Salon

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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

8. Juli 2014

norbert rychly, unheimlich heimliches, illustriert von hansjörg bisswurm




Geben Sie gut auf Ihr Handy acht, darin könnte sich nämlich etwas manifestieren, das Ihnen keine Freude macht. Was sich so alles im bombenfesten Zement eines Staudamms bewegt, das finden Sie hier heraus, ebenso, was den Smutje mit dem geldgierigen Käpt’n Jones verbindet. An Werner F.’s innovativer Geschäftsidee können Sie sich ein Beispiel nehmen, aber hüten Sie sich bloß vor gewissen Websites, oder surfen Sie sicherheitshalber ausschließlich in einem Internetcafé, niemals mit Ihrem eigenen Computer! Wie erging es Jim Hawkins nach seinem Abenteuer auf der Schatzinsel? Ist der Urenkel des angeblichen „Lügenbarons“ auch ein Lügner?
Das und noch viel mehr erfahren Sie in diesem Dutzend unheimlicher Geschichten, gespickt mit einzigartigen Illustrationen.


Rezension

Ein neuer Edgar Allen Poe
dachte ich mir, als ich die Geschichten las, daher freute ich mich, als ich als Lektorin gebucht wurde. 
Denn der Autor schreibt durchaus sicher in einem klassischen Stil, obwohl er auch moderne Situationen, in denen ein Handy oder ein Computer die Hauptrolle spielen, beschreibt. 

Er vertraute mir, obwohl er eine ziemlich negative
Meinung zur Tätigkeit der Lektoren hatte. Als wir aber fertig waren, schrieb er einen offenen Brief dazu, den man hier nachlesen kann:  texTlektoraT

Der Autor spekuliert nicht mit dem heute üblichen Horror,
nein, es sind wirklich Gruselgeschichten, die Vergnügen machen. Oft bleibt verborgen, was man gern wissen möchte, aber das muss so sein, denn Mysteriöses hat es so an sich, dass es unerklärlich ist. Manches ist wirklich lustig, wenn der Autor sich einmischt mit seinen Überlegungen und Erklärungen, was es heutzutage mit Gespenstern auf sich hat. Eines jedoch ist klar: Sie sind unter uns. Vielleicht nur einen Schritt entfernt, wer weiß das schon? Also Obacht!

Dazu die glänzenden Illustrationen
von Hansjörg Bisswurm, schauerlich ins Bild gesetzte Kreaturen aus Albträumen ebenso wie zarte Menschen, die all dem ausgeliefert sind. Ein temperamentvoller Strich, der karikiert, und wieder, so wie oben E. A. Poe - ein Vergleich für die Leser -, damit sie es sich besser vorstellen können, erinnert mich der Ausdruck an einen großen Künstler, George Grosz, auch wenn sowohl Bisswurm als auch Rychly ihre eigene Kraft haben und keineswegs etwas kopieren.
Die Vergleiche sollen nur eine Ahnung vom Inhalt des Buches vermitteln.  
Ich kann das Buch wärmstens empfehlen, amüsant und mal was anderes! 

Elsa Rieger



Leseprobe



Grauenvolles wartet und träumt
in der Tiefe, und Fäulnis
kommt über die wankenden
Städte der Menschen.
H.P.Lovecraft


Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume, erlebe oder fantasiere, ob ich noch bei Verstand bin oder verrückt. Bin ich geisteskrank oder geisterkrank? Kann man träumen, dass man schreibt, dass man träumt, etwas geträumt zu haben? Kann man träumen, dass man einen Traum niederschreibt, in dem man geträumt hat, etwas zu träumen?
Ich überlasse die endgültige Beurteilung jenen, die meine Aufzeichnungen hoffentlich eines Tages finden werden, denn für mich spielt es keine Rolle mehr, ich bin verloren. Ich kann nur hoffen, dass meine Erfahrungen und Erlebnisse, sofern es welche waren, dazu beitragen werden, die Menschheit vor dem drohenden Untergang zu bewahren, wenngleich ich nicht viel zur Lösung des Problems beitragen kann. Gegenwärtig kratze ich die letzten intakten Reste meines Verstandes zusammen, um das Grauen so genau wie möglich zu berichten, und dann muss ich versuchen, genügend Kraft aufzubringen, diese Blätter Papier so zu verstecken, dass sie sie nicht finden, ein Mensch aber wohl, auch wenn er gar nicht danach sucht, weil ja kaum noch jemand auf Papier schreibt.
Ich fürchte so sehr, viel mehr als mein unmittelbar bevorstehendes Ende, dass, wer auch immer meine Leiche findet, sich mit dem Inhalt meines PC’s zufriedengibt; doch dort sind nur Banalitäten gespeichert, Unwahrheiten, die nicht von mir stammen, denn sie haben schon lange die totale Kontrolle meines Computers übernommen, und jetzt auch fast vollständig über mich.
Ich möchte es am liebsten laut hinausschreien: „Schaltet alle Computer aus, trennt sie vom Netz und steckt sie nie wieder an!“, so wie es nach Medienberichten einzelne „Verrückte“ in allen Teilen der Welt getan haben, bevor sie von den Männern in den weißen Kitteln abgeholt und eingeliefert wurden. Diese vereinzelten Verwirrungen wurden dem Einfluss der fast immer gleichzeitig auftretenden Gewitter zugeschrieben und nicht weiter beachtet. Aber es muss noch viel mehr von diesen Unglücklichen geben, denn zum letzten Schlag zur Versklavung der Menschheit ist bereits weit ausgeholt.

*

Es muss begonnen haben, als ich „ghost“ googelte, um Informationen über einen Film, von dem ich gehört hatte, zu finden. Als einer der wenigen noch lebenden Menschen, die zwar halbwegs mit einem PC umgehen können, sich aber im Internet nur mühsam, wenn überhaupt, zurechtfinden, war ich von den Millionen Suchergebnissen eher schockiert als entmutigt. Rein zufällig also klickte ich www.ghost.com an, ohne die Erwartung, auf Anhieb die gesuchten Informationen zu finden. Tatsächlich, ich fand sie wirklich nicht, dafür aber eine Abhandlung über Geister und deren Wirken seit Anbeginn der Menschheit, welche an Banalität, ja geradezu Lächerlichkeit keine Steigerung mehr zuließ, dazu zahlreiche Literaturhinweise, wobei mir das Werk eines gewissen H. P. Lovecraft besonders hervorgehoben zu sein schien. Zu meiner Überraschung fand ich auch Hunderte von Links, von denen ich glaubte, es seien persönliche Webseiten, denn sie bestanden offensichtlich nur aus Vor- und Zunamen.
Warum mich ausgerechnet www.alistermcgregor.com wie magisch anzog, kann ich lediglich vermuten: Schotte – Schloss – Hochmoor – Nebel – Spuk könnten meine unbewussten Assoziationen gewesen sein, es sei denn, sie hatten mich schon eingefangen, weil ich diese an sich harmlose Abhandlung überflogen hatte. Jedenfalls klickte ich darauf und fand einen Stammbaum der McGregors auf meinem Monitor, der vom 12. Jh. bis heute reichte, wobei in jeder Generation mindestens ein Familienmitglied als anzuklickender Link ausgewiesen war, wie „mein“ Alister, der im 17. Jh. gelebt hatte. Es wurde auch behauptet, dass das Geschlecht der McGregors noch viel weiter zurückreiche, nämlich bis zum Auftreten der ersten Menschen. Unter dem Stammbaum beschrieb ein unbeholfen verfasster Text das bewegte Leben jenes Alister McGregor sowie sein unrühmliches Ende, hingerichtet als in einem Scheinprozess verurteilter Führer einer Vereinigung von Hexenmeistern und Bewahrern eines uralten Kultes, dessen Entstehung angeblich auf Zeiten vor der Entwicklung des Menschen zurückging.
Kaum hatte ich begonnen diesen Text zu lesen, als sich der Hintergrund des Bildschirms langsam veränderte, indem das Weiß dunkler wurde, Konturen erschienen und schließlich, als ich zum Ende des Textes kam, ein Gesicht, nein, eine Fratze von abstoßender Hässlichkeit bildschirmfüllend die Schrift unterlegte: Wirres langes, rotes Haar und ein zerfranster, roter Vollbart umrahmten ein narbenbedecktes, unsymmetrisches Antlitz mit gebrochener, schiefer Nase und einem höhnisch grinsenden Mund, dessen wulstige Lippen drei Zahnlücken, zwei oben, eine unten links, schwarz gähnen ließen. Obwohl mir ein Schauer nach dem anderen über den Rücken lief, schaffte ich es, bis zum Ende zu lesen, was ich sofort bereute, denn das Grauen, welches mich jetzt erfasste, ist mit Worten nicht zu beschreiben.
Waren die Augen des Monsters bis hierher verschleiert gewesen, so leuchteten sie jetzt mit einer Plötzlichkeit und Intensität und einem in dieser Teufelsfratze niemals vermuteten, wunderschönen Smaragdgrün aus dem Monitor, dass sie mich wie aufgeblendete Scheinwerfer trafen. Gleichzeitig vermittelten sie eine Tiefe, dass ich glaubte, durch sie bis in sein Jahrhundert sehen zu können, denn für mich bestand kein Zweifel daran, dass dies das Porträt von – nein, dass dies der leibhaftige Alister McGregor war.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dagesessen bin, unfähig der kleinsten Bewegung, wie hypnotisiert, immer nur in diese schönen, fürchterlichen Augen starrend, den Rücken in die Lehne meines Stuhls gepresst, Arme und Beine unnatürlich verkrampft, ohne zu atmen, mein Herz in den Ohren wie rasend pumpen hörend, wie besessen von einem einzigen Gedanken: AUSSCHALTEN. Doch ich konnte ihn nicht festhalten, geschweige denn ausführen. Noch besessener, ja nahezu gelähmt war ich von diesem Blick. Er überlagerte meine Lebensfunktionen, schien sie ersticken zu wollen. Jene grünen, schönen, tiefgründigen Augen in dieser entsetzlich hässlichen Fratze, welche sich jetzt zu bewegen schien, bannten mich. Dieses unsägliche Antlitz grinste zunehmend höhnischer, wurde durchscheinender, geisterhafter.
Die Buchstaben des Textes, welchen ich zwischendurch gar nicht mehr wahrgenommen hatte, drangen wieder in mein Bewusstsein und – veränderten sich: Da stand plötzlich nur noch, auf dem ganzen Bildschirm, immer und immer wieder: „yog-sottoth“, und gleichzeitig ließ die Intensität des Blickes nach, die Augen verschleierten sich erneut, die Fratze wurde noch geisterhafter, durchscheinender und verblasste schließlich ganz, sodass bloß der Text blieb, blutrot auf weiß, diese mir unverständlichen Worte: „yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth

Allmählich wurde mir bewusst, dass die Lähmung langsam aus meinen Gliedern wich und wieder Gedanken, eigene Gedanken, durch mein Gehirn zu schleichen begannen, Gedanken, die ich trotz ihrer Trägheit nicht festzuhalten vermochte. Ich blieb sitzen, zwang mich, ruhig und gleichmäßig zu atmen, und versuchte, einen dieser Gedanken einzufangen, indem ich mich auf ihn konzentrierte. „Wow!“ dachte ich, „Wahnsinn, was heute alles möglich ist!“
Ein gequältes Lachen, das mir selber weh tat, als es aus der Kehle sprang, befreite meine Gesichtszüge aus ihrer Verkrampfung, und ich zwang mich zu grinsen, stellte mir gleichzeitig mein Gesicht vor, wie komisch es aussehen musste. Endlich konnte ich befreit auflachen, fast befreit, denn als ich mir mit einer immer noch bleischweren Hand über die Stirn wischte, tropfte Schweiß auf die Tastatur. Unwillkürlich zuckte ich zusammen, denn die Gänsehaut auf meinem ganzen Körper machte mir bewusst, dass ich so nass war, als hätte ich in den Kleidern geduscht. Jetzt begann ich auch noch zu zittern, aber vor Kälte, redete ich mir ein.

Soweit man das selbst beurteilen kann, bewegte ich mich normal, als ich an meinen Schreibtisch zurückkehrte. Ich hatte mich mühsam ins Bad geschleppt, geduscht (nackt, die nassen Kleider lagen wohl noch im Badezimmer auf den Fliesen), hatte ein paar Kniebeugen gemacht, nicht vorhandene Hanteln gestemmt und meinen Bademantel angezogen, um wieder etwas Wärme in meinen Körper zu bekommen. Allerdings entwich diese schlagartig daraus, als ich die scheinbar sinnlosen Worte auf dem Bildschirm sah. Ich hatte genug vom PC für heute und klickte, ohne mich hinzusetzen, rechts oben auf das Kreuz, um auszusteigen. Nichts geschah. Ich tippte auf escape und dachte noch: „Hoffentlich hat diese komplizierte Webseite keinen Schaden angerichtet.“
Der Text blieb unverändert stehen, und mir wurde wieder einmal bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wie ein Computer zu behandeln war, wenn er nicht das tat, was ich wollte. Ärger stieg in mir hoch, aber auch eine üble Vorahnung; und dann Trotz: „Ich bin hier der Chef, du Blechtrottel!“, und während ich den PC ausschaltete, wurde mir bewusst, dass ich diesen Satz geschrien hatte. Umsonst, der Monitor zeigte weiterhin sein absurdes Schriftbild, der Ventilator im Gehäuse des Computers surrte, und das unregelmäßige Flackern des blauen Lämpchens zeigte an, dass der PC arbeitete.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, was das bedeutete: Da drinnen ging etwas vor! Vielleicht ein Virus, der sich ausbreitete? Oder Schlimmeres! So schnell ich konnte, und es kam mir vor, als bewegte ich mich in Zeitlupe, tauchte ich unter den Schreibtisch, tastete nach dem Netzstecker und riss ihn aus der Dose. Der Ventilator wurde langsamer, begann zu stottern, hörte aber doch noch auf zu blasen, während das blaue Lämpchen wild flackernd schwächer wurde und endlich erlosch. Auf allen Vieren kroch ich unter dem Schreibtisch hervor und bemühte mich, an etwas anderes zu denken als: „Der hat sich aber gewehrt!“
Ich fühlte mich körperlich und geistig völlig erschöpft, also warf ich mich aufs Bett, um auszuruhen und zu entscheiden, ob ich gleich meinen PC-Doktor anrufen sollte oder...

Mit einem Ruck setzte ich mich auf, am ganzen Körper zitternd, schweißgebadet, die Augen weit aufgerissen, um mich zu vergewissern, dass ich in meiner Wohnung war und alles nur geträumt hatte. Ja, ich saß auf meinem Bett, der nasse Bademantel war halb offen, und im Zimmer war alles wie gewöhnlich. Ich raffte den Mantel fest um mich, wurde aber weiter von Kälteschauern geschüttelt. Am liebsten hätte ich mich unter die Bettdecke verkrochen, fürchtete jedoch, wie vorhin sofort einzuschlafen. Vorhin, wann war das gewesen? Wie lange hatte ich geschlafen? Ich war stundenlang durch Zeit und Raum geglitten, begleitet, nein, getrieben von Alister McGregor, musste schreckliche Szenen von grausamen Menschenopfern, blutigen Schlachten, tödlichen Kämpfen zwischen mir unbekannten Wesen unirdischer Herkunft mitansehen, befand mich oft mitten im blutrünstigsten Getümmel in längst vergangenen Zeiten, wiederholt gejagt von einer riesigen schwarzen Ziege, die „iiäääähhh“ kreischend auf mich losstürmte, und wurde zwischendurch immer wieder zum Stammbaum der McGregors gebracht, der lebendig inmitten einer düsteren Hochmoorlandschaft stand. Er erinnerte mich auf makabre Art an einen Weihnachtsbaum, denn statt geschriebener Namen hingen die Köpfe der Ahnen von den Ästen, durch Zweige an den Haaren festgehalten, und die Links blinkten in einem wahnsinnigen Rhythmus, der dumpf wie entferntes Trommeln in meinem Kopf dröhnte.
Immer noch. In meinem Kopf. Diese hohlen Schläge hörte ich nicht, ich fühlte sie. Im Kopf. Ich hatte nie zuvor auch nur annähernd Ähnliches gehört, so einen Rhythmus gibt es eigentlich gar nicht. Doch er war da, nicht unangenehm, aber irgendwie beängstigend und – anschwellend. (...)


Über den Autor

Gibt es ihn wirklich? Oder ist er ebenso erfunden
wie seine Geschichten?
Oder sind die Geschichten wahr und haben den Autor erfunden,
um erzählt zu werden?
Oder ist alles wahr? Oder erfunden?
Interessante Fragen. Wirklich. Nicht erfunden.
Aber wer interessiert sich schon für die Antworten?
Alle Antworten sind zu finden im
allwissenden und allmächtigen Internet.
Oder doch nicht?


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