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18. Januar 2015

Cordula Broicher, Wind von Westen



Niederwesseling 1793. Agnes, die junge Halfin des Kirchhofs, ist nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes gezwungen, sich so bald wie möglich neu zu vermählen. Die Wahl ihres Vaters Jakob Frings fällt auf Balthasar Broicher, den fünften Sohn eines wohlhabenden Halfen aus dem benachbarten Godorf. Die Zeiten sind unruhig. Die Alliierten pressen die letzten Heu- und Haferrationen aus den Bauern heraus, von Westen droht der Einmarsch der französischen Revolutionsarmee. Der Kirchhof ist schon seit langem verschuldet, doch nun drohen Einquartierungen und Repressalien den Menschen im Dorf ihre Lebensgrundlage zu entziehen. Das sind jedoch keine Gedanken, mit denen sich Balthasar dieser Tage beschäftigt, schon seit Jahren heimlich in Agnes verliebt, sieht er sich endlich am Ziel seiner Träume. Doch am Hochzeitstag schaut er nur in feindselige Gesichter. 
Wird er sich gegen Jakob Frings Tyrannei behaupten, und, vor allem, wird er das Herz seiner Frau erobern können?

Leseprobe:

Der Halfe ist tot
April 1793

Der Wind stand auf Nordwesten. Balthasar hob den Kopf, betrachtete missmutig die geschlossene Wolkendecke und den stetig fallenden Regen. So, wie es aussah, würde er auch den Rest des Tages in der dunklen Scheune verbringen müssen und Zaunpfähle sägen. In der Luft lag der würzige Duft regennasser Erde. Er atmete tief ein und sog ihn in sich auf, kostete diesen winzigen Moment der Freiheit in vollen Zügen aus.
„Willst du da draußen Wurzeln schlagen?“ Bernhards helle Stimme verhallte wie immer ohne rechte Drohung.
„Oder ist sich unser Pastor zu fein für ein bisschen Regen?“, spottete Caspar was bei den Männern promptes Gelächter auslöste. Balthasar grinste. Das Verhalten seiner Brüder war so vorhersehbar wie die Schlägerei mit den Wesselingern am Kirmessonntag. Nach außen gaben sie sich laut und rau, zeigten Ecken und Kanten, ließen sich aber butterweich um die kleinen Finger der Weiber wickeln.
Er wechselte die zu schleifende Axt in die andere Hand und lehnte sich abwartend gegen den Torrahmen der großen Scheune. Noch konnte er nicht gehen. Noch fehlte der krönende Abschluss.
Er musste nicht lange warten. Nur wenige Augenblicke später zischte ein stattliches Holzscheit wenige Fingerbreit an seinem Ohr vorbei und platschte in eine der unzähligen Pfützen.
„Mach voran! Ich will mit den Balken bis Mittag fertig werden!“
Schade, offensichtlich war der Geduldsfaden seines ältesten Bruders heute besonders kurz. Gemächlich stieß sich Balthasar vom Torrahmen ab und schlenderte los, sicher, Max damit soweit zu provozieren, weitere Holzscheite folgen zu lassen und somit dem Tag ein wenig Würze zu geben.
Einige Geschosse später, als er gerade die Tür zur Werkstatt öffnen wollte, trat ein ärmlich gekleideter Mann aus dem Wohnhaus. Sein fadenscheiniger Mantel hing wie ein nasser Sack an ihm herab und auch die Wollstrümpfe hatten schon bessere Zeiten gesehen. Er schaute zum Himmel und verharrte den Moment, den ein Stoßgebet dauerte, bevor er seinen durchweichten Hut ein wenig tiefer ins Gesicht zog. Dann nickte er Balthasar zu und stapfte, ungeachtet der Pfützen, mit ausholenden Schritten davon.
Balthasar ließ Werkstatt Werkstatt sein und eilte ins Haus.
Zwei der Mägde standen am Herdfeuer und bereiteten das Mittagessen, die dritte kam gerade mit zwei Bechern aus der Stube. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getrogen: Der Mann hatte wichtige Nachrichten gebracht.
„Wer war das?“ Wegen seiner nassen Stiefel blieb er auf der Schwelle stehen und schaute zu seiner Schwägerin hinüber, die am anderen Ende des Herdraums saß und ihre jüngste Tochter stillte.
„Rein oder raus! Die feuchte Luft ist nicht gut fürs Kind!“
Balthasar trat einen Schritt zurück und schloss die Tür hinter sich.
„Wer war das?“, wiederholte er geduldig seine Frage.
Anne zog ihr wollenes Schultertuch bis über den Kopf des Säuglings. „Der Leichenbitter vom Frings.“
„Der alte Frings ist tot?“
„Nein, der Göddert, Gott sei seiner Seele gnädig.“ Sie bekreuzigte sich.
„Der Göddert?“ Balthasar schlug ebenfalls ein Kreuzzeichen für den Verstorbenen und bemühte sich gleichzeitig, die aufflammende Aufregung zu unterdrücken.
„Die arme Agnes.“
Da Anne es bei diesem Kommentar bewenden ließ, zerrte er die Stiefel von den Füßen, schlüpfte in ein Paar trockene Holzschuhe und ging an ihr vorbei in die Stube. Wie erwartet, saß der Vater auf der gepolsterten Bank und zog gemächlich an seiner Pfeife.
„Was ist passiert?“ Balthasar schob sich einen Stuhl zurecht und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
„Ein Kaltblut hat ihn erwischt. Gestern beim Ausschirren.“
Der hämmernde Herzschlag in Balthasars Ohren dröhnte inzwischen so laut, als stecke er mit dem Kopf in einer läutenden Kirchenglocke. So lange hatte er auf diesen Moment gewartet und nun konnte er keinen klaren Gedanken fassen.
„Bin gespannt, wer den Hof übernehmen wird“, fuhr Friedrich Broicher nach einer Weile fort.
„Ich.“ Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen, aber dafür war es zu spät. Stattdessen reckte er das Kinn und wartete auf die Reaktion seines Vaters.
„Du hast Interesse am Fringsschen Hof?“ Der Alte musterte ihn kritisch.
„Seit sieben Jahren Krausens-Gödderts Hof“, knurrte Balthasar, verärgert darüber, dass der Vater die Übernahme immer noch nicht wahrhaben wollte.
„Eben nicht Krausens Hof!“ So energisch seine arthritischen Finger es zuließen, stellte der Vater die Pfeife auf den Tisch. „Der Göddert hat doch all die Jahre nur befolgt, was der alte Frings ihm auftrug.“
Balthasars Schweigen trennte sie, wie das dunkle Tuch den Beichtstuhl von den Gläubigen.
Schließlich war es wieder der Vater, der sprach. „Warte auf einen anderen Hof. Du bist noch jung, hast noch Zeit genug, um eine besseren Hof zu übernehmen. Einen, den du eines Tages voller Stolz deinem eigenen Sohn hinterlassen kannst. Diesen hier wird Gödderts Sohn bekommen.“
Darauf gab es nichts zu entgegnen. Der alte Frings hatte seine älteste Tochter Agnes vor sieben Jahren mit Krausens-Göddert verheiratet, weil er aus den Schulden nicht mehr raus kam. Das Cassius-Stift in Bonn hatte den Pachtvertrag auf die beiden überschrieben und Göddert musste für die Abzahlung von Jacob Frings Schulden bürgen. Doch noch hatte der Göddert nichts von den Schulden seines Schwiegervaters abgetragen, im Gegenteil, es waren neue hinzugekommen, denn in den letzten Jahren hatten alle Bauern nicht nur mit Hagelschlag und Mäusefraß zu kämpfen. Auch die alliierten Truppen schröpften sie mit Einquartierungen, Hand- und Spanndiensten, Stroh- und Haferforderungen. Zu allem Überfluss ließ der alte Frings keine Neuerungen zu, so dass die Erträge niedrig blieben.
Alles gute Gründe, die gegen eine Übernahme des Niederwesselinger Halfenhofs sprachen. Aber die kannte Balthasar selbst am besten; er hatte sie sich schließlich jedes Mal vorgebetet, wenn er sich in seinen Träumen wieder einmal neben Agnes stehen sah.
„Nur ein gesundes Kind in sieben Jahren Ehe.“
Balthasar presste die Zähne aufeinander, dass es knirschte. Sollte der Vater reden, seinem Mund würde kein weiteres falsches Wort entwischen.
„Und überhaupt, die ganze Lage des Hofs ist verteufelt verzwickt.“ Wachsam, ob seine Schwiegertochter die letzten Worte gehört hatte, wandte sein Vater den Blick zur Tür. Als von dort nur geschäftiges Treiben zu vernehmen war, fuhr er fort: „Wer weiß, was der Pfälzer in Zukunft wieder aushecken wird?“
Nun, niemand wusste, was sich die hohen Herren als Nächstes ausdachten, und die Lage von Niederwesseling war wirklich äußerst vertrackt. Einer kleinen Insel gleich, lag es räumlich im Erzbistum Köln, gehörte jedoch zum Hoheitsgebiet des Herzogtums Jülich-Berg, ein Batzen des großen Kuchens, der dem Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor gehörte.
„Außerdem ist der Hof völlig heruntergekommen.“ Mit einer flüchtigen Geste fuhr die Hand des Vaters durch die Luft. Balthasars Augen folgten dieser Bewegung, betrachteten die vornehm ausgestattete Stube, auf die sein Vater zu Recht stolz war. Der Rahmen des Nussbaumschranks an der Kopfseite des Raumes war mit aufwendig geschnitzten Weinblättern verziert, die Standuhr in der Ecke hatte ein Uhrmacher aus dem Bergischen gefertigt. Selbst die Verkleidung des Alkovens, in dem Max und seine Frau Anne schliefen, war in einem zarten Grün gestrichen und mit einer bunten Blumenranke verziert. Zudem verbreitete im Winter, neben der obligatorischen Takenplatte[1], ein gusseiserner Säulenofen zusätzliche Wärme und passend zur gepolsterten Bank standen drei lederbezogene Lehnstühle am blank polierten Eichentisch.
Die Stube des Antoniterhofs zeugte vom Wohlstand ihres Besitzers, wogegen die Stube des Kirchhofs höchstens mit der eines mittleren Bauern zu vergleichen war. Aber das war ihm egal. Er brauchte keinen Reichtum. Noch nicht. Was sollte das Leben für einen Sinn haben, wenn er sich mit vierundzwanzig Jahren ins gemachte Nest setzte? Er wollte etwas aufbauen. Eigene Ideen umsetzen und miterleben, wie sie fruchteten. Dafür hätte er in Niederwesseling immerhin 120 Morgen Land zur Verfügung. Und auch wenn es größere Halfen, reichere Dörfer gab, blieb der Kirchhof Herrenhof, mit all den entsprechenden Privilegien. In den Genuss der Steuervorteile käme er demnach ohne eigenes Hinzutun, aber das Amt des Schöffen oder Ortsvorstehers würde er sich verdienen müssen. So wie Max, der in Godorf hoch angesehen war und bereits seit Jahren als Schöffe Recht sprach. Auch wenn viele Männer seine aufbrausende Art fürchteten und schnell klein bei gaben, wenn es eigentlich nur galt, den längeren Atem zu haben; Max war nicht käuflich, hörte Jedermann zu und wägte in aller Ruhe ab, bevor er eine Entscheidung traf. Und auf diese Eigenschaften würde er jetzt setzen, denn trotz aller Einwände des Vaters war es wichtiger, Max auf seine Seite zu ziehen.
Endlich hörte er die Haustür ins Schloss fallen. Der zweite Akt konnte beginnen.
„Max! Deine Stiefel!“
„Sei still, Frau!“
Die Absätze seines ältesten Bruders knallten rhythmisch auf den Fliesenboden des Herdraums und kurz darauf stand er in der Stube.
„Wer meinst du, dass du bist? Der feine Herr hält einen netten Plausch, während die Knechte die Arbeit verrichten?“ Max packte ihn am Kragen und zog ihn vom Stuhl.
Da er wusste, dass es Max weiter erzürnen würde, ließ er sich die Behandlung klaglos gefallen.
Inzwischen hatte das Gesicht seines Bruders eine dunkelrote Farbe angenommen. „Häng nicht rum wie ein nasser Sack! Wehr dich! Oder haben sie im Kloster eine feine Nonne aus dir gemacht?“ (...)


Die Autorin

Cordula Broicher wurde 1962 in Hessen geboren. Nach vielen Umzügen in ihrer Kindheit und Jugend wurde sie 1995 in der Schlossstadt Brühl endlich heimisch. Hier lebt sie mit Mann, zwei Kindern, Enkelsohn und Labradorhündin Paula.
Bücher waren schon von klein auf ihre Möglichkeit des Rückzugs in eigene Welten, aus denen sie sich auch heute noch manches Mal schwer lösen kann. Ihre Zeit verbringt sie neben Beruf und Schreiben am liebsten mit Lesen oder genießt auf Hundespaziergängen die Natur in der Umgebung.


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