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Rezensionen

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30. November 2014

Simone Keil, Klänge von Schnee



Als ich dich zum ersten Mal bemerkte, warst du nicht mehr als ein Flirren in der Luft, ein kaum merklicher Temperaturabfall, eine Blüte, die sich einen Sekundenbruchteil zu schnell schließt, während die Sonne daran denkt zu sinken.
Und dann falle ich aus der Zeit, ich falle und schlage mir den Hinterkopf auf dem Asphalt auf …

Eine junge Frau, die auf der Suche ist – nach einem unbekannten Du, nach ihrer Vergangenheit, nach einem Weg in die Zukunft.
Ein alter Mann, der sein Leben vergessen hat und nur noch in nebligen Erinnerungen und in den Geschichten seiner Bücher existiert.
Zwischen den beiden entwickelt sich eine Bindung, die ungewöhnlich ist, abseits jeder Norm verläuft und beiden hilft sich zu lösen – von ihrer Vergangenheit und schließlich voneinander.

Klänge von Schnee ist eine Geschichte voller Geschichten, eine Geschichte vom Vergessen und Erinnern, eine Geschichte von Verlust und vom Finden.
Klänge von Schnee ist kein Liebesroman, aber voll von Liebe.


Leseprobe

Fallen

ALS ICH DICH zum ersten Mal bemerkte, warst du nicht mehr als ein Flirren in der Luft, ein kaum merklicher Temperaturabfall, eine Blüte, die sich einen Sekundenbruchteil zu schnell schließt, während die Sonne daran denkt, zu sinken.
Und dann falle ich aus der Zeit, ich falle und schlage mir den Hinterkopf auf dem Asphalt auf.
Später würde ich sagen, mir ist schwindelig geworden. Die Hitze, würde ich sagen, das verdammte Wetter ist schuld. Und alle würden nicken, das verdammte Wetter. Man sollte Wetter generell verbieten, sollte Sonnenschein und Regen rationieren und dem Wind eine Geschwindigkeitsbegrenzung auferlegen und ihm ein saftiges Bußgeld aufbrummen, falls er sich nicht daran hält.
In Wahrheit sage ich gar nichts, denn ich weiß nicht, dass du der Auslöser für meinen Fall warst. Meinen Fall aus der Zeit. Niemand stellt mir Fragen und ich sage nichts übers Wetter, die Sonne, den Wind. Ich registriere nur, dass ich aus der Zeit gefallen bin. Wie eine Schneeflocke, die im Frühling auf einem Blatt landet, und noch während sie bemerkt, dass irgendetwas nicht richtig ist, schmilzt.
Die Welt kommt mir kleiner vor, seit ich dich spüre. Ich lasse meine Hand durch die Wolken gleiten, sie sind kühl und ein wenig rau zwischen meinen Fingern. Die Menschenmassen teilen sich vor mir und schließen sich hinter mir wieder, als würden sie mich nicht bemerken und als würden sie nicht bemerken, dass ich weiß wie traurig sie sind. Wie könnten sie glücklich sein, in ihrer Welt, in der du nicht existierst?
Bevor ich aus der Zeit fiel, war ich auf dem Weg nach Irgendwo. Ich kann mich nicht erinnern, wo das ist und was ich dort wollte, wie es dort aussah, wie es roch, wie es sich anfühlte dort hin zu gehen. Kann man im Irgendwo ankommen? Ist das möglich? Vielleicht ist das Irgendwo ein Paradoxon, geschaffen zu keinem anderen Zweck, als dort hin zu gehen und hin zu gehen und niemals anzukommen. Solange man auf dem Weg ist, ist einem nicht klar wie paradox es ist, erst wenn man stillsteht erkennt man, dass man die ganze Zeit nur sinnlos gelaufen ist. Und dann verzweifelt man. Oder man fällt aus der Zeit, wenn man spürt, dass das Leben nicht im Irgendwo stattfindet.
Ich weiß nicht wie lange ich noch gelaufen wäre, wenn ich dich nicht in der Luft, in den Wolken, selbst im Asphalt gespürt hätte. Du bist. Nicht im sinnlosen Irgendwo, du bist hier, du wirst mich finden.
Die vorbeifahrenden Autos ziehen Schlieren hinter sich her, als durchbrächen sie Wasserfarben, die der Fahrtwind dann von ihren Karosserien bläst und auf der Leinwand der Stadt verteilt. Scheinbar willkürlich, aber nichts geschieht willkürlich, alles ergibt einen Sinn, selbst das Chaos folgt geordneten Strukturen.
Bevor ich aus der Zeit fiel, muss ich irgendetwas mit meinem Leben angefangen haben. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sagte, fang etwas mit deinem Leben an und das habe ich ganz sicher beherzigt. Jetzt sieht sie mich manchmal mit einem Blick an, der meine Fußsohlen kribbeln lässt. Dann möchte ich loslaufen, laufen, weiterlaufen. Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, hat sie ihren Blick von mir abgewandt und ist längst mit anderen Dingen beschäftigt. Dinge, die wichtig sind, Dinge, die erledigt werden müssen. Ich frage mich, wie sie so schnell umdenken, umkehren, weitermachen kann und dann erinnere ich mich, dass sie nicht aus der Zeit gefallen ist. Das bin ich.
Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf mich. Jetzt. Früher war das anders, aber früher ist eine alte Postkarte, die man in einem Schuhkarton im obersten Fach des Kleiderschranks findet. Die meisten Menschen ignorieren mich, ihre Blicke streifen manchmal die Konturen meines Körpers, aber sobald sie ihn berühren, werden sie abgelenkt, gleiten an einer unsichtbare Schiene entlang, die an meinen Armen hinauf über meinen Kopf führt. Einige wenige sehen mich direkt an, zweifelnd, ängstlich, nicht selten wütend, aber immer kopfschüttelnd, selbst wenn sie den Kopf dabei nicht bewegen.
Warum gehst du nicht ein wenig spazieren?, fragt meine Mutter.
Ich zucke mit den Schultern, ich habe nie verstanden, wozu Spazierengehen gut sein soll. Man verlässt den Ausgangspunkt, läuft im Kreis oder Oval oder auch in anderen mehr oder weniger geometrischen Figuren durch die Gegend, um nach einer bestimmten oder unbestimmten Zeitspanne wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Aber sie hat wieder diesen Blick drauf, so dass ich meine Jacke nehme (nimm eine Jacke mit, es ist kühl draußen) und zwanzig Minuten vor der Haustür stehen bleibe, bis ich wieder hinein gehe.
Siehst du, sagt sie, die Bewegung an der frischen Luft hat dir gut getan, du siehst viel besser aus.
Von jetzt an gehe ich also täglich spazieren, das scheint eine Tätigkeit zu sein, die man macht, wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist. Ich stelle mir den Wecker meiner Armbanduhr auf 10 Uhr ein und gehe nach draußen, wenn er um 11 Uhr zum zweiten Mal klingelt, gehe ich wieder rein. Das funktioniert, bis die Nachbarn aufmerksam werden und meiner Mutter Fragen stellen und sie mich wieder mit diesem Blick ansieht. Am nächsten Tag gehe ich bis zur Straßenecke und warte dort, bis mein Spaziergang zu Ende ist. Es dauert eine Woche, bis ich auch dort jemandem auffalle. Also dehne ich den Spaziergang aus. Bis zur Bushaltestelle, bis zur Grundschule, bis zu dem Frisörladen mit den Perückenköpfen im Schaufenster.
Irgendwann muss bis zum Supermarkt ausweichen und die Stunde reicht gerade noch, um umzudrehen und zurück zu gehen. Gut. Jetzt gehe ich also tatsächlich spazieren, es tut nicht weh, aber es ruft auch keine Gegenteiligen Empfindungen hervor.
Das Problem, wenn man aus der Zeit gefallen ist, ist, dass man für jede Tätigkeit einen Rahmen braucht, der von anderen Menschen als normal empfunden wird. Wenn man nicht komisch angesehen werden möchte, kann man sich nicht um 9 Uhr morgens hinsetzen und bis um 18 Uhr frühstücken. Es gibt einen Frühstücksrahmen, der die Zeit von 6 bis 10 Uhr umspannt. Ich halte mich daran und alles ist gut. Ich programmiere meine Uhr mit unterschiedlichen Start- und Stoppzeiten. Aufstehen, schlafengehen, frühstücken, duschen, anziehen, spazierengehen.
In Situationen, in denen der Weckton unangebracht zu sein scheint (meine Güte, schalte das verdammte Gepiepse aus), zähle ich. Natürlich lautlos. Oder ich singe, ebenfalls nur in Gedanken. Vorzugsweise alte 70er- oder 80er-Jahre-Songs. Die Radioversion von Total Eclipse of the Heart dauert 4 Minuten und 30 Sekunden, das ist ausreichend für ein Telefonat mit Tante Ella. Um meine Schwester abzuwimmeln (jetzt reiß dich doch endlich zusammen) muss ich die Albumversion verwenden, unter sieben Minuten gibt sie sich nicht zufrieden.
Alles läuft gut. Ich bewege mich unter den Menschen. Ich gebe vor dazuzugehören. Ich warte darauf, dass du mich findest.
Vor dem Supermarkt steht eine Bank, manchmal setze ich mich und sehe zu, wie die automatische Tür auf- und zugleitet. Ich habe den Spaziergang auf zwei Stunden ausgedehnt, muss also erst um 10 Uhr 30 zurück.
Neben dem Supermarkt steht ein altes Haus, das aussieht, als wäre es auch aus der Zeit gefallen. Nein, eher so, als würde es bald zusammenfallen, aber ich mag es; ich mag die Fensterscheiben, in denen sich nicht die Menschen spiegeln wie in den Scheiben des Supermarktes. Ich mag die abblätternde Farbe an den Rahmen und den vergilbten Putz, er sieht lebendig aus.
Die Leute hetzen an mir vorbei und sehen mich an; häufiger als sonst. Ich überprüfe meine Kleidung und stelle fest, dass ich klatschnass bin. Es regnet. Es schüttet. Wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist, sitzt man wohl nicht im Regen auf einer Bank und sieht den automatischen Türen beim Öffnen und Schließen zu.
Ich stehe auf und unschlüssig im Regen rum, gehe vor der Bank auf und ab und zwinge mich dazu, mich nicht wieder hinzusetzen. Mein Wecker hat noch nicht gepiept.

*

P SITZT IN seinem Sessel, so wie er an den meisten Abenden in seinem Sessel sitzt, umgeben von zimmerhohen Regalen voller Bücher. In der einen Hand eine Tasse Tee, in der anderen ein aufgeschlagenes Buch. Es ist düster, zu düster zum Lesen, aber P braucht kein Licht, er kennt die Worte, kennt jedes einzelne von ihnen besser als sich selbst.
Ich kann nicht, sagt sie, ich kann dich nicht lieben. Ihre Augen sind trocken, der Schmerz sitzt zu tief, zu fest, um an die Oberfläche zu gelangen. Und dann geht sie. Die Tür fällt fast lautlos ins Schloss.
Ebenso lautlos springt Dienstag auf Ps Schoss und macht es sich auf dem Buch bequem. Dienstag stört sich nicht an Ps Geruch nach Staub und klammem Papier, und P selbst nimmt ihn nicht mehr wahr. Er krault Dienstag hinter den Ohren, nimmt einen Schluck Tee und schließt die Augen.
Ihr Parfum hängt immer noch im Raum, als der Mann den Koffer schließt und sich ein letztes Mal in dem kleinen Motelzimmer umsieht.
In weniger als zehn Minuten wird ihr Auto auf den Bahnschienen liegen bleiben, sagt P, und dann ist die Geschichte endgültig zu Ende. Doch eigentlich war sie das schon, als sie gegangen ist. Ich mag das zweite Ende nicht. Dienstag schnurrt zustimmend und P zieht das Buch unter ihr hervor und klappt es zu. Zeit für's Bett, sagt er. Vielleicht sagt er es auch nicht, manchmal ist sich P nicht sicher, ob es Worte sind, die er hört oder Gedanken oder das Flüstern der Bücher.
Bücher sind merkwürdige Lebewesen. Schweigende, lärmende, lippenlos Worte formende Körper; eitle Gesellschafter, die sich nach Beachtung sehnen. Wenn P am Abend eines auswählt, schwillt dessen Brust und man kann seine Freude spüren, aber auch Verachtung, weil P seine Zeit an den vorherigen Abenden mit uninspirierten, trivialen Geschichten verplempert hat.
P kann nicht schlafen. Schon seit etlichen Jahren verbringt er die Nächte in einem Zustand zwischen Halbwachsein und erschöpftem Stürzen und Aufschrecken. In den kurzen Schlafphasen träumt er nicht, denkt nicht, liest nicht. Vielleicht ist das der Grund für sein Nichtschlafenkönnen. Schlafenkönnen bedeutet Nichtlesenkönnen und Nichtlesenkönnen bedeutet tot zu sein. Vielleicht ist seine Schlaflosigkeit auch schlicht altersbedingt, denn P ist alt, sehr alt. Um sicher sagen zu können, wie alt er tatsächlich ist, müsste er in seinem Personalausweis nachsehen, aber den hat er verlegt, als im Fernsehen noch Ansagerinnen das Programm bekannt gaben.
Nicht, dass P fernsehen würde; er mag die flimmernden Bilder nicht, die Farben, die Stimmen, die unsinnigen Sendungen. P liebt Bücher, liebt, wie sie sich in seine Handfläche schmiegen, wie sie ihm zuhören, antworten; er lebt mit und in ihnen.
Die Nacht geht vorbei wie alle Nächte. P liest, P liest Dienstag vor, P nickt ein und schreckt auf und liest bis zum Morgen.

*

ÜBER DER TÜR hängt eins dieser altmodischen Geläute. Es klimpert verstimmt und pendelt nur langsam aus, als das Mädchen den Laden betritt. Sie bleibt dicht hinter der Tür stehen, bis das Klingeln verstummt. Sie sieht sich in dem Raum um wie jemand, der gerade aufgewacht ist und sich fragt, welcher Tag wohl sein mag, welches Jahr, welches Leben, und wie er da wohl hingeraten ist.
Sie sieht nicht aus wie die Mädchen, die sich manchmal in den Laden verirren, auf der Suche nach Dingen, die sie hier nicht finden werden, sie sieht aus, als gehörte sie nicht hierher und als gehörte sie nirgendwo anders hin.
P wartet. Gleich wird sie wieder gehen, das tun sie alle, wenn sie feststellen, dass es hier nichts zu bestaunen gibt, außer einem alten Mann inmitten alter Bücher. Aber das Mädchen geht nicht. Sie steht dicht hinter der Tür und tropft den Fußboden voll.
P legt das Buch zur Seite, in dem er gelesen hat, und räuspert sich. Sie sieht ihn an und sieht auf ihre Füße. Sie legt die Stirn in Falten und kräuselt die Nase, als wolle sie einen Gedanken herauspressen, und sieht dabei verloren aus. Trüge sie rote Schuhe, sie würde jetzt die Hacken zusammenschlagen und sich fortwünschen.
P ist unsicher. Er streicht über den Buchrücken, fährt mit den Fingerspitzen den geprägten Titel nach, dann setzt er sich wieder auf den Stuhl hinter dem Tresen und liest. Doch er kann nicht mehr in die Geschichte finden. Sie passt einfach nicht; passt nicht zu der Situation, passt nicht zu dem Regenmädchen, dessen Zähne hinter den blassen Lippen klappern. Er steht auf und geht an den Regalen entlang, berührt das eine oder andere der Bücher, die sich ihm erwartungsvoll entgegenrecken.
Sonne, denkt er, Wärme, denkt er. Er zieht ein besonders zerfleddertes Exemplar aus dem Regal und lächelt. Wie viele Winternächte hat ihn dieses Buch schon gewärmt? Wie viele Male hat er das Gesicht in afrikanische Sonne gehalten, wie oft den Trommeln gelauscht?
Er blättert durch die lockeren Seiten und liest. Zuerst nur leise, aber als das Mädchen sich nicht zu ihm umsieht, lauter, mit festerer Stimme, und schon bald ist er fort. Schon bald ist der Laden nur noch eine neblige Erscheinung am Rande des wirklichen Lebens.
P liest von Mangrovenbäumen, riecht brackiges Flusswasser, lässt die Hände durch das wuchernde Seegras streifen, zupft sich einen Blutegel vom Unterarm und wirft ihn achtlos ins Wasser. P lacht und weint und schmiegt sich an den weichen, vertrauten Körper neben ihm.
Erst als ein Piepen in sein Bewusstsein drängt, blickt er auf und sieht, wie die Tür zufällt. Das Mädchen ist gegangen, nur ein nasser Fleck auf dem Boden zeugt davon, dass sie tatsächlich existierte. (...)


Die Autorin
Simone Keil, geboren 1971, lebt und arbeitet in Hessen. Seit den ersten Leseversuchen hat sie ihr Herz an Märchen und phantastische Geschichten verloren. Zum Schreiben fand sie relativ spät, kann es aber seit dem nicht mehr lassen.

Die Themen ihrer Bücher sind breitgefächert und lassen sich nur schwer in Schubladen pressen. Sie hat Romane aus den Genres Fantasy und Steampunk veröffentlicht, und ist nun im Gegenwartsroman mit phantastischen Anklängen angekommen – dort fühlt sie sich zu Hause.


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