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Rezensionen

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24. Juli 2014

Die Löffel-Liste - 13 bunte Lebensträume



Haben Sie eine Löffel-Liste?

Diese Liste mit den Dingen, die man erleben möchte, bevor man „den Löffel abgibt“? Wer hat als Kind nicht davon geträumt, mit einem Delfin zu schwimmen oder als Teenager, mit einem schweren Motorrad die Route 66 entlangzufahren. Der erwachsene Mensch möchte auf dem Jakobsweg pilgern, Fallschirm springen, auf den höchsten Berg der Welt klettern oder …

Was wäre Ihr Lebenstraum?
13 Autorinnen und Autoren haben sich diese Frage gestellt und ihren Traum in einer Kurzgeschichte Realität werden lassen. Darunter sind Wünsche nach Freiheit, Veränderung, Erfüllung, Liebe, Gerechtigkeit und Abenteuer. Der Leser wird fasziniert von den wirklichkeitsnahen Emotionen, Handlungen, Beschreibungen und Dialogen.

Ob es dabei tatsächlich um persönliche Lebensträume geht oder um Fantasie, wird nicht immer verraten.


Leseprobe

Die Straße der Tränen
Manu Wirtz

Camel Trophy 1984 in Brasilien.
Seit Tagen fuhren wir durch ein feuchtwarmes, irrlichterndes grünes Halbdunkel. Der schwere Land Rover holperte langsam über die mit Rissen, Pfützen und Kratern übersäte Dschungelpiste. Aus dem Cassettenrecorder kreischte NDW-Star Markus sein "... ich mach Spaß, ich geb Gas, ich geb Gas ...". Ich schnaubte ironisch durch die Nase und blickte zum wiederholten Mal auf die Uhr. »Wir sind den anderen Fahrern mindestens eine Stunde hinterher, wenn nicht noch mehr«, sagte ich frustriert.
Plötzlich kippte der Wagen mit dem rechten Vorderreifen in einen Krater. Durch die heftige Bewegung wurde ich gegen die Seite geschleudert und schlug mit dem Kopf an den Türholmen. Eine rote Wasserfontäne spritzte in die Höhe und klatschte ihren Schlamm an die Windschutzscheibe. Für einen kurzen Augenblick waren wir blind. Dann schaltete der Fahrer die Scheibenwischer ein und hektisch verschmierten die Gummis den Dreck.
»Au verdammt Ulli«, ich rieb mir die schmerzende Schädelseite. Allmählich wurde die Sicht nach draußen klarer und durch die rotbraunen Streifen auf dem Glas blickten wir direkt in eine aufgewühlte Brühe, die bis über die Motorhaube schwappte. Vor unserem schiefen Wagen breitete sich ein riesengroßes Schlammloch aus.
»Kruzifix«, schimpfte Ullrich, schaltete krachend den Rückwärtsgang ein und gab Gas. Der Dieselmotor heulte auf und die Reifen drehten auf dem Untergrund durch. Ich spürte, wie der zwei Tonnen schwere Jeep immer tiefer in dem weichen Lehm einsank und sich gefährlich zur Seite neigte. »Stop«, schrie ich und schaute durch das Seitenfenster nach unten. Die Beifahrertüre steckte bereits bis zur Hälfte im Modder fest. Ulrich schaltete in den Leerlauf und blubbernd kam der Land Rover zur Ruhe. Mit der Hand fuhr er über sein schweißnasses Gesicht und blickte mich betreten von der Seite an. »Tut mir leid. Hab für nen Augenblick nit uffpasst«, entschuldigte er sich. Seine übermüdeten Augen waren rot gerändert. »Wie sieht es auf deiner Seite aus?«
»Wir stecken fest«, sagte ich, »Hier komm ich nicht raus.« Ich löste den Gurt und drehte mich auf dem Sitz um. Zwischen den gestapelten Ausrüstung- und Gepäckstücken suchte ich nach der Maglite. Ohne lichtstarke Taschenlampe war in dem dunkelgrünen Schatten des brasilianischen Urwaldes nur wenig Sicht am Boden möglich. Ich ertastete die Stablampe an meinem Rucksack und zog sie hervor. Der Fahrer hatte unterdessen die Tür geöffnet und kletterte hinaus. Ich stieg über seine Seite auch aus dem Land Rover. Draußen versanken wir sofort knöcheltief im Morast.
»Urrg«, kam es von Ulli.
»So krieg ich meine Füße nie trocken«, maulte ich. Ich reichte die Maglite an den jungen Mann und stapfte mühsam auf die Rückseite zu. Der Hinterreifen ragte eine Handbreit über dem Schlamm. Von dem Profil war nichts mehr zu sehen, es verschwand in einem zentimeterdicken roten Brei. Durch die Schieflage musste ich mich anstrengen, die hintere Türe zu öffnen. Zuerst holte ich die Schaufel heraus und steckte sie in die nasse Erde. Dann kletterte ich zu der Dachreling und löste die Halterung der vier Sandbleche. Die Blechprofile sollten den Rädern Grip geben, dass sie wieder festen Boden erreichen konnten. Von oben sah ich den Fahrer unseres Teams auf den Bauch liegen und mit der Taschenlampe den Unterboden kontrollieren.
»Wie sieht es aus?«, rief ich hinab.
»Die Kardanwelle hat aufgesetzt. Himmearschundzwian«, schimpfte er. Ich hatte inzwischen die Sandbleche gelöst und warf sie in den Matsch. Dann kletterte ich hinunter. Ulrich war auch aufgestanden und wischte sich ein paar Klumpen Lehm von seinem Hemd. Die Erschöpfung zeichnete tiefe Falten in sein verschmiertes Gesicht. Wir sahen uns kurz an. Schweigend steckte er die Maglite an seinen Gürtel und griff sich die Schaufel. Ich holte unterdessen das erste der Sandbleche. Wie selbstverständlich teilten wir die Aufgaben unter uns auf. Nach zehn Tagen Camel Trophy waren wir ein eingespieltes Team, das sich ohne Worte verstand. Der junge Mann kniete sich in den Schlamm und fing an, die nasse Erde von dem Bodenblech wegzuschaufeln. Ich klemmte inzwischen ein Sandblech unter das Hinterrad. Ich hatte aufgehört zu zählen, wie oft wir mit dem Geländewagen im Dreck stecken geblieben waren.

Der Transamazonica Highway, auf dem wir fuhren, war ein Monstrum aus Lehm, Regen, Moskitos, Schweiß und Tränen. Fehler verzieh die Piste durch den Dschungel nicht, eine Unterschätzung oder Unachtsamkeit rächte sich bitter. Jedes der zwölf Teams aus sechs Ländern, die an der Camel Trophy 1984 teilnahmen, musste schon für seine Überheblichkeit und Leichtsinn bezahlen. Seit wir Santarém verlassen hatten, war unser Land Rover 110 in überfluteten Flussläufen beinahe untergegangen, blieb vor quer liegenden Bäumen stehen oder wurde mit eingestürzten Brücken konfrontiert. Es gab kein Hindernis, dass die Straße der Tränen, wie die Transamazonica im Volksmund hieß, nicht für uns bereithielt. Die extrem heftige Regenzeit in diesem Jahr machte bereits kurz nach dem Start die Tourenplanung des Veranstalters zunichte. Die Route hatte sich in eine einzige Schlammpiste verwandelt, in der die Geländewagen nur langsam vorankamen. Menschen und Material wurden auf eine nie da gewesene harte Probe gestellt.
Ich lernte den robusten Land Rover sehr schnell lieben. Der sandgelbe Wagen mit dem bekannten Logo war mehr als ein Transportmittel. Er war unser Zuhause, Fahrzelle, Wohnzimmer, Miniküche und Schlafplatz in einem. Wir hatten das Gepäck, die Vorräte und das Werkzeug so verstaut, dass wir blind nach allem greifen konnten, das wir gerade brauchten, ob es das Trinkwasser war, ob Feuerzeug, Konserven oder Klopapier. Leider hatte der Jeep inzwischen im Fahrgastraum das gleiche bematschte und verdreckte Aussehen angenommen, wie außen.
Am meisten schätzten wir die leistungsstarke Elektrowinde am Prellbock des Wagens. Diese Winden hatten schon so manches versunkene Trophy-Fahrzeug aus bodenlosem Morast herausholt, riesige Baumstämme zum Bau einer Behelfsbrücke gezogen und sogar voll beladene Lkw aus Notlagen befreit. Mit Galgenhumor trällerten wir ab dem dritten Tag der Trophy das Lied »Winsch dir was ...«.
Ulrich war noch dabei, den zähen Schlamm unter dem Wagen wegzuschaufeln. Der Spaten löste sich schmatzend von der roten Masse. Immer wieder blieb ein dicker Klumpen an der Schüppe hängen, den er erst mit dem Stiefel wegtreten musste. Ich holte die zweite Schaufel aus dem Kofferraum und begann, eine Bahn für die Hinterräder zu graben. Jeder Spatenstich, den ich machte, füllte sich sofort mit Wasser. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß an Gesicht und Rücken hinunter und lockte Moskitos an.
»Morgen werde ich wieder aussehen wie ein Streuselkuchen«, schoss es mir durch den Kopf, »Weitermachen, einfach weitermachen – nicht denken.« Der Himmel verfinsterte sich, als wenn ein dunkles Rollo vorgezogen würde. Die Nacht im Dschungel kam immer ganz plötzlich.

Aus dem Dunkeln tauchten die Scheinwerfer eines weiteren Rovers auf; es war der belgische Wagen. Der charakteristische Lichterbaum an der Dachreling erhellte den Morast wie unter einer Flutlichtanlage. In sicherem Abstand vor dem großen Schlammloch hielten die Belgier an und stiegen aus. »Ce que tu fais? Can we help you?« rief Marc uns zu.
»You must winch our car out of the mud, please«, gab ich zurück. Christian, sein Beifahrer, kramte bereits nach dem Stahlseil. Sie befestigten das Seil an der Winde und Christian kam mit dem anderen Ende zu uns herüber. »Merde«, fluchte er, als er unseren Wagen erreichte und sich die Bescherung ansah. »Okay, we winch you out!« Christian gestikulierte ausdrucksvoll, um seinen starken Akzent zu überspielen. Ich stapfte auf die Rückseite des Rovers und steckte weitere Sandbleche in die Spur, die ich gegraben hatte.
Ulli war unter dem Jeep hervorgekrochen und rief mir zu: »Setz du dich ans Steuer«, und zu Christian gewandt: »We must upright the car.« Ich setzte mich auf den Fahrersitz und die beiden jungen Männer stemmten sich auf der anderen Seite gegen die schräge Karosserie. Ich spürte das Surren der Winde und den kleinen Ruck, als das Stahlseil anspannte. Der Lehmbrei war zäh und gab das eingesunkene Fahrzeugteil nur sehr widerwillig frei. Schwerfällig setzte sich der Land Rover in Bewegung. Ich hörte Ulli und Christian ächzen und stöhnen unter der Anstrengung. Dann fassten die Räder Grund und der Wagen richtete sich endlich auf. Vorsichtig gab ich Gas. So kamen wir langsam wieder auf den Weg zurück. »Yiiihaa!« Die beiden Jungs brachen in Triumphgeheul aus. Ich stimmte erleichtert in das Lachen ein und umarmte die beiden Belgier. Wir hatten noch gut zehn Kilometer bis zu unserem Nachtlager am Rio Tapajós zu fahren und mittlerweile war es stockduster. Aber im Moment überwog einfach die Euphorie über die Rettung. Drei Männer und eine Frau, bis zur Unkenntlichkeit mit rotem Lehm beschmiert führten im Lichtkreis der Scheinwerfer einen kleinen Freudentanz auf.
Spät abends erreichten wir die Lichtung mit den anderen Fahrzeugen der Camel Trophy. Wir waren seit 36 Stunden unterwegs und todmüde. Das Einzige, was alle wollten, waren jetzt ein paar Stunden Schlaf in relativer Trockenheit. Notdürftig wuschen wir uns in dem Fluss und verkrochen uns neben dem Lagerfeuer in die Schlafsäcke. Schon im Halbschlaf versunken fragte ich mich zum wiederholten Mal, was ich eigentlich im brasilianischen Regenwald zu suchen hatte?

„Wer durch die Hölle will, muss verteufelt gut fahren.“ Das war der Werbespruch, mit dem die Zigarettenmarke Camel seit 1980 das öffentliche Interesse für seine 1000 Meilen Abenteuer reizte. Jedes Jahr lockte die harte Tour mehr junge Menschen aus allen möglichen Ländern an. Mit 24 Jahren war ich sehr abenteuerlustig und bewarb mich einfach für eine der nächsten Trophys, ohne ernsthaft daran zu glauben, in die engere Auswahl zu kommen. Um so überraschter war ich, als ich mit der Post die Einladung zu einem nationalen Trainingscamp erhielt. Mich trieb die Sehnsucht, etwas völlig Verrücktes zu tun, einmal aus der Normalität auszubrechen. Ich wollte Grenzen erfahren und erweitern. (...)


Die Herausgeberin und Mitautorin

Manu Wirtz ist Jahrgang 1959 und gebürtige Solingerin. Nach einer Lehre absolvierte sie an der Bergischen Universität Wuppertal ein Studium zur Kommunikationsdesignerin.

Seit Jahren arbeitet sie als freiberufliche Grafikdesignerin für Buchverlage und in der Werbung. Daneben ist sie Autorin von Katzenkrimis, Kurzgeschichten und Sachbüchern.

Manu Wirtz lebt in der Eifel mit ihrem Ehemann und der Katze Jule. Sie schreibt nach dem Motto: Was macht eine ganz normale Hauskatze außer jagen, spielen und fressen? Wenn sie in der Eifel lebt, geht sie auf Mörderjagd! Mehr Infos unter www.katzenkrimi.com

Bibliographie

Die Löffel-Liste, 13 bunte Lebensräume, Anthologie, BoD, 2014, ISBN 9783735756619
Murilega, Die Legionärskatze, Ammianus Verlag, erscheint Herbst 2014
60 plus Hund, Der geeignete Hund für die späten Jahre, Oertel & Spörer Verlag, erscheint Herbst 2014
Reha bis der Arzt komt, Heitere Geschichte aus der Kurklinik, ISBN 9783732292530, BoD, 2014
Kurzgeschichte in "Jede Menge Erben", BoD, Siegfried Dierker (Hrsg), ISBN 978-3732236787
Kurzgeschichte in "Im Dutzend witziger", BoD, Thorsten Buchheit (Hrsg), ISBN 978-3732283446
Schrödinger´s Cat, 2012 als Ebook, in Englisch, Amazon KDP
Katzenfeuer, Samtpfote jagt Feuerteufel, BoD, 2012 ISBN: 978-3848222421, Paperback, 144 Seiten
Hrsg. und Kurzgeschichte Eifelquelle in Krimis mit Fell und Schnauze, Anthologie mit 8 spannenden Tierkrimis, BoD, 2011, ISBN 978-3-842-37050-0, Paperback, 160 Seiten
Kurzgeschichte Schrödingers Katze in der Anthologie Geschichten auf vier Pfoten, Codi-Verlag, 2011
Todes-Wind, Samtpfote auf Mörderjagd, BoD, 2010, ISBN: 978-3-8391-5307-9, Paperback, 156 Seiten
Manuela Eckenbach-Arndt, Co-Autorin in Der Rettungshund, RH-Verlag, 2001 (vergriffen)
Manuela Eckenbach-Arndt und Daniela Neika Erste Hilfe am Hund, Cadmos Verlag, 2000, ISBN: 978-3-86127-717-0


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