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Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

13. November 2014

Selma J. Spieweg, Deserteur Alexej




Alexej wollte nie etwas anderes, als ein guter Mensch sein und die Schwachen beschützen. Doch durch eine einzige Tat verlor er alles: seine Zukunft, seine Heimat … und seinen Seelenfrieden. Nun ist er ein Deserteur, ein ehemaliger Polizist einer Sondereinheit, ein Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis und … ein Verbrecher.
Dennoch kann er nicht aus seiner Haut. Obwohl er selbst auf der Flucht ist, versucht er Verbrechen aufzuklären, um Unschuldige zu beschützen.

Eine spannende und emotionale Krimiserie, die ohne Splatter-Effekte auskommt. Die inneren Abgründe, in die ein Mensch stürzen kann, der, mit einer einzigen unbedachten Tat, seine Zukunft verspielt, sind Schrecken genug. Alexej hatte sich immer als Held gesehen, als einer von den Guten, doch dann beging er einen Mord. Wird er mit dieser Schuld klarkommen?

Diese Sammelausgabe enthält:

Band 0  Serienauftakt
Am falschen Ende der Hoffnung

Alexej, ein Deserteur der russischen „Schnellen Spezialeingreiftruppe“, verschleppt einen unbedeutenden Abteilungsleiter, der sich nicht erklären kann, warum dieser Fremde Rache an ihm nehmen will. Während das Entführungsopfer alle Hoffnungen auf Rettung aufgibt, wird eine Gruppe Geocacher nichts ahnend ein wichtiger Teil von Alexejs Vergeltungsplan.

Band 1
Die Erben des Deserteurs

Alexej ist auf der Flucht. Als illegale Aushilfskraft findet er Unterschlupf auf dem Bauernhof von Friedrich Petersen, auf dem auch Elsa, die Schwiegermutter des Bauern, lebt. Sie möchte ihre Erinnerungen an den Krieg veröffentlichen, doch jemand versucht das unter allen Umständen zu verhindern und schreckt auch vor einem Mordversuch nicht zurück. Alexej hat zwar schnell einen Verdacht, wer dahinter steckt, aber den Grund kann er sich nicht erklären. Was ist an der Lebensgeschichte der alten Frau so brisant? Hat es etwas mit dem desertierten sowjetischen Soldaten zu tun, den Elsas Freunde aus der Ostsee gerettet haben?

In der eBook-Ausgabe

Kurzgeschichte
Der Besucher

Alexej versteckt sich in einem abgelegenen Wald. Er ist weder in bester Laune, noch in bester Verfassung als ein unerwarteter Besuche auftaucht, um ihm seine Tat vorzuhalten.


Leseprobe:

Bauer Petersen stand auf dem Hof und hielt nach mir Ausschau.
„Wo steckt dieser verdammte Polacke schon wieder?“, fluchte er.
Der Polacke war ein Russe, und ich steckte, egal wie man es betrachtete, in der Scheiße. In meiner Heimat galt ich als Deserteur und Dieb. Beides nicht zu Unrecht. Ich hatte die SOBR mit einem Teil der Spezialausrüstung verlassen, ohne mich zu verabschieden, um in Deutschland einen Mord zu begehen. Für den hatte ich meine Gründe, jedoch ein Gericht davon zu überzeugen, würde noch schwerer sein, als die SOBR zu überreden, mich wieder in ihren Reihen aufzunehmen. Seitdem ich vor zwei Monaten mein letztes Geld aufgebraucht hatte, hielt ich mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Nicht einfach für einen Ausländer, der zwar gut deutsch sprach, aber nur mit starkem russischen Akzent. In Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern schlug man mir in der Regel die Tür vor der Nase zu, wenn ich einen Stapel Holzhacken gegen eine warme Mahlzeit eintauschen wollte. Der ehemalige Klassenfeind zeigte sich gegenüber der hungernden Arbeiterklasse wesentlich mitfühlender. Ich bekam fast immer etwas zu essen, manchmal ein wenig Geld und ab und zu sogar einen Schlafplatz in einer Scheune. Es sei denn, ich geriet an jene, die bei meinem Auftauchen dachten: „Hilfe! Die Russen kommen! Bringt eure Frauen und Töchter in Sicherheit“. Dann konnte man das Knallen der Türen vermutlich bis nach Moskau hören.
Auf diese Art kam ich in den Norden, unweit der dänischen Grenze, in ein Dorf namens Langballigau. Hier fiel des Öfteren Arbeit für mich ab, zumindest während des Sommers. Im Winter bekäme ich ein Problem.
Ich war froh, als Lars, ein älterer Fischer, dem ich gelegentlich beim Ausladen der Kisten half, sagte, er hätte da was für mich.
So landete ich bei Bauer Friedrich Petersen. Ich erhielt drei Mahlzeiten am Tag und einen hinfälligen Bauwagen, den ich mir als Unterkunft herrichten durfte. Petersen bewirtschaftete ein paar Äcker und hielt 50 Schweine, deren Ausscheidungen ich zurzeit wegschaufelte, weil ihm ein Malheur mit dem Gülleanhänger passiert war. Wie gesagt: Ich steckte in der Scheiße.
„Was gibt’s denn?“, fragte ich und trat hinter dem Anhänger hervor.
Petersen musterte mich von oben bis unten und wie üblich gefiel ihm nicht, was er sah. Sein Problem. Ich mochte ihn ebenfalls nicht, es beruhte also auf Gegenseitigkeit. Aber im Gegensatz zu mir hatte er sich anstrengen müssen, dass ich in ihm nur einen unsympathischen Idioten sah. Ständig Polack genannt zu werden, entzückte niemanden – Russen noch weniger als Polen. Nicht, dass ich Iwan gemocht hätte. Es überraschte ihn möglicherweise, aber auch ich gehörte zu dem überwiegenden Teil der Menschheit, der es nicht schätzte, beleidigt zu werden. Ich bezeichnete ihn ja auch nicht als Kartoffel oder колбасники. Seine Abneigung mir gegenüber hatte er ganz ohne mein Zutun entwickelt. Bei unserer ersten Begegnung, als Lars mich zu Petersens Hof begleitete, um mich vorzustellen, hatte ich Petersen die Hand entgegengestreckt und freundlich lächelnd gesagt: „Hallo, ich heiße Alexej.“
„Weiß der Polacke, dass es kein Geld gibt?“, fragte Petersen Lars und ignorierte meine Hand, mein Lächeln und meine Person.
„Ja“, antwortete Lars, freundlich wie immer, und warf mir einen Seitenblick zu, „ich hab ihm das Meiste erklärt.“
Stimmte auch, bis auf den Umstand, dass er nicht erwähnt hatte, was für ein Arschloch mein zukünftiger Boss sei.
Widerwillig drehte Petersen den Kopf und sah mich nun doch an. Mein Lächeln wurde zwar etwas steif, aber ich behielt es bei und achtete darauf, es nicht zu einem Zähnefletschen werden zu lassen und ich kam zum ersten Mal in den Genuss seiner abschätzigen Musterung. Seine Blicke wanderten von meinem Kopf zu meinen Füßen, anschließend zu meinen Händen und schließlich wieder zu meinem Kopf. In seinem Gesichtsausdruck kämpften Abscheu und Herablassung um die Vorherrschaft.
„Und“, fragte er, immer noch mit Lars und nicht mit mir redend, „hat er’s kapiert?“
 Bezweifelte er, ich würde so einfache Erklärungen wie: Kein Geld, viel Arbeit, drei Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf, verstehen? 
Ich hatte erwartet, Lars würde ihm klar machen, dass ich kein Vollidiot sei, oder zumindest mit milder Entrüstung reagieren, aber tatsächlich schwieg er. Verwundert drehte ich mich zu ihm um.
Er lächelte mich entschuldigend an und hob leicht die Schultern. Bat er um Nachsicht für Petersens Verhalten oder dafür, dass er mich als Dummkopf angepriesen hatte?
„Hm“, brummte Lars zögernd, „über die Einzelheiten haben wir noch nicht gesprochen.“
Petersen gab ein Grunzen von sich.
„Zeig ihm den Bauwagen“, sagte er schließlich, nickte in Richtung Scheune und stampfte davon.
„Ist der immer so?“, fragte ich, nachdem mein neuer Arbeitgeber im Schweinestall verschwunden war.
„Mach dir nix draus, min Jung“, sagte Lars und tätschelte mir die Schulter. „Er mag Fremde nicht besonders, aber wenn du ihn näher kennenlernst, wirst du merken, dass auf ihn und sein Wort absolut Verlass ist.“
Ich starrte immer noch in Richtung Schweinestall. Ein vielstimmiges Quieken erklang von dort. Ich verkniff mir jede Bemerkung, die sich dazu aufdrängte, und konnte mir im Übrigen nicht vorstellen, dass ich in naher Zukunft den Wunsch verspüren würde, Bauer Petersen näher kennenzulernen.
Das war also mein Empfang gewesen.

„Meine Frau braucht Hilfe“, sagte Petersen und blickte auf die Scheiße, in der ich stand und die er verzapft hatte, „Irgendwas ist mit der Waschmaschine. Aber wasch dich vorher.“
Ich stöhnte und verdrehte die Augen. Niemand stank gerne nach Schweinegülle, doch in der Nähe dieser Frau erwies sich das als nicht zu unterschätzender Vorteil. Es half, sie sich vom Leib zu halten, denn sie neigte zu Aufdringlichkeit.
Schon in meiner zweiten Nacht auf dem Hof war sie zu mir in den Bauwagen gekommen. Leicht bekleidet und den Küchen- und Schweinegeruch hatte sie versucht, mit mehreren Litern billigen Parfüms zu überdecken, was nicht gelang. Vielmehr vermischte sich alles zu einer chemischen Kampfwaffe, die dem Gegner durch Brechreiz die Sinne rauben konnte. So bestimmt wie nötig und so höflich, wie es mir möglich war, verfrachtete ich dieses Weib nach draußen und blockierte hinter ihr die Tür von innen.
Sie versuchte es mit erstaunlicher Hartnäckigkeit und vollkommen realitätsfremd drei Nächte hintereinander. Danach hörten zum Glück die abendlichen Belästigungen auf und sie verlegte sich darauf, mir „zufällig“ mit offenem Morgenmantel in der Scheune zu begegnen oder zweideutige Bemerkungen zu machen, die selbst einem besoffenen U-Boot-Matrosen zu plump gewesen wären. Ich gab vor, sie nicht zu verstehen. Es hatte Vorteile, ein Ausländer zu sein.
Selbst wenn ich mich nicht in der Situation befände, dass ein wütender Ehemann nur einen Anruf entfernt war, die Polizei auf einen illegalen Ausländer aufmerksam zu machen, wären mir ihre Annäherungsversuche zuwider. Dieses Weib hatte das Aussehen, die Eleganz und den Charme einer Kuh beim Kalben. Was ihren Bildungsstand betraf – ich bezweifelte, dass sie den Unterschied zwischen Bolschoi und Bolschewik kannte.

Als Petersen im Stall verschwand, stellte ich die Schaufel beiseite und lief ums Haus herum zur Waschküche.
Schmutzwasser floss mir entgegen und die Waschmaschine wackelte im Schleudergang über den Boden.
„Alexej!“, rief Gudrun Petersen aus. „Gut, dass du kommst.“
Dem folgte ein anzügliches Lächeln. Ich verdrehte die Augen, ging zur Wand, und zog den Stecker, was den Tanz beendete. Warum hatte Petersen das nicht erledigt? Was sollte der Schwachsinn, mich hierher zu scheuchen?
Die Alte pflügte durchs Wasser auf mich zu wie ein schlingernder Kutter. Abrupt blieb sie stehen.
„Ihh, du stinkst!“
Ihre charmante Art ignorierend, schob ich das wuchtige Gerät an seinen Platz zurück.
Mit den Worten: „Dass du mir ja nicht die Wäsche mit deinen Schmutzfingern anfasst!“, zeigte sie ihre Wertschätzung für meine Hilfe.
„Ihre Wäsche möchte ich unter keinen, wie auch immer gearteten Umständen anfassen“, erwiderte ich auf Russisch.
„Was hast du gesagt?“
„Ich sagte, der Wasserschlauch hat sich gelöst“, antwortete ich und hielt das lose Ende hoch.
„Und warum ist sie durch die Gegend gewandert?“
Ihr Tonfall klang, als sei es meine Schuld. Ich zuckte mit den Schultern.
„Unwucht! Sie stand nicht gerade.“
Ich ging in die Hocke, um nachzusehen. Einer der verstellbaren Füße war kürzer. Ich drehte ihn heraus.
„Müsste jetzt in Ordnung sein.“
Nachdem das Problem beseitigt war, erinnerte sie sich daran, dass sie an meine Wäsche wollte. Wirklich, was sollte ich hier? Plante der Bauer, mich auf seine Alte zu hetzen? Okay, ich an seiner Stelle hätte auch probiert, sie loszuwerden.
„Ach, was du alles kannst“, seufzte sie.
Offensichtlich stank ich nicht genug nach Schweinegülle.
 „Alexej!“, schmachtete sie mich an.
Da bevorzugte ich es, wenn ihr Mann mich ‚Polack’ nannte, anstatt sie meinen Namen säuseln zu hören.
„Ich muss zurück an die Arbeit“, sagte ich und stand auf.
Sie hatte inzwischen den strategisch wichtigen Ausgang eingenommen, versperrte ihn mit ihrem massigen Körper, während sie an ihrem Dekolleté zupfte, um möglichst viel ihrer schwammigen Haut zu zeigen. Ich drängte mich an ihr vorbei durch die Türöffnung und raunte im Vorbeigehen: „Ich habʼ noch Scheiße zu schippen.
Sie gab ein Schnauben von sich.
„Du weißt nicht, was du dir entgehen lässt!“, rief sie mir hinterher.
„Mein Glück“, murmelte ich.
Auf dem Hof lief mir Petersen über den Weg. Hatte er auf mich gewartet, um herauszufinden, wie es mit seiner Frau gelaufen war?
„Und?“, fragte er.
„Alles bestens.“
Ärgerlich ließ ich ihn stehen.(...)



Die Autorin
Selma Jacqueline Spieweg ist Malerin, Grafikerin und Autorin. 1966 in Berlin geboren, studierte sie von 1986 bis 1992 an der Universität der Künste, Berlin, Visuelle Kommunikation. Nach ihrem Diplom erwarb sie den Titel: "Meisterschülerin".
Sie arbeitete lange Zeit als Art Direktorin des Micky Maus-Magazins, bis sie sich als Grafikerin selbstständig machte.
Zu malen hat sie angefangen, noch bevor sie laufen konnte und einfach nie damit aufgehört alles, was nach Papier oder Leinwand aussah, mit Farbe zu versehen.
Mit dem Schreiben wartete sie etwas, zumindest, bis sie das Alphabet gelernt hatte.
Mit 16 nahm sie am "Workshop Schreiben" für junge Autoren teil und gründete danach mit Freunden eine Gruppe, um gemeinsam an ihren Texten zu arbeiten. Sie nannten sich nach dem Getränk, welches bei diesen Treffen in Unmengen konsumiert wurde: "Teeparty". Die meisten Teeparty-Mitglieder sind noch als Autoren aktiv.

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Selma J. Spieweg, Deserteur Alexej

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