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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

23. Februar 2014

Greta Vox, Leo – erotisches Tagebuch






Ein Montagabend im September:
Die 58-jährige Greta Louisa lernt den drei Jahre jüngeren Leo beim Tanzen kennen.
„Ich würde dich gerne küssen“, sagt er – und eine Affäre mit heißem, tabulosem Sex in immer gewagteren Szenarien beginnt. Doch irgendwann ist mehr als reiner Sex im Spiel …

In schonungsloser Offenheit hält Greta die Episoden ihrer Lust in ihrem geheimen Tagebuch fest.




Rezension

Eine Lanze (im anderen Sinn des Wortes)
bricht Greta Vox hier für Sexualität zwischen älteren Semestern. Die leidenschaftlich Kopulierenden sind Endfünfziger. Beide woanders verheiratet, können sie nicht voneinander lassen und treffen sich heimlich.

Da es sich um ein Buch aus dem Genre Pornografie
handelt, werden die Begegnungen äußerst „saftig“ beschrieben. Nicht nur die fleischliche Lustbefriedigung wird genauest transportiert, auch derber Verbalsex kommt nicht zu kurz. Man kann hier nachlesen, dass auch ein Pärchen jenseits der fünfzig durchaus in der Lage ist, sich diesen Spielchen hinzugeben, sie mit Wildheit zu zelebrieren.

Das ist immer noch ein Tabuthema.
In den letzten 20 Jahren wurde es zwar allmählich aufgeweicht und unterwandert, heute wird es halbwegs akzeptiert, dass auch ältere Frauen Sex haben – Männer durften das ja immer schon – aber wirklich einverstanden ist die Gesellschaft nicht damit. Das Bild vom Muttchen, der lieben Oma ist nach wie vor um einiges präsenter als das der heißblütigen Liebhaberin.

Wer dieses Genre mag, ist gut bedient mit den erotischen Tagebuch von Greta Vox. Das Buch ist sehr gut geschrieben, trotz aller Wildheit stilsicher, technisch sauber und einwandfrei. Das Cover ist richtig schön gemacht.


Elsa Rieger



Die Autorin

Greta Luisa Vox wurde Anfang der 1950er Jahre im Ruhrgebiet geboren, als der Himmel dort noch grau, die Luft rußig war. Schon früh entdeckte sie die Lust am Lesen. Bücher ermöglichten ihr, in fremde Welten einzutauchen.
Einen Teil ihres geisteswissenschaftlichen Studiums verbrachte Greta in Großbritannien und den USA, wo sie über das Creative Writing zum Schreiben kam.
Heute lebt Greta mit ihrer Familie in einer nordrhein-westfälischen Großstadt und arbeitet als Freiberuflerin. Die Liebe zu den Büchern und die Leidenschaft für das Lesen und Schreiben ist geblieben. Nach mehreren Veröffentlichungen im Sachbuchbereich traut sie sich als reifere Frau ausgerechnet mit ihrem erotischen Tagebuch „Leo“ an die Öffentlichkeit.

Mehr von Greta unter http://gretavoxblog.wordpress.com


Greta Vox, Leo – erotisches Tagebuch

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20. Februar 2014

Matthias Czarnetzki, Lutetia Stubbs – Kellerleichen

· Definition eines kleinen Problems:Eine Leiche im Keller finden; vorausgesetzt, es ist niemand, den man kennt.
· Definition eines mittleren Problems:Engagierte Nachbarn, die wünschen, dass die Leiche Gesellschaft bekommt.
· Definition eines großen Problems:Ein Policecommander, der entscheidet, dass DU diese Gesellschaft wirst.
Dann wird es Zeit, die Schaufel zu packen und ein paar Schädel richtig zu rücken. Und zwar nicht, um Platz für die eigenen Gebeine zu schaffen...

Harold, Marx und Lutetia Stubbs sind die Neuen in Borough und sollen - nach dem Willen einiger Einwohner - hier auch nicht alt werden. Als Marx im Keller ein Skelett findet, ergreift Polizeichief Murdok McDuff die Gelegenheit, einige dunkle Punkte seiner Vergangenheit und diese Störenfriede zu beseitigen - aber er hat seine Rechnung ohne Lutetia gemacht.
Denn als die sich mit dem örtlichen Totengräber verbündet, tauchen Leichen an Orten auf, an denen sie vorher gar nicht vergraben waren.


Leseprobe

Alte Damen sollten anständig sein. Freundlich. Nett zu Kindern. Sie sollten sich nicht aufführen wie zwei Hafenschlampen beim Revierstreit. Henry Wilson beobachtete gelassen den Streit der Swanson-Schwestern. Er kaute sein kaltes Truthahn-Sandwich, dachte an nichts Komplexeres als das Wetter und erweiterte seinen Vorrat exotischer Beleidigungen, die er pedantisch in sein bereits recht umfangreiches Notizbuch eintrug. Solange sich die Damen nur gegenseitig angifteten, brauchte er nicht einzuschreiten.
Die Swansons galten als neu Zugezogene; sie lebten erst seit dreißig Jahren in Borough. Trotzdem hatten sie sich in dieser für ländliche Verhältnisse kurzen Zeit einen festen Platz in der Gesellschaft erobert. Ihre Ankunft hatte in der gutbürgerlichen Mittelschicht der Stadt ein Erdbeben ausgelöst. Owen Henrics, damals Stadtsäufer von Borough und ein halbes Jahr später tot, hatte Wilson, der zu diesem Zeitpunkt nur auf eine stürmische, wenn auch einseitige Affäre mit Daisy Duck zurückblicken konnte, beiseite genommen und ihm die Neuigkeit zusammen mit einer Whiskeyfahne ins Gesicht gehaucht.
"Det sin Dame von Welt, Junge! Die verkehrn nich mit unsereins. Die machen's nur mit de bessere Gesellschaft."

Später dachte Wilson darüber nach, welche Art Damen so in sechs Sprachen fluchen kann, dass selbst gestandene Männer die Flucht ergriffen. Wie dieser Russe, der das Haus neben den Swansons bezogen hatte und unvorbereitet in eine der Swansonschen Verbalschlachten geriet. Der Mann behauptete, Kapitän im Ruhestand zu sein. Wilson hielt das für gelogen: erstens war er kaum älter als fünfundzwanzig und zweitens sollte ein Matrose nicht rot anlaufen, bevor Inga und Barbara sich warm gekeift hatten. Zwei Wochen später gab er das frisch renovierte Haus auf und verschwand spurlos aus Borough. Bei anderer Gelegenheit brauchte Wilson länger, um die Frage der Sprache zu lösen. Die Reaktion einer Gruppe japanischer Touristen, die wohl versehentlich nach Borough geraten war, klärte es dann.
Manchmal fragte sich Wilson, auf welche Weise genau die Swansons mit den gehobenen Kreisen verkehrten.
Doch obwohl sie sich seit über siebzig Jahren leidenschaftlich hassten, gingen sie nie getrennte Wege - für Wilson eines der größten Rätsel des Lebens. Die Lösung hätte ihn wirklich interessiert, aber ihm fehlten Neugier und Phantasie, um mehr als die tägliche Routine seines Jobs zu erledigen. Auf eine Art war er der perfekte Beamte.
"Meurtriére!" Wilson horchte auf. Er hatte keine Ahnung, was Meurtriére bedeutete, aber Inga rastete bei diesem Wort aus. Ohne polizeilichen Eingriff hätte sie bewiesen, dass eine Handtasche durchaus eine tödliche Waffe ist. Wilson packte die Reste seiner Mahlzeit weg und ging auf die Schwestern zu.
"Guten Tag, Ladies." Vier eisblaue Augen fixierten ihn. Er spürte die Veränderung, als er vom Polizisten zur Zielscheibe wurde.
Im selben Augenblick löste sich nicht weit entfernt in einem dunklen Raum die Hand eines Skeletts und fiel zu Boden. Ein goldener Ring löste sich vom Fingerknochen und rollte in einer langen Spirale in die entfernteste Ecke des Raumes. Der darin eingelassene Brillant hätte dabei sicher malerisch gefunkelt, aber in diesem Raum war es auf Grund des Fehlens von Türen und Fenstern stockdunkel. Außerdem war niemand anwesend, der den ganzen Vorgang beobachten konnte.
"Über diesem Drecksnest hängt ein riesiger Arsch und wartet nur..."
"Ich verbitte mir solche Worte in meiner Gegenwart!" brüllte Harold Stubbs. Marx zuckte zusammen. Er hatte seinen Erzeuger noch nie schreien hören und da sie sich die letzten siebzehn Jahre nicht sehr nahe gekommen waren, wusste er nicht, zu welchen Reaktionen der alte Herr neigte. Der Stubbsche Familiendiesel bahnte sich seinen Weg durch die schafbedeckten Hügel, die noch zu Wales gehörten und steiler wurden, je weiter sie nordwärts kamen. Die Tatsache, dass sie seit Stunden nur noch Hügel und Schafe sahen, zehrte gewaltig an Marx' Nerven.
"Hoffentlich haben die schon elektrischen Strom", murmelte er.
"Ja. Ich habe mich danach erkundigt", antwortete Harold, der den gemäßigten Tonfall seines Sohnes für ein gutes Zeichen hielt.
"Fließend Wasser?"
"Auch das."
"Das einundzwanzigste Jahrhundert?" Sogar Harolds beschränktes linguistisches Hirnzentrum erkannte gelegentlich Sarkasmus. Er versuchte, einen angemessenen väterlichen Rat für diese Situation zu finden.
"Du wirst es überleben."
"Das befürchte ich." Marx versank in tiefem Schweigen. Sein Vater sah ihn mit einem forschenden Blick an.
Harold Stubbs war leidenschaftlicher Mathematiker. Er hatte es in Fachkreisen zu einigem Ansehen und einer Professur in Cambridge gebracht - mit all ihren Nachteilen. Der Nachteil bestand aus einer Horde Studenten, die sich seiner Meinung nach von einer Horde Affen nur durch den aufrechten Gang unterschied. (Montags nicht mal dadurch.) Er hatte fünfzehn Jahre Vorlesungen überlebt, indem er seine Zuhörer weitgehend ignorierte. Bedauerlicherweise schien diese Taktik bei seinen eigenen Kindern zu versagen. Überdies hatte seine Frau die Unverschämtheit besessen, sich vor einem halben Jahr einfach überfahren und ihn mit seinem Nachwuchs allein zurück zu lassen. Er sah in den Rückspiegel und betrachtete seine Tochter, die während der ganzen Fahrt aus dem Fenster gesehen und nichts gesagt hatte.
"Nun, Lutetia, freust du dich auf..." - Harold sah auf seinen Notizzettel - "...Borough? Die Burg hat sieben Schlafzimmer und vier Bäder, alles bestens eingerichtet." Die Erwähnung ihres Namens veranlasste seine Tochter, ihren Geist aus welchen Sphären auch immer zurückzurufen und aufs Hier und Jetzt zu fokussieren.
"Was bedeutet das schon?" sagte sie.
Seine Kinder waren zwar Zwillinge, aber sie hatten überhaupt keine Gemeinsamkeiten.
Die Einrichtung des Borough Inn bestand zum größten Teil aus dunkel gebeiztem Holz. Die Tische waren mit mannshohen Trennwänden abgeteilt, an denen luxuriöse, mit rotem Samt gepolsterte Bänke standen. Auf Hochglanz polierte Messingbeschläge komplettierten die Ausrüstung des Pubs, den John Smith in eine Kopie des Orient Express verwandeln wollte. Murdok McDuff fand Wilson im letzten Abteil mit seinem fünften Pint beschäftigt.
"Wilson, Sie sehen Scheiße aus!"
Der Angesprochene sah mühsam auf.
"Genau die Begrüßung, die ich jetzt brauchte."
"Im Ernst, Sie sollten zum Arzt gehen. Ihr Auge erinnert mich an die Pflaumenernte letztes Jahr. Hervorragende Marmelade." Wilson sah seinen Vorgesetzten hasserfüllt an. Gewisse Dinge sollte man nicht zu einem Mann sagen, der sich gerade in Selbstmitleid ertränkt. Oder umgekehrt.
"Der Riss über dem Auge sollte genäht werden. Was war los? Kneipenschlägerei? Dafür sieht's hier aber noch ganz ordentlich aus."
"Die Swansons", murmelte Wilson. Von zwei Greisinnen verprügelt worden zu sein ist keine Heldentat, die man gern laut herausschreit.
"Oh." Das blieb McDuffs einziger Kommentar für zwei Minuten. "Da kann man nichts machen. Bleiben Sie zwei, drei Tage zu Hause und kurieren Sie sich aus." Unbewusst tätschelte er dabei Wilsons Hand, genau so, wie er es bei seinem Enkel gemacht hätte. Wilson riss seine Hand aus McDuffs großväterlicher Umklammerung.
"Nein!" bellte er. "Das werde ich nicht! Diesmal sind die Zwei zu weit gegangen!" Er richtete den Zeigefinger anklagend auf sein Gesicht. "Das hier ist ein unprovozierter Angriff auf die Staatsgewalt. Dafür kommen diese Hyänen an den Strick! Verdammt, wenigstens hätten sie den verdient." Die ehrliche Empörung auf Wilsons Gesicht erinnerte Murdok an eine Karikatur.
"Mein lieber Wilson!" beschwichtigte er. "Seien Sie doch nicht so pathetisch. Es sind doch nur zwei alte Frauen."
"Zwei Monster in Gestalt alter Frauen."
"Mag sein. Aber nach außen sind es zwei alte Frauen. Sie machen sich zum Gespött mit einem Kreuzzug gegen zwei harmlose Omas." Wilsons Gesicht lief rot an, als er sich erhob und McDuff wütend anfunkelte.
"Harmlos? Die sind nicht harmlos! Die terrorisieren seit Jahrzehnten die Stadt - das wissen Sie genau! Nein, die haben sich endgültig zu viel rausgenommen. Wenn Sie nicht Manns genug sind, übernehme ich die Sache allein!" brüllte Wilson, ließ sich zurück auf die Bank fallen und verzog das Gesicht. Seine Nieren hatten nähere Bekanntschaft mit einem Paar orthopädischer Schuhe gemacht. Murdok lehnte sich zurück. Er blickte auf eine lange Erfahrung in öffentlichen Ämtern zurück und hatte festgestellt, dass sich die meisten Dinge durch reine Ignoranz lösen ließen.
"Wilson", sagte er mit ruhiger Stimme, "Sie bleiben die nächsten drei Tage zu Hause. Das ist ein Befehl. Danach sehen wir weiter. Trinken Sie erst mal... Nein, besser nicht." McDuff winkte in Richtung Bar und orderte einen Pott schwarzen Kaffee. Wilson war zu erschöpft, dem Chief zuzuhören. In seinem inneren Universum bildete sich der unumstößliche Plan, mit dem Bösen in Gestalt der Swansons aufzuräumen. McDuff beobachtete seinen Untergebenen aus halb geschlossenen Augen und las dessen Gedanken vom Gesicht ab. Was er sah, erfüllte ihn mit leichter Besorgnis, allerdings kannte er Wilson seit dessen Geburt. Es wird schon alles gut, sagte er zu sich selbst, als der Wirt mit dem Kaffee kam und ihm auf die Schulter klopfte.
"Heute Abend hinten im kleinen Raum. Der ganze Club soll kommen", flüsterte er.
"Heute? Wir haben Dienstag. In zwei Tagen treffen wir uns sowieso."
"Die Meisterschaften sind in zwei Wochen."
"So bald?" Wilson schreckte hoch.
"Wassnlos?"
"Nichts, nichts. Die Meisterschaften sind in zwei Wochen. Hatte ich total vergessen. Ganz sicher in zwei Wochen?" fragte Murdok.
"Ganz sicher. Vielleicht schon früher."
"Mist." McDuff trommelte mit den Fingern auf den Tisch. "Ich muss los. Also Wilson: lassen Sie die Finger von den Swansons!" Wilson richtete einen Alkohol vernebelten Blick auf den davon eilenden McDuff.
"Blöder Brigdeclub", murmelte er. Dann kippte er nach vorn und schlief ein.
Marx drehte die Heizung noch höher, obwohl ihm bereits der Schweiß auf der Stirn stand. Seit geraumer Zeit erhöhte er unauffällig die Temperatur - seine Sorge galt dabei weniger seinem Wohlbefinden als dem einiger Pflanzen, die er kurz vor der Abfahrt unter dem Sitz versteckt hatte und die es warm und normalerweise auch hell bevorzugten. Und die ihm selbst in einem Kaff wie Borough ein farbenfrohes, unbeschwertes Leben bescheren sollten. Trotz aller Vorbehalte gegen diesen Umzug: Marx hatte die Pläne ihres neuen Domizils studiert und seine Vorteile erkannt. Es gab abgelegene Räume, in denen er seinem Hobby ungestört nachgehen könnte. Davon ausgehend, dass es mit der Polizei in diesem Winkel nicht weit her sein konnte und die sicherlich noch unverdorbene Dorfjugend ein lukratives Kundenpotential bildete, plante er, sich seiner botanischen Leidenschaft in großem Stil zu widmen. Seine Hand wanderte wieder zum Heizungsregler.
"Das hält ja keine Sau aus!" teilte Harold der Welt mit und kurbelte das Seitenfenster runter. Sofort begann Marx zu keuchen.
"Zugluft!" krächzte er. Harold überhörte ihn. Marx Keuchen übertönte langsam den altersschwachen Diesel. "Das Fenster! Kann mal jemand das Fenster zumachen?" röchelte er.
"Wage es bloß nicht", knurrte Harold, als Marx an ihm vorbei zur Fensterkurbel langte.
"Die Zugluft ist tödlich für mich", schnauzte Marx. "Ich bin erkältet! Und es gibt garantiert keinen vernünftigen Arzt in diesem Nest."
"Einen Aderlass wird er noch hinkriegen. Lutetia, gib deinem Bruder einen Schal von hinten." Harold hatte gerade ein Schild entdeckt, auf dem die Entfernung nach Borough mit einhundertzwölf Meilen angegeben wurde, was seine Laune erheblich verbessert hatte. Schließlich war einhundertzwölf genau vier mal achtundzwanzig und achtundzwanzig eine perfekte Zahl - das heißt die Summe ihrer Teiler. Der Gedanke an eine perfekte Zahl machte ihn glücklich (Harold war einfach zufriedenzustellen) . Er ließ ihn von einem perfekten Leben und einer perfekten Welt träumen. Wobei eine perfekte Welt eine wäre, in der ihn nicht alle für wunderlich halten würden.
"...als ob es jemanden kümmern würde, wenn ich abkratze", bekam er noch mit.
"Die Pflanzen wahrscheinlich." Marx fuhr herum und begegnete dem unergründlichen Blick Lutetias.
"Was hast du gesagt, Lutetia?" fragte Harold.
"Nichts", antwortete Marx schnell. "Tagträume oder so was. Nichts Wichtiges." Er drehte sich zu seiner Schwester um, die wieder aus dem Fenster sah.
Na warte. Harold hatte inzwischen die Heizung herunter gedreht und das Fenster geschlossen. Marx verzichtete auf weitere Kommentare und dachte darüber nach, was seine Schwester wissen könnte.
Als der Pub noch John Smiths Großvater Peter Smith gehört hatte, war der kleine Raum sorgfältig hinter Wandpaneelen verborgen und ließ sich nur durch Druck auf bestimmte Astlöcher öffnen. Zugang hatte nur, wer das Codewort kannte und den vierstelligen Mindesteinsatz bar vorweisen konnte. In dem fensterlosen Raum hing die einzige Lampe so tief, dass sie nur den Tisch erleuchtete und die daran sitzenden Personen im Dunkeln ließ, die sich in dicke Qualmwolken einnebelten und mit verstellten Stimmen ihre Einsätze bekannt gaben. Auf diese Weise hatte Großvater Smith genug Geld zusammen gescharrt, um seinem Sohn Malcolm ein besseres Leben zu ermöglichen - was ein Jurastudium gegen den Willen des Jungen einschloss. Der zeigte ihn nach erfolgreichem Abschluss wegen Betriebs eines nicht lizenzierten Casinos an. Mit seinem Wissen sorgte er dafür, dass Peter Smith den Rest seines Lebens hinter Gittern verbrachte; seine juristischen Fachkenntnisse halfen ihm, den Gewinn aus Schmuggel, Glücksspiel und einigen anderen Aktivitäten legal zu erben und bis zu seinem Herzinfarkt ein angenehmes Leben zu führen. John genoss immer noch einen großen Teil des großväterlichen Reichtums und betrieb den Pub mehr aus traditionellen Gründen. Diese Tradition veranlasste ihn auch, die Drinks mit etwas mehr Wasser als Alkohol zu mischen und den Verbrauch professioneller Stammtrinker großzügig nach oben abzuschätzen.
Ebenfalls aus Tradition hatte der den Betrieb des kleinen Raumes aufrecht erhalten. Nur war er auf die Bedürfnisse einer neuen Klientel angepasst worden.
Die zweiundsiebzigjährige Mrs. Wilson hatte auf einem Panoramafenster mit Blumen bestanden. Smith hatte nur mit den Schultern gezuckt und ein Fenster eingebaut, welches den Ausblick auf den zwei mal zwei Meter großen Innenhof freigab. Da sich normale Pflanzen mangels Sonnenlicht nicht lange hielten, hatte er die Blumen nach und nach durch Plastikgewächse ersetzt, was niemand zu stören oder zu bemerken schien. Barrabas Homestetter, ausgedienter Opernsänger und Richter, hatte auf ausreichende Beleuchtung gedrängt. Die Ära Murdok McDuffs als Feuerwehrchef hatte dem kleinen Raum einen Rauchmelder eingebracht, der schon einen hitzigen Streit durch die Sprinkleranlage abkühlte. Im Laufe der Jahre waren weitere persönliche Verbesserungen dazugekommen, wobei Mrs. Wilsons Deckchen wohl am auffälligsten waren, die alle horizontalen und einige der vertikalen Flächen bedeckten.
Als Murdok McDuff eintraf, war der Bridgeclub bereits vollständig versammelt. Seine Mitglieder saßen in den üblichen Viererteams an den Tischen, die Karten vor sich ausgebreitet. Aber niemand spielte. Die Karten lagen genauso da, wie sie seit zwei, drei Wochen oder Jahren lagen. In diesem Raum hatte - soweit Murdok sich erinnern konnte - noch nie jemand Bridge gespielt. Heute wirkten alle bedrückt, selbst das Klappern von Amanda Wilsons Stricknadeln klang deprimiert. Murdok spürte die schuldbeladene Aura in diesem Raum; eine Aura, die seiner Meinung nach jeden Menschen umgab, manche stärker, manche schwächer. Er brauchte nicht lange nach der Quelle zu suchen. Die Jahre hatten Murdok mit einem untrüglichen Instinkt ausgestattet. Die Jahre hatten ihn auch mit etlichen Schwimmringen ausgestattet, einer korrespondierenden Anzahl Kinne und einer rasch größer werdenden Glatze. Seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Wilbur hatte die Natur ein Gebiss aus der Zahnpastawerbung, eine sportlich elegante Figur und ein Vertrauen erweckendes Lächeln geschenkt, jegliches Gewissen dafür eingespart. Eine Tatsache, die Murdok schon früh kennenlernte. Egal, ob die Porzellanballerina - das Lieblingsstück ihrer Mutter - oder das Fenster des Nachbarn, Wilbur brauchte nur strahlend zu lächeln, und einen Schuldigen - meist Murdok - zu präsentieren und alle glaubten ihm. Wilbur nahm sich, was er wollte und ließ seinen Bruder dafür bezahlen. Es dauerte lange, bis Murdok die Vorteile einer Zusammenarbeit erkannte. Murdok brauchte nur noch jemanden zu besorgen, der alles ausbaden musste, während Wilbur die Präsentation übernahm. Seit diese Masche das erste Mal erfolgreich war, ging es mit den Brüdern steil bergauf, zuerst in den weniger hellen Bereichen des Gesetzes, dann - nahezu legalisiert - in der Politik. Murdok überließ Wilbur die offiziellen Posten, deren Hauptaufgabe darin bestand, zu lächeln und zu winken, während er selbst im Hintergrund jemanden suchte, der es ausbaden konnte.
Umso überraschter war er, dass Wilbur heute ein Bild des Elends abgab. Die anderen Mitglieder des Clubs sahen ebenfalls nicht glücklich aus, woraus Murdok folgerte, dass sie schon Bescheid wussten.
"Was gibt's?" fragte er, nachdem er mehrere Minuten mit seinem Whisky verbracht hatte, ohne dass ihn jemand dabei störte. Wilbur zog scharf Luft ein.
"Es war absolut unvorhersehbar. Und in dem Sinne auch nicht meine Schuld."
"Dein idiotischer Bruder hätte sich auf Lächeln und Winken beschränken sollen", zischte Mrs. Wilson über das Klappern ihrer Stricknadeln hinweg. Murdok hob erstaunt die Augenbrauen. Er hatte die alte Dame nur einmal so wütend erlebt, und das war Jahrzehnte her. Damals gab es Tote. Einen Toten.
"Ich bin kein Idiot!"
"Was noch zu beweisen wäre", murmelte Homestetter. "Sag's ihm schon." Wilbur holte noch einmal Luft.
"Du erinnerst dich sicher an die Burg?" Das tat Murdok. In der Tat war es schwer, die Burg zu vergessen, da selbst der berühmte englische Nebel selten dicht genug war, die kleine, aber massive Anlage aus dem Panorama der Stadt verschwinden zu lassen. Einfallende Normannenhorden hatten vor mehr als tausend Jahren ein schützendes Gemäuer notwendig gemacht, welches im Lauf der Zeit wuchs und wucherte wie ein fröhliches Krebsgeschwür, das ab und zu von diversen Eroberern, Feuersbrünsten und Einstürzen zurechtgestutzt wurde. Der letzte Besitzer hatte es zu seinem Alterssitz umbauen lassen und verstarb, als er am Tag des Einzugs über die Schwelle stolperte und sich das Genick brach. Da er keine Erben hatte, war das Gebäude der Stadt zugefallen. Regelmäßige Zuwendungen der Denkmalpflege schützten das Gebäude vor dem Verfall, verschiedene Gerüchte um die genauen Todesumstände des letzten Besitzers vor neuen Bewohnern. Murdok sah Wilbur so an, dass der seine Entlastungsargumente fallenließ. "Nun, diese Burg, du weißt, sie steht nur so rum und dabei ist sie doch so ein erstklassiges Anlageobjekt. Eine Schande, sie nicht zu nutzen."
"Wir nutzen sie", warf Murdok ein. "Und dabei soll es bleiben. Wir. Und niemand sonst." Wilbur schluckte.
"Rein theoretisch tun wir das auch. Die Burg ist ein erstklassiges Abschreibungsobjekt." Wilbur knetete seine Finger durch. Murdok konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so nervös gesehen zu haben.
"Und wo genau liegt das Problem?" Der Satz hätte Diamanten schneiden können.
(...)


Der Autor
Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen.

Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen.


Matthias Czarnetzki, Lutetia Stubbs – Kellerleichen

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18. Februar 2014

Frank-Thomas Kirchberg, Die goldene Kastanie



Bei der Geschichte: „Die goldene Kastanie: Das Herz des Waldes“, handelt es sich um ein märchenhaftes Fantasy-Abenteuer mit ökologischem Touch: Prinzessin Selina hat sich verirrt und reitet im strömenden Regen, bei Blitz und Donner durch den Wald. Schlammverschmiert und mit zerrissenen Kleidern ist sie auf der Suche nach Weg und Steg. Aber was ist das, eine Stimme spricht zu ihr, und da ist eine strahlende Gestalt. Das ist eine Fee. Aber es gibt keine Feen. Und dann gibt sie Selina auch noch Befehle. Diese weigert sich. Aber es hilft alles nichts. Sie muss tun, was die Fee befiehlt. „Rette den Wald! Bring mir die goldene Kastanie zurück! Oder du kommst nie mehr aus meinem Wald heraus!“ Das ist eine schwere Aufgabe. Aber Selina darf sich dabei Hilfe suchen. Sie trifft auf den Grafen Waldemar. Einen Freund aus alter Zeit. Aber der hat selber genug Probleme. Er weiß nicht mehr ein noch aus. Und da ist noch die Magd Elsbeth, die vor Verzweiflung die Hände ringt. Doch der Knecht Johann knurrt und grunzt nur dazu. Er ist keine Hilfe. Wozu sind die Männer nur zu gebrauchen. Wer beschützt sie nur vor dem Richter Adelbert. Einem unverbesserlichen Bösewicht und Trunkenbold. Zu allem Überfluss ist auch noch der Familienschatz des Grafen unerklärlicherweise verschwunden. Bekommt Selina die goldene Kastanie wieder? Und wem jagt der Richter Adelbert wutschnaubend mit einem großen Knüppel hinterher? Wie soll das wohl alles noch enden?

Leseprobe:

Verzweiflung im Feenwald - Der böse Richter - Die wilde Jagd


Mit einem schrecklichen Donnerschlag, genau über ihr, begann das Gewitter. Prinzessin Selina schrie gellend auf. Ihr Pferd ging durch und war nicht mehr zu bändigen. Steil bäumte es sich auf, wieherte und stürzte in wilder Panik auf und davon.
Hinter ihr verklangen die lauten Rufe ihrer Begleitung und ihr Pferd raste in wilder Flucht über Stock und Stein. Weg und Steg hatte sie verloren. Prasselnd stürzte der Regen auf sie nieder, alle Schleusen des Himmels schienen sich geöffnet zu haben. Im Nu war sie völlig durchnässt. Die Äste der Bäume schlugen Selina ins Gesicht, so dass sie sich tief auf den Pferderücken ducken musste. Sie hatte keine Zeit zum nachdenken, sondern konnte sich nur krampfhaft festhalten, damit sie nicht stürzte. Ehe sie sich versah, war sie allein im Wald.
Selina wusste nicht, wie lange sie so dahin raste, es schien ihr ewig zu dauern. Doch ihr wilder Ritt endete plötzlich, als ihr Pferd über einen Stein stolperte. Selina stürzte. Das Pferd aber war nicht aufzuhalten, es stürmte weiter. Selina war allein. Benommen fand sie sich, am Waldboden sitzend, wieder. Hilflos rappelte sie sich auf und taumelte ein paar Schritte.
Hier konnte sie nicht bleiben. Sie stand in strömendem Regen, pausenlos zuckten Blitze am Himmel und der Donner dröhnte. Müde lief sie los einen Unterschlupf zu suchen. Stolpernd führte sie ihr Weg zu einem Bach. Selina rutschte aus. Ehe sie bremsen konnte befand sie sich mitten in dem Wasserfall, der dort von den Felsen rauschte und schluckte hustend Wasser. Plötzlich war sie hindurch und stand mitten in einer kleinen Höhle. Sie konnte es erst nicht fassen. Das Unwetter war draußen und sie war in Sicherheit.
„Du bist gekommen“, eine laute dröhnende Stimme schallte durch die Höhle. Prinzessin Selina fuhr erschreckt zusammen. „So lange habe ich auf dich gewartet“, fuhr die Stimme fort. „Jetzt bist du endlich da!“
„Wer ist da?“, fragte Selina ängstlich. „Was willst du von mir? Zeig dich, ich kann dich nicht sehen!“
Ein leises klingeln, wie von kleinen Glöckchen, ertönte plötzlich und ein helles Licht leuchtete vor Selina auf. Darin erschien die durchscheinende Gestalt einer hoheitsvollen Frau. „Ich bin die Fee Jeraldine und habe dich hierher geführt, weil eine Aufgabe auf dich wartet“, tönte ihre Stimme. „Du bist hier, um sie zu erfüllen.“
Eine Fee? Es gab doch gar keine Feen? Und nun stand plötzlich eine hier! „Was ist das für eine Aufgabe?“, fragte Selina stockend.
„Du sollst die goldene Kastanie, das Herz des Waldes, finden und wieder zurück bringen. Sie wurde von einem bösen Menschen gestohlen.“ Vor Selina erschien das Bild eines fetten hässlichen Mannes. „Wenn du die Aufgabe erfüllst, will ich dich reich belohnen, aber wenn du es nicht schaffst, wartet eine Strafe auf dich und du musst diesen Bösewicht heiraten. Mein Wald aber ist dann verloren!“
„Ich werde bestimmt keinen fetten hässlichen Mann heiraten! Ich bin Prinzessin Selina und heirate einen Prinzen“, rief Selina empört. „Und was geht mich deine goldene Kastanie an? Mit deiner Aufgabe will ich nichts zu schaffen haben.“
(...)


Der Autor
Frank-Thomas Kirchberg wurde 1959 in Erfurt geboren. Er war schon als Kind eine Leseratte und liebte Bücher über alles. Deshalb wollte er eigentlich auch in seinem Berufsleben etwas mit Büchern tun. Es kommt jedoch immer anders, als man denkt. Und so wurde er, nach Abschluss der Schule, Koch und arbeitete über 15 Jahre in diesem Beruf. Später machte er eine zweite Berufsausbildung und wurde Bürokaufmann. 2007 arbeitete er im Christophoruswerk Erfurt an einem Projekt zur Produktion eines Hörspiels mit. Er erfand dann die Geschichte dafür. Sie hieß: „Die goldene Kastanie“. In gemeinschaftlicher Arbeit wurde daraus eine 22minütige Hörspielfassung gemacht, die weitgehend der originalen Geschichte folgt. In den Studios von Radio Funkwerk Erfurt wurde das Hörspiel professionell produziert. Und schließlich zum Jahreswechsel 2007 ausgestrahlt. Außerdem wurde davon eine CD hergestellt, und gegen eine Spende vertrieben. 2009 erschien, die originale ungekürzte Fassung, in einer Anthologie des Verlages P & B, als Taschenbuch. 2014 veröffentlichte der Autor seine Geschichte: „Die goldene Kastanie“ als E-Book.
Die Veröffentlichung weiterer Geschichten ist geplant. Der Autor arbeitet derzeit an einem mehrbändigen Roman.


Frank-Thomas Kirchberg, Die goldene Kastanie

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14. Februar 2014

Corinna Bergmann, Friedhofsnovelle Teil 1 und Teil 2



Klappentext Teil I – „Ein Skelett auf Abwegen“
Die Toten haben sich auf dem Friedhof ihre eigene - unterirdische - Welt geschaffen. Ihr Dasein ähnelt dem der Lebenden, wenn man von der Besonderheit absieht, dass sie auf einen Teil ihres Körpers reduziert sind: ihr Skelett, das sie pflegen müssen und das ihnen die typischen leiblichen Genüsse der Lebenden nicht mehr gestattet. Sie arrangieren sich mit ihrer Situation, indem sie neue Arten von Dienstleistungen kreieren. Doch auch im Tod ist nichts umsonst. Die verschiedenen Dienste müssen abgearbeitet werden und das soziale System dient im Großen und Ganzen der Zufriedenheit der Privilegierten, die es im Übrigen faustdick hinter den Ohrenknöchelchen haben…

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der eitle Freiherr von Krohn, der aufgrund seiner ausschweifenden Lebensweise in einem Armengrab gelandet ist. Auch im Tod wandelt er auf Freiersfüßen und macht häufig Schulden. 
Als sich seine Angebetete, Persephone von Effenberg, plötzlich für ihn zu interessieren beginnt, muss sich der Freiherr einiges einfallen lassen, um sie zu beeindrucken. Aber wozu hat man Freunde? Und glücklicherweise lernt er einen kennen, der von sich behauptet, alles besorgen zu können. Der Freiherr jedenfalls schwebt im siebenten Himmel. Und Persephone? Was hat sie wirklich vor?


Klappentext Teil II – “Die Rache der Geächteten”

Der Freiherr, jetzt selbst ein Geächteter, trifft auf einen Gleichgesinnten, den er kurz zuvor noch besser gekannt hat, als ihm lieb war. Dennoch beschließt er, sich mit dem anderen gemeinsame Sache zu machen, um sich ihre Knochen von den kriminellen Effenbergs zurückzuholen. Doch dazu brauchen sie die Hilfe eines vollständigen Skeletts. Außerdem gibt es da einen Frischling, der einen einfachen wie genialen Plan ausheckt. Wird es den “Verfechtern der Gerechtigkeit”, wie sie sich von nun an nennen, gelingen, die Effenbergs zu überlisten?

Leseprobe Teil I – „Ein Skelett auf Abwegen“

Es lebe der Friedhof. Die allerletzte Heimat.
Denkt das Skelett, während es sich seinen Weg durch das Rohr nach oben bahnt. Freiheit. Frische Luft. Angenehme Brise. Der Wind rauscht sanft in den Bäumen. Das Skelett ist jedes Mal aufs Neue überwältigt von der wilden Schönheit der Natur.
Es lebe der Tod.
Denkt das Skelett, während es scheppernd über verwitterte Gräber klettert, durch verwuchertes Gestrüpp kriecht, immer darauf bedacht, keinen seiner noch vorhandenen Knochen zu verlieren. Es sind derer immerhin noch viele, was man beileibe nicht von allen Bewohnern des alten Friedhofs sagen kann.
Das ist Leben.
Denkt das Skelett, dessen fahle Knochen im flackernden Licht der Grabkerzen auf und ab schwingen, während es mit ungeahnter Gelenkigkeit über uralte Grabsteine turnt. Knochen klappern gegeneinander wie Kastagnetten. Gelenke wippen wie geölt in den Pfannen. Auf und nieder, nach rechts, nach links. In Anbetracht der vielen Jahre unter feuchter Erde sollte man meinen, dieser sterbliche Überrest müsse längst zu einer klebrig-weichen Masse verklumpt sein und kein einziges Beinchen mehr bewegen können. Doch das Skelett hält sich gut. Bis auf eine unschöne Delle über dem Jochbein ist das stattliche Gerüst beinahe unversehrt. Fast wie zu Lebzeiten.
Es versucht sich zu erinnern, wie man Luft tief in die Lungen saugt und langsam wieder ausatmet. Die Erinnerung an gewisse Dinge verblasst mit der Zeit, wird mehr und mehr zu etwas Unwirklichem, Unvorstellbarem. Man wundert sich nur noch. Hat man all das wirklich einmal getan? Wie war das mit dem Essen und Trinken? Dem Atmen? Dem Sich-An- und Auskleiden, Tag für Tag? Zähne putzen und rasieren. Schminken und Frisieren. Das Skelett wird wirr im Hohlschädel. Es erinnert sich, weil es sich erinnern will. Weil es etwas von dem, was einmal gewesen ist, behalten will. Es ist zwar tot, aber es existiert. Um existieren zu können, muss man sich erinnern. Man darf sich nicht abnabeln von dem, was war.
Eine schöne Nacht… Hoppla! Denkt das Skelett und kann sich gerade noch rechtzeitig hinter ein Gebüsch verschwinden, als eine gebückte Gestalt im schwarzen Umhang vorübereilt. Schon wieder dieser Totengräber, denkt das Skelett, das die dunkle Gestalt sehr schnell identifiziert hat. Was der wohl immer mitten in der Nacht auf dem Friedhof zu schaffen hat? Das Skelett schüttelt den Schädel und lässt dabei die obersten Halswirbel knacken. Der Totengräber fährt herum. Das Skelett schlendert weiter seiner Wege, ohne sich groß darum zu kümmern. Soll der doch denken, was er will, wer würde einem Totengräber schon glauben?
So glaubt das Skelett und schleppt seine Knochen zurück zu dem verwachsenen Rohr. Zeit, nach Hause zu gehen. Ein Windhauch zieht  durch die Nasenlöcher des Verblichenen. Es hört sich an wie ein Seufzer. Es ist ein Seufzer. Sie war wieder nicht da. Fast jede Nacht sitzt sie vor der Kapelle und rupft Grashalme aus. Sie scheint nachzudenken. Aber worüber? Das Skelett, einst männlicher Mensch, würde gern wissen, was das andere Skelett, einst weiblicher Mensch, denkt. Manchmal sieht sie ihm gedankenverloren nach, wenn er vorüber flaniert. Gern würde er, wie zu Lebzeiten noch, seinen Hut ziehen, ihr eine Zigarette anbieten oder sonst etwas tun, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie sieht aus, als sei sie noch frisch. Jedes Beinchen am rechten Platz. Fast lautlos gleiten ihre elfenbeinfarbenen Fußknöchelchen über die gefrorene Erde, als würde sie schweben. Kein Scheppern, kein Rasseln, kein Klappern gelockerter Scharniere. Als sei sie aus Fleisch und Blut. Der anmutige Gang einer Prinzessin. Was gäbe dieser Verblichene darum, einen Blick auf ihre zarten Rippchen werfen zu dürfen. Einen einzigen nur. Doch im Gegensatz zu ihren nur notdürftig bedeckten Geschlechtsgenossinnen ist die geheimnisvolle Schöne von der Nasenspitze bis zu den Knöcheln in schweren Brokat und duftige Seide gehüllt.
Ein neuerlicher Windstoß fährt durch seinen Brustkorb und lässt ein schauerliches, asthmatisch anmutendes Pfeifen erklingen. Sogar im Tod büßt man noch für die Laster eines ausschweifenden Lebens. Dabei ist es so einfach, den Zigaretten zu entsagen. Man braucht bloß zu sterben. Das ist alles. Mit dem Alkohol verhält es sich nicht anders. Möge er, in der richtigen Menge genossen, alle Symptome der Trunkenheit bewirken im Tod bewirkt er nichts mehr. Mit fleischlichen Genüssen und Gelüsten haben die hier Beheimateten nicht mehr viel zu schaffen. Dann und wann verziehen sich zwei Verliebte ins Buschwerk, wo sie zärtlich ihre Beckenschaufeln aneinander reiben. Welch armseliges Vergnügen, findet das Skelett und denkt dabei an die schöne Elfenbeinfarbene
Klappernd kriecht es durch das Rohr, um seine letzte Ruhestätte aufzusuchen. Die einzelnen Gräber sind durch mehrere unterirdische Gänge miteinander verbunden. Die Toten können sich frei bewegen zwischen ihren vermoderten Gemächern, ohne dass die Friedhofsbesucher etwas von dem unterirdischen Leben, wenn man es denn Leben nennen kann, auch nur das Geringste mitbekommen. Bloß die hochherrschaftlichen Grüfte sind fest verschlossen. Kaum einer der knöchernen Verblichenen niedriger Herkunft hat die Chance, jemals in so eine Gruft geladen zu werden. (...)

Leseprobe Teil II – „Die Rache der Geächteten“

Endlich Ruhe. Denkt ein Geächteter, der seinen Hinterhauptschädel auf das weiche Moos zwischen zwei Ginsterbüschen gebettet hat.
Endlich schlafen können wie ein Toter. Denkt der, den man auf seinen bloßen Schädel reduziert hat. Und selbst dieser ist nicht mehr vollständig. Denn seinen Unterkiefer haben sie sich ebenfalls unter den Sargnagel gerissen - unter höhnischem Gelächter, das ihm sogar jetzt noch den Schrecken des Allmächtigen durch sämtliche Glieder jagen würde ja, wenn er sie denn noch hätte. 
Die Nacht neigt sich ihrem Ende zu. Überlässt die Zeit einem neuen Morgen, der einen weiteren nebligen Novembertag einläuten wird.
Endlich in Sicherheit vor den Knochenmassen, die sich promenierenderweise zwischen Gräbern und Gestrüpp fortbewegen und rücksichtslos auf alles treten, was ihre Wege blockiert. Denkt sich der Geächtete, den niemand mehr zur nächtlichen Promenade auffordern wird.
Der Tod ist nicht die Endstation. Nein, bei weitem nicht. Es gibt immer noch eine Steigerung. Und das hat er, der Geächtete, auf beinharte Weise erfahren müssen.
Krampfhaft versucht der, der nichts mehr zu verlieren hat, sich zu erinnern. Über sein erfülltes Leben nach dem Tode sinniert der Geächtete, zu Lebzeiten als Freiherr von Krohn vielmehr noch als Bohemien durch und durch bekannt.
Die Erinnerung wie schmerzvoll sie doch ist. Aber selbst der hohlste Schädel weiß, wie wichtig es ist, der alten Zeiten zu gedenken. Denn die Erinnerung stirbt nie. Das wissen wir mittlerweile…
Doch -  halt! Was ist das für ein Geräusch? Ein Kreischen und Zischen. Ein Poltern und Klappern. Der Freiherr lauscht andächtig in seinem Versteck. Neugierig ist er, fürwahr

„Hilfe! Hilft mir denn keiner? Ihr da – glaubt mir doch ich bin unschuldig, ich ich - gehöre nicht zu denen! Ich bin doch einer von euch. Die Schweine haben mir alles genommen, was ich auf Grabeserden noch besaß!
Die drei Skelette, die da des Weges kommen, weichen angstvoll zurück.
„Ein Geächteter. Mir scheint, ´s werden immer mehr. Verschwinden wir. Er könnte gefährlich sein. Man weiß nie, ob….“
Das kleinste der drei Skelette zögert noch. Sehnsüchtig blickt es auf den Schädel, der vor seinen Zehenknöchelchen auf und ab rollt und wirres Zeug brabbelt. Das Teil gäbe einen prima Fußball ab
„Komm jetzt, Burschi! Das ist kein Spielzeug! Das ist IGITT! Fass es nicht an!“, zischelt das mittelgroße Skelett durch die bräunlich verfärbten Zähne und zerrt an Burschis zartgliedrigem Händchen. Schwupps – so schnell kanns gehen und ein Fingerglied ist ab. Burschis Milchgebiss öffnet sich langsam. Mit weit auseinanderklaffendem Kiefer starrt er das mittelgroße Skelett an und gleich darauf zerreißt ein durchdringender Schrei die friedliche Stille.
„Dass unsereins zu derartig volltönender Kommunikation überhaupt noch fähig ist!, denkt sich der zwischen den Sträuchern verharrende Freiherr, der mit den Konflikten der Privilegierten nichts mehr zu schaffen hat und daher dem kreischenden Schädel jede Art von Hilfeleistung verweigert.
Er hat im Gegensatz zu jener armseligen Kreatur verstanden, wie willkommen die Marginalexistenz ist nämlich gar nicht. Und er hält sich an die Spielregeln, was soll er auch sonst machen?
„So – das haben wir jetzt davon! Fluchend sieht sich das große Skelett um. Los kommt! Wir gehen zum Leimkameraden. Der soll das wieder richten.
Das mittelgroße Skelett murmelt etwas von wegen wusst ichs doch, dass die gefährlich sind und trabt, den immer noch aus Knochenkräften brüllenden Burschi vor sich her schubsend, hinter dem großen Skelett her.
Der geknechtete Geächtete, der seinem Schicksal, als Burschi-Spielzeug herhalten zu müssen, nur knapp entronnen ist, stößt einen grabestiefen Seufzer aus.
„Kaum tot und schon am Ende. Ach, ich arme Sau!“
(...)


Die Autorin
Mein Name ist Corinna Annemarie Bergmann, ich bin 1972 in St. Pölten geboren. Nach jahrelanger Berufstätigkeit als Büroangestellte habe ich Skandinavistik und Sprachwissenschaft studiert, später Nachhilfe in Deutsch gegeben, als Korrektorin gearbeitet und verschiedene andere Jobs gehabt.
Die “Friedhofsnovelle” (insgesamt 3 Teile) ist mein erstes E-Book. In den letzten Jahren habe ich Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften, wie Reibeisen und et cetera sowie in der Anthologie St. Pöltner Geschichten veröffentlicht.
Weiters habe ich zwei Kindergeschichten verfasst – “Vampirchen will fliegen” und “Frau Holle, der Zwerg, die Trollfrau und noch viele andere…”. Erstere habe ich in zwei ersten Klassen der Volksschule Wagram (St. Pölten) vorgelesen.
Der dritte Teil der “Friedhofsnovelle” soll spätestens Ende März bei Amazon erscheinen.


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