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2. Juli 2014

Laurent Bach, Die zehn Plagen



Die Brunnen im südfranzösischen Anduze speien rotes Wasser. Während die Polizei noch von einem  dummen Streich ausgeht, hat Privatdetektiv Claude Bocquillon bereits eine schreckliche Vorahnung – und behält recht: Kurze Zeit später werden zwei Jungen entführt. 

Claudes Spürsinn ist geweckt, und  er stellt unabhängig von der Polizei eigene Ermittlungen an. Diesmal gerät er jedoch tiefer in den Fall  hinein, als ihm lieb ist, denn die Kriminalbeamten finden Indizien, die den Verdacht auf Claude selbst  lenken.




Leseprobe

(...) Die Herbstluft zeichnete jedes Detail der Gassen in klarer Tiefenschärfe. Auf einem Balkon leuchteten Geranien, ihre Blüten bereits vom Verfall gezeichnet. Ein Kater balancierte auf dem lächerlich schmalen Balkongeländer und schaute immer wieder auf die unter ihm liegende Gasse, doch er zögerte, aus dieser Höhe hinabzuspringen. Er verharrte und wirkte fast wie eines der schwarz lackierten Embleme, die früher an Wirtshäusern prangten.
Es war Virenque, der sich in der Nacht davongemacht hatte und nun auf der fremden Loggia festsaß. Seine Gefährtin hatte sich durch einen eleganten Sprung in ein geöffnetes Fenster von ihm verabschiedet. Nun entschied sich der Kater für einen Sims, der an der Wand des Hauses entlang zur Fontaine de Potiers führte. Der Brunnen kam ihm gelegen, denn er hatte Durst. Er bestieg die Steinkante und hielt auf eine mannshohe Nische an dem Eckhaus zur Rue Fusterie zu, in der aus einem Rohr Wasser in das halbrunde Becken floss, das am Mauerwerk angebracht war. Über gemeißelte Ornamente stieg Virenque abwärts zum Rand des Beckens. Er kauerte sich zusammen, legte den Schwanz akkurat um seine Flanken und reckte den Kopf. Doch dann schien er plötzlich das Näschen zu rümpfen. Aus dem eisernen Schnabel plätscherte das Brunnenwasser munter hinab, aber der Strahl war eigenartig trüb. Virenque konnte nicht deuten, was er vor sich sah. Die Wasserkreise breiteten sich gleichmäßig aus, blutrot funkelnd, und es war nicht die Sonne, die ihnen diese Farbe verlieh.
Der Kater glitt hinunter auf die Straße. Hier und dort waren das Klappern von Geschirr und Kinderstimmen aus den Fenstern, die zum Lüften offen standen, zu hören. Nur einige Häuser entfernt, in der Rue Basse, befand sich die Fontaine du Pont. Virenque hechtete auf den Beckenrand und starrte in das runde Bassin. Verärgert stieß er den Schwanz in die Luft, machte kehrt und lief in kleinen Galoppsprüngen heim zum Place Notre-Dame, hinein in das heruntergekommene Mietshaus aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert. Er warf keinen Blick mehr auf den freistehenden Brunnen auf dem Platz. Er zog es vor, aus seinem Napf zu trinken, und lief die Treppe hinauf.
(...)

(...) Claude setzte sich auf einen hüfthohen Felsen in Ufernähe, sein Lieblingsplatz, wenn er in nachdenklicher Stimmung war. Zwei Meter entfernt rauschte der Fluss in flirrenden Wellen und hellen Schaumkronen vorbei. Die Zweige der Sträucher waren herbstlich gelichtet und hingen nach den Regentagen der letzten Woche, die den Pegel hatten ansteigen lassen, im Wasser. Auf der anderen Uferseite duckten sich die Häuser unter der Felswand des Peyremale-Ausläufers. Claudes Blick schweifte den Berg hinauf. Dort oben, in der Nähe der alten Festung, hatte er oft gestanden und auf das alte Anduze geschaut, auf die verwinkelten, roten Dächer und die Eisenbahnbrücke, über die im Sommer die Touristendampflok den Fluss überquerte, um nach Saint-Jean-du-Gard zu gelangen. Er konnte nicht nach Nîmes, das Heimweh würde ihn packen in der lauten und heißen Stadt. Dort hatte er keinen Lieblingsplatz am Fluss, keinen Ort nur für sich und nur einen wirklichen Freund. Und dort wohnte Frédéric Lambert. Gerade hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, als ein Renault Mégane Sport Coupé über die Brücke gefahren kam, auf den Parkplatz abbog und direkt vor ihm über den Schotter schlitterte. Eine Tür wurde zugeschlagen, die Staubwolke legte sich und ein Mann kam auf ihn zu, schlank, etwas größer als Claude, Bürstenhaarschnitt und kantiges Kinn. Claude seufzte und warf den Stein, den er in der Hand gehalten hatte, ins Wasser. „Salut, Claude! Na, wenn das kein schlechtes Omen ist – dich als Ersten hier zu treffen.“
Claude erhob sich. „Danke der Nachfrage, mir geht es gut, Frédéric.“
Doch bevor er eine Hand reichen konnte, hatte Lambert ihn ergriffen und an seine breite Brust gezogen. Unter den Schlägen auf den Rücken zuckte Claude zusammen.
„Mensch, Alter, schön dich zu sehen“, dröhnte Lambert an seinem Ohr. Frédérics Aftershave kam Claude vertraut vor.
„Pass auf, ich bin schwul.“
„Natürlich.“
Claude lächelte und klopfte nun seinerseits dem Kommissar auf die Schulter, als er sich von ihm löste. Er sollte nicht so nachtragend sein, immerhin hatte Frédéric sich nach dem letzten Fall für sein rüdes Verhalten Amélie und auch ihm gegenüber entschuldigt. Manchmal konnte er nett sein.
„Herzlichen Glückwunsch zum Kommissar“, sagte Claude grinsend.
„Danke. Du hast einen Anteil daran, glaub mir.“
„Warum fährst du über Alès?“, fragte Claude schnell, um nicht zu erröten.
„Die Anfahrt ist über diese Strecke schöner“, antwortete Lambert und ließ seine Augen über den Fluss schweifen. Claude staunte. Hatte das Anduzer Fieber auch seinen Intimfeind ergriffen? Bei seinem letzten Besuch hatte er sich noch hartnäckig gegen den Charme dieser Kleinstadt gewehrt.
Eine halbe Stunde später saßen sie in einem Restaurant und aßen Lammbraten. Claude hatte nicht eingesehen, warum er diese Einladung ausschlagen sollte – es war Mittag und Frédéric hatte noch viele kleine Gemeinheiten und grobe Scherze aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit wiedergutzumachen. Wenn es danach ging, konnte Claude sich sein restliches Leben allein von Frédéric durchfüttern lassen.
(...)


Der Autor

Laurent Bach, Jahrgang 1970, lebt in Westfalen. Nachdem er einige Jahre im Immobilien- und Baubereich tätig war, begann er erst spät mit dem Schreiben. Die Eindrücke, die er auf seinen zahlreichen Reisen nach Südfrankreich sammelte, fließen als Inspiration in all seine Geschichten ein. Mord auf Französisch ist der erste Kriminalroman des begeisterten Motorrad- und Kajakfahrers, dieser hier der zweite.

Laurent Bach, Die zehn Plagen

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