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Rezensionen

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12. Februar 2015

Lola Victoria Abco, Der Tag, an dem ich David B. ermorde



Julia Melchior, die Protagonistin aus „Der Tag, an dem ich David B. ermorde”, bekommt als Schülerin ein Geheimnis anvertraut. 
Jahre später will sie es zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Julia unterschätzt jedoch die Tragweite ihres Handelns.
Wer hätte ahnen können, welche tödlichen Folgen das Gespräch der Schulfreundinnen nach sich ziehen würde?

Leseprobe:

(…) Weshalb in meinem Kinderzimmer überhaupt Möbel standen, ist mir im Rückblick heutzutage ein Rätsel. Mit Ausnahme meines Bettes nutzte ich keines der Möbelstücke für seine eigentliche Bestimmung. Bücher, Jacken, Hosen und Modeschmuck lagen in meinen Teenagerjahren wild verstreut auf dem Fußboden oder übereinander getürmt auf meinem Schreibtisch. Nur mein Bett war meistens frei von Sammelsurium. Wenn ich mich nämlich schlafen legen wollte oder wenn ich Besuch bekam, nahm ich einfach die Bettdecke hoch und ließ das darauf hingepfefferte Wirrwarr zu Boden purzeln.
Halb liegend, halb sitzend hatten Vivi und ich uns in jeweils eine Ecke meines Bettes geschmiegt. Wieder einmal hatte ich begonnen von meiner Reise zum Mond zu erzählen. Doch dieses Mal reagierte Vivi auf meinen Hinweis ungewohnt. Weder begann sie zu kichern, noch stieß sie mir in die Rippen. Sie hörte vielmehr abrupt auf zu sprechen. Ihr Gesichtsausdruck wurde dabei noch ernster als er es bereits war, als sie angefangen hatte, mir von sich und ihrem Vater zu erzählen. Anders als sonst machte Vivi keine Anstalten, eine neue Anekdote oder eine weniger theatralische Fassung des Begonnenen von sich zu geben. Nach einer Weile wurde mir ihr Schweigen schier unerträglich. Wahllos begann ich drauflos zu plappern, erzählte von Ulli und von unseren gemeinsamen Bekannten, nur um die Stille auszufüllen. Was ich auch sagte, Vivi reagierte nicht, sondern stierte in sich gekehrt vor sich hin.
„Ok. Erzähl weiter, Vivi“, forderte ich sie zum Schluss auf.
Meine Schulfreundin sagte jedoch weiterhin nichts. Erst als ich mich ganz zu ihr umwandte und mich für meine Unterbrechung entschuldigte, begann Vivi zu reden. Immer wieder stockte sie, sprach manchmal so leise, dass ich mich zu ihr hinüberbeugen musste, um sie zu verstehen. Hin und wieder strich sich Vivi über die Augen. Ich war mir nicht sicher, ob sie still vor sich hin weinte. Ich erinnere mich wie ich mich genierte, sie direkt anzuschauen, denn ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. Auf Vivis Geschichten flachsend einzugehen oder sie mit einem Hinweis auf die Reise zum Mond in ihre Schranken zu weisen, das war das, was ich gewohnt war. Was Vivi mir jedoch an jenem verregneten Nachmittag in meinem Kinderzimmer erzählte, überforderte mich kolossal. Sicher, von solchen Dingen hatte ich schon in der Zeitung gelesen. Bei mir war jedoch der Eindruck entstanden, dass es immer nur Mädchen passierte, die meilenweit von mir entfernt lebten und nicht solchen, die neben mir auf meinem Bett saßen. Als Vivi von ihrem fürchterlichen Erlebnis zu Ende erzählt hatte, hatte ich das Gefühl in die Tiefe zu sinken.
Ich weiß noch wie ich in Gedanken mehrmals sagte: „Ausgerechnet am Vatertag, als ob er sich selbst ein Geschenk hatte machen wollen! Wie konnte er sie ausgerechnet am Vatertag vergewaltigen!“, und wie ich mich selbst schalt, dass nicht der Tag, an dem es geschah, das Schändliche war. Daraufhin begann ich verzweifelt zu überlegen, wie ich mich verhalten sollte. Wenn mir Vivi solch ein Vertrauen schenkte und mir Einblick in ihr dunkelstes Geheimnis gewährte, schien es mir nicht angemessen zu sein, schweigend neben ihr zu sitzen.
Verstohlen warf ich Vivi einen Blick zu. Ihre linke Hand bedeckte ihre Augen, die rechte Hand lag schlaff auf meiner Bettdecke. Ich stellte mir vor, wie ich sie in die Arme nehmen würde. Der Gedanke, dass sie dann allerdings hemmungslos zu weinen beginnen würde, erschreckte mich aber total. Vor Unwillen noch mehr Details zu erfahren, wenn ich etwas sagen oder gar fragen würde, drückte ich mich unwillkürlich weiter in die eine Ecke meines Bettes. Ohne, dass es mir bewusst war, strich meine linke Hand jedoch über die Decke bis sie Vivis Hand berührte. Mit Kraft erwiderte Vivi meinen Händedruck. Aus den Augenwinkeln sah ich wie sie mich erwartungsvoll ansah, ohne ihre linke Hand dabei ganz vom Gesicht zu nehmen. Mein Herz begann so laut zu pochen, dass ich meine Mutter fast überhörte.
„Abendbrot! Julia, Abendbrot!”
Wie jeden Abend kündigte meine Mutter lautstark an, dass meine Eltern und ich in wenigen Minuten essen würden. Gleichzeitig meinte sie mit ihrem Ruf auch, wer immer zu Besuch bei mir war, solle nach Hause gehen und zwar unverzüglich.
Als hätte uns ein magischer Zauberspruch Leben eingehaucht, sprangen Vivi und ich wie auf ein Kommando von meinem Bett auf. Vivi drückte mich kurz fest an sich, dann ging sie hastig zur Zimmertür, ohne mich noch einmal anzuschauen. Ich hielt sie nicht auf. Abwartend blieb ich in meinem Zimmer stehen. Erst als ich unsere Haustür in das Schloss fallen hörte, ging ich hinunter und setzte mich zu meinen Eltern an den Esstisch. Sie beäugten mich immer wieder verwundert, da ich während des Abendbrots kein einziges Wort sagte. Selbst wenn ich meine Eltern eingeweiht hätte, auch sie hätten nicht absehen können, welche tödlichen Folgen Vivis Offenbarung nach sich ziehen sollte.
(…)


Die Autorin

Lola Victoria Abco lebt in Deutschland und Skandinavien. Die Autorin schreibt Krimis, Belletristik und gelegentlich Gedichte.
Besonders reizvoll am Schreibprozess empfindet Lola Victoria Abco die Möglichkeit, die Realität am Schopfe packen zu können, ihr den Mantel namens Fiktion überzustülpen und dessen Muster selber zu kreieren.




Lola Victoria Abco, Der Tag, an dem ich David B. ermorde

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