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Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

29. Juli 2014

Ruth M. Fuchs, Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel



Klappentext:

Graf Alexander von und zu Saragessa ist der Regent einer Insel, die vor allem von Fabelwesen bewohnt wird. Als zwei Geißenmädchen ermordet werden, spricht alles dafür, dass der einzige auf der Insel lebende Wolf der Mörder ist. Doch Alexander von und zu Saragessa ist sich da nicht so sicher und bittet Erkül Bwaroo um Hilfe. Der Elfendetektiv wappnet sich also gegen seine Seekrankheit und reist auf die Insel. Schnell muss er erkennen, dass Fabelwesen so ihre Eigenheiten haben.
Und das Morden ist noch nicht zu Ende.

Auch in seinem zweiten Fall steht dem Elfen mit dem stattlichen Schnurrbart und dem belgischen Akzent sein unerschütterlicher Diener Orges zur Seite. Allerdings wird der von den amourösen Absichten einer Katzenfrau etwas abgelenkt. Und welche Rolle spielt Bernard Fokke, den man auch den Fliegenden Holländer nennt?

Die Reihe „Erkül Bwaroo ermittelt“ ist eine humorvolle Hommage an die Kriminalautorin Agatha Christie und ihren berühmten belgischen Detektiv.

Leseprobe:

Die Tür unter dem Schild mit dem großen blauen Klecks führte in eine Bar, die genau so aussah, wie man sie sich bei einem Namen wie 'Der blaue Papagei' vorstellte. Der fensterlose Raum war nur spärlich mit Kerzen beleuchtet, die in Flaschen steckten, von denen unter dem herabtropfenden Wachs ganzer Kerzengenerationen fast nichts mehr zu sehen war. Die Luft war rauchgeschwängert. Ein intensiver Rumgeruch stand über den kleinen runden Tischen und dreibeinigen Hockern, die wahllos herum standen. Decke und Wände waren mit Fischernetzen, Palmwedeln und Flaschen in Bastgeflecht dekoriert. Der Raum wurde von einem gewaltigen Tresen beherrscht, hinter dem ein wohlbeleibter Mann mit einem Stierkopf stand und Gläser polierte. Ein Prachtexemplar von einem Minotaurus. Neben ihm auf einer Stange saß passend zum Namen des Lokals ein ausgestopfter, blauer Papagei. Einige Gäste waren bereits da, aber es ging ziemlich ruhig zu.
Erkül Bwaroo trat an diesen Tresen, gefolgt von Sergeant Gilliver, der sich in seiner Haut nicht so recht wohl zu fühlen schien. Während letzterer zurückblieb, versuchte Bwaroo, sich auf einen der aufgereihten Barhocker zu hieven, was ihm nicht leicht fiel. Doch schließlich saß er oben.
„Ich hätte gern ein Glas trockenen Rotwein“, wandte er sich an den Gläserpolierer. „Wenn das möglich ist...“
„Klar doch“, antwortete der Angesprochene in tiefem Bass. „Wie wäre ein Lausiger Froschnacken? Sehr guter Jahrgang! Purpurn im Glas. Füllig im Geschmack. Typische Aromen, die an Stachelbeere, Johannisbeere und frisch gemähtes Gras erinnern, als idealer Auftakt des Abends. Mit einer herben Sanddornnote auf der Zunge, erdig im Abgang.“
Erkül Bwaroo hob die Augenbrauen.
„Frisch gemähtes Gras?“, vergewisserte er sich. „Woher wissen Sie denn, wie frisch gemähtes Gras schmeckt?“
„Die Charakterisierung ist nicht von mir. Es ist die einhellige Meinung der Winzergenossenschaft, die diesen Wein klassifiziert hat. Ich persönlich halte ihn vielmehr für einen Charakterwein mit kraftvoller, mineralischer, intensiver Struktur, wenn Sie es genau wissen wollen.“
Bwaroo strich sich den Schnurrbart. Einen Sommelier hatte er am Tresen einer Bar wie dieser nicht erwartet.
„Oder ein Heuburger Trogpisser“, bot der Weinexperte derweil unbekümmert an. „Rotbraun im Glas, merkliche Süßholz-Aromen. Am Gaumen Noten von schwarzen Johannisbeeren und fein integrierte Eichen-Anklänge.“
„Hervorragend“, sagte da eine vertraute Stimme. Der Fliegende Holländer kam gerade zur Tür herein, dicht gefolgt von Anna.
„Pedro“, fuhr er fort, „das ist übrigens der Barkeeper hier und nebenbei auch noch der Eigentümer der Bar, kann Ihnen da einen ganz ausgezeichneten Jahrgang anbieten; herb, aber nicht kratzig und – ein Seebär wie ich weiß das besonders zu schätzen – nicht zu viel Gerbsäure, was bedeutet, dass Sie auch etwas mehr davon trinken können, und trotzdem haben Sie morgen früh keinen Kopf so breit wie eine Schiffskombüse, weshalb ich mich, wenn Sie gestatten, Herr Bwaroo, Ihnen anschließe, falls Sie sich für diesen Wein entscheiden sollten.“
Der Elf gab seine Zustimmung und Fokke schob sich mühelos auf den Hocker neben ihm, während Anna stehen blieb.
Pedro aber bückte sich, holte eine Flasche unter dem Tresen hervor und goss ein wenig daraus in ein Weinglas, das er dem Elf hinstellte. Der hob es gegen das Licht, betrachtete die dunkelrote Flüssigkeit, schnupperte daran und nahm dann einen Schluck, den er prüfend auf der Zunge behielt, ehe er schluckte.
Très bon“, nickte er anerkennend und stellte das Glas wieder vor Pedro, der es nun füllte.
„Und Sie, Sergeant?“ wandte sich der Minotaurus an Gilliver. „Ein Erdbeerlikör, wie immer?“
„Nur ein Glas Wasser, bitte“, erwiderte der Zwerg jedoch und versuchte sich größer zu machen, als er war. „Ich bin im Dienst.“
„Natürlich“, Pedro griente ihn an, servierte aber das Gewünschte.
„Ich hätte erwartet, dass Sie eher etwas Stärkeres wählen“ bemerkte Bwaroo, als nun auch dem Holländer ein Glas gereicht wurde, das er zwischen den Handflächen drehte, ehe er trank.
„Seeleute und Rum“, bestätigte der. „Da ist schon was dran, denn wer hat auf so einem Segelschiff schon Platz für einen Weinkeller! Ich habe in meiner Jugend auch so einiges geschluckt und je stärker, desto besser, sollte ja schließlich möglichst bald eine Wirkung einsetzen nach der anstrengenden Arbeit, und anstrengend war sie wirklich. Aber inzwischen haben wir umgerüstet auf Solarzellen und ein bisschen Magie, das Beste aus zwei Welten sozusagen, was einen großen Unterschied macht, Sie würden es nicht glauben! Die Fortschritte, die die Technik in hundert Jahren macht, hauen mich jedes Mal aufs Neue um, wenn wir unseren Besuch in der Parallelwelt machen, zu dem wir ja immer noch gezwungen sind, fluchbedingt sozusagen, und uns all den Schnickschnack zulegen, den es neu gibt und von dem wir denken, dass wir ihn brauchen könnten.“
„Polly will 'n' Keks!“ ließ sich da der Papagei vernehmen und sträubte sein Gefieder. Er legte den Kopf schief und erwiderte ungerührt den erstaunten Blick des Detektivs, dem erst jetzt klar wurde, dass das, was er für einen ausgestopften Papagei gehalten hatte, in Wirklichkeit ein quicklebendiger Vogel war.
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du die Gäste nicht anbetteln sollst“, schalt ihn Pedro ungehalten. „Du tust ja, als würde ich dich verhungern lassen, Polly.“
„Verfluchter Knickerer“, antwortete der Vogel. „Armleuchter. Analbaron. Hol dich der Teufel.“
„Na, gehörnt bin ich ja schon“, lachte Pedro und strich mit der Hand über eines der beachtlichen Hörner, die seiner Stirn entsprossen.
„Hodenbussard“, konterte Polly.
„Sie müssen die drastische Ausdrucksweise entschuldigen“, wandte sich Bernard Fokke an Bwaroo. „Pedro hat den Vogel seinerzeit mitsamt der Kneipe übernommen, und sein Vorgänger war der Meinung, dass Flüche gut zum Ambiente passen, weshalb er Polly eine Menge davon eintrichterte.“
„Verstehe“, behauptete der Elf, warf aber einen missbilligenden Blick auf den Vogel, der ihn mit einem „Was glotzt'n du so blöd, du Ogerlurch?“ bedachte.
„Haben Sie mit Ihrer Mannschaft gesprochen?“ meldete sich da Gilliver zu Wort, dem sehr daran gelegen war, zum Anlass des Besuches zu kommen. Er zupfte nervös an seiner Uniform herum und nahm einen tiefen Schluck von dem Wasser, das er geordert hatte. Immer wieder sah er sich betont unauffällig um.
„Meine Mannschaft, klar doch – hab jeden einzelnen befragt und dann nochmal alle zusammengerufen und versucht, durch die Gruppe noch etwas herauszufinden, so im Kollektiv, wenn Sie verstehen, was ich meine, weil, wenn man zusammensitzt und seine Gedanken austauscht, kommt oft etwas dabei heraus, an das ein Einzelner gar nicht gedacht hätte, oder eine Kleinigkeit, die man so für sich allein überhaupt nicht für wichtig angesehen und deshalb gar nicht erst erwähnt hätte, wie ich schon oft bemerkt habe und deshalb mache ich das auch ganz gerne!“ Der Seemann nahm noch einen Schluck Wein, warf Anna einen freundlichen Blick zu, als wolle er sich entschuldigen, dass er sie so lange ignorierte. „Mein Steuermann Peter war der Einzige, der glaubte, etwas gehört zu haben, obgleich er sich nicht sicher war, aber er meinte, er hätte so etwas wie einen Schrei gehört oder eigentlich sogar mehrere, die, wie soll ich sagen, dann aber immer angestrengter klangen, weswegen er dachte, dass sich da ein Pärchen vergnügt und der weibliche Teil... nun ja... sehr viel Vergnügen dabei empfand.“
„Bumsnuss, Kuttenluder“, kommentierte Polly.
„Viel zu hören in dieser Nacht“, ließ sich da Anna vernehmen, „wenn der Mond so golden lacht. Wolfsgeheul und Mädchenkicher, sanfte Wellen, verdrießlicher...“
„Wolfsgeheul? Dann war es also doch unser Wolf?“ Eifrig beugte sich Gilliver nach vorn und vergaß darüber sogar seine Nervosität.
Doch Anna verzog nur den Mund und drehte sich einmal im Kreis.
„Bartholomäus, ein sanftes Lamm“, trällerte sie dann. „War da für Anna die Elfe dann und wann. Fidel und froh beim Glockenklang. War niemals eine Gefahr. Traulicher Geselle. Kokolores. Sternenstaub.“
„Wegen des Jungen habe ich auch nachgeforscht, aber eher noch weniger herausbekommen, was eigentlich auch nicht so sehr verwunderlich ist, denn Seemänner verstehen sich zwar auf die Beobachtung von Wind und Wetter und natürlich des Sternenhimmels zur Navigation, aber kleine Jungs treiben sich haufenweise im Hafen herum – nun, vielleicht nicht haufenweise, aber doch oft – weil sie es dort einfach aufregend finden, und da achtet man als Matrose einfach bald nicht mehr drauf, so dass es gar nicht auffällt, wenn da so ein Geißenjunge herumläuft, wobei hier auch noch erschwerend dazu kommt, dass man erst einmal den Unterschied zwischen einem solchen Jungen und beispielsweise einem halbwüchsigen Faun kennen sollte, gerade hier auf dieser Insel.“
„Derlei habe ich schon befürchtet“, nickte Bwaroo. „Aber danke, dass Sie es versucht haben.“
„Kleiner Junge mit weißem Fell, husch und fort, auf der Stell...“
„Was hast du gesehen, Anna?“, forschte der Zwerg. „Nun sag schon...“
„Tirili!“ Anna stupste den Holländer neckisch an und tänzelte dann zur Tür.
„Halt, hiergeblieben!“ Gilliver wollte ihr nach, wurde aber von Fokke am Arm gepackt.
„Nun mal langsam, Sergeant“, sagte er. „Sie wissen doch, welchen Unsinn Anna den lieben, langen Tag von sich gibt!“
„Kanisterkopf. Blödmann. Knallarsch.“
„Na ja, schon.“ Der Zwerg gab seine Versuche auf, sich aus dem eisernen Griff des Seemanns zu befreien. Enttäuscht wandte er sich wieder seinem Glas Wasser zu.
Erkül Bwaroo aber sah den Holländer an und zog fragend die Augenbrauen hoch. Doch Fokke zuckte nur mit den Schultern und grinste breit.
„Klapskalli!“
„Halt die Klappe, Vogel!“ Der Minotaurus warf mit dem Handtuch, mit dem er bei Bwaroos Eintritt die Gläser poliert hatte, nach dem Papagei. „Wenn du übrigens Herzelinde entgehen willst, solltest du allmählich die Fliege machen“, wandte er sich dann unvermittelt wieder an den kleinen Polizisten. „Sie müsste gleich hier sein.“
„Tatsächlich?“ Sofort sah sich Gilliver wieder nervös nach allen Seiten um.
„Polly will 'n' Keks!“ Der Vogel hielt das Tuch mit einer Kralle fest, nahm einen Zipfel in den Schnabel und kaute darauf herum.
„Vielleicht sollten Sie gehen und Ihren Bericht schreiben oder so“, schlug Bernard Fokke freundlich vor. „Außer Peter hat nämlich niemand von meinen Männern was gehört, weswegen sie ihn auch alle ausgelacht haben, was ihn aber nicht gestört hat, denn er meinte, er sei sich ganz sicher, zumindest was die Geräusche angeht – nicht unbedingt wegen der Ursache für die Geräusche, aber immerhin.“
„Ja, vielleicht sollte ich das tun...“ überlegte der Zwerg und war fast schon an der Tür.
„Ach, und Sergeant“, hielt Bwaroo ihn da noch auf. „Ich denke, Anna müssen Sie nicht erwähnen.“
„Nein, glaub ich auch nicht“, stimmte ihm Gilliver zu und war dann auch schon weg.

„Entschuldigen Sie, wenn ich so neugierig bin, aber wer ist Herzelinde?“ wandte sich der Erkül Bwaroo an Pedro.
„Eine Sirene, die hier jeden Abend auftritt“, erklärte dieser. „Die beiden hatten mal was miteinander, und Herzelinde ist immer noch stinksauer auf ihn, weil er Schluss gemacht hat.“
„Pfeifenheini“, bekräftigte Polly, verstummte jedoch gleich wieder, als ihr der Minotaurus einen bösen Blick zuwarf.
„Ein Zwerg und eine Sirene?“ Fokke machte ein verdutztes Gesicht. „Was es nicht alles gibt. Haben Sirenen nicht einen Fischschwanz? Wie haben denn die beiden da... ich meine... wenn die beiden sich näher kamen, wie haben sie dann...“
Erkül Bwaroo konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es war ein erhebender Anblick, den Seebären einmal sprachlos zu sehen. Pedro öffnete den Mund, kam aber nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben, denn die Tür ging auf, und eine junge Frau schwebte herein. Sie war eine spektakuläre Schönheit, mit golden glänzendem Haar, das ihr bis zur Hüfte fiel und einem schlanken, zarten Körper, der von einem enganliegenden, dunkelblauen Kleid mehr betont als verhüllt wurde. Ihre großen Augen waren so blau wie ein Sommerhimmel, und ihr Mund glich einer Rosenknospe.
„Herzelinde!“ begrüßte Pedro sie herzlich. „Du bist früh dran.“
Erkül Bwaroo betrachtete die junge Dame genauer. Von einem Fischschwanz keine Spur. Nur an der Unterseite ihrer Arme glänzten silbrige Schuppen und am Hals hatte sie auf jeder Seite vier parallele Schlitze, die sich rhythmisch öffneten und schlossen – vermutlich Kiemen.
„Bin ich nicht“, fuhr sie Pedro an, ohne sich weiter um den Elfen oder den Menschen zu kümmern. Ihre Stimme klang ein wenig schrill. „Ich hab diesen Dreckskerl von einem Zwerg eben weglaufen sehen...“
„Drecksack, Kotzbrocken, Hannefatzke.“
„Ruhe, Polly.“
„Lass den Vogel doch, er hat doch recht!“ Herzelinde schenkte dem Papagei ein Lächeln, nahm eine Erdnuss aus einer der Schalen, die auf dem Tresen herumstanden und reichte sie dem Vogel, der sie vorsichtig mit dem Schnabel entgegennahm.
„Jaja“, brummte Pedro. „Seit du hier arbeitest, hat sich sein Repertoire erheblich vergrößert.“
„Der Unhold hat mich einfach so sitzen lassen!“ jammerte Herzelinde da mit tränenerstickter Stimme. „Ich habe ihm mein Herz geschenkt, und dieser Mistkerl...“
„Ja, ich weiß“, unterbrach sie der Minotaurus. Seine Miene zeigte, dass er die Geschichte schon bis zum Überdruss gehört hatte. „Aber du hast ja auch jeden Abend recht eifrig geflirtet. Und dass der Kleine dann immer finsterer drein sah, hat dir gut gefallen.“
„Flirten gehört zum Beruf. Da ist nichts dahinter“, verteidigte sich Herzelinde schnippisch.
„Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische“, sprach Erkül Bwaroo sie da an, „aber merken Sie sich bei Ihrer Darbietung die Gäste, die anwesend sind? Schon wegen des berufsbedingten Flirtens, wie Sie ja selbst sagen. Denn es ist ja bestimmt nicht einfach, so die Balance zu halten, damit sich niemand zu viele Hoffnungen macht.“
Die Sirene musterte den Elfen von oben bis unten und schien sich keinen Reim auf ihn machen zu können. Da auch weder Pedro noch Fokke Anstalten machten, Bwaroo vorzustellen, beschloss sie schließlich, ihn von oben herab zu behandeln. Sie warf den Kopf zurück und lächelte ihn an.
„Stammgäste kenne ich selbstverständlich“, gab sie huldvoll bekannt. „Aber im Grunde sind alle gleich uninteressant. Vielleicht mal abgesehen von Gerald Hagedorn.“
„Ach, der ist anders?“
„Oh ja“, nun bekam die Sirene geradezu glänzende Augen. „Er hat so etwas Animalisches...“
„Animalisch? Der?“ Pedro verzog das Gesicht, als müsse er einen Lachanfall unterdrücken. „Dieser harmlose Sonderling?“
„Er hat Stil“, behauptete Herzelinde. „Im Gegensatz zu dir.“
„Armleuchter. Hosenschleicher“, Polly fand anscheinend, dass es wieder an der Zeit war, sich zu Wort zu melden.
„Warum gehst du nicht in deine Garderobe und legst dich noch ein bisschen hin.“ Der Minotaurus war diplomatisch genug, nicht auf Herzelindes Spitze einzugehen. „Deine Fans sollen dich doch in Höchstform erleben.“
„Du hast recht“, gab die Sirene zu und ging am Tresen vorbei zu einer kleinen Tür, hinter der sie verschwand.
„Künstler“, grummelte Pedro, als sie weg war. „Ein ganz eigenes Volk.“
„Sirenen habe ich mir ganz anders vorgestellt“, stellte Fokke fest. „Dabei sollte man meinen, dass ein Seefahrer wie ich irgendwann mal der einen oder anderen begegnen müsste, was aber nicht der Fall war, in all den Jahren nicht, und hier habe ich bisher auch noch nie eine gesehen.“
„Hab sie engagiert kurz nach deinem letzten Aufenthalt hier“, erläuterte Pedro.
„Und warum weiß ich immer noch nichts davon, dass hier jetzt eine Sirene singt?“ fragte Fokke anklagend. „Ich bin jetzt immerhin schon seit vier Wochen zurück!“
„Ist doch nicht meine Schuld, dass du genau dann kommst, wenn Herzelinde Urlaub macht“, verteidigte sich der Minotaurus. „Außerdem ist sie jetzt schon eine Woche wieder da, aber du bist ja nicht aufgetaucht!“
„In letzter Zeit war ich beschäftigt...“
„Anna, hm?“
„Wieso?“
„Nur so.“
„Schmalspurrüpel", verkündete Polly. "Softeisbubi. Furunkelklemmer.“
„Und warum ist Mademoiselle Sirene nicht im Meer, wo sie doch eigentlich hingehört?“ Der Elf nahm einen Schluck Wein.
„Sirenen lauern mittlerweile keinen Schiffen mehr auf.“ Pedro warf dem Papagei einen bösen Blick zu. „Die meisten haben das Meer verlassen. Die mit den schönen Stimmen versuchen sich als Sängerinnen. Die anderen arbeiten im Handwerk. Zum Beispiel bei Malern, wo sie mit Singen die Farbe abbeizen. Die mit den schrillsten Stimmen zersingen Gläser. Herzelinde gehört eindeutig zu ersteren. Sie ist noch nicht lange bei uns. Aber ihr Erfolg ist beachtlich. Bleiben Sie doch, bis sie auftritt.“
„Ist Gerald Hagedorn auch so von ihr angetan, wie sie anscheinend von ihm?“ wollte Erkül Bwaroo statt einer Antwort wissen. „Und die beiden Geißlersöhne? Monsieur Hagedorn erwähnte, sie hier schon gesehen zu haben.“
„Der Sekretär unserer Durchlauchtigkeit ist öfter da, ja.“ Pedro hob die Schultern. „Aber er bleibt immer für sich und sagt nicht viel. Keine Ahnung, ob er wegen Herzelinde kommt. Aber ich glaube eher nicht. Er schaut sie kaum an. Die Geißlersöhne aber, die sind hin und weg von ihr. Na ja, in dem Alter kochen die Hormone hoch.“
„Sind die beiden nicht noch ein wenig jung für so eine Bar?“
„Eigentlich ist es mir ganz recht, wenn sie hier sind. Die beiden sind im Grunde in Ordnung, was man von ihren Freunden nicht gerade behaupten kann. Hier habe ich sie im Auge – natürlich bekommen sie keinen Alkohol. Aber sie sind weg von der Straße und sie benehmen sich. Schon, um Herzelinde zu gefallen.“
„Dann gab es noch nie Ärger?“
„Nein!“ Der Minotaurus lachte laut auf. „Die beiden himmeln das Mädel aus der Ferne an. Aber keiner von denen traut sich auch nur, sie anzusprechen.“
Er nahm mit einer raschen Bewegung Polly das Handtuch weg und besah sich kopfschüttelnd das Loch, das der Vogel hinein genagt hatte.
„Ich hörte, Sie sind gut mit der Geißlerfamilie bekannt“, setzte der Elf das Gespräch fort. „Besonders mit dem Jungen, der entführt wurde.“
„Ziegfried, ja.“ Pedro seufzte und sah mit einem mal sehr traurig aus. „Scheußliche Sache.“
„Sie kennen ihn gut?“
„Sehr gut sogar. Wir haben uns angefreundet, da konnte er kaum laufen. Inzwischen bin ich wohl so etwas wie ein Ersatzvater für ihn.“ Der Minotaurus begann, mit dem Tuch geradezu verbissen die Theke abzuwischen. Plötzlich hielt er inne und schaute Bwaroo eindringlich an. Seine Augen glommen rot. „Wenn ich den Kerl erwische, der Ziegfried verschleppt und ihm womöglich etwas angetan hat...“
„Milchbubi, Weichei, Jammerlappen“, krächzte Polly.
Pedro schoss dem Vogel einen Blick zu, bei dem der Elf sich wunderte, dass der Papagei nicht augenblicklich in Flammen aufging.
„Vielleicht ist der Kleine einfach von zuhause ausgerissen“, vermutete Fokke. „Bin ich auch, als ich vierzehn war.“
„Ziegfried ist erst acht“, grollte der Minotaurus.
„Auch mit acht kommt man manchmal auf dumme Ideen“, lachte der Holländer. Seine unbekümmerte Art hatte eine beruhigende Wirkung auf den Barmann. Dessen Blick klärte sich, und er atmete mehrmals tief durch.
„Wenn Sie mich entschuldigen, meine Herren“, murmelte er. „Ich muss ein neues Fass Bier anstechen.“ Damit verschwand auch er durch die kleine Tür.


Die Autorin:




Ruth M. Fuchs, Erkül Bwaroo auf der Fabelinsel

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Kommentare:

Ruth M. Fuchs hat gesagt…

Danke Elsa!

Elsa Rieger hat gesagt…

Bitte, gern, Ruth!