Salon

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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

26. November 2015

Ursula Tintelnot, Violetta




Wer bin ich? Dieser Frage muss sich Violetta nach einer Testamentseröffnung stellen, die ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellt. Die alleinerziehende Mutter von Zwillingen ist leidenschaftlich, klug und sehr distanziert. Gerade diese Distanz reizt die Männer, die diese attraktive, anziehende Frau treffen. Sie lässt sich lieben, aber liebt sie auch? Liebt sie die Männer oder nur den Sex? Nur die Vorstellung von Liebe?
Violetta ist eine Frau auf der Suche nach dem richtigen Weg, nach ihrer Identität! Diese Suche führt sie von Hamburg nach Dresden, nach Wien, und in die Toskana. Findet sie ihr Glück da, wo sie es niemals gesucht hat? Wird sie in Lucca, der Stadt der Oper, dem Geburtsort Puccinis, ihrem Schicksal begegnen? 



Rezension

Ach wie schön, einmal so einen Roman zu lesen! 
Im Grunde habe ich es nicht so mit Romantik, in dem Fall kommt sie aber so elegant und kitschfrei daher, dass ich mich drauf einlassen konnte. Die Autorin hat ihre Protagonistin, eine schöne (fast zu schöne) junge Frau, Alleinerzieherin von Zwillingsbuben, als äußerlich kühle Person gezeichnet, was ihre Beziehung zu Männern betrifft. Sie kann sich nicht klar für einen der Kerle, die ihr samt und sonders zu Füßen liegen, entscheiden, nimmt aber deren Liebesgaben dennoch an. Sie geht auch gern mit ihnen ins Bett, weil sie ja auch Bedürfnisse hat. 

Und dann erbt sie. 
Völlig unerwartet fällt ihr ein Landhaus in der herrlichen Toskana zu, das ist nun der Einstieg für Violetta, ein Familiengeheimnis zu lüften, in dem sie die Hauptrolle spielt. Sie entdeckt unangenehme Parallelen zwischen ihrer Mutter und sich selbst. Damit erlangt sie aber auch besseren Zugang zu ihrer eigenen Person, und Masken fallen, hinter denen sie sich versteckt hat. Sehr schön, die Entwicklung Violettas und ihres weiteren Lebens. 

Ich trau es mich ja fast nicht zu sagen, 
aber ich bin an den Zeilen geklebt, wollte unbedingt wissen, was denn nun liebestechnisch endlich zu einem guten (?) Ende kommen kann, bis weit nach Mitternacht. Ein Buch, das bei mir Herzklopfen erzeugt hat, passiert mir selten. Zudem hat mich die liebevolle Beschreibung der Landschaft und das passende Cover erfreut.

Technisch ließe sich aber 
ein bisschen was machen, es fehlen manchmal Anführungszeichen bzw. sind falsch gesetzt, etliche Flüchtigkeiten sind mir aufgefallen, mein Lektorenauge sieht das nun mal gleich. Das könnte bereinigt werden. Tut aber der Geschichte selbst keinen Abbruch, ein Buch fürs Herz. 
Ich empfehle es sehr gern! 

Elsa Rieger
      



Ursula Tintelnot, Violetta 

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1. November 2015

Der Winterwolf - Weihnachtsanthologie



Herausgeberin: Elli H. Radinger
Was macht Santa, wenn der Wolf an Weihnachten eines seiner Rentiere frisst?
Wie verhält sich der zur Arbeit in einem Zoo verurteilte jugendliche Straftäter, wenn ein Wolf ihm Lebensratschläge gibt?


Wie haben Menschen und Wölfe vor 20.000 Jahren den Winter verbracht?
Diese und viele andere fantastische, spannende und magische Geschichten von 14 Autoren aus ganz Deutschland finden Sie in dieser weihnachtlichen Wolfsanthologie.

http://www.wolfmagazin.de/html/der-winterwolf.html

Leseprobe:

Eifelwolf

von Manu Wirtz

Vorsichtig und wachsam näherte sich der Wolf dem Abgrund. Er stand auf dem Felsen der Munterley und blickte auf das leuchtende Gerolstein im Tal  unterhalb der Dolomiten. Der Dezemberabend in der Vulkaneifel war klirrend kalt und sternenklar. Die Lichter der Stadt funkelten zu ihm  hinauf.

Schornsteinrauch aus unzähligen Kaminen kräuselte sich in der kalten Luft und die Gerüche bildeten ein Potpourri mit dem Tannen- und Kiefernduft des  Waldes, den Autoabgasen und anderen typischen Ausdünstung einer menschlichen Ansiedlung. Partikel von Nahrungsgerüchen aus den Klimaanlagen der Restaurants streiften seine Nase. Das erinnerte ihn, dass er seit Langem nichts mehr in den Magen bekommen hatte, und hungrig leckte er sich über die Schnauze.

Der Rüde war an den Flanken grau-braun gezeichnet, weiß an der Innenseite  der Läufe und am Bauch, mit einem dunklen Streifen am Rücken und an den Vorderläufen. Er war jetzt drei Jahre alt und seit gut einem Jahr von den italienischen Apenninen über die französischen Alpen unterwegs gewesen, bis  er vor einigen Wochen seine Pfoten auf deutschen Boden gesetzt hatte. Eine  Zeit lang hatte er in den Wäldern des Saarlandes gelebt. Die dichte Vegetation und der Wildreichtum waren ideal für den Streuner gewesen. Aber die Einsamkeit hatte ihn weitergetrieben. Er war auf der Suche nach einer  Partnerin, mit der er ein eigenes Rudel gründen konnte. Sein Trieb hatte ihn bis in die Eifel geführt.

Seine scharfen Augen verfolgten die winzigen Punkte und Lichter, die sich in der Ferne bewegten. Menschen und Autos wimmelten durch die weihnachtlich beleuchtete Stadt und verstärkten das Summen, das bis zu dem Wolf auf dem Felsvorsprung hinauf klang.

Plötzlich erregte ein ferner, nur für seine Ohren wahrnehmbarer Laut seine Aufmerksamkeit. Er bewegte seine Lauscher in die Richtung, aus der er kam. Das feine Gehör filterte den harmonischen Klang aus dem   Hintergrundrauschen der Stadt heraus. Der Wolf wandte seinen Kopf . Die auf und abschwellenden Töne waren ihm vertraut.

Sein Herz klopfte heftig, als er den Gesang eines Wolfsrudels erkannte. Erregt trat er ein paar Schritte zurück und winselte leise. Er drehte sich nach allen Seiten und reckte seine Nase. Nach ein paar Augenblicken konnte er schon etliche Stimmen in dem Chor ausmachen. Da streckte er den Kopf in den Abendhimmel und antwortete mit einem langgezogenen Heulen. Dabei zog er die Lefzen eng, um den Laut zu modulieren. Wieder lauschte er. Die ferne Vokalgruppe hatte ihren Gesang abrupt unterbrochen. Es dauerte eine Weile, bis er Antwort bekam. Jetzt war der Chor etwas lauter und vielstimmiger; der einsame Zuhörer konnte die Stimmen von mehreren Alttieren unterscheiden. Zwischendurch vernahm er auch ein paar helle Töne von Jungtieren. Der Rüde hechelte aufgeregt und tänzelte mit den Vorderpfoten auf der Stelle. Er winselte und leckte sich über die Schnauze.

Zuletzt war er in den französischen Alpen auf einen Artgenossen gestoßen. Eine kurze Zeit waren die beiden Junggesellen gemeinsam umhergezogen. Das lag schon Monate zurück und er hatte fast die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder anderen Wölfen zu begegnen.

Der Wanderwolf hielt seine Nase in den Luftstrom, um zu festzustellen, woher der Schall kam. Angestrengt lauschte er in die Nacht. Dann drehte sich der einsame Graue um und lief durch den Wald auf die Lautquelle zu. Auf seinem Weg blieb er immer wieder kurz stehen, horchte, heulte den Mond an und horchte erneut auf die Antwort des fernen Chors.(...)

Der Winterwolf - Weihnachtsanthologie


31. Oktober 2015

Sigrid Wohlgemuth, Der Duft von Oliven



„Die Insel, meine zweite Heimat, hat ihre eigenen Gerüche. Mit geschlossenen Augen erkenne ich die Kräuter an ihrem ausgeprägten Aroma, genieße und liebe diesen Duft.“

Lebe deinen Traum, bevor es zu spät ist!, denkt sich die junge Kölnerin Anna, lässt ihr Geburtsland kurzerhand hinter sich und zieht zu ihrer großen Liebe nach Kreta. Das Leben in dem kleinen Bergdorf ist hart – bei der Arbeit im Olivenhain muss sie sich ständig aufs Neue beweisen, denn ihr Schwiegervater beharrt eigensinnig darauf, dass ein Stadtmensch, noch dazu eine Deutsche, auf der Insel nichts zu suchen hat.
Eine große Stütze für sie ist ihre beste Freundin Thália. Was Anna jedoch nicht weiß, ist, dass Thálias Ehe unter einem sehnlichen Kinderwunsch Stück für Stück zu zerbrechen droht. Als Anna mit ihrem ersten Kind schwanger wird, bricht für Thália eine Welt zusammen.

Mit viel Liebe und Feingefühl zeichnet Sigrid Wohlgemuth ein Bild zweier Frauen, die sich ihren Schicksalen stellen und sich mit ihrer Identität, Heimat, Herkunft und der Gesellschaft auf Kreta auseinandersetzen.

Rezension

Entgegen den Wünschen ihrer Familie wagt Anna aus Köln den abenteuerlichen Schritt, auf die Insel Kreta auszuwandern. Doch nicht, wie man annehmen könnte, um ein angenehmes Leben an der Küste zu führen, nein, ihre Wahl ist ein raues Bergdörflein, in dem ihr kretischer Verlobter und seine Familie ein Dasein als Bauern fristet. Ein hartes Leben erwartet Anna. Es ist nicht die Arbeit, die ihr Probleme macht, es ist der Schwiegervater, der - bedingt durch seine Erinnerungen an den 2. Weltkrieg - alle Deutschen zutiefst hasst. Anna bekommt das fast täglich zu spüren, so sehr sie sich auch anstrengt, ihm alles recht zu machen. Es wird ihr schwer gemacht, ihre Liebe zu Ilias zu bewahren, den Konflikte sind vorprogrammiert.
Zum Glück schließt Anna bald Freundschaft mit Thalia, sie stärken sich gegenseitig.

Ob Annas Träume in Erfüllung gehen? Das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber eines seit gesagt, der Roman über ein Auswandererdasein hat mich von Anfang bis Ende gepackt.

Elsa Rieger



Leseprobe:

Prolog

Es krachte. Anna fuhr zusammen. Direkt vor ihr löste sich ein Baum samt Wurzelballen aus der Böschung am Abhang über der Straße. Ruckhaft riss sie das Lenkrad herum. Der Baum stürzte knapp hinter ihrem Wagen auf die Fahrbahn. Sie hatte keine Zeit aufzuatmen, denn durch die plötzliche Bewegung war das Heck ins Schleudern geraten. Sie trudelte unkontrolliert um die eigene Achse, kam nun endgültig von der Straße ab, an der sich keine Leitplanke befand, und rutschte mit einem gellenden Schrei den Berg hinab. Dann hörte sie nur noch das Schrappen der Scheibenwischer, stierte wie betäubt auf die rasche Bewegung. Das Atmen fiel ihr schwer, der Sicherheitsgurt umspannte straff ihren Körper. Der Versuch, sich zu rühren, scheiterte schmerzlich. Sie schloss die Augen. Nicht einschlafen. Ich muss wach bleiben, bis ich gefunden werde. Aber ich bin schrecklich müde und möchte schlafen. Es tut weh. Am besten zähle ich. Doch als sie damit anfangen wollte, brachte sie die Lippen kaum auseinander. Sie schmeckte Blut.
»Helft mir!«, rief sie und hatte das Gefühl, als prallten die Worte an die Windschutzscheibe und schallten zu ihr zurück. Sie werden mich bald finden. Ganz sicher! Der Regen hat nachgelassen. Nur eine Frage der Zeit, bis ein Auto vorbeikommt. Mit einem letzten Ratschen verstummten die Scheibenwischer. Die Stille ist unerträglich, dachte sie und spürte Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Ruhe bewahren. Ich darf nicht in Panik ausbrechen.
Anna atmete flach, um das Stechen in ihrem Leib gering zu halten.
»Verdammt!«, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Nachdem sie im Reisebüro die Tickets für einen Familienurlaub in Köln zu Weihnachten freudig entgegengenommen hatte, war sie vor der Tür von einem leichten Nieselregen überrascht worden. Bald darauf öffnete der Himmel über Kreta seine Pforten und es begann, in Strömen zu gießen. Ein starker Wind aus Südosten fegte übers Land, und der Wagen schwankte auf der Rückfahrt von Sitía nach Tourlotí, ihrem Heimatdorf.
Obwohl sie den Scheibenwischer auf höchste Stufe gestellt hatte, war der Asphalt durch die beschlagene Windschutzscheibe vor ihren Augen nur verschwommen zu sehen. An dem Teilstück der engen Straße, das sich im Bau befand, wurde es schlimmer. (...)

1. Kapitel

Anna blinzelte in die Spätnachmittagssonne. Sie setzte sich auf und strich den inzwischen getrockneten Sand von ihren Beinen. Dann hielt sie sich die Hand schützend über die Augen und sah zu, wie der leichte Wind die Wellen ans Land trieb.
War es die Liebe zu Ilías, dem kretischen Bauern, die sie alles im rosaroten Licht sehen ließ? Wenn sie an Zuhause dachte, an Köln, die Stadt mit ihrem oft deprimierend grauen Himmel, an den herrischen Vater, dem sie nichts gut genug machen konnte, fröstelte sie.
In diesem Moment stieg Ilías aus dem Wasser. Er kam im Laufschritt auf sie zu, ließ sich neben ihr auf das Badetuch fallen und zog sie in seine Arme.
»He!«, schrie Anna, »du machst mich wieder total nass.« Sie stieß ihn in die Rippen. Ilías schüttelte sein Haar. Anna quiekte, als die Wassertropfen sie trafen. Er lachte und streckte sich aus, schlug die Füße übereinander, verschränkte die Arme im Nacken.
Kaum zu glauben – Anna ließ ihre Augen über Ilías’ Körper schweifen – dieser Mann möchte mit mir zusammenleben. Im Schneidersitz schob sie sich neben ihn.
»Und, hattest du genug Zeit, um darüber nachzudenken?« Ilías stützte sich auf die Ellbogen und sah Anna liebevoll an.
»Worüber?«
»Anna, ich meine es ernst.«
»Ich soll zu dir nach Kreta ziehen?«
»Liegt es an meinem Griechisch, dass du mich nicht verstehst?«
»Scherz nicht rum.« Anna verzog den Mund zu einer Schnute.
»Nun gut. Du willst es nicht anders.« Er richtete sich auf. Anna bemerkte ein schelmisches Zucken um seine Mundwinkel. »Du bist die Frau meiner Träume! Wenn ich dich anschaue, mit deinen langen blonden Haaren und dem athletischen Körper, könnte ich vor Glück verrückt werden! Deine himmelblauen Augen ziehen mich magisch an, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe!«
Anna lachte verlegen, um nicht vor Rührung zu weinen, und entgegnete schnippisch: »Ach, es geht dir nur um mein Aussehen?«
Ilías griff nach ihrer Hand. »Lass mich ausreden. Ich bewundere deine Intelligenz, deine Aufgeschlossenheit, dein Einfühlungsvermögen. Ich liebe dich, vertraue dir und will dich nicht mehr loslassen.« Anna wollte ihm die Hand entziehen, doch Ilías verstärkte den Griff. »Wir kennen uns lang genug, um eine Entscheidung zu treffen. Seit zwei Jahren liegen dreitausend Kilometer zwischen uns. Das langt jetzt, Anna!«
»Es gibt viel zu bedenken«, warf sie ein.
»Und was?«
»Wo werden wir wohnen? Und wie sieht es mit einem Job aus?«
»Ist dir das wichtig?«
»Ja.«
»Mein Einkommen wird für uns beide reichen. Und ich bin sicher, du wirst an der Schule arbeiten können mit deinem perfekten Griechisch und den vielen anderen Sprachen.«
Er wollte sie in seine Arme ziehen, doch Anna entschlüpfte ihm, rannte zum Meer. Am Ufer entlangschlendernd, die Füße im kühlen Wasser, schaute sie auf die Wellen. Dann streiften ihre Augen die Landschaft. Umschlossen von hohen Bergen lag die Thólos-Bucht, wenige Kilometer vom Dorf Kavoúsi entfernt. Nach Süden breiteten sich Olivenhaine aus, vom salzigen Sturm gebeugte Äste trugen kleine Früchte. Tamarisken standen am Strand und spendeten den überwiegend griechischen Badegästen Schatten.
Um eine kleine Süßwasserader herum schwirrten Hornissen. Ein holländisches Pärchen hatte seinen Wohnwagen im Schutz der Sträucher geparkt. Die beiden saßen gerade an einem Campingtisch beim Essen.
Griechische Musik schallte aus einem Holzhaus herüber, einige Tische und Stühle standen davor. Der Besitzer der Taverne stellte gerade Erfrischungen auf ein Tablett. Eine Gruppe Einheimischer stand im Meer und unterhielt sich Wasser tretend. Zwischendurch tauchten sie tiefer hinein oder schwammen auf dem Rücken, ohne das Gespräch zu unterbrechen.
Anna blickte auf die Weite des Meeres, das sich bis zum Horizont erstreckte.
Die Frau seiner Träume. Nein, ich zweifle nicht. Weder an Ilías’ Liebe noch daran, dass ich genau hier mein Leben führen will. Sie drehte sich zu dem Mann um, der fortan alles mit ihr teilen wollte. Er winkte, und sie schrie über die Brandung hinweg: »Ich will!«
Mit ausgebreiteten Armen lief sie auf ihn zu. Sie sah, wie er aufsprang und einen Freudentanz aufführte, dass der Sand hochspritzte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl ergriff Besitz von jeder Faser ihres Seins.


Die Autorin

Sigrid Wohlgemuth wurde in Brühl bei Köln geboren. 1996 erfüllte sie sich ihren Traum und machte Kreta zu ihrer Wahlheimat. Die Mittelmeerinsel und das Schreiben wurden zu ihrem Lebensmittelpunkt. In ihren Erzählungen, bei Lesungen und in Kochshows möchte sie ihren Gästen die kretische Kultur sowie Land und Leute näher bringen. Zu ihren bisherigen Veröffentlichungen gehören neben "Bis am Baum die Lichter brennen" (2012) und "Drei Stühle. Köstliche kretische Geschichten mit Rezepten" (2013) auch zahlreiche Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien.

Sigrid Wohlgemuth, Der Duft von Oliven


18. Oktober 2015

Ruth M. Fuchs, Erkül Bwaroo und der Mord im Onyx-Express



Als Erkül Bwaroo mit seinem Freund Dr. Artur Heystings im „Onyx-Express“ reist, geschieht ein Mord. Natürlich macht sich Bwaroo mit seinen kleinen grauen Zellen schnell daran, den zu finden, der die blutige Tat vollbrachte.
Außer Bwaroo und Heystings fahren noch zwölf weitere Fahrgäste in diesem Zug. Alle kannten den Toten, dessen Verlobte sich vor einigen Jahren umbrachte. Jeder hat ein Motiv.
Möglicherweise wollte die Mutter der Verlobten ja Vergeltung üben. Oder die Schwester der Toten beging den Mord, um Rache zu nehmen. Vielleicht war es aber auch die kapriziöse Operndiva, die so schlecht auf ihren Eiderdaunendecken schlief? Ist die Pianistin, die Heystings den Kopf verdreht, wirklich so harmlos, wie sie scheint? Und was versucht der kämpferische Zwerg zu verbergen?
Der Elfendetektiv und sein Freund finden sich bald in einem Netz von Geheimnissen, Skandalen und Intrigen wieder, als sie versuchen, den Täter zu entlarven.
Zwölf Verdächtige, zwölf Motive. Ein Mörder. Oder ist doch alles ganz anders?
Dieses Buch ist eine humorvolle Hommage an eine große, englische Kriminalautorin, ihren berühmten, belgischen Detektiv und ihren „Mord im Orient-Express“.

Leseprobe:

Die Reise beginnt

Mein alter Freund Erkül Bwaroo und ich saßen auf der Terrasse des „Café International“. Wir genossen den Blick auf die Teims und die Docks, tranken Tee und lasen Zeitung. Während ich mich der 'Zeiten' widmete, studierte mein Freund eines dieser zahlreichen Boulevardblättchen. Es ist mir ja unbegreiflich, warum ein Mann mit seinem Niveau so gerne die Klatschseiten liest. Aber genau das tat er.
„Der Herrscher des Ostreiches soll Königin Rosalinde einen Antrag gemacht haben, den sie höflich aber bestimmt zurückwies“, las er vor.
„Tatsächlich“, meinte ich ohne großes Interesse. „Wenn es überhaupt stimmt. Diese Reporter dichten sich doch gerne was zusammen.“
„Stimmt“, gab Bwaroo zu. „Aber hier – hören Sie: Der berühmte Riesendiamant, den man nach seinem Fundort 'Stern des Nordens' genannt hat, wurde gestern versteigert. Die Familie Kreidell erhielt den Zuschlag, nachdem ihr Mittelsmann sogar das Königshaus des Nordens überboten hatte. Die königliche Familie wollte das Kleinod im eigenen Land behalten, wo es gefunden worden war, heißt es. Doch nun ist eine Elfenfamilie der neue Eigentümer.“ Er blätterte um. „Oh!“ rief er dann. „Das wird Sie freuen, Heystings! Die berühmte Sopranistin Berenice Arundel wird die Saison im Opernhaus von Pendrin eröffnen. Sie wird den Part der Titania im 'Wintertagsmärchen' von Benjamin Nettirb singen. Da trifft es sich doch ausgezeichnet, dass wir beide gleich in Ihre Heimatstadt aufbrechen werden.“
„Falls noch ein zweites Abteil frei sein sollte“, brummte ich. Denn noch hatten wir keine Bestätigung, dass auch ich einen Platz im Onyx-Express finden würde, dem Zug, in dem Bwaroo nach Pendrin zu reisen vorhatte. Aber eigentlich war es nicht das, was mir Sorgen bereitete. Ich kann mit Oper einfach nichts anfangen, Bwaroo aber ist verrückt danach. So befürchtete ich, dass er mich zu einer Vorstellung einladen könnte.
„Singt sie vielleicht auch einmal in einer Operette?“ fragte ich hoffnungsvoll.
Ah, mon ami, c'est absurde“, regte sich mein Freund da aber auf. „Eine Operette – diese Frau! Ein Sopran so klar wie ein Kristall! Non, jamais! Operetten! Seichte Musik und früher oder später stehen alle mit einem Glas Champagner herum und singen davon, wie schön es ist, wenn man betrunken ist.“
„Sie übertreiben“, wandte ich ein und hob meine Zeitung, um vielleicht auf die Schnelle ein Thema zu finden, und Bwaroo damit abzulenken. Zum Glück wurde ich fast sofort fündig.
„Hören Sie, Bwaroo“, rief ich also, „hier steht, dass der neue Dämpfungszauber ein wahrer Verkaufsschlager ist. Alle Welt will ihn haben. Die Gräfin Ohlstein hat bei einem Interview erklärt, dass sie früher immer nur Zug gefahren ist, weil ihr das Gerüttel und Gerumpel in einer Kutsche einfach unerträglich war. Doch mit dem neuen Dämpfungszauber ist die Fahrt so bequem geworden, dass sie jetzt ausschließlich ihre Kutsche nutzt.“
Bwaroo hatte sich schon wieder beruhigt.
„Natürlich hat die Meinung der Gräfin nichts mit Klatsch zu tun“, kommentierte er und zwinkerte mir zu.
„Natürlich nicht!“ Ich stutzte. „Na ja, vielleicht geht das in die Richtung ...“ gab ich dann zu, wollte mich aber nicht so schnell geschlagen geben. „Aber das Hauptaugenmerk liegt doch auf dieser neuen Errungenschaft!“ fügte ich daher dazu.
Bien sûr“, lenkte er ein und lächelte mich an. „Und was Ihren Platz im Onyx-Express angeht – seien Sie unbesorgt. Sollte wirklich nichts mehr frei sein, werde ich auf mein Abteil in diesem Zug verzichten und mit Ihnen in der ganz normalen Bahn fahren.“
Ich war gerührt. In einem gewöhnlichen Zug zu reisen wäre tatsächlich eine Zumutung für meinen Freund. Sein Hang zum Luxus und zum Perfektionismus hatte wahrlich etwas Possierliches an sich. Ihn sich in einem gewöhnlichen Liegewagen mit drei anderen Personen vorzustellen – undenkbar. Obwohl ich zugeben muss, dass Bwaroo sich sicher damit abgefunden hätte. Es wäre wohl eher so gewesen, dass er die drei anderen Reisenden mit seinen Ratschlägen, wie man am besten begrenzten Platz nutzen kann, oder wie man sich auf den schmalen Liegen betten muss, um sicherzustellen, dass man nicht herunterfällt, sicherlich zur Verzweiflung getrieben hätte. Nein, Bwaroo in einem einfachen Zug war völlig unmöglich. Aber dass wir gemeinsam in meine Heimatstadt reisen würden, war auch gar nicht vorgesehen gewesen. Ich hatte Bwaroo gestern Abend spontan besucht, als ich geschäftlich in Laundom zu tun hatte, und fand ihn beim Packen. Wie es der Zufall wollte, hatte er vor, tags darauf, also heute, nach Pendrin zu fahren. Was lag da näher, als dass wir zusammenfuhren? Allerdings reiste mein alter Freund eben nicht mit der einfachen Eisenbahn, sondern hatte sich den Onyx-Express ausgesucht, einen Luxuszug, der jede erdenkliche Bequemlichkeit bietet und zudem noch eine besonders reizvolle Strecke fährt. Der Zug wird vor allem von Adligen und der begüterten Oberschicht genutzt, um nach Pendrin zu reisen, das ein bekannter, ja geradezu mondäner Kur- und Ferienort ist. Im Frühling treffen sich dort alle bekannten und einflussreichen Persönlichkeiten, und natürlich auch solche, die dafür gelten wollen. Man trinkt dann das heilwirkende Wasser und spaziert die luxuriösen Boulevards entlang. Dort während der Saison gesehen zu werden und zu den zahlreichen Abendgesellschaften geladen zu werden, ist mindestens ebenso wichtig wie die Sorge um die eigene Gesundheit. Mir war das natürlich sehr recht, denn während der Saison hatte ich so viele Patienten, dass ich den Rest des Jahres meine Praxis eigentlich schließen konnte.
Eigens für die Reichen und Schönen, die nach Pendrin fuhren, gab es den Onyx-Express. Und bei dem Geltungsbedürfnis, das mein Freund Erkül Bwaroo, das muss, ich leider sagen, zweifellos besitzt, kam kaum ein anderer Zug in Frage. Dass Bwaroo bereit war, darauf zu verzichten, um in meiner Gesellschaft zu sein, bedeutete für ihn ein großes Opfer.
„Na ja, es wird schon noch etwas frei sein“, meinte ich daher lächelnd. „Wenigstens in den Zweibettabteilen.“
„Ah, mon ami, da bin ich nicht so sicher“, widersprach Bwaroo jedoch. „Der Onyx-Express fährt nicht mehr jede Woche während der Saison, sondern nur noch zweimal. Ich glaube, das liegt an den von Ihnen so gepriesenen Dämpfungszaubern. Die Leute steigen nun lieber auf die Kutsche um, so seltsam das auch ist. Denn selbst eine Kutsche, die einen nicht durchrüttelt, bietet nicht die Annehmlichkeit, einer heiße Schokolade bei sausender Fahrt und dergleichen mehr.“
„Aber es hat doch auch Vorteile, wenn man nicht an Fahrpläne gebunden ist“, gab ich zu bedenken. „Oder an eine durch Schienen vorgegebene Strecke. Mit der eigenen Kutsche ist man einfach unabhängiger.“
„Gut, man ist unabhängiger“, gestand Bwaroo zu. „Mais c'est rien. Dafür muss man auf fast alle anderen Behaglichkeiten einer Reise verzichten.“ Er hielt kurz inne und strich sich gedankenvoll seinen enormen Schnurrbart. „Wer die zu schätzen weiß, muss nun einmal früh sein Abteil reservieren, denn da der Zug selten fährt, sind die Plätze entsprechend begehrt. Einige Leute, die Behaglichkeit über Unabhängigkeit setzen, gibt es eben doch noch.“
Ich lächelte. Auch ich hatte ja vorgehabt, einen anderen Zug zu nehmen. Doch ich muss zugeben, dass mir die Aussicht durchaus auch behagte, so luxuriös und komfortabel nach Hause zu reisen, und das auch noch schneller.
„Wie kommt es eigentlich, dass Sie nach Pendrin fahren, Bwaroo?“ wollte ich wissen.
„Ich will mich erholen und ausspannen“, erklärte Bwaroo mit gewichtiger Miene. „Mein Arzt hat zumindest behauptet, ich hätte das nötig, als ich bei der letzten Untersuchung über ein wenig Atemnot klagte. Er sagte auch, ich sollte ein paar Pfund abnehmen, mais c'est absurde. Es ist ja wirklich nur eine ganz seltene, kurze Atemnot, eigentlich nicht mehr, als das Bedürfnis, ab und an stehenzubleiben und tief Luft zu holen. Nichts Besonderes. Das hat doch jeder manchmal. Ein erholsamer Urlaub wird ausreichen, um das wieder ins Lot zu bekommen.“
„Natürlich.“ Ich lächelte. Von Bwaroo zu verlangen, dass er sich beim Essen – vor allem bei Leckereien wie Würzmilch, Schokolade oder Törtchen – mäßigen sollte, war ein Ding der Unmöglichkeit. Und so war ich recht froh darüber, dass Bwaroo einen anderen zu seinem Hausarzt erkoren hatte, der ihm solch unangenehme Dinge sagen musste. Ich lebte ja auch zu weit weg, um ihn angemessen zu betreuen. Aber selbst, wenn ich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gewohnt hätte, hätte ich es vorgezogen, nicht sein Leibarzt zu sein. Es hätte mit Sicherheit unserer Freundschaft geschadet.
„Ich dachte mir ...“ fuhr er da auch schon fort, „dass das berühmte Wasser aus Pendrins Heilquellen ganz sicher nicht schaden kann. Und die Saison dort fängt gerade an. Alles, was Rang und Namen hat, wird dort sein.“
Das stimmte. Schließlich war das auch der Grund, warum ich jetzt zurückfuhr. Es war höchste Zeit, meine Praxis wieder zu öffnen, denn an Patienten würde es mir in den nächsten Wochen nicht mangeln.
Ich wollte gerade eine entsprechende Bemerkung machen, als ein Mann auf uns zugeeilt kam. Er war mittleren Alters und eine sehr gepflegte Erscheinung in einem eleganten Tagesanzug. Bwaroo kannte ihn offensichtlich nicht, denn er blickte ihn sehr verwundert an. Der Fremde aber schien meinen Freund sehr wohl zu kennen.
„Herr Bwaroo!“ rief er, noch ehe er unseren Tisch erreicht hatte. „Der berühmte Herr Bwaroo! Ich habe ja schon so viel von Ihnen gehört. Der bekannte Detektiv in meinem Zug ...“
Als er uns erreicht hatte und unsere verwirrten Mienen sah, riss er sich jedoch zusammen, räusperte sich und fuhr leiser fort: „Entschuldigung. Ich habe mich hinreißen lassen. Der Onyx-Express ist natürlich nicht direkt mein Eigentum, ich bin nur der Direktor der Gesellschaft, die ihn betreibt.“
„Dann ist ein Platz frei?“ fragte Bwaroo und ließ alles andere außer Acht.
„Ja, einer der Mitreisenden scheint nicht zu kommen. Eine der Einzelkabinen steht damit zu Ihrer Verfügung.“
Parfaitement!“ freute sich Bwaroo und erhob sich sogleich. „Heystings, ich habe es doch gesagt! C'est formidable. Das Abteil ...“, wandte er sich dann freundlich an den Direktor, „ist für meinen guten Freund hier, Artur Heystings.“ Er wies auf mich. „Wäre kein Platz mehr frei gewesen, hätte auch ich auf die Reise in Ihrem schönen Zug verzichtet.“
„Das wäre aber wirklich bedauerlich gewesen!“ Dieser Zugdirektor nahm mich kaum zur Kenntnis, was mich etwas ärgerte. Ich bin schließlich kein lästiges Anhängsel von Erkül Bwaroo, so groß sein Ruhm als Elfendetektiv auch sein mag. Aber ich beschloss, ihn seinerseits einfach zurück zu ignorieren und griff deshalb nach meinem Gepäck.
Als Bwaroo es mir gleichtun wollte, kam ihm der Direktor jedoch zuvor.
„Nicht doch, Herr Bwaroo, das nehme ich“, erklärte er lächelnd. „Mein Name ist übrigens Christopher, Jonas Christopher. Ich werde ebenfalls mit dem Zug reisen. Die Gesellschaft hält für solche Fälle eine Extra-Kabine für die Gesellschafter bereit. Da werden wir uns also öfter sehen! Das freut mich außerordentlich. Es gibt so viel, das ich Sie fragen will. Am besten essen wir zusammen. Ich werde dem Kellner entsprechende Anweisungen erteilen.“
Forsch eilte er voran.
„Machen Sie sich nichts draus, mon ami“, wandte sich Bwaroo tröstend an mich. „Nicht jeder erkennt auf Anhieb Ihre Qualitäten.“
Damit trippelte er Christopher hinterher und mir blieb nichts anderes übrig, als mit meinen zwei Koffern den beiden zu folgen.

Ich hatte mir schon öfter überlegt, woher der Zug wohl seinen Namen hatte. Schließlich war das nicht unbedingt eine naheliegende Bezeichnung – Pendrin-Express hätte sich eher angeboten, fand ich. Doch als wir den Zug erreichten, verstand ich, warum er Onyx-Express genannt wurde. Der ganze Zug, einschließlich der Waggons war bis auf einige Elemente in Gold in glänzendem Schwarz lackiert. Jetzt, da die Morgensonne den Lack zum Funkeln brachte, erinnerte er tatsächlich an jenen schwarzen Edelstein, den Onyx. Bewundernd blieb ich einen Moment stehen. Aber Bwaroo und Christopher stiegen bereits ein, also beeilte ich mich, es ihnen gleich zu tun.
Drinnen war es beinahe so eng wie in jedem anderen Zug. Ich stieß fast mit einem Zwerg zusammen, der im Gang vor einer offenen Kabine stand. Er war groß für einen Zwerg, gehörte jedoch eindeutig dieser Spezies an. Obwohl er ein einfaches Lederwams trug und barhäuptig und unbewaffnet war, ließen die gerade Haltung, die zurückgenommen Schultern und das vorgeschobene Kinn sofort den Militär vermuten. Sein gewaltiger brauner Bart war in mehrere Zöpfe geflochten, die jeweils von einem Goldring gehalten wurden. Er stand vor der offenen Tür seines Abteils und hatte eine Pfeife in der Hand. Anscheinend war er auf dem Weg zu einem Plätzchen, wo er sie schmauchen konnte – in den Kabinen selbst war es nicht gestattet, wie an der Tür zu lesen stand. Ich nickte ihm zu und stellte die Koffer ab, um ihn vorbei zu lassen.
In diesem Moment kam aus der anderen Richtung ein Zugbegleiter. Zumindest nahm ich das an. Eigentlich waren ja nur seine Beine zu sehen hinter dem Berg von Eiderdaunendecken, den er trug. Der Zwerg trat in das offene Abteil, um ihm Platz zu machen. Aber genau in diesen Raum wollte der Deckenträger, und so stand der Zwerg noch mehr im Weg als vorher. Bei dem Versuch, dem Zugbegleiter auszuweichen, ließ er auch noch seine Pfeife fallen und musste sich erst nach ihr bücken, ehe er sich endlich vorbei zwängen konnte.
„Hasse es, im Weg zu sein“, murmelte er ärgerlich. Dann bemerkte er, dass ich zugeschaut hatte, und wandte sich mir zu. „Hauptmann a.D. Gerdel Gneiß“, stellte er sich vor.
„Dr. Artur Heystings.“ Wir schüttelten uns die Hände. Dann schauten wir beide zu, wie der Zugbegleiter seine Decken auf dem Bett ausbreitete.
„Sie gehen davon aus, dass es extrem kalt wird, Hauptmann?“ fragte ich.
„Ich? Wieso?“ Er sah mich verblüfft an.
„Nun ja, wenn Sie so viele Decken ...“
„Potz Blitz, das fehlte noch! Nein, nein. Das ist nicht mein Abteil.“ Er lachte dröhnend. „Hab eine Zweibettkabine. Das genügt vollauf für einen Soldaten wie mich. Auch wenn ich inzwischen in Ruhestand bin. Ich teile es mit einem Menschen, was vollauf in Ordnung ist. Hatte schon Angst, dass es der Troll sein würde. Ziemlich breit, so ein Troll.“
„Es fährt ein Troll mit?“ staunte ich.
„Hab zumindest einen vorbeigehen sehen“, nickte der Hauptmann. „Wenn Sie mich nun entschuldigen würden. Ich muss dringend auf die hintere Plattform. Dumme Angewohnheit, das Rauchen ...“ Er grinste breit und zuckte die Achseln. „Woanders ist es nicht erlaubt. Kann wahrscheinlich froh sein, dass es überhaupt irgendwo geht.“
„Ach, jeder von uns raucht doch hin und wieder gerne mal eine Zigarre oder eben eine Pfeife“, tröstete ich. „Da muss auch ein Ort angeboten werden, wo man das tun kann. Besonders in einem Luxuszug wie diesem, der den Anspruch erhebt, keine Wünsche offen zu lassen.“
„Stimmt schon“, nickte Gneiß. „Hab ja auch Verständnis für die Einschränkung. Kalter Rauch im Schlafzimmer ist wirklich was Ekelhaftes.“
Ich stimmte ihm aus vollstem Herzen zu. So etwas ist wirklich ausgesprochen unangenehm, und ich war der Eisenbahngesellschaft durchaus dankbar, dass sie die Abteile rauchfrei halten wollte. Gneiß und ich tauschten noch ein paar Höflichkeiten, und dann ging er davon.
„Heystings, wo bleiben Sie denn?“ rief mir da auch schon Bwaroo zu. Er stand in der Tür zum letzten Abteil in diesem Waggon. „Ist das nicht praktisch? Sie haben die Kabine gleich neben meiner.“ Er wies auf die noch verschlossene Tür zwischen seiner und der, in der der Zugbegleiter eben seine Arbeit beendete.

Ich öffnete also diese Tür und nahm meine beiden Koffer, um sie hineinzutragen.
„Aber das ist die Kabine von Herrn Hendrick“, protestierte da eine Dame empört. Sie erinnerte mich an ein Segelschiff, denn sie trug einen Schal, der bei der Eile, die sie an den Tag legte, hinter ihr her flatterte wie ein geblähtes Segel. Sie hätte allerdings auch ein Dampfschiff sein können, denn sie schnaubte entrüstet und blieb mit in die Seiten gestemmten Armen drohend vor mir stehen.
„Ich bin ganz sicher“, fuhr sie fort. „Er sollte die Kabine neben meiner haben. Mit einer Verbindungstür.“
„Da Herr Hendrick ganz offensichtlich nicht kommen wird, hat dieser Herr hier die Kabine erhalten“, klärte der Zugbegleiter sie da jedoch auf. Er trat eben aus der Tür des Abteils mit den vielen Federbettdecken. Die waren also für diese Dame bestimmt.
„Aber das ist unerhört! Herr Hendrick hat für die Kabine schließlich im Voraus bezahlt!“ ereiferte sich die Dame weiter und stach mit dem Zeigefinger regelrecht ein Loch in die Luft. „Eine bodenlose Frechheit! Und was ist, wenn er doch noch kommt?“
„Das ist unmöglich, weil wir gerade losfahren und die Türen bereits verriegelt sind“, erläuterte der Zugbegleiter geduldig. „Herrn Hendrick wird sein Geld selbstverständlich erstattet ...“
„Unverschämtheit!“ rief die Dame aber nur, stürzte in ihr Abteil und knallte die Tür hinter sich zu.
Der Zug schwankte leicht, was aber nicht am Temperament der Dame lag, sondern daran, dass wir den Bahnhof verließen.
„Mir scheint, Sie haben eine temperamentvolle Nachbarin, Heystings“, kommentierte Bwaroo die Szene.
„Das tut mir sehr leid“, versicherte der Zugbegleiter verlegen.
„Es ist ja nicht Ihre Schuld“, beruhigte ich ihn jedoch. „Und die Dame wird sich gewiss damit abfinden. Können Sie mir übrigens sagen, wer sie ist?“
„Das ist Frau Berenice Arundel“, kam es vom Zugbegleiter wie aus der Pistole geschossen. „Die berühmte Sopranistin.“
„Die Opernprinzessin!“ Bwaroo nickte. Er hatte sie offenbar erkannt.
„Sie scheint ja sehr kälteempfindlich zu sein“, bemerkte ich.
Doch der Zugbegleiter lachte nur.
„Nein, die Federbetten hat sie nicht bekommen, weil es ihr zu kalt ist“, deutete er völlig richtig, worauf ich anspielte. „Sie hat sich vielmehr beklagt, dass die Matratze zu hart ist und darauf bestanden, dass wir noch zwei Steppdecken darauf legen, damit sie weicher liegt.“
„Ah, eine Diva, auch wenn es ums Schlafen geht“, kommentierte Bwaroo schmunzelnd. „Es ist sicher nicht einfach, hier alle Wünsche zu erfüllen.“
„Oh, die meisten Gäste sind sehr angenehm und nicht übermäßig anstrengend“, versicherte der Zugbegleiter jedoch. Der Zug hatte inzwischen Fahrt aufgenommen und schwankte rhythmisch, allerdings überraschend wenig. Ich hatte eigentlich mehr Rumpeln erwartet, da wir auf dem Weg aus der Stadt ja einige Weichen zu passieren hatten. Aber dieser Luxuszug besaß anscheinend eine bessere Federung als die herkömmlichen Züge. Vielleicht gab es ja auch einen Dämpfungszauber für Luxuszüge wie diesen.
Während unserer Unterhaltung war ein Mann herangetreten. Ohne auch nur einen kurzen Gruß öffnete er die Tür der übernächsten Kabine und verschwand darin. Ich hatte ihn nur flüchtig wahrgenommen, doch er schien mir ausgesprochen gutaussehend zu sein. Sein Anzug saß perfekt und kostete sicher mehr, als ich in einer Woche verdiente. Ich hatte außerdem spitze Ohren bemerkt und schloss daraus, dass es sich um einen Elf handeln musste.
„Kabine 4. Herr Moris Kreidell ...“ quittierte der Zugbegleiter weiter meine nur zu offensichtliche Neugierde. Er war es wohl gewöhnt, nach den Mitreisenden ausgefragt zu werden.
Erkül Bwaroo nickte nur wissend. Aber selbst ich, der ich wirklich kaum die Klatschpresse lese, kannte den Namen: Moris Kreidell war ein junger Elf, der einzige Sohn reicher Eltern. Man konnte oft in den einschlägigen Magazinen über ihn lesen, von seinen wechselnden Liebschaften oder wenn er sich auf irgendeiner Party mal wieder daneben benommen hatte. Sein Charakter stand anscheinend wenig in Einklang zu stehen mit seinem guten Aussehen.
„Sie kennen alle Passagiere dieses Waggons?“ staunte Bwaroo.
„Ich mache es mir zur Aufgabe, mir alle Namen schon vorab einzuprägen“, erklärte der Zugbegleiter und zupfte verlegen an der Goldlitze, die den Aufschlag seiner blauen Uniform zierte. Er war noch sehr jung und fuhr sicherlich noch nicht lange in diesem Luxuszug. „Es sind mit Ihnen vierzehn Reisende in diesem Wagen – plus dem Direktor. Ach ja, er bittet Sie, in einer Stunde im Speisewagen zu sein. Er will alle Fahrgäste begrüßen und so ...“
Merci bien. Ich werde da sein, Monsieur ... äh ...“
„Tony. Einfach nur Tony.“
„Danke Tony.“ Erkül Bwaroo drückte ihm lächelnd ein Trinkgeld in die Hand.
Tony bedankte sich, lächelte uns freundlich zu und tippte sich zum Gruß an die Mütze. Dann ging er weiter nach vorn in den zweiten Waggon, in dem die Zweibettkabinen untergebracht waren.
Endlich konnte ich meine beiden Koffer in ins Abteil bringen. Die erwies sich als erstaunlich geräumig, ganz in Mahagoni getäfelt, mit einem breiten Bett auf der einen Seite, einem Schrank und einer Waschgelegenheit auf der anderen. Und vor dem Fenster hatten sogar noch ein Sessel und ein Tischchen Platz gefunden, wobei Letzteres mit einer Seite an der Wand befestigt war. Eine kleine Schublade unter der Tischplatte enthielt, wie mir ein kurzer Blick hinein zeigte, in vorgefertigten Fächern Schreibpapier mit dem Schriftzug des Onyx-Expresses und diverses Schreibzeug, zwei Bleistifte, ein kleines Tintenfass und ein Federhalter. Die Vorhänge am Fenster, der Sessel und die Tagesdecke des Bettes waren alle im selben Muster aus Dunkelgrün und Ocker gehalten, was sehr gut zu dem rötlichen Mahagoni passte. Das kleine Waschbecken und die Ablage unter einem schlichten Spiegel waren aus weißem Marmor. Wie schon erwähnt, fahre ich normalerweise mit ganz normalen Personenzügen und höchstens einmal im Liegewagen. Ich wusste die elegante Ausstattung des Abteils also durchaus zu schätzen und sah mich zufrieden um.
Gerade hatte ich das letzte Kleidungsstück aus meinem Koffer im Schrank verstaut, als mich ein Schrei aufschreckte. Er kam aus der Kabine meines Freundes. Sofort stürzte ich hinüber – vielleicht war Bwaroo ausgeglitten oder hatte sich sonst wie verletzt ...
Ich fand ihn vor seinem kleinen Marmorwaschbecken stehen und es missbilligend anstarren.
„Was ist geschehen, Bwaroo?“ rief ich erschrocken.
„Sehen Sie nur, Heystings ...“ Mein Freund wies auf das kleine Becken.
Ich trat näher heran und nahm es näher in Augenschein. Bwaroos Zahnbürste und die Zahnpasta waren neben einer Bürste, einer kleinen Schere und einer Tube Schnurrbartpomade ordentlich auf der Ablage unter dem Spiegel aufgereiht, in exakt demselben Abstand, soweit ich es beurteilen konnte. Ansonsten konnte ich nichts Auffälliges oder gar Schreckliches entdecken.
„Ich kann nichts Besonderes finden, Bwaroo“, gab ich nach einer Weile zu. „Was ist denn so Furchtbares passiert, dass Sie sich so echauffieren?“
„Aber sehen Sie es denn nicht, mon ami“, erregt deutete Bwaroo mit dem Finger auf das Becken. „Dort – der Marmor hat einen Sprung!“
(...)

Die Autorin
Ruth M. Fuchs, Chronistin von Erkül Bwaroo
Ihre künstlerische Laufbahn begann Ruth M. Fuchs eigentlich als bildende Künstlerin. Sie modellierte Softskulpturen, die sie auf mehreren Ausstellungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentierte. Durch Zufall, anders kann man es nicht nennen, wurde sie dann auch noch die Herausgeberin des Magazins „Neues aus Anderwelt“. In den Jahren 2000 bis 2013 erschien das Magazin dreimal im Jahr. Hin und wieder schrieb Ruth M. Fuchs auch selbst einen Artikel dafür. Auf diese Artikel wurde der Eulen Verlag aufmerksam und überredete sie, ein Buch über Wesen der Anderwelt – also Elfen, Feen, Zwerge, Kobolde usw. zu schreiben. Sie tat es – und war infiziert. Das Schreiben ließ sie nicht mehr los. Allerdings wechselte sie sehr bald vom Sachbuch zum Roman.
Als ihr dann eine Freundin eine Zeichnung von Hercule Poirot als Elf schickte, war es endgültig um sie geschehen. Erkül Bwaroo, der Elfendetektiv, trat in ihr Leben. Seine Bücher sind im Stil von Agatha Christie gehalten, aber in einer Fantasywelt mit leichtem Märcheneinschlag und viel Humor. Erkül Bwaroo selbst hat längst ein Eigenleben entwickelt und so versteht sich seine Autorin eigentlich mehr als seine Chronistin. Und als solche, so scheint es, wird sie noch einige Jahre beschäftigt sein. Denn an Ideen herrscht kein Mangel.
Mehr über die Autorin: www.ruthmfuchs.de

Ruth M. Fuchs, Erkül Bwaroo und der Mord im Onyx-Express