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23. April 2015

Lutz Kreutzer, Der Grenzgänger – Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg



Seit Eddy vor zwanzig Jahren einen Wilderer zur Strecke gebracht hat, ist der Alpinpolizist aus dem Gailtal eine Legende. Als sich einige Fälle von grässlichen Tierverstümmelungen häufen und die Käserin der Sternberg-Alm kurz darauf auf ähnliche Weise umkommt, befällt Eddy eine dunkle Ahnung.

Eddy und sein Kletterfreund Fredo von der italienischen Alpinpolizei ermitteln in diesem mysteriösen Fall, der sich von Kärnten bis in die Dolomiten ausweitet – und Eddys Leben in den Grundfesten erschüttern wird.




Leseprobe

Unterhalb der Porzescharte

Ingrid-Alm, gegen Mittag (Mittwoch, 9. Juli 2014)

Als Eddy in seinem Dienstwagen saß, wurde ihm schlecht. Er nahm seine Mütze ab, legte sie auf den Beifahrersitz und rieb sich den Schweiß von der Stirn. Verdammt, dachte er. Es kribbelte, und er wusste, dass er aufpassen musste, dass er nicht wieder diese Scheißangst bekam. Langsam, mein Eddy, langsam, dachte er. Also: Erst mal überlegen!
Die Schafe vom Nosterer waren nicht das einzige Problem. Vor vier Wochen hatte ein italienischer Jagdgast eine aufgeschlitzte Gams gefunden. Ihr fehlte auch das linke Ohr. Sie hatte ebenfalls einen Zweig im Maul gehabt. Der Jagdaufseher des Waldbesitzers hatte mit Eddy darüber gesprochen, wollte aber keine Anzeige erstatten, da der Eigentümer keinen Skandal haben wollte. Eddy hatte sich darauf eingelassen. Eigentlich hätte er jetzt die Kriminalpolizei einschalten müssen, doch er wollte keine Unruhe im Tal haben. Und dann gab es noch eine aufgeschlitzte Hirschkuh im oberen Gailtal. Sie war ähnlich zugerichtet wie die Gams und die Schafe.
Doch ein anderer Gedanke quälte Eddy noch mehr. Das hatten wir schon mal, dachte Eddy, vor zwanzig Jahren, und die Erinnerung drehte ihm den Magen um. Eddys Hände wurden klamm, als er die Bilder jetzt wieder vor Augen hatte. Damals war es sehr ähnlich gewesen: tote Schafe, aufgeschlitzt, einfach liegen gelassen. Dann kamen ein paar Gämsen hinzu.
Alles im Abstand von jeweils einigen Wochen. Mit einem Kleinkaliber angeschossen, aufgebrochen und nicht ausgeweidet. Allen fehlte ein Ohr, immer das linke. Und im Maul ein Zweig.
Und dann hatte Eddy das Schwein erwischt. Im Obertilliacher Tal, unterhalb der Porzescharte.
Eddy war gerade drei Jahre bei der Alpinen Einsatzgruppe der Bundesgendarmerie gewesen. Revierinspektor und für Oberkärnten zuständig. Seit den Vorfällen war er oft auf Streifzug am Karnischen Hauptkamm gegangen, entlang der österreichisch-italienischen Grenze. Dabei war er auch im benachbarten Osttirol unterwegs. Gebirge machten vor Bundesländern keinen Halt, sagte er sich, und Wilderer auch nicht. Und seine Osttiroler Kollegen und er hatten einen guten Draht zueinander und informierten sich stets gegenseitig. Eddy war gerne in den Bergen, und das wussten die Kollegen und seine Vorgesetzten zu schätzen. Er tat das, um mit den Hüttenwirten zu reden, denn Eddy wollte ein Gefühl dafür bekommen, was in den Bergen los war.
An jenem Tag kehrte er bei der Porzehütte oberhalb von Obertilliach in Osttirol ein. Der Hüttenwirt, ein Aussteiger aus der Oststeiermark, der mit seiner Weltsicht nicht immer die Meinung und den Geschmack der Einheimischen traf, berichtete Eddy nach einem Fünfminutengespräch über Gott und die Welt von einem Vorfall: »Stell dir vor: I geh raus vor die Hütt’n und hinunter zum Gerätehaus, weil der Kompressor mal wieder ausgefallen war. Totenstill war’s draußen. Dann der Knall.«
»Was für ein Knall?«, fragte Eddy.
»Ein Schuss, hell, nicht allzu laut, vielleicht ein Kleinkaliber. Nix Großes. Aber es war ein Schuss.«
»Wann war das?«
»Vorige Woche mal, abends, so gegen sechs auf d’Nacht.«
»Und was hast’ dann gemacht?«
»Nix. Hören tut ma ja alleweil irgendwas.«
»Hmm«, hatte Eddy gemurmelt. »Und woher kam der Schuss?«
»Von weiter oben, in der Nähe der Grenz.«
»Hast mit den Kollegen in Obertilliach oder Sillian gesprochen? Die sind dafür zuständig.«
»Geh komm, Eddy. Wenn i denen des erzähl, die machen doch nix. I bin a Steirer und sing englische Liadln, des ist so wie wenn du a Neger in Wien bist. Da bist so fremd wie nur irgendwie. Da in der Gegend gibt’s ja noch Wilderer. Und da kennt doch jeder jeden.«
Eddy verstand, was er meinte. »Hör zu, du gehst heut noch ins Tal und zeigst das den Kollegen an. Verstehst? Des war a Italiener!«
»Woher willst des wissen, Eddy?«, fragte der Wirt scharf.
»Weil die Wilderer aus Osttirol weiter drüben unterwegs sind, in Villgraten und so, aber net da, drei Meter von der italienischen Grenz weg!«
Der Hüttenwirt sah über seine runden Brillengläser und nickte zaghaft.
»Wenn du’s dir net verderben willst mit die Leut. Okay?«
Zwei Tage später rief der Kollege aus Obertilliach an und informierte Eddy über den Vorfall, von dem er nicht wusste, dass Eddy ihn schon kannte. Sie verabredeten gegenseitige Unterstützung.
Zwei Wochen später, an einem sonnigen Samstag, fuhr Eddy wieder nach Obertilliach, wo er nach Süden zum Dorfer Bach hin abbog. Immer die mächtigen und hellleuchtenden Felspfeiler der Porze vor Augen, fuhr er bis zum Talschluss, wo er am Klapfsee seinen Dienstwagen parkte. Dann stieg er den Weg zur Porzehütte auf. Diesmal in Zivilkleidung. Er wusste, dass der Wilderer bisher immer am Wochenende zugeschlagen hatte. Und mehrfach hintereinander an nicht weit voneinander entfernten Tatorten.
An der Hütte angekommen, begrüßte er den Wirt freundlich und bestellte einen Tee. Als der Wirt ihn brachte, fragte Eddy noch mal genau nach dem Schuss. Der Wirt ging mit ihm hinaus um die Ecke der Hütte. Über ihnen standen unerschütterlich die zerklüfteten Pfeiler in der Nordwand der Porze, als hätte sie jemand in den blauen Himmel gehängt. Der Hüttenwirt wandte sich nach Süden und zeigte nach oben in Richtung Porzescharte.
»Da, irgendwo bei den letzten Latschen, unterhalb der Scharte, glaub ich. Aber genau …«
»… kannst du es nicht sagen.« Eddy nickte und bedankte sich, nahm seinen Rucksack, trank seinen Tee aus und stieg hinauf in Richtung Porzescharte.

Etwa zweihundertfünfzig Meter unterhalb der Scharte suchte er sich einen halbwegs ebenen Platz hinter einem Felsblock. Er blinzelte in die Sonne, breitete seine Jacke aus und machte es sich bequem. Dann legte er sich ausgestreckt hin und starrte in den Himmel. Ein Glücksgefühl überkam ihn. Er dachte an seine Klettertouren, die er in den letzten Jahren gemacht hatte. Große Dolomitenwände. Und auch in den Westalpen war er unterwegs gewesen. Mit einer Freundin. Aber sie war ihm mit einem Franzosen durchgebrannt, einem Typen, der dick war und eine Glatze hatte. Eddy hatte das immer noch nicht verstanden, doch er konnte mittlerweile wenigstens darüber lächeln. Der Typ hatte seine Freundin bald wieder zum Teufel gejagt.
Irgendwann dämmerte er vor sich hin und war kurz vor dem Einschlafen. Doch der Schatten hatte längst die Einschartung überstrichen und Eddy fröstelte. Er richtete sich auf und zog seine Jacke an. Da hörte er einen hell klingenden Schuss. Er hielt inne und konnte es kaum glauben. Ein kleinkalibriges Gewehr. Er lauschte. Doch nichts mehr. Langsam schlich er in die Richtung, aus der er den Schuss vermutete. Etwa zweihundert Meter weiter östlich und weiter oben.
In gebückter Haltung eilte er den Graben hinauf, stets darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, dann über die nächste Kante. Zwischen den Latschen hindurch sah er, wie in etwa dreißig Metern Entfernung ein Mann kniete und sich an einem liegenden Wild zu schaffen machte. Die Hirschkuh lebte noch. Der Mann trug eine schwarze Ganzkopfmaske, eine Art Wollmütze mit Sehschlitzen. Neben ihm lag ein kurzes Gewehr. Etwas weiter weg stand ein Rucksack.
Eddy beobachtete, wie der Mann das Tier mit einem Schnitt aufbrach. Der Mann atmete heftig, dann stöhnte er. Er zog seine dunkelgrüne Jacke aus. Darunter trug er nichts. Er sah nach links und rechts und zog auch die Maske aus. Dann riss er das Tier an seinem präzise gesetzten Schnitt auseinander. Immer mehr verschwand der Oberkörper des Mannes in dem Leib der toten Hirschkuh. Er begann sich in den blutigen Eingeweiden zu suhlen.

Eddy traute seinen Augen nicht, er schluckte und atmete schwer vor Abscheu. Nach einigen Sekunden fing er sich wieder. Er hatte von Eskimos gehört, die so was machten, um in allzu großer Kälte zu überleben. Aber hier, im Sommer? Eddys Herz raste. Er nahm seine Dienstpistole und ging auf den Mann zu.
»Stehen Sie auf!«, schrie er so laut er konnte. »Alzarsi, alzarsi!«
Der Mann hielt inne. Allmählich kroch er aus dem dampfenden Leib heraus. Das Blut der Hirschkuh floss ihm von Oberkörper und Armen, sogar von seinem Kopf tropfte dunkles Blut. Das Schlimmste aber war die Kälte in den Augen des Mannes, als er Eddy mit seinem blutüberströmten Gesicht ansah.
Eddy ekelte der Anblick des Mannes so sehr, dass er einen Moment lang zur Seite blickte. Blitzschnell bückte sich der Mann, hob sein Gewehr auf und zielte auf Eddy. Doch Eddy begriff und zog im letzten Moment den Abzug seiner Pistole durch. Eddys Schuss traf den Mann genau ins Herz. Er war auf der Stelle tot. So war das vor zwanzig Jahren, am 23. Juli
1994.


Der Autor
Lutz Kreutzer schreibt Thriller, Krimis und Spannungsromane. Seine E-Books waren bei amazon hoch gelistet (Platz 1 im Kindle-Shop).
Die Plots haben realen Hintergrund, die Themen gehen in die Tiefe und beruhen auf Tatsachen. Diese bringt er in Einklang mit dem Leben eines Protagonisten, der durch seine Geschichte getrieben wird. Wichtig ist ihm die verständliche und spannende Sprache.

Sein abenteuerlicher Berufsweg führte ihn durch viele Länder Europas. Am liebsten ist er dort, wo es gutes Essen und noch besseren Wein gibt. Daher hat er unter anderem gemeinsam mit Johann Lafer ein Kochbuch geschrieben.


Lutz Kreutzer, Der Grenzgänger – Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg
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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Hui, das klingt dramatisch.
War plötzlich mittendrin, im Geschehen, da oben auf dem Berg.
Gut geschrieben.
Das schau ich mir mal an.
Gruß, James

Elsa Rieger hat gesagt…

Ich freu mich auch schon sehr auf das Buch, kann es kaum erwarten!