Salon

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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

9. Februar 2015

Melanie Vogltanz, Maleficus





Wien 1365: Elyssandria kämpft gegen untote Kreaturen, die Strigoi genannt werden. Sie sind stets hungrig nach Menschenblut, praktisch unverwundbar - und sie vermehren sich rasend schnell. Der schwer zu erringende Sieg über die übermenschlichen Gegner rückt in weite Ferne, als Elyssa selbst von einer Kreatur der Finsternis mit dem schwarzen Blut der Unsterblichkeit infiziert wird. Zwar steigen ihre körperlichen Kräfte und ihre Geschicklichkeit nach der Verwandlung ins Unermessliche, aber zugleich erwacht auch eine dunkle, gierige Seite in ihr, der ihr schwacher menschlicher Geist nichts entgegenzusetzen hat. 
Mehr und mehr wird sie selbst zur größten Bedrohung für ihre ahnungslosen Begleiter. Kann Elyssa den Kampf gegen die Bestie in sich gewinnen? 

Eine blutige Tour de Force nimmt ihren Lauf.




Leseprobe:

1.

Wien, im Jahre 1365 unseres Herrn

Der letzte Hieb ihres Gegners war ihrem Gesicht so nahe gekommen, dass sie geglaubt hatte, den Luftzug des Stahls an ihrer Wange zu spüren. Sie parierte den Schlag mit einem wuchtigen Gegenhieb, der dem anderen beinahe die Waffe aus der Hand prellte, und setzte ihm noch im selben Atemzug nach. Zischend wie eine silberne Schlange züngelte die Klinge nach der Brust des anderen. Diesem, von der unerwarteten Finte überrumpelt, gelang es gerade noch, sich mit einem hastigen Ausfallschritt in Sicherheit zu bringen.
Dabei war er gezwungen, seine Deckung aufzugeben. Sofort registrierte ihr geschultes Auge die Chance. Wie ein fleischgewordener Blitz fuhr sie vor und schlug zu. Funken sprühten, als ihr Gegner verzweifelt seine Klinge nach oben riss, doch er war zu sehr geschwächt von dem langen, erbitterten Kampf, um die Parade aufrechtzuerhalten. Mit einem schmerzerfüllten Aufschrei ließ er die Waffe fallen und sprang zurück.
Er war ihr schutzlos ausgeliefert.
Unerbittlich hob sie das Schwert und holte zum allerletzten, entscheidenden Schlag aus …
»Elyssa! Elyssa, um Gottes willen, hör auf!«
Das Entsetzen in der wohlvertrauten Stimme riss sie aus ihrem tranceartigen Zustand. Ihre fließenden Bewegungen stockten, sie strauchelte und geriet aus dem Takt. Im buchstäblich letzten Moment gelang es ihr, das Schwert herumzureißen, so dass der Hieb, der ihren Gegner glatt enthauptet hätte, seine Schulter knapp verfehlte und sich tief in den Stamm einer Esche bohrte.
Elyssa ließ den noch immer zitternden Griff des Schwertes los. Irritiert fasste sie sich an die schweißnasse Stirn und zwang ihren nach Bewegung lechzenden Körper zu verharren.
»Elyssa, hast du den Verstand verloren? Es hätte nicht mehr viel gefehlt und du hättest mich um einen Kopf kürzer gemacht! Was um alles in der Welt sollte das?« Das Gesicht ihres Cousins war kalkweiß. Auch er war in Schweiß gebadet und sein Atem ging stoßweise.
Es war nicht das erste Mal, dass Elyssa gemeinsam mit Philipp einige Übungen absolviert hatte, so verausgabt wie in diesem Duell hatten sie sich allerdings noch nie. Für einen Augenblick hatte sie alles um sich herum vergessen, ihr Verstand hatte sich in einen Winkel tief in ihrem Bewusstsein zurückgezogen und der reinen, ungezähmten Kraft ihres Körpers Platz gemacht. Wie ein Berserker hatte sie auf den um einen Kopf größeren Mann eingedroschen und ihn immer weiter in die Defensive gedrängt. Ohne dass Elyssa es bemerkt hatte, war aus dem Spiel bitterer Ernst geworden.
»Ver… verzeih«, stammelte sie mit einem Zögern. »Ich weiß auch nicht, was plötzlich in mich gefahren ist. Es tut mir leid.«
»Andernfalls wäre ich tief beleidigt.« Philipp zwang sich zu einem Grinsen, doch durch seine unbekümmerte Maske schimmerte noch immer ein Hauch des Schreckens. Er bückte sich nach seinem Schwert, das zwischen ihnen im hohen Gras lag. Es war keine sonderlich wertvolle Waffe: Das Leder, das den Griff zierte, war abgewetzt und farblos, die Klinge stumpf.
»Ich habe dich doch nicht verletzt?«, wollte Elyssa wissen.
»Nur meinen Stolz«, gab Philipp zurück und schlug sein Schwert mit einem resignierten Schulterzucken in den stabilen Hanfsack ein, in dem er die Waffe transportierte. »Obwohl es keine Schande ist, gegen dich zu verlieren. Du hast viel gelernt in den vergangenen Jahren, Cousine.«
»Es gehört nicht viel Können dazu, einen Kaufmann im Duell zu schlagen«, erwiderte Elyssa. »Es sei denn, bei der Waffe handelt es sich um einen Abakus.«
»Sehr witzig, Tavernenwirtin«, schnaubte Philipp und zog an ihrer speckigen Schürze, die bereits ihre Mutter getragen hatte, wenn sie tagein, tagaus in der alten Kaschemme Bier und Wein ausschenkte. »Dass die Zunft der Gastleute seit vielen Jahrhunderten begnadete Fechtkünstler hervorbringt, muss mir bisher wohl entgangen sein. Nicht zu vergessen das kriegerische Geschlecht der Frauen, das schon seit Menschengedenken uns arme, schwache Männer durch seine Unbarmherzigkeit und Stärke unterdrückt.« Feixend hob er den Saum ihres Kleides an.
Elyssa schlug seine Hand beiseite. »Lass das!«, zischte sie.
»Was meinst du?« Er behielt sein Grinsen bei.
»Das weißt du sehr gut. Du bist verheiratet, Philipp, und als verheirateter Mann solltest du mir nicht so nahe kommen. Es ist schon schlimm genug, dass wir uns heimlich hier treffen, um uns zu duellieren. Du weißt, dass sich das für eine Frau nicht ziemt.«
»Ich bin keine Frau«, protestierte Philipp.
Elyssa ignorierte den halbherzigen Versuch, die Stimmung zu retten. Als hätte es keine Unterbrechung gegeben, fuhr sie mit erhobener Stimme fort. »Wenn man dich dann auch noch hier so sieht, wie du an meinen Kleidern spielst, kommen schnell Gerüchte auf, und im Handumdrehen kennt mich ganz Wien als deine Mätresse.«
Philipp schnaubte verächtlich. Das Witzereißen war ihm offenbar vergangen. »Na und? Sollen sie doch reden! Mir ist es vollkommen gleich, was die anderen über uns denken.« Sein Tonfall wurde etwas sanfter, er strich Elyssa behutsam das ungebändigte Haar zurück. »Du bist wie eine Schwester für mich, Elyssa, und auch böse Zungen können daran nichts ändern. Was geht es uns an, wenn sich die anderen die Mäuler über uns zerreißen?«
Elyssa ergriff seine Hand und reichte sie ihm zurück wie ein abgelehntes Geschenk. Um seine Mundwinkel zuckte es verletzt, aber er versuchte sie nicht noch einmal zu berühren.
»Du sollst ja auch nicht an die anderen denken«, erwiderte sie. »Sondern an mich. Und an Theodor. Wenn ein solches Gerücht die Runde macht, wäre sein Ruf für immer zerstört.«
Theodor war Elyssas und Philipps Großvater, ein greiser, gutmütiger Mann, der die beiden unter seine schützenden Fittiche genommen hatte, als sie noch Kinder gewesen waren.
Philipp wirkte nun eindeutig verstimmt. »Mach dich nicht lächerlich. Wir kommen seit fast zehn Jahren hierher, und bislang hat nie jemand unser Tun beobachtet. Warum sollte sich das jetzt ändern?«
»Weil Dinge sich nun mal ändern«, erwiderte Elyssa, und sie konnte nicht verhindern, dass sich ein bitterer Unterton in ihre Stimme mischte. »Ebenso wie wir. Wir sind keine Kinder mehr, Philipp. Als wir jung waren, waren die geheimen Schwertkämpfe ein Jux, aber mittlerweile sind wir da rausgewachsen. Heute steht weit mehr auf dem Spiel.«
»Was soll das werden, Elyssa?« Philipps Finger tanzten um den Griff seines Schwertes. »Willst du mich wegwerfen, wie ein Spielzeug, dessen du überdrüssig geworden bist? Bin ich dir langweilig geworden? Oder zu schwach? Ich bin keine Herausforderung mehr für dich, nicht wahr?«
»Du kannst das nicht verstehen!« Gegen ihren Willen erhob sie ihre Stimme. »Du hast mit fünfzehn diese Kaufmannstochter geheiratet, nachdem du bei ihrem Vater deine Lehre abgeschlossen hast! Wenn du nach Hause kommst, dann wartet dein braves Frauchen mit Eintopf auf dich, und deine drei Kinder himmeln dich an, als wärst du Siegfried persönlich. Zu recht, schließlich kannst du ihre kleinen Bäuche füllen. Dein Leben ist einfach perfekt!«
»Das glaubst du? Du denkst, mein Leben sei perfekt?«
»Aber natürlich! Und während du dich hier mit deiner kleinen Cousine beim Schwertkampf amüsierst, riskiere ich das letzte bisschen Respekt, das man mir noch entgegenbringt. Denkst du etwa, ich tue das hier zu meinem Amüsement? Denkst du, das ist zu meinem persönlichen Vergnügen?« Sie deutete vielsagend auf das Schwert, das sie mit voller Wucht in den Baumstamm gerammt hatte. »Im Gegensatz zu dir nehme ich diese Sache ernst, andernfalls würde ich es niemals riskieren, Theodor noch mehr zu schaden. Als würde er nicht schon genug darunter leiden, dass seine Enkelin unverheiratet ist …«
Philipp hob die Hände, als wollte er einen Fausthieb abwehren. Seine Mimik war von Zornesfalten zerfurcht. »Nun mal langsam, Elyssa. Ist es meine Schuld, dass du mit zweiundzwanzig noch immer keinen Ehemann hast? Für dich war doch nie einer gut genug. Ich habe Theodor schon oft gesagt, dass man dich Sturkopf zu deinem Glück zwingen muss, aber er hat immer nur gelächelt und das Thema gewechselt.«
Elyssas Augen wurden schmal. »Dann bist du also auch der Meinung, dass ich gezähmt gehöre? Ich hätte nie gedacht, dass du die Ansicht der Nachbarschaft teilst, die mich für ein wildes Biest hält, das man in den Kerker der Ehe werfen muss …«
»Den Kerker der Ehe?«, unterbrach Philipp sie ungläubig. »Hörst du dir eigentlich selbst zu? Bei der Ehe geht es doch nicht darum, jemanden an die Kette zu legen.«
»Das kannst du leicht sagen, als Mann«, erwiderte sie bitter. »Du hast ja keine Ahnung, was es für uns bedeutet, sich einem Kerl auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Du hast dir dein Weib ausgesucht wie eine Kuh auf dem Viehmarkt. Stämmige Hüften, von Rasse und von Wert, und daraufhin hast du zugeschlagen. Ob sie etwas für dich empfindet, kann dir eigentlich egal sein, denn sie muss sich dir unterordnen, ob sie will oder nicht.«
Philipp schnaubte verärgert und schnitt ihr mit einer ruckartigen Geste das Wort ab. »Ich muss mir das nicht länger anhören! Du bist nur verbittert und neidisch, das ist alles. Mit dir kann man nicht vernünftig diskutieren.« Er riss seinen Sack in einer schnellen Bewegung vom Boden hoch.
»Wohin gehst du?« Elyssas Stimme war hoch und schrill.
Philipp wurde nicht langsamer, als er über die Schulter zurückrief: »Fort von dir. Ich brauche mir deine Beleidigungen nicht länger anzuhören.«
»Schön. Aber wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht mehr zurückzukommen!«, schrie sie ihm nach.
Mit heiß brodelndem Zorn im Magen und zusammengekniffenen Lippen starrte Elyssa ihrem Cousin nach, der bald zwischen den Bäumen des nahegelegenen Waldes verschwunden war. Als sie ihn nicht mehr sehen konnte, wirbelte sie mit einem Aufschrei herum und zog ihr Schwert mit einem Ruck aus dem Baumstamm. Sie ließ sich auf den von Moos bewachsenen Boden der Lichtung fallen und hieb die Spitze ihrer Klinge in die weiche Erde. Zähneknirschend vergrub sie das Gesicht zwischen den Händen.
Möglicherweise hatte Philipp recht, und sie war tatsächlich neidisch. Es fiel ihr einfach schwer, zu verstehen, wie zwei Menschen, die eine so ähnliche Ausgangssituation gehabt hatten, zwei so unterschiedliche Wege einschlagen konnten.
Elyssa und Philipp waren beide ohne Eltern aufgewachsen. Als ihre Mutter und ihr Vater der großen Pestwelle zum Opfer fielen, war Elyssa kaum drei Jahre alt gewesen. Die Erinnerung an die beiden war mittlerweile verwischt, beinahe vollständig aus ihrem Gedächtnis geschabt vom Radiermesser der Zeit. Sie wusste nicht einmal, wo man sie verscharrt hatte, denn Gräber gehörten während der großen Epidemie zum Luxus, den sich nur wohlhabende Familien hatten leisten können. Das einzige klare Bild, das aus Elyssas Unterbewusstsein aufstieg, wann immer sie versuchte, sich an ihre Eltern zu erinnern, war ein von dunkel verfärbten Pestbeulen entstelltes, androgynes Gesicht mit halb geschlossenen Lidern und schlaffem Mund, das ihr als Mädchen oft Albträume bereitet hatte. Ob dieses Bild zu ihrem Vater, ihrer Mutter oder einem Fremden gehörte, konnte sie nicht sagen.
Mehr als das war ihr von ihrer Kindheit nicht geblieben: das Gesicht des Schwarzen Todes.
Ohne zu zögern, hatte ihr Großvater Theodor Elyssa und ihren älteren Bruder Frederic bei sich aufgenommen und sie wie seine eigenen Kinder behandelt. Doch die dunkle Wolke, die ihren Schatten auf Elyssas Familie warf, hatte sich noch lange nicht verzogen.
Im Alter von sieben machte Frederic allein Besorgungen in der Innenstadt. Es war das erste Mal, dass er sich ohne Begleitung so weit von Zuhause entfernte, und es sollte das letzte sein. Auf dem Rückweg vom Marktplatz wurde er in der hereinbrechenden Abenddämmerung von einem Herumtreiber überrascht, der nach Gold lechzte. Es gab keine Augenzeugen, so behauptete man jedenfalls, aber Elyssa kannte ihren temperamentvollen Bruder und wusste, dass er sich verbissen gegen den Räuber zur Wehr setzte. Wäre es anders gewesen, wäre er möglicherweise mit der bloßen Scham davongekommen, denn viele Bürger wurden in diesen kargen Zeiten zu Verzweiflungstaten getrieben, aber nur die wenigsten waren von Grund auf verdorben. Wenn man ihnen allerdings verwehrte, was sie so dringend brauchten, wurden sie zu Bestien …
Als man Frederic fand, war sein Fleisch von neun Messerstichen zerteilt worden. Die Geldkatze hatte man ihm vom Gürtel geschnitten, seine Einkäufe lagen zertrampelt und vom Blut durchtränkt auf dem Kopfsteinpflaster. Im Gegensatz zu seinen Eltern erhielt Frederic eine schlichte christliche Beerdigung, doch das war für Elyssa kein Trost.
Auch Philipps Vergangenheit war von Schicksalsschlägen zerrüttet. Zwei Jahre nach der Ermordung Frederics wurde sein Vater, Elyssas Onkel, bei der Jagd von einem Eber angefallen und schwer verletzt. Er überlebte das Wundfieber nicht. Nach dem Tod ihres Ehemanns weigerte Philipps Mutter sich, ein weiteres Mal zu heiraten, trotz des Spotts, den das Volk einer Witwe entgegenbrachte, die keinen neuen Mann akzeptierte. Nur wenige Monate darauf wurde sie von einem Betrunkenen auf offener Straße belästigt, der lallend um ihre Aufmerksamkeit und ihre weiblichen Attribute buhlte. Als die Witwe versuchte, sich ihm zu entziehen, wurde er gewalttätig.
Niemand kam Philipps Mutter zu Hilfe. Sie wurde erst erlöst, als der Zecher sie in seiner Wut versehentlich erwürgte.
Und so wurde auch Philipp bei Theodor aufgenommen, und er lohnte dem alten Mann seine Fürsorge und Liebe, indem er jegliche Erwartungen erfüllte, die man an einen Sohn haben konnte. Im Gegensatz zu Elyssa hatte er keinerlei Schwierigkeiten, sich in die sinnlose Etikette der Gesellschaft zu fügen. Er katzbuckelte gerne vor denen, die mehr wert waren als das schmuddelige Waisenkind, und seine besonnene, respektvolle Art öffnete ihm viele Türen, die seine Abstammung verschlossen gehalten hätte. Ein alter Kaufmann, den der Herr noch mit keinem Sohn gesegnet hatte, nahm Philipp sogar in die Lehre und setzte ihn als seinen Nachfolger ein. Dies war weit mehr, als ein Kind von Philipps Stand sich erträumen konnte.
Elyssa war da ganz anders. Bereits als Mädchen zeigte sie wenig Interesse daran, eine der zahlreichen Handwerkskünste zu erlernen, die Töchter für gewöhnlich von ihren Müttern mitgegeben bekamen. Stattdessen stahl sie mit sechs einem betrunkenen Soldaten das Schwert, das er achtlos neben sich gelegt hatte, als er im Rinnstein seinen Rausch ausschlief. Während andere Mädchen sich im Haushalt und in der Kunst der Koketterie erprobten, hatte Elyssa sich dem Schwertkampf verschrieben.
Zuerst hatte sie für sich allein geübt, hatte gegen Dornenbüsche und Apfelbäume gekämpft, bis sie Philipp ihr Geheimnis anvertraute. Seit diesem Tag trainierten sie regelmäßig im Geheimen. Sie begannen beide bei null, aber gemeinsam gelang es ihnen, sich erstaunliche Fertigkeiten anzueignen.
Für Philipp waren die Duelle nie mehr als Zerstreuung gewesen, aber für Elyssa bedeuteten sie mehr. Sie vermochte nicht genau zu benennen, was es war, das sie zum Schwertkampf zog wie eine Fliege zu einem Topf mit Honig. Alles, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass erst das vertraute Gewicht einer Waffe in ihren Händen sie zu einem vollständigen Ganzen formte. Der geschliffene Stahl verlieh ihr das Gefühl von Stärke und Kontrolle, nährte in ihr die Hoffnung, dass sie dem Schicksal nicht gänzlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.
Theodor wusste von diesen Beschäftigungen seiner Enkelin selbstverständlich nichts – wahrscheinlich hätte es ihm sonst das Herz gebrochen. Elyssa hätte den alten Mann gerne stolz gemacht, und sie tat ihr Bestes, um ihm in der Taverne, die ihre Eltern ihr hinterlassen hatten, zur Hand zu gehen. Doch sich einem der widerwärtigen, stinkenden Stelzböcke hinzugeben, die einen Großteil des männlichen Geschlechts bildeten, brachte sie schlichtweg nicht über sich.
Das konnte Philipp natürlich nicht begreifen. Für ihn war es nur selbstverständlich, immer die Erwartungen zu erfüllen, die man von außen an ihn herantrug. Elyssa dagegen war eine Kämpferin. Wenn sie eines Tages das lohnende Ufer erreichen würde, dann nicht deshalb, weil sie sich mit dem Strom hatte treiben lassen, sondern weil sie gegen die Strömung angeschwommen war.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hob sie den mit frisch gewaschenen Laken gefüllten Weidenkorb, den sie als Tarnung für ihre Waffe benutzte, vom Boden auf. Mit einem letzten, nachdenklichen Blick auf die tiefe Kerbe, die sie in den Stamm der Esche geschlagen hatte, verließ sie die Lichtung und tauchte in das grün schillernde Meer ein, in das die durch die Baumkronen fallenden Sonnenstrahlen den Wald verwandelten.

Als Elyssa die Taverne betrat, wurde sie bereits von Theodor erwartet. Sein schütteres, schneeweißes Greisenhaar war unnatürlich zerzaust, was ihm die Ähnlichkeit einer übergroßen Schleiereule verlieh.
»Kind«, begann er hastig, »wo warst du nur so lange? Du wirst dringend gebraucht. Wir haben einen neuen Gast. Und das einzige Zimmer, das noch frei ist, hat gestern ein grässlicher Trunkenbold belegt. So etwas kann ich dem guten Mann nicht zumuten. Lass mich die Laken aufhängen.«
Er machte Anstalten, Elyssa den Korb abzunehmen. Rasch winkte sie ab. »Ich erledige das schon.«
Theodor lächelte. »Danke, Liebes. Du musst meine Hast entschuldigen, aber du warst heute wirklich ungewöhnlich lange fort.« Erst jetzt betrachtete er Elyssa eingehender. »Ist etwas vorgefallen?«, fragte er ehrlich besorgt. »Du wirkst so bedrückt.«
»Es ist alles in bester Ordnung«, sagte Elyssa, was selbst in ihren eigenen Ohren lächerlich klang. »Als ich am Fluss war, habe ich zufällig Philipp getroffen. Wir haben uns unterhalten, und ich muss wohl die Zeit vergessen haben.«
»Ich verstehe«, nickte Theodor. Und Elyssa zweifelte keinen Moment daran, dass er das wirklich tat.
»Wer ist denn nun der edle Gast?«, wechselte Elyssa das Thema.
»Wie kommst du darauf, dass er edel ist?«
»Weil du dir wegen eines einfachen Landstreichers nicht solche Umstände machen würdest.«
»War das so offensichtlich?«, fragte Theodor sichtlich belustigt. »Ja, du hast recht, wir haben in der Tat einen außerordentlichen Gast: einen Dominikaner auf Pilgerreise, der uns mit seiner Anwesenheit beehrt.«
»Ein Pfaffe?«, entfuhr es Elyssa.
»Nicht so laut, du lieber Himmel!«, zischte Theodor erschrocken. Seine Sorge war jedoch unbegründet. Keiner der Gäste schenkte ihnen auch nur einen flüchtigen Blick.
»Du willst doch nicht, dass dich jemand so über die Kirche sprechen hört. Gerüchte sind schnell in die Welt gesetzt, und sobald dir ein gewisser Ruf anhaftet …«
»… werde ich ihn nie wieder los – ich weiß«, unterbrach Elyssa ihn. »Ich werde mich in Zukunft besser beherrschen. Aber du weißt genau, wie ich zu solchen … Menschen stehe.«
Das merkliche Zögern in ihren Worten war Theodor nicht entgangen, doch er ersparte ihr die Peinlichkeit, ihm erklären zu müssen, wie sie diese »Menschen« eigentlich hatte bezeichnen wollen. Stattdessen seufzte er resignierend und wedelte mit der Hand in Richtung Treppe. »Gut, gut. Kümmere dich jetzt um das Zimmer. Ich stelle dich unserem Gast später vor.« Später, wenn du dir der Gefahr bewusst geworden bist, die von ihm ausgeht.
Obwohl er es nicht aussprach, konnte Elyssa es trotzdem hören. Sie schwieg, wandte sie sich ab und ging, den Korb unter dem Arm, die Treppe hinauf.
Bevor sie das Gästezimmer aufsuchte, bog sie in die Schlafkammer ab, die sie sich mit Theodor teilte. Als sie ihr Schwert aus dem Korb holen und in ihrem Versteck verwahren wollte, stellte sie verärgert fest, dass die Waffe nicht da war. Der Streit mit Philipp musste sie so aufgewühlt haben, dass sie sie wahrscheinlich auf der Lichtung liegengelassen hatte. Nicht einmal das fehlende Gewicht war ihr aufgefallen. So eine grobe Fahrlässigkeit war ihr noch nie untergekommen. Auch wenn es ihr widerstrebte, sie würde wohl oder übel bis nach Sonnenuntergang warten müssen, um die Waffe zu holen. Davor sah sie keine Möglichkeit, die Taverne unbemerkt zu verlassen.
Mit nachlässigen, zornigen Bewegungen warf sie die feuchten Laken über die Wäscheleine, die unter dem Zimmerfenster gespannt war. Dann, noch immer mit brodelnder Wut im Bauch, widmete sie sich dem Zimmer des Pfaffen – nein, des Predigers. Nicht minder energisch, als sie zuvor mit dem Schwert umgegangen war, säuberte sie den Raum, in dem, wie bereits von Theodor prophezeit, ein unappetitlicher Geruch hing, dem Elyssa auch mit Wasser und Kernseife nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte. Ihr Ehrengast musste sich wohl oder übel an den Gestank gewöhnen, wenn er nicht unter freiem Himmel nächtigen wollte.
Obwohl sie Theodor versprochen hatte, sich von solchen Gedankengängen zu lösen, konnte sie nicht leugnen, dass ihr diese Vorstellung gefiel.
Ihre Abneigung gegen die Kirche war nicht grundlos. Elyssa hatte in ihrem Leben zu viel Leid erfahren, als dass sie noch Vertrauen in eine Gemeinschaft fassen konnte, die dem Meistbietenden Erlösung versprach und die Mittellosen in die Verdammnis wies. Wie sollte sie Männern ihr Seelenheil anvertrauen, die von goldenen Tellern aßen und sich die Bäuche vollschlugen, während ihre Schäfchen am Hungertuch nagten?
Da, ein Geräusch. Sie wandte sich um und blickte geradewegs in das Gesicht eines Mannes, der an der halb geöffneten Tür lehnte und sie eindringlich musterte. Seine Haltung war geradezu provozierend entspannt, als wäre es vollkommen natürlich, dass er dort stand und Elyssa bei der Arbeit zusah. Als er erkannte, dass sie ihn bemerkt hatte, lächelte er unverschämt.
Elyssa erwiderte seinen Blick ausdruckslos, dann wandte sie sich erneut ihrer Arbeit zu.
»Wie lange steht Ihr schon da?«
»Eine ganze Weile.« Die Stimme des anderen klang in einem wohltuenden, sonoren Bariton. Seine Worte waren von einem dezenten Akzent untermalt, den Elyssa nicht einzuordnen wusste.
»Verzeiht, dass ich mich von hinten an Euch herangeschlichen habe wie ein gemeiner Dieb. Ihr seid mir bereits unten in der Schenke aufgefallen, und ich konnte nicht anders, als Euch zu folgen.«
»Das habt Ihr ja nun getan«, sagte Elyssa kühl, während sie die Strohsäcke ausschüttelte.
Der Fremde lachte. »Ich bewundere Eure Schlagfertigkeit. Ich war schon an vielen Orten dieser Welt und bin eigentlich der Ansicht, ich hätte bereits alles gesehen, was es zu sehen gibt. Und doch, Ihr seid wahrlich anders als alle Frauen, die mir bisher begegnet sind.«
»In vielerlei Hinsicht«, bestätigte Elyssa. Warum sagte sie das? Was ging es den anderen an, wie es um ihren Ruf stand?
Der Fremde reagierte vollkommen anders, als sie erwartet hatte. Anstatt weiter nachzuhaken, sagte er lakonisch: »Ich weiß.«
»So?« Ohne es selbst zu bemerken, hatte sie in der Bewegung innegehalten. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie aufmerksam den unbekannten Besucher.
»Ich fürchte, ich muss Euch ein Geständnis machen.« Noch immer lächelte der Fremde auf diese seltsame, beunruhigende Weise. »Ich habe Euch bereits auf der Lichtung beobachtet. Und ich muss zugeben, dass ich tief beeindruckt bin.«
Nun wandte Elyssa sich doch zu ihm um. Fassungslos starrte sie ihn an und suchte nach Worten. »Ihr habt … ihr habt was?«, brachte sie mühsam hervor.
Dinge ändern sich, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf wie ein Echo.
»Ich weiß, dass ich es nicht hätte tun sollen, aber es war ein Versehen. Die Kampfgeräusche haben mich angelockt, und als ich erst dieses außerordentlichen Schauspiels gewahr wurde, gelang es mir einfach nicht, mich wieder davon loszureißen.«
»Ihr werdet mich doch nicht verraten?«, fragte Elyssa scharf. Sollte an die Öffentlichkeit dringen, dass sie ein Schwert besaß, würde sie das sicherlich den Kopf kosten.
Der junge Mann lachte. »Aber wo denkt Ihr denn hin? Ich würde niemals etwas tun, das Euch schaden könnte. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es bedauere, die Kunde über Euer Talent nicht verbreiten zu dürfen. Ihr seid eine wahre Künstlerin mit dem Schwert!«
Elyssas Miene verfinsterte sich. »Es ziemt sich nicht.«
»Es gibt allerlei Dinge, die sich nicht ziemen«, meinte der Fremde, wobei er das Wort auf eine Weise betonte, als wäre es etwas unvorstellbar Widerwärtiges. »Schlimmere Dinge. Man tut sie trotzdem – und das nicht selten.«
»Ich bin nicht man«, widersprach Elyssa betont.
»Dafür eine wahrlich außergewöhnliche Frau.«
»Ich habe zu arbeiten.«
Der Fremde seufzte. »Ich verstehe. Verzeiht, dass ich Eure kostbare Zeit in Anspruch genommen habe.«
»Euch sei vergeben«, entgegnete Elyssa kühl und wandte sich demonstrativ ab.
Als sie sich ein weiteres Mal nach ihm umdrehte, war der Fremde verschwunden. Sie hatte nicht einmal gehört, dass er gegangen war. Doch sie war heilfroh darüber.

Nachdem Elyssa ihre Arbeit beendet hatte, ging sie in den Schankraum hinunter, um Theodor beim Versorgen der Gäste zu helfen. Lüsterne, vom vergossenen Alkohol trüb gewordene Augen klebten an ihrem Rücken und ein paar Handbreiten tiefer, als sie mit raschen Schritten den Weg zwischen Treppe und Theke zurücklegte. Dahinter fand sie Theodor, der gerade mit einem viel zu schmutzigen Lappen durch einen Becher wischte.
Als er seine Enkelin bemerkte, ließ er den Lappen augenblicklich fallen. »Da bist du ja, mein Kind! Unser Gast kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen. Ich hatte bereits befürchtet, du würdest mich im Stich lassen.« Sein Tonfall schlug um, er senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Elyssa, du erinnerst dich an unsere Unterhaltung von vorhin?«
Elyssa seufzte. »Selbstverständlich. Ich werde ein braves Mädchen sein. Ich werde ganz still bleiben und artig nicken, wenn nach meiner Meinung gefragt wird. Wenn es angebracht ist, werde ich lächeln, ansonsten schweigen und mich damit begnügen, hübsch auszusehen.«
»Gut so«, erwiderte Theodor, doch in seiner Stimme lag keinerlei Strenge, vielmehr eine leise Belustigung.
»Wo ist denn nun der hohe Besuch?«
Der Greis bedeutete Elyssa, ihm zu folgen. Vor einem der Tische blieb er stehen und verneigte sich flüchtig vor dem Gast.
»Darf ich vorstellen: Vater Stephanus vom Orden der Dominikaner. Er hat den weiten Weg vom ungarischen Königreich hierher gemacht, um seine Weisheit mit den bescheidenen Bürgern Wiens zu teilen. Vater, dies ist meine Enkelin, von der ich Euch bereits erzählte: Elyssandria, die Perle dieser Taverne.«
»Elyssandria, so«, wiederholte der andere lächelnd. »Ein ausgesprochen schöner, wohlklingender Name.« Erst da wandte er Elyssa sein Gesicht zu.
Die sachte Neigung des Kopfes, zu der sie bereits angesetzt hatte, wurde zu einem überraschten Zusammenzucken. Fassungslos starrte sie den Dominikaner an. »Ihr … ihr seid das!« (...)


Die Autorin



Melanie Vogltanz wurde 1992 in Wien geboren und studiert Germanistik und Anglistik an der Universität Wien.
Bereits im Alter von neun Jahren versuchte sie sich erstmals an kleinen »Buchprojekten«. Ernsthaft zu schreiben begann sie mit nur elf Jahren, als sie die Arbeit an ihrem Debüt-Roman »Im Kreis der Flammen« in Angriff nahm. Diesen konnte sie zwei Jahre später, im Sommer 2007, unter dem Titel »Im Kreis der Flammen - Schatten der Dämmerung« als ersten Band einer Reihe veröffentlichen. Es folgten zahlreiche weitere Publikationen im Bereich Phantastik, Science Fiction & Horror, selbstständig wie unselbstständig.
Weitere Informationen zu Autorin & Werk unter:


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