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7. März 2015

Patrick Worsch, Das letzte Casting




Jeannine will berühmt werden. Gabriel will unbekannt bleiben. Er verlangt von ihr den virtuellen Suizid. Doch der Facebook-Wettbewerb Lady Like ist ihre letzte Chance auf Ruhm. Binnen einer Woche gilt es, die meisten Likes zu sammeln.
Tausende Frauen posten und blenden für den Sieg, leider auch Intimfeindin Carmen. Es beginnt ein Krieg um Anerkennung, und die Waffen heißen Selbstlob, Neid und Egoismus. Keiner weiß, ob Champagner oder Blut sprudeln wird.




Leseprobe

Als Gabriel sich in die Disco schwindelte, war Jeannine nicht mehr drinnen. In diesen Minuten saß sie am Beifahrersitz eines Wagens, der an der nächsten Tankstelle neben der Zapfsäule parkte. Sie war allein. Sie zupfte an den Strümpfen, und zur Sicherheit wählte sie am Handy die Kontaktliste und tippte ICE neben die Nummern ihrer Eltern. Dann sah sie in den Rückspiegel.
Der Blonde verließ den Tank-Shop durch die Schiebetür. Er hetzte sich nicht. Behutsam faltete er die Rechnung und schlichtete sie in die Brieftasche, zählte hinterm Lenkrad sein Geld, verstellte die Rückenlehne und rollte im Schritttempo durch die Ausfahrt. Er lag mehr, als er saß; mit einer Hand lenkte er, mit der anderen reichte er Jeannine die Kaugummidose, die er gekauft hatte. Sie lehnte ab und schwieg. Im Augenwinkel beobachtete sie sein Verhalten. Sie schlug das linke über das rechte, das rechte über das linke, und wieder das linke über das rechte Bein.
Sein Fahrstil wirkte nicht wie von einem jungen Mann. Wenn er überholt wurde, machte er Platz, wenn eine Ampel grün blinkte, hielt er an, wenn ein Wagen mit offenen Fenstern und grölender Besatzung in der Nebenspur brummte, grinste er zwar hinüber, verzichtete aber auf jedes Duell. Zudem lief im Radio kein Techno und kein House, sondern Kuschelrock aus den Siebzigern.
»Könntest du abdrehen oder lauter machen?«, sagte Jeannine.
Er stellte die Musik aus.
»Fährst du auch sonst unter dem Tempolimit ... oder willst du mich quälen? Hier ist Siebzig erlaubt.«
»Bist du im Stress?«, sagte er.
»Es wäre gut, wenn ich in einer Stunde zuhause bin. Ich muss morgen früh raus.«
Er aktivierte die Sitzheizung und spielte mit der Temperatur.
»Sagst du mir bitte, was du mir zeigen willst?«
»Du hast was gegen Überraschungen, stimmt‘s?«
»Ich hab keine Ahnung, wohin du mich bringst, was du dort vorhast, und wie das alles für mich endet.«
»Wir fahren zu deinen Likes.«
»Verstecken sich die in einer Schatzkammer?«
Er machte eine Geste, als läge sie damit nicht so falsch.
»Vielleicht erklärst du mir wenigstens, was diese Abkürzung bedeutet.«
»Welche?«
»FFF«, sagte sie. »Dein Freund hat sie zweimal erwähnt. Er lächelte dabei sehr seltsam. Was ist FFF?«
»FFF bringt dich ins Finale. Aber lehn dich mal zurück. Lass deine Finger los und entspann dich. Sei wieder so lustig wie vorher.«
»Zeig mir eine, die lustig bleibt, wenn sie mit einem Typen beim ersten Treffen nach X fährt.«
»Hab ich ahnen können, dass du alleine kommst? Eine Berühmtheit in spe, ohne Begleitung?«
»Morgen ist ein regulärer Arbeitstag. Meine Freundinnen müssen ...« Sie bemerkte die Straßenschilder. »Was wollen wir auf der Autobahn? Wir fahren raus aus der Stadt?«
Er blinkte und bremste am Pannenstreifen. »Wenn du meine Hilfe nicht möchtest, steig aus und geh zurück. Ich hab damit kein Problem. Nach der ersten Ampel biegst du nach rechts ab und stehst direkt vor dem Taxistand.«
Sie seufzte. »Fahr weiter.«
An der nächsten Ausfahrt verließen sie die Autobahn und rollten durch ein Industriegebiet. Sie passierten eine Karthalle, einen Baumarkt und Fabriken, ehe sie in eine enge Gasse einbogen. Am Ende dieser Gasse erhob sich ein Haus, auf dessen Dach eine Reklame blinkte. Im linken und rechten Teil des Gebäudes war es dunkel hinter den Fenstern, im Mittelhaus fiel rotes Licht durch die Jalousien.
Jeannine fasste in ihre Handtasche. »Wo sind wir hier?«
Er buchstabierte die Adresse, dann sagte er: »Poste sie ruhig. Aber merk sie dir, damit du sie der Polizei zuflüstern kannst, wenn ich mich als Mädchenmörder entpuppe ... Warum versteckst du den Pfefferspray? Nimm ihn raus – verringert die Reaktionszeit.«
Sie aber kitzelte ihren Labello aus der Tasche und behandelte die Lippen. Er fuhr in eine Tiefgarage, hielt vor der Schranke und ließ das Fenster hinab, zog aber keine Karte, sondern nahm aus der Mittelkonsole einen Schlüsselbund, an dem ein Skorpion baumelte. Einen langen und dicken Schlüssel steckte er in den Kasten und drehte. Das Gittertor fuhr langsam und leise hoch. In den Decks U1 und U2 gab es zur Genüge freie Plätze, er aber rollte bis ins dritte Untergeschoss. Im Gegensatz zu den anderen Fahrzeugen schob er rückwärts in die Parklücke.
Jeannine verrenkte sich auf ihrem Sitz, als rechnete sie mit einem Übergriff. Doch ihr Chauffeur beachtete sie nicht. Er stellte den Motor ab, nahm ein Kabel von der Rückbank und stieg aus. Zum Aufzug lief ein schmaler Korridor mit Schimmel an den Wänden. An der Decke waren einige Leuchten ausgefallen, die anderen flirrten. Während sie warteten, pfiff der Blonde eine Melodie. Sie musterte ihn und sah nach hinten. Im Aufzug drückte er auf L und pfiff weiter.
Gummipflanzen und billige Stoffmöbel standen in der Lobby. Hinter der Rezeption chillte die einzige Person, ein junger Mann in einem Lederstuhl. Er hatte einen Laptop am Schoß und kreuzte die Beine auf der Theke. Der Blonde begrüßte ihn mit einem einstudierten Handschlag. Sie zwinkerten einander zu, dann sagte der Mann Jeannine Hallo, indem er sie mit einem Grinsen betrachtete. Er stand auf, holte eine Plastikkarte aus den Fächern in der Wand und reichte sie dem Blonden. Er wünschte eine angenehme Nacht.
»Wohnst du hier?«, sagte Jeannine, als sie wieder im Aufzug waren.
»Gelegentlich.«
»Aber das ist kein Hotel?« (...)


Der Autor
Patrick Worsch wurde 1987 im wunderschönen ... Stopp! Ich bin keiner, der über sich selbst in der dritten Person schreibt. Das mache ich erst, wenn Professorin B. noch eine Stellungnahme meiner Eltern fordert.
Geboren: in Wien. Gewachsen: im Sommer. Geschrieben: seit der zweiten Hausaufgabe. Der Rest ist unwichtig. Nicht meine Person zählt, sondern meine Texte.
"Das letzte Casting" ist mein erster Roman. Er handelt nicht von Vampiren, nicht von Orks und nicht von Zombies. Niemand ermittelt, keiner hat smaragdene Augen mit einem Bernsteinschimmer. Dafür kriegen alle weniger Anerkennung, als sie brauchen. Es geht um Ruhmsucht, Neid und junge Menschen, die für Lob und Likes die Liebe und ihr Leben opfern würden. Oder doch nicht?


Patrick Worsch, Das letzte Casting


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