Salon

Salon

Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

2. Dezember 2014

Anna Becker, Ein loyaler Geist



Sie harrten geduckt in ihrem engen Versteck aus. Warteten darauf, ihren Plan umzusetzen. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und drückte sie fest an sich, nicht nur wegen des knapp bemessenen Raumes. Diese Geste sollte seine Liebe ausdrücken und ihr Zuversicht vermitteln. Der anschwellende Lärm über ihren Köpfen war beängstigend. Dann verlagerte sich das Gepolter nach unten; die Geräusche der Zerstörung kamen näher.
Was für ein Schlamassel! Wie hatte das passieren können? Hätte sie das verlockende Angebot besser ausgeschlagen? Ein Schnäppchen von einem Haus in Notting Hill. Und als Zugabe ein Bild von einem Mann als Vermieter – berühmt, attraktiv und Witwer. Aber mal ehrlich, wer würde dem Prickeln widerstehen, ein neues Leben zu beginnen? Ein Leben mit überraschenden Gefühlen und Wendungen …


Leseprobe:

(...)
Mr. Miller stieg, mit Agatha im Schlepptau, ein paar Steinstufen hoch und machte vor einer imposanten Glasfront Halt. Hinter der zweiflügeligen Terrassentür konnte sie vage eine Gestalt ausmachen. Die Gestalt öffnete sie und stand plötzlich vor ihnen.
Mr. Farhill musste mindestens Mitte fünfzig sein, war groß, sehr schlank, trug eine ausgebeulte Baumwollhose in einer undefinierbaren Schlammfarbe und dazu ein braun kariertes Hemd in XXL. Und er war barfuß.
Aber irgendwie wirkte alles zusammen faszinierend; sein Gesicht mit den aristokratischen Zügen, von feinen Falten durchzogen, die blauen Augen und kurzen, grauen Haare ließen wahrscheinlich selbst ein Gewand aus grobem Sackleinen wie ein Designerteil an ihm aussehen. Er erinnerte Agatha an diesen Garten … drahtig, urwüchsig, charmant …
„Hallo, J. S.!“, rief der Mann dem Makler zu. „Guten Tag, Ms. Plaine!“ Sie schüttelten sich die Hände.
„Es ist mir eine Freude, Mr. Farhill!“ Agatha versuchte zu ergründen, ob er eventuell berühmt war und sie dieses edle Antlitz erkennen müsste.
Und da dämmerte es ihr … das war dieser Schauspieler von der Fernsehserie, die sie gestern gesehen hatte. In natura gefiel er ihr besser als auf dem Bildschirm.
„Kommen Sie bitte herein, ich habe Tee gekocht“, kündigte er an und führte sie in den lichtdurchfluteten, modern eingerichteten Raum.
Als Agatha ihren Blick schweifen ließ, fielen ihr auf einem Beistelltisch zwei Bilder in Rahmen aus solidem Silber auf. Ein Foto zeigte eine junge Frau mit hellen Haaren und Sonnenbrille. Auf dem anderen war eine aparte Frau zu sehen; circa Mitte vierzig, mit einem Strohhut, der in Ascot den Vogel abschießen würde, strahlendem Lächeln und einem Cocktail in der Hand. Offenbar Urlaubsfotos.
Auf dem Tisch stand bereits der Tee. Sie teilten sich auf zwei Ledersofas auf und Leon Farhill schenkte ihnen ein. Agatha nahm gleich einen Schluck.
„Ihre Eltern haben viele Krimis gelesen, oder?“, begann Leon.
„Im Bücherregal meiner Mutter stehen jedenfalls Massen davon! Sie spielen wohl auf Agatha Christie an …“
„Gut kombiniert, Agatha. Ihre kleinen, grauen Zellen arbeiten ausgezeichnet, wie Hercule Poirot salopp sagen würde!“ Und lachend fuhr er fort: „Kommen wir zum Punkt – wie gefällt Ihnen das Gartenhaus?“
„Ich finde es hinreißend! Und der Preis ist sensationell, ich bin bald Studentin, habe zwar eine gewisse Summe zur Verfügung, große Sprünge kann ich dennoch nicht machen.“
„Das habe ich Ihren persönlichen Angaben entnommen … vergleichende Literatur, das klingt interessant. Ich könnte wesentlich mehr verlangen, das ist mir bewusst, ich habe es jedoch nicht nötig, mich auf diese Weise zu bereichern. Das Gartenhaus habe ich für meine Tochter Laetitia umbauen lassen, die übrigens in Ihrem Alter ist. Es hat ihr überaus gefallen, sie hat sich aber leider entschieden, nach Dublin zu ziehen, um dort zu studieren. Und mir schwebt eine Mieterin vor, die ein bisschen wie meine Tochter ist. Klingt seltsam, oder?“
In Agathas Ohren klang es tatsächlich seltsam. „Aber nein! Engländer sind für ihre Exzentrik bekannt!“, log sie und lächelte.
„Na, danke auch! Andererseits … Sie haben recht. Es ist ungewöhnlich. Genau genommen meinte ich, dass jemand dieses Haus genauso zu schätzen weiß wie meine Tochter. Es ist ein außergewöhnliches Angebot, wie man’s dreht und wendet. Sie sind mir auf den ersten Blick sympathisch, ich denke, Sie könnten in die engere Wahl kommen. Falls Sie letztlich nicht diejenige welche sind, werden Sie ja wohl nicht obdachlos werden … immerhin wohnen Sie in einer hippen Gegend … bei einer Bekannten, wie ich verstanden habe?“
„Liz Dove-Jenkins ist eine alte Freundin von meiner Mutter. Sie haben sich in Florida kennengelernt, als sie dort Urlaub machten. Das war vor ungefähr dreißig Jahren, und die Freundschaft hält bis heute, obwohl beide der Atlantik trennt. Und ja, Camden ist hübsch, aber Liz meinte, dass ich nur ein paar Monate bei ihr bleiben kann. Also brauche ich dringend eine neue Unterkunft.“
„Ich verstehe … Mr. Miller hat weitere Termine gemacht und daher kann ich Ihnen jetzt nichts versprechen.“
„Und da wir gerade davon reden, Mr. Farhill, in zwanzig Minuten ist bereits der nächste Termin …“, erinnerte der Makler vorsichtig.
Agatha verstand den Wink und stand auf. „Dann geh ich mal. Soll ich mich melden?“
„Nein, Mr. Miller wird Sie kontaktieren. Danke, dass Sie hier waren!“ Leon Farhill erhob sich ebenfalls und begleitete Agatha zum eleganten Entrée, das in weißem Marmor gehalten war. An der Tür verabschiedete er sich. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, kommen Sie gut nach Hause.“
„Danke, Mr. Farhill, Ihnen auch einen schönen Tag. Und ich wäre der glücklichste Mensch auf der Welt, wenn Sie mich als Mieterin nehmen würden.“ Agatha schenkte ihm ihr gewinnendstes Lächeln.
„Machen Sie’s gut!“, erwiderte er.
Agatha lief den Weg zum Tor und hörte, wie ein Summer ertönte, der das Schloss aufspringen ließ. Sie drehte sich um und winkte, aber Mr. Farhill war nicht mehr zu sehen. (...)


Die Autorin
Anna Becker, geb. 1957, hat Werbekommunikation studiert und als Werbetexterin und Konzeptionerin in Agenturen in München, Stuttgart und Berlin gearbeitet. Seit 2009 schreibt sie Romane und Kurzgeschichten im Mystery-Bereich, größtenteils als E-Books bei Amazon erhältlich.
Drei ihrer Kurzgeschichten erschienen im Laufe des Jahres 2011 in verschiedenen Anthologien.
"Die Zeitreise-Agentin" ist ihr Debütroman, der im Dezember 2011 das Licht der Öffentlichkeit erblickte.
Ab Mai 2012 veröffentlichte sie den Fantasy-Roman "Jamie", den 2. Teil der Zeitreisen-Trilogie "Der Zeitreisen-Detektor", die Kurzgeschichten-Sammlung "Götter, Wesen & Dämonen", den Feen-Roman "Hannah und der Meisterdieb" sowie die vampirische Kurzgeschichte "Weiß-rote Weihnachten".
2013 begann mit dem 3. Teil des Zeitreisen-Abenteuers: "Das Zeitreisen-Imperium". Dann folgten die dystopische Kurzgeschichte "Versteinerte Zukunft", der Tarot-Roman "Ruf der Karten“ und ihr erster Vampir-Roman: der Thriller "Sog des Blutes".
Neu in 2014: die Kurzgeschichte "Verirrter Stern", die Liebesgeschichte "Violets Garten", der Teenager-Roman "Berührung mit der Erinnerung", die Mystery-Geschichte "Waldhotel" und die Liebeskomödie "Ein loyaler Geist".
Anna Becker lebt mit ihrem Mann und zwei Kaninchen in Berlin.


Anna Becker, Ein loyaler Geist

eBook bei Amazon

Keine Kommentare: