Salon

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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

11. November 2014

Moorgeboren - ein Halloweenspecial








Fast vergessene Rituale … 
Uralte Wesen … 
Ein Werwolf … 
Ein verschwundener Hotelpage … 
Seine kämpferische Schwester … 


Und mittendrin Christin, die eigentlich nur ein verlängertes Wochenende in Bovey Castle verbringen will... 



Leseprobe

1

Aimee saß in ihrem Zimmer und starrte auf den Kalender. Beinahe ein Jahr war vergangen. In einer der kommenden Nächte wäre es wieder so weit. Erneut würde der Tod zuschlagen und das Leid über die Familien kommen. Es war nicht mehr so einfach wie früher, als die Menschen noch mit den alten Göttern verbunden waren, als sie sich den Riten widerspruchslos fügten. Aimee seufzte. Vielleicht sollte sie fortziehen, wie so viele es vor ihr getan hatten, die eingeweiht waren. Vielleicht sollte sie sich einfach nur selbst in Sicherheit bringen und aufgeben. Doch wie jedes Mal konnte sie sich nicht dazu durchringen, ihre Heimat und ihre Lieben zu verlassen.

2

„Einfach mal raus aus dem Trubel Londons mit seinen ewig verstopften Straßen. Weg von den schlechtgelaunten Menschen und dem Straßenlärm“, hatte sich Christin gedacht und kurz entschlossen ein Zimmer im eleganten Bovey Castle mitten im Dartmoor National Park gebucht. Seit sie „Der Hund von Baskerville“ gesehen hatte, träumte sie davon, einmal in so einem Schloss zu übernachten. In dieser etwas unheimlichen Umgebung würde sie im Luxus schwelgen und sich verwöhnen lassen.
Nun also wurde ihr Traum Wirklichkeit, nur das Wetter spielte nicht so recht mit. Christin bog von der Hauptstraße in die Zufahrt des Schlosses ein und fuhr unerwartet in dichten Nebel. Sie bremste ab und lenkte den Wagen vorsichtig den holprigen Weg hinauf. Das Licht der Scheinwerfer brach sich in den Nebelschwaden und ließ diese wie eine undurchdringliche Mauer erscheinen.
Einige Minuten lang folgte Christin der Straße, ohne ein Licht oder einen Menschen zu entdecken. Endlich teilte sich der Dunst und gab den Blick auf das Gebäude frei, ein düsteres, weitläufiges Schloss mit ein paar Zinnen und Türmen. Es wirkte verwunschen, beinahe unheimlich. Bei diesem Anblick und der Vorstellung, dort in den nächsten Tagen zu übernachten, lief Christin ein kleiner Schauer den Rücken hinunter.
Nur hinter wenigen Fenstern brannte spärliches Licht, der Eingang lag vollends im Dunkeln. Christin bremste und stellte den Wagen ab. Sie ächzte unter dem Gewicht ihres Koffers, schleppte ihn aber tapfer die breite Treppe hinauf. Eigentlich hätte sie einen Bediensteten erwartet, der ihr bereits am Auto das Gepäck abnahm, doch weit und breit ließ sich niemand sehen. Die Doppeltür, über der in geschmiedeten Buchstaben „Bovey Castle“ prangte, war verschlossen.
Kaum hatte Christin die letzte Stufe erklommen, öffneten sich die schweren Holztüren jedoch wie von Geisterhand. Drinnen leuchtete sanfter Kerzenschein. Ein Hotelangestellter in Livree trat heran, grüßte freundlich und nahm das Gepäck entgegen.
„Herzlich Willkommen in Bovey Castle. Bitte wundern Sie sich nicht über die Kerzen. Wir haben einen Stromausfall“, sagte die Dame am Empfang. „Das kommt in alten Häusern leider hin und wieder vor. Aber keine Sorge, wir kümmern uns bereits darum.“ Sie legte den Zimmerschlüssel auf den Tresen und wies den Pagen an, Christin zu ihrem Zimmer zu begleiten.
„Wow!“ Christin blieb im Türrahmen stehen. Das war kein Zimmer, sondern ein Palast. Allein in dem Bett fände locker eine Rugbymannschaft Platz. Die Einrichtung bestand aus edelsten Mahagonimöbeln und brokatbezogenen Polstersesseln. Ganz wie man sich das in einem Anwesen dieser Art vorstellte. Ein gläserner Schreibtisch und ein Barockstuhl mit geschnitzter Rückenlehne standen unter einem Fenster. Die Wände waren mit Seidentapete bespannt. In einem mannshohen Marmorkamin prasselte ein Feuer und überall brannten Kerzen in dreiarmigen Leuchtern. Der Page öffnete die Tür zum Badezimmer und Christins Blick fiel auf eine freistehende Badewanne mit Löwenfüßen. Ein bodentiefes Fenster ermöglichte es, in der Badewanne zu liegen und dabei die Landschaft zu betrachten, wenn sich erst der Nebel auflöste.
„Man kann nur von innen durch dieses Fenster sehen“, erklärte der Page, ehe er die Badezimmertür wieder schloss.
Christin gab ihm ein Trinkgeld, und einen Atemzug später stand sie allein im Zimmer.
„Ein Traum“, ging es ihr durch den Kopf. Sie warf sich auf das Bett und sank in einen Berg von Decken und weichen Matratzen. Hier würde Christin wunderbar schlafen. Aber zuvor wollte sie etwas Luft schnappen und danach würde sie in dieser Luxuswanne ein ausgiebiges Bad nehmen.
Sie sah auf ihre Armbanduhr, beinahe neun, wenn sie noch einen Spaziergang machen wollte, musste sie los.
Christin schlüpfte in feste Schuhe, zog einen dicken Pullover über und warf sich die Wachsjacke über die Schulter. Dann schloss sie die Zimmertür, durchquerte die langen Flure des Schlosses, die auch jetzt nur von Kerzenschein erleuchtet waren, und verließ das Hotel durch den Haupteingang. Der Nebel legte sich feucht auf ihre Haut. Kurz ließ sie den Gedanken zu, dass sie sich verirren könnte, schließlich lag Bovey Castle inmitten eines Moores. Doch dann schob sie ihre Bedenken zur Seite. Wenn sie nur immer der Straße folgen würde, konnte ihr nichts passieren. Sie musste lediglich aufpassen, dass sie nicht irgendwo vom Weg abkam, ohne es zu bemerken.
Sie kniff die Augen zusammen und versuchte den Verlauf des Weges zu erkennen, der sich im schwachen Schein der Gaslaternen bereits nach wenigen Schritten im Nebel verlor.
Gaslaternen? Christin stutzte. Waren die bei ihrer Ankunft auch schon da gewesen? Aufgefallen waren sie ihr nicht.
Egal! Jetzt erst einmal los. Doch sie kam nicht weit. Schon bei ihrem ersten Schritt die Treppe hinunter drückte sich der altertümliche Zimmerschlüssel in ihrer Hosentasche schmerzhaft in ihren Oberschenkel. „Unnötig sich blaue Flecken zu holen, weil man es hier für schick hält, alles so urwüchsig wirken zu lassen wie zu Sherlock Holmes Zeiten“, dachte Christin und ging zurück ins Schloss.
Die Eingangshalle lag menschenleer da. Christin näherte sich zögernd dem Rezeptionstisch. Sie gestand es sich nur ungern ein, aber die Atmosphäre dieses Gemäuers beeindruckte sie, schüchterte sie geradezu ein. Alles hier wirkte, als hätte sie eine Zeitreise ins Jahr 1900 gemacht. Die Innenarchitekten des Hotels hatten das Thema bis ins Detail hinein umgesetzt. Weder ein PC noch ein Kartenlesegerät waren zu entdecken, nicht einmal ein Telefon stand auf der polierten Holzplatte hinter dem Tresen. Einzig das aufgeschlagene Gästebuch wies darauf hin, dass es sich hier um die Rezeption handelte. Es lag für jeden frei einsehbar auf dem Sims vor dem eigentlichen Tisch.
Christin wandte sich um. Sie suchte nach jemandem, dem sie den Schlüssel in die Hand drücken konnte, aber sie war ganz allein in dem großen, vom Schein der Kerzen nur spärlich erleuchteten Raum. Unschlüssig drehte sie den klobigen Zimmerschlüssel in den Händen, schließlich legte sie ihn mit einer zögernden Bewegung auf die Holzplatte. Vor knapp einer halben Stunde hatte Christin sich hier selbst mit einem schweren Füllfederhalter in das Gästebuch eingetragen, und auch die Frau hinter der Rezeption hatte gewirkt, als sei sie aus einer völlig anderen Zeit gefallen. Mit ihrem altertümlichen Kleid und der hochgesteckten Frisur wäre sie auf den Bällen um 1900 zweifellos der heißeste Feger gewesen. Und noch etwas war Christin an der Rezeptionistin aufgefallen: Der Zustand ihrer Zähne. Authentizität schön und gut, aber hier übertrieb es die Geschäftsleitung doch eindeutig. Kaum ein Gast erwartete wohl, dass das Erscheinungsbild des Personals in allen Details längst vergangenen Zeiten entsprach. So ein Gebiss, das man heute allenfalls bei Meth-Junkies fand, wirkte einfach abstoßend. So etwas konnte man den Gästen nicht zumuten.
„Ach, was soll’s. Das ist nicht mein Problem.“ Christin wandte sich dem Ausgang zu. Sie wollte im Urlaub entspannen, da musste sie nicht die Probleme der Geschäftsleitung eines Hotels lösen. Sie hatte mit ihren eigenen genug zu tun. Da gab es zum Beispiel Francis aus der Personalabteilung, der ihr in jeder Mittagspause ganz zufällig über den Weg lief, sie schmachtend ansah, es aber anscheinend nicht über sich brachte, sie auf einen Kaffee einzuladen. Ein attraktiver Mann mit römischer Nase, blauen Augen und braunen Wuschellocken. Über den Dreitagebart sollte er allerdings noch einmal nachdenken.
Ein kalter Windstoß brachte Christin zurück in die Realität. Francis war nicht hier. Niemand war hier. Sie stand allein auf der Treppe und der Nebel wirkte genauso undurchdringlich wie zuvor.
Während sie die Stufen hinabstieg, stellte sie sich vor, dass sich im nächsten Augenblick aus dem Nebel eine Gestalt in Inverness-Mantel, mit Deerstalker und Shagpfeife herauslösen, die Mütze ziehen und sie ansprechen würde.
„Sie kommen aus der City“, würde der hochgewachsene Mann sagen, „Ihre gepflegten Hände und lackierten Fingernägel lassen auf eine Tätigkeit in einem Büro schließen. Allerdings ist einer Ihrer Nägel vor Kurzem abgebrochen. Es steht zu vermuten, dass dies bei einer ungewohnten Arbeit geschehen ist.“
„Ja, ich habe Ikea-Möbel zusammengeschraubt“, würde sie antworten.
„Dies und die Tatsache, dass Sie sich bei diesem Nebel allein auf einen Spaziergang wagen, weist darauf hin, dass Sie alleinstehend sind“, könnte der fremde Herr das Gespräch fortführen.
Aber als Christin die Zufahrt erreichte, kam ihr niemand entgegen. Nur der Kies knirschte bei jedem Schritt unter ihren Füßen. Ein Stück weiter schälte sich ein kleines Gebäude aus dem Dunst, das sie bei ihrer Ankunft nicht wahrgenommen hatte. Die Fenster des flachen Ziegelbaus waren geschlossen, und das Haus machte einen unbewohnten Eindruck.
Christin wandte den Blick ab, um ihren Spaziergang fortzusetzen, als sie hinter sich das Geräusch eines brechenden Astes hörte. Sie schrak zusammen, von einem Atemzug auf den nächsten brach ihr der Schweiß aus allen Poren. Ihr Herz raste.
Sie blieb stehen, horchte, jeden Muskel angespannt. Vorsichtig, um nur kein Geräusch zu verursachen, tastete sie nach dem Pfefferspray, das sie immer bei sich trug. „Shit!“ Sie hatte es im Koffer gelassen. Ausgerechnet jetzt.
Lange stand Christin so und wartete. Doch nichts geschah. Um sie herum blieb es ruhig, nur das Spiel des Windes ließ die Blätter leise rascheln. Sonst nichts, kein Knacken, kein Wolfsgeheul oder was immer sie erwartet hatte, kein Mensch, der sich ihr näherte.
Vielleicht hatte sie sich verhört?
„Jetzt mal nicht durchdrehen, Christin“, ermahnte sie sich. Dennoch spielte sie mit dem Gedanken umzukehren. Ein Vollbad bei Kerzenschein lockte unwiderstehlich. Das heiße Wasser, entspannte Muskeln, dazu ein Glas Wein …
Entschlossen drehte sie sich um, sog die kühle, feuchte Luft ein und stapfte Richtung Haupteingang.
Erneut knackte es. Christin fuhr herum. Angestrengt starrte sie in den Dunst. Nichts! Nichts außer Nebel und Schatten. „Verdammt!“, entfuhr es ihr. Sie strich über die Gänsehaut an ihren Armen, wandte sich dem Schloss zu und beschleunigte ihre Schritte. „Nur schnell zurück!“
In Christins Nacken kribbelte es. Sie kannte das Gefühl. Jemand beobachtete sie. Weg hier! Sie stolperte vorwärts. Sah sie dort vorn, trotz des dichten Nebels, nicht schon die Lichter des Hotels? Oder narrte sie ihre Phantasie, ihre Hoffnung?
„Verzeihen Sie!“, erklang eine tiefe Stimme.
Christin blieb beinahe das Herz stehen. Vor ihr stand ein junger Mann in einem altmodischen Anzug, er trug ein Hemd mit Vatermörderkragen und eine perlenbesetzte Tuchnadel. „Mister Darcy“, schoss es Christin durch den Kopf. Dieser Mann schien direkt aus Jane Austens "Stolz und Vorurteil" zu stammen.
Vor Mister Darcy musste man sich doch eigentlich nicht fürchten. Oder? Vorsichtshalber wich Christin dennoch ein Stück zurück.
„Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt.“ Der junge Mann lächelte. „Ich sah Sie so allein hier auf dem Weg und dachte mir, bei diesem Nebel benötigt eine junge Dame einen starken Arm, der sie geleitet.“
„Wir sind hier nicht in der Wildnis“, antwortet Christin spitz, obwohl ihre Knie immer noch zitterten.
Der Mann ignorierte ihre Bemerkung. Stattdessen sah er sie mit einem prüfenden Blick an. „Verzeihen Sie meine Offenheit, aber Sie sehen erschöpft aus. Wohin führt Sie ihr Weg?“
„Oh. Ich habe kein bestimmtes Ziel. Ich wollte mir nur die Gegend ansehen. Es ist mein erster Tag im Hotel.“
„Hotel?“ Der junge Mann wirkte überrascht. „Ich kann mich nicht entsinnen, dass sich hier in der Gegend ein Hotel befindet.“
Christin zeigte in die Richtung aus der sie gekommen war. „Da hinten steht Bovey Castle.“
„Das Schloss?“
Sie nickte. Was sollte das hier alles? Sie war wohl kaum der erste Gast in diesem Hotel. Sie griff in die Tasche, um ihm den Zimmerschlüssel zu zeigen. Aber sie hatte den Schlüssel an der Rezeption gelassen.
„Bovey Castle ist kein Hotel. Das dürfen Sie mir glauben.“ Der Fremde lächelte. „Schließlich ist es mein Schloss, von dem hier die Rede ist.“
Der Typ hatte eindeutig einen Knall. Christin fühlte sich zunehmend unwohl in seiner Gegenwart. Besser, sie machte, dass sie hier fortkam. „Sie sind doch verrückt“, rief sie ihm zu und stürmte los in Richtung Hotel.
„Ich bin verrückt?“ Er eilte ihr nach und schloss zu ihr auf. „Au contrair ma cher – ich bin völlig bei Verstand. Sie hingegen machen mir einen etwas verwirrten Eindruck.“

… to be continued – Ende der Leseprobe


Teilnehmende Autoren:
DavidPawn (Autor)
JulianeSchiesel (Autor)
ReginaMengel (Autor)
MichaelStuhr (Autor)
SusanneGerdom (Autor)
MarliesHanelt (Autor)
Qindie/ReginaMengel(Herausgeber/Lektorat)


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