenzen erfahren und erweitern. (...)


Die Herausgeberin und Mitautorin

Manu Wirtz ist Jahrgang 1959 und gebürtige Solingerin. Nach einer Lehre absolvierte sie an der Bergischen Universität Wuppertal ein Studium zur Kommunikationsdesignerin.

Seit Jahren arbeitet sie als freiberufliche Grafikdesignerin für Buchverlage und in der Werbung. Daneben ist sie Autorin von Katzenkrimis, Kurzgeschichten und Sachbüchern.

Manu Wirtz lebt in der Eifel mit ihrem Ehemann und der Katze Jule. Sie schreibt nach dem Motto: Was macht eine ganz normale Hauskatze außer jagen, spielen und fressen? Wenn sie in der Eifel lebt, geht sie auf Mörderjagd! Mehr Infos unter www.katzenkrimi.com

Bibliographie

Die Löffel-Liste, 13 bunte Lebensräume, Anthologie, BoD, 2014, ISBN 9783735756619
Murilega, Die Legionärskatze, Ammianus Verlag, erscheint Herbst 2014
60 plus Hund, Der geeignete Hund für die späten Jahre, Oertel & Spörer Verlag, erscheint Herbst 2014
Reha bis der Arzt komt, Heitere Geschichte aus der Kurklinik, ISBN 9783732292530, BoD, 2014
Kurzgeschichte in "Jede Menge Erben", BoD, Siegfried Dierker (Hrsg), ISBN 978-3732236787
Kurzgeschichte in "Im Dutzend witziger", BoD, Thorsten Buchheit (Hrsg), ISBN 978-3732283446
Schrödinger´s Cat, 2012 als Ebook, in Englisch, Amazon KDP
Katzenfeuer, Samtpfote jagt Feuerteufel, BoD, 2012 ISBN: 978-3848222421, Paperback, 144 Seiten
Hrsg. und Kurzgeschichte Eifelquelle in Krimis mit Fell und Schnauze, Anthologie mit 8 spannenden Tierkrimis, BoD, 2011, ISBN 978-3-842-37050-0, Paperback, 160 Seiten
Kurzgeschichte Schrödingers Katze in der Anthologie Geschichten auf vier Pfoten, Codi-Verlag, 2011
Todes-Wind, Samtpfote auf Mörderjagd, BoD, 2010, ISBN: 978-3-8391-5307-9, Paperback, 156 Seiten
Manuela Eckenbach-Arndt, Co-Autorin in Der Rettungshund, RH-Verlag, 2001 (vergriffen)
Manuela Eckenbach-Arndt und Daniela Neika Erste Hilfe am Hund, Cadmos Verlag, 2000, ISBN: 978-3-86127-717-0


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