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Rezensionen

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23. November 2014

Eddy Zack, Ebola



Der Kongo - das schwarze Herz Afrikas.
Drei Menschen treffen in einem Urwaldkrankenhaus aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein können.
Lars Petersen will illegal geschürfte Diamanten kaufen. Dr. Eduard Dupré kam vor vielen Jahren als Missionar und Arzt an den Kongo. Jetzt ist er nur noch Arzt, seinen Glauben hat er längst verloren. Und da ist seine viel zu junge Frau Zola, trotz ihres afrikanischen Vornamens gebürtige Belgierin.
Das Krankenhaus liegt am Ebola, ein Seitenfluss des Kongo, der vor vielen Jahren der Ebola-Seuche den Namen gab. Eduard Dupré hat nicht nur mit Tropenkrankheiten zu kämpfen, sondern mit ausbleibenden Lieferungen der Hilfsorganisationen, gepanschten und längst verfallenen Medikamenten. Zur bitteren Erkenntnis, vielen Patienten nicht helfen zu können, kommen noch marodierende Regierungstruppen, Rebellen und Sklavenjägern aus dem Sudan.
Da bricht erneut die Ebola-Seuche aus.


Leseproben:

(...)
Lars stieg aus und einer der Polizisten hob seine Reisetasche aus dem Kofferraum.
»Hier lang.«
In einem Vorraum stand ein kleiner Tisch, daneben ein Stuhl und eine Polizistin sagte: »Taschen leeren und Schuhe ausziehen.«
Langsam wurde es ihm doch zu blöd. Gehorsam gegenüber der staatlichen Gewalt, das hatte Grenzen.
»Wollen Sie mir nicht endlich sagen, was los ist? Ich habe den Verdacht, hier liegt eine Verwechselung vor.«
»Wenn Sie Lars Petersen sind, ganz sicher nicht. Hinter Ihnen sind wir her. Leeren Sie Ihre Taschen.«
Er legte den Inhalt seiner Taschen in einen kleinen Holzkasten auf dem Tisch, Kleingeld, ein Papiertaschentuch, seine Haustürschlüssel.
»Die Uhr«, sagte einer und folgsam band er sie ab.
»Die Schuhe«, sagte die Polizistin und er zog sie aus.
Ein Mann in Zivil betrat den Raum, sah fragend in die Runde.
»Alles glatt gegangen?«
Alle nickten.
»Lars Petersen?«
»Ja. Und Sie sagen mir jetzt hoffentlich, was hier los ist.«
»Ich bin Oberstaatsanwalt Borgmann. Wir beschuldigen Sie des Mordes. Morgen früh werden Sie dem Haftrichter vorgeführt, der wird Ihnen den Haftbefehl eröffnen. Theoretisch kann er unseren Antrag ablehnen, aber das ist bei der Beweislast eher unwahrscheinlich.«
»Sagen Sie mir auch, wen ich umgebracht haben soll?«
»Sie haben vor einer Woche Michael Goldberg in einer Tiefgarage erschossen. Wir können das Verfahren auch abkürzen. Wollen Sie dazu jetzt eine Aussage machen?«
Wie vom Donner gerührt saß Lars auf dem unbequemen Holzstuhl. Er sollte Goldberg erschossen haben! Er wusste nicht mal, dass der tot war.
»Haben Sie es nicht noch ein kleines bisschen dicker? Ich soll Goldberg erschossen haben? Wann bitte soll ich das getan haben?«
»Sie stellen hier keine Fragen, Herr Petersen, das ist mein Privileg. Haben Sie oder haben Sie nicht?« (...)

*

(...)
Nicht gerade ein idealer Ort, Diamanten zwischen Biergläsern hin und her zu schieben.
»Aus dem Kongo. Geschliffen sind sie rund zweihunderttausend wert«, sagte Philo. Ob Dollar oder Euro ließ er offen, aber in diesen Größenordnungen spielte das keine entscheidende Rolle.
Bei dem Wort Kongo dachte Lars sofort an Kenia. Damals in Mombasa war ihm die notwendige Leichtigkeit für derartige Unternehmen abhandengekommen. Jetzt lebte er eher klein - klein, machte Geschäfte, die kaum welche waren, meistens in der Grauzone zwischen dubios bis illegal. Er kaufte und verkaufte dieses und jenes, gelegentlich auch Preziosen, wohl wissend, dass sie geklaut waren. Hehlerei nennt man das im Juristendeutsch. Er strebte nicht nach Geld, nicht mehr. Zweihunderttausend - so viel hatte er schon lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Wenn Philo ausgerechnet ihm so ein Angebot machte, dann handelte es sich um eine reichlich faule Angelegenheit. Oder er überschätzte Lars maßlos. Wohl beides.
»Bist du noch hier, Lars?«
»Entschuldige.«
Als wären sie zerbrechlich, legte er die fünf oktaederförmigen Steine vorsichtig zurück in die Streichholzschachtel, drückte sie in das Wattepolster. Betrachtete man die Steine oberflächlich, konnte man sie trotz ihrer ungewöhnlichen Farbe von blass gelb über bläulich bis weiß für ausgespuckte Pflaumenkerne halten.
Er schob die zerschrammte Schachtel durch die Bierpfützen Philo zu. Die Schachtel passte nicht zum Inhalt. So wenig wie Lars, innerlich nicht weniger zerschrammt als die Schachtel. (...)

*

(...)
Imani war mit einem gewaltigen Bauch in Köln angekommen und eine Woche später brachte sie ihr erstes Kind zur Welt.
»Kinder kriegen, das ist wie Melonen scheißen«, stellte sie kategorisch fest, als Lars sie nach der Geburt gemeinsam mit Philo im Krankenhaus besuchte. Sie sagte das in diesem weichen Französisch, wie es im Kongo gesprochen wird, da klingt der Satz weitaus weniger vulgär, als im Deutschen.
Kennengelernt hatten sie sich zufällig. Philo hatte ihn auf der Straße angesprochen und nach dem Weg in die nächste Klinik gefragt. Das war am Breslauer Platz hinter dem Hauptbahnhof, wo die Fernbusse ankommen. Sie waren gerade aus einem dieser Busse geklettert. Imani war trotz ihrer schwarzen Haut kalkweiß im Gesicht und umklammerte krampfhaft einen Laternenpfahl, derweil ihr das Fruchtwasser an den Beinen bis in die Schuhe lief. Der Bus kam aus Lyon, das ist eine ziemlich lange Strecke, zu lang für ein Ungeborenes, welches im Mutterbauch heftig um sich tritt, weil es raus will. Das Ruckeln hatte offenbar den Geburtsvorgang in Gang gesetzt.
Lars winkte einem Taxi, überredete den Fahrer sie aufzunehmen und trotz seines Gejammers (»Ihr versaut mir die Rückbank«), fuhr er in halsbrecherischem Tempo in die nächstgelegene Klinik.

Das war jetzt gut vier Jahre her und der Beginn ihrer Freundschaft. (...)

*

(...)
»Hat er dich als WP eingesetzt?«
»Nein, der Landrat gemeinsam mit der finanzierenden Bank. Den Direktor der Bank kenne ich recht gut, Jansen heißt er.«
»Aufsichtsräte?«
»Zwei Rumänen. Die habe ich einmal beim Notar gesehen, dann nie wieder.«
»Pharmazie - ein weites Feld. Was produzieren sie genau?«
»Da wird’s vollends dubios. Er will ein Mittel gegen Aids herstellen. Entwickelt hat man es in den USA. Es gibt Patentschriften, klinische Studien namhafter Institute in den USA, Gutachten von einer Zulassungsbehörde, sehr viel Papier, sehr beeindruckend. Eine Bankgarantie der Bank of America in Tampa gibt es auch. Zur Finanzierung hat er die Garantie nicht eingesetzt, nur vorgezeigt. Klingt alles gut.«
»Zu gut für deinen Geschmack? Vielleicht bist du zu misstrauisch oder denkst zu krumm. Wird schon produziert? Von einem bahnbrechenden Fortschritt in der Aids-Bekämpfung habe ich bislang nichts gehört.«
»Goldberg verlangt strikte Geheimhaltung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie mit der Produktion beginnen. Er hat zwei schäbige Büroräume und eine eher noch schäbigere Lagerhalle *

*

(...)
Der Fahrer winkte lässig ab. »Das haben wir alle ab und zu mal, ich auch.« Es fehlte nur noch der beruhigende Satz - das wird schon.
Er fuhr nur um eine Ecke, dann zweihundert Meter weiter und hielt.
»Klein, sauber, fünf Minuten bis zur Klinik, preiswert und auf der Straße viele hübsche Mädchen, d'accord?«
Lars gab ihm das Fahrgeld und stieg aus.
»Ist hier bestimmt etwas frei?«
»Ich warte ein paar Minuten.«
Es war ein kleines Hotel, zwanzig Zimmer, schloss er nach den Haken am Schlüsselbrett. Gerade kam ein älterer Weißer und ein viel zu junges schwarzes Mädchen die Treppe herunter. Unten am Ausgang legte sie ihm einen Arm um den Hals, küsste ihn auf die Wange und sagte: »Merci.« Dann eilte sie aus dem Hotel zu ihrem nächsten Kunden.
Der Mann hinter der Rezeption sah ihn fragend an. Wahrscheinlich wunderte er sich, dass Lars ohne Begleitung ein Zimmer buchen wollte.
»Wie lange bleiben Sie, Monsieur?«
»Erst mal eine Woche. Ich weiß noch nicht genau«, erwiderte er.
Der Rezeptionist sah ihn irritiert an. Nur wenige Gäste mieteten für mehr als eine Nacht.
»Wie haben Sie uns gefunden?«
»Ein Taxi-Fahrer.«
Er lachte erfreut. »Ah, auf Jules ist Verlass. Eine Woche sagten Sie, dann am besten ganz oben, ja?«
»Ruhig, wenn möglich. Vielleicht etwas ...«, er zögerte, wollte nicht abfällig klingen, »... etwas abseits vom üblichen Betrieb.«
Der Mann strahlte eine angenehme Sicherheit aus. Musste er wohl auch in so einem Hotel. Fünfzig Jahre etwa war er, sein Kraushaar war silberig durchzogen. Auf der rechten Kopfseite hatte er eine tiefe Narbe, die vom Wangenknochen bis zum Kinn reichte. Nach Machete sah das aus. (...)

*

(...)
Lars betrachtete die Flaschenreihe im Regal, sah sich dahinter im Spiegel, blickte in die Augen einer Frau. Sie lächelte ein wenig. Lars war verblüfft, lächelte mit Verzögerung zurück. Sie lächelte stärker. Er sah im Spiegel die langen silbernen Ketten mit Perlen an ihren Ohren. Mit Verspätung kapierte er, dass die Frau im Spiegel direkt neben ihm stand und die Silberketten mit den Perlen nur wenige Zentimeter neben ihm hin und her pendelten.
Er drehte den Kopf und sie lachte laut.
»Sans le miroir, il est plus facile.«
Lars sagte: »Ja, stimmt. Ohne Spiegel ist es einfacher. Wie geht es?«
»Danke, sehr gut, und dir? Ich bin Liz«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen.
»Lars Petersen. Ich bin heute erst angekommen.«
Ihre Hautfarbe war heller, nicht so tintenschwarz wie die der anderen Frauen an der Bar. Für eine Afrikanerin hatte sie ungewöhnlich lange Haare, wenig gekraust, zu einem dicken Pferdeschwanz geschlungen. Afrikanerinnen wünschen sich lange Haare wie Europäerinnen und dafür flechten sie Haarverlängerungen in ihr eigenes Haar, stark gekraust und von mittel- bis hellbrauner Farbe. Ein reizvoller Kontrast zu ihrem schwarzen Kraushaar. Die Frau vor ihm hatte nichts eingeflochten, es waren ihre eigenen Haare.
Sie hatte sich mit dem Glas in der Hand zu ihm umgedreht, wandte ihren Freundinnen den Rücken zu. Sie trug eine schmale hellblaue Jeans und ein Hemd mit großen braunen Karos, geschnitten wie ein Herrenhemd. Ich hätte mich umziehen sollen, dachte Lars. Er war noch in den Klamotten, die er während des Fluges angehabt hatte, fühlte sich schmutzig. Nicht mal schnell unter die Dusche war er gesprungen.
»Du bist nicht von hier?«
Er lachte. »Nein, das sieht und hört man wohl. Ich bin Deutscher.«
Sie stutzte, antwortete dann in fließendem Deutsch: »So eine Überraschung. Deutsche sind hier selten.«
»Ich bin geschäftlich hier. Wo hast du Deutsch gelernt?«
»Erst in der Schule, dann an der Universität in Daressalam und später in Hamburg. Meine Schwester lebt in Hamburg, ich habe längere Zeit dort gelebt.«
»Was tust du hier? Du bist aus Tansania?«
»Ja, ich bin Dolmetscherin bei der UNESCO. Geschäftlich - hast du mit Diamanten zu tun?« (...)


Der Autor
Detlev Crusius, alias Eddy Zack, muss sich für seine Romane nur wenig ausdenken. Er hat viele Jahre im Nahen Osten, in Libyen und in Russland gearbeitet. Als Matrose der Handelsmarine bereiste er als gerade mal 16-jähriger die Küsten Afrikas bis hinunter zum Kap der Guten Hoffnung, das Innere des Kontinentes im Jeep, auf dem Kamel und zu Fuß. In Mittelamerika blieb er hängen und lebte dort einige Zeit. Er kennt die Tricks der Waffenhändler, der Treuhänder in Zürich und die der Banken, denn er gehörte einmal dazu. Die Methoden der Schlapphüte des KGB und ihrer westlichen Gegenspieler hat er schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.
Er sagt - ich schreibe aus meinem Kopf ab. Und wenn das nicht reicht, nehme ich die Köpfe meiner Freunde hinzu.
Geboren 1942 in Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski in Polen), aufgewachsen in Güstrow, Krefeld und auf vielen Stationen dazwischen. Detlev Crusius hat gelebt und gearbeitet in Krefeld, Köln, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Dresden, Rom, London, Moskau, Riad, Jeddah, Tripolis, Damaskus und Zürich.
Zu seiner Biografie gehören auch vier Jahre Gefängnis wegen Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz und das UN-Embargo gegen Libyen. Schon deshalb sind viele seiner Bücher im Wortsinn keine Romane, sondern eher Insider-Berichte.
Er ist mit einer Russin verheiratet und lebt in Spanien.


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