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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

1. Juli 2015

Thom Delißen, Die Gedanken des Friedwart Pies




Es ist mir ein Bedürfnis, das Buch "Die Gedanken des Friedwart Pies"des Autors Thom Delißen vorzustellen. 

Es handelt sich um einen Erzählband, in dem es oft sehr hart und ernsthaft, dann wieder mit einem gewissen Augenzwinkern oder fantastischen Zukunftsperspektiven immer um ein großes Thema geht: Was macht der Mensch nur mit der Welt, die ihm anvertraut wurde? 

Geschichten, die ich sehr empfehle.




Leseprobe:

Der Mann und das Bild

Es begann, gleich allem auf dieser Erde, aufgrund schier unergründlichen Ratschlusses.
Jedenfalls betrachtete der Mann eines Abends bei einer Flasche ausgezeichneten Rotweins die Wand seines Wohnzimmers, kam zu der Überzeugung, hier fehlte etwas. Er begann nachzudenken, imaginierte die verschiedensten Szenarien. Eine Landschaft mit röhrendem Hirsch?
Bei dieser obskuren Idee lächelte er. Ein Kandinsky unter Umständen? Surrealität in den trockenen Alltag? Irrealität? Oder einen melancholischen Van Gogh? Einen Van Dyck. Ja. Ein mächtiges Schiff im Sturm, meterhohe Wellen, zum Bersten geblähte Segel, wolkenverhangener, ungewisser Horizont.
Er verwarf die Idee. Zu dramatisch. Eine Wüste? Er erinnerte faszinierende Dünenbilder aus der Sahara. Einen Südseestrand? Halbbedeckte, braune Schönheiten? Gauguin? Oder eine Fototapete? Als er so mit seinen Gedanken auf der Suche nach einem geeigneten Motiv auf Reisen ging, traf ihn die entscheidende Erkenntnis.
Eine Weltkarte sollte es sein! Ein unschlagbares Motiv, über alles erhaben.

Der Mann pflegte Vorhaben zügig durchzuführen. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, bei dem er die Wand im Wohnzimmer missbilligend ansah, fand man ihn in einem Poster-Shop in der Innenstadt. Die Bilder jedoch, die ihm eine junge Verkäuferin zeigte, fanden seine Zustimmung nicht. Da schillerte der Planet blau im Weltall, zeigten auf anderen Abbildungen bunte Striche Staatsgrenzen an. Überhaupt nicht das, was dem Mann vorschwebte.
Er verließ das Geschäft, spazierte ziellos durch die Gassen, auf der Suche nach einem anderen Ort, an dem er ein Bildnis finden könnte, die Wand in seiner Wohnung zu verzieren.
In einer verwahrlost anmutenden Straße fiel ihm ein verwaschenes Reklameschild auf. „Die Alternative“ stand da. „Das Wandtattoo“. Der Mann hatte von Tattoos gehört, sie gesehen. Er verband das Wort mit Ankern, von Amors Pfeil durchbohrten Herzen, Knast-Tränen. Was um Himmels Willen aber stellte ein Wandtattoo dar?
Das Portal des kleinen Ladens mit dem verstaubten Schaufenster lag unterhalb des Bürgersteiges. Etliche Stufen, alt, brüchig, führten hinunter.
Die Glastür öffnete sich quietschend, setzte ein schepperndes Glockenspiel in Gang. Der exotische Geruch, der dem Mann entgegenschlug, hätte in einen Gewürzladen gepasst. Im Inneren des Geschäftes erkannte er eine ungeahnte Zahl Regale, in denen in einzelnen Fächern Papierrollen lagen.
Ob der seltsamen Atmosphäre unsicher, verwirrt, schloss der Mann die Tür hinter sich. Erneut ertönten klimpernd die Glöckchen. Zwischen den Reihen tauchte ein Greis auf. Seinen von schütteren Haaren gerahmten Schädel bedeckte ein kleines jüdisches Käppi, er ging humpelnd, die Augen hinter der dicken Hornbrille wirkten in der Vergrößerung wie die einer Eule.
Der Alte vollzog eine altmodische Verbeugung, flüsterte mit hoher Fistelstimme: „Guten Tag. Guten Tag. Womit kann ich dienen? Womit kann ich dienen?“
„Was ist ein Wandtattoo?“, fragte der Mann.
Der Greis kicherte. Sabber rann ihm aus dem linken Mundwinkel, den er mit einem rosafarbenen Taschentuch, das er in der Hand hielt, wegwischte.
„Will er wissen ...“
Seltsam klingendes Glucksen.
„Etwas sehr … „ er suchte ganz offensichtlich nach dem richtigen Wort, „Besonderes. Gewiss. Ja.“ Der Kahlköpfige wedelte mit dem Schnäuztuch. „Ein Bild. Man bringt es direkt auf die Wand auf, nech? Ganz wie eine Tätowierung. Eine Tätowierung. Ja, man arbeitet sie auf die Oberfläche der Wand ein. Auf die Oberfläche der Wand.“ Er schniefte. „Wunderschön. Wunderschön.“
„Haben Sie auch die Erde da?“
„Oh! Ich besitze die Erde. Ich habe die Erde. Gewiss. Die Erde habe ich. Ja.“
Er wischte unnötigerweise über seinen Mund. „Die Frage ist … nun gut. Sie sind hier.“
Bei diesen Worten sah er den Mann mit einer solch offensichtlichen Missbilligung an, dass der einen Augenblick überlegte, die Situation zu verlassen, auf die Straße zu flüchten.
Der kleine alte Greis mit dem Käppi schien das zu bemerken. „Warten Sie, warten Sie. Werde mal sehen. Werde mal sehen.“ Den Fuß nachziehend verschwand er in den Hintergrund.

Dem Mann blieb gerade genug Zeit, sich über die seltsamen, kabbalistisch anmutenden Masken an der freien Wandfläche zu seiner Rechten zu wundern, da kehrte der Gnom bereits zurück, vor der Brust einen ganzen Stapel Rollen.
Er lud sein Bündel auf einem Tisch in der Raummitte ab, winkte den Mann mit einer fledermausartigen Bewegung seines Armes heran. Der trat zögernd näher, dabei beobachtete er, wie der Ladenbesitzer eine, ein wenig kleinere Rolle von den anderen separierte, ganz offensichtlich verbergen wollte.
Bild um Bild, Folie für Folie beäugte er nun die vorgeführte Auswahl, doch keines der Wandtattoos wollte ihm wirklich gefallen. Eindrucksvolle Abbildungen zeigte ihm der Alte.
Die Erde, wie man sie im 14. Jahrhundert betrachtete, der Globus als flache Scheibe unter einem Himmelsgewölbe. Politische Landkarten aus den verschiedensten Epochen. Als der alte Herr mit dem Käppi dem Mann ein Weltbild der alten Griechen, ein perspektivisches Gemälde des Piero della Francesca entrollte, huschte einen Moment lang ein Lächeln über das lederne Gesicht. Der Mann vermeinte ihn Ähnliches wie „feiner alter Herr war das“, murmeln zu hören, tat das jedoch als pure Einbildung ab.
Man hatte endlich alle Rollen durchgesehen, da wies der Mann auf ein Ende der etwas kleineren Hülle, die, mittlerweile nahezu völlig unter den bereits gesichteten Rollen begrabenen lag.
„Vielleicht ist dies die Richtige?“
Der Jude wand sich in seinem Innersten.
„Je nun.“ Verzweiflung stand in seinen Augen, als er den Mann anblickte, mit zitternden Händen das zusammengerollte Folienbild griff.
„Sie möchten es sehen?“
„Ja“, sagte der Mann entschlossen. „Ich will es sehen.“
Der alte Herr nahm aufgewühlt seine Brille ab, breitete das Bild auf dem Tisch aus. Eine Abbildung der Erde, leibhaftig, schier zum Greifen, entfaltete sich.
Erneut sah der jüdische Händler den Mann mit schief gelegtem Kopf an. Er seufzte.
„Natürlich möchten Sie es käuflich erwerben?“

Das Tattoo von der Folie auf die Wand zu transportieren, erwies sich wesentlich schwieriger, als der Mann gedacht hatte.
Nachdem er die Wandfläche mit einem gefundenen Rest weißer Farbe grundiert, über die Nacht trocknen ließ, galt es, das Tattoo vollständig auf die obere Folienschicht zu massieren. Immer wieder wollten kleine Inseln, ganze Landstriche, ja Kontinente, nicht den Gesetzen der Adhäsion folgen. Eine mühsame Aufgabe. Tatsächlich war der Mann nach zwei Stunden Schwerstarbeit schweißnass. Dicke, salzige Tropfen fielen auf Südamerika, Indien, auch Neuseeland.
Dann, beinahe ließ ihn das Ereignis aufgeben, passierte das Unglück. Um die längliche Folie von zwei Seiten zu erreichen, versuchte der Mann die Hälfte der mittleren Folie, die er bereits bearbeitet hatte, mit einer Schere abzutrennen. Die Fixierung löste sich, die untere Hälfte mit Nordamerika, Alaska, dem Pol, klebte mit einem Teil Atlantik zusammen. Als der Mann, zutiefst erschüttert, entsetzt, die aneinander klebenden Teile löste, erkannte er, dass Devon-Island, ein Stück der Erde, nahezu der Größe Frankreichs, verschwunden war. Nahe daran aufzugeben, pausierte er, trank eine Tasse Tee.
Nach weiteren drei Stunden Arbeit zierte die Wand ein Abbild der Erde, wie es plastischer nicht hätte sein können. Ganz erstaunlich, gaben die Unebenheiten der Wandfläche, auf die der Mann das Bild appliziert hatte, die Gebirgszüge des Globus wieder. Da erkannte man deutlich den Himalaja, die Pyrenäen. Die Anden, die Alpen. Die Appalachen, die Eliaskette in Kanada.

Der nächste Morgen brachte Ungeheuerliches. Gerade bewunderte der Mann noch sein Wandtattoo, goss einen Kaffee ein, setzte sich an den kleinen Küchentisch, als aus dem Radiowecker die nervöse Stimme einer Nachrichtensprecherin erklang.
„Wie bereits mehrfach gemeldet, ist die Insel Devon-Island in Kanada, eine der größten unbewohnten Inseln der Welt, von der Landkarte verschwunden. Die Wissenschaft fand bisher keine Erklärung für das ungewöhnliche Ereignis. Anzeichen für ein Erdbeben, einen Vulkanausbruch oder ähnliches habe es nie gegeben, so ein Sprecher der Vereinten Nationen. Die Vermutungen über die Ursache überschlagen sich.“
Der Mann schaltete das Radio aus. Erstarrt saß er, die Kaffeetasse in Brusthöhe, überlegte. Lächelte, lachte.
Er stand auf, trat mit der Tasse in der Hand vor das Abbild der Erde im Wohnzimmer.
„Nein!“ rief er. „So ein Blödsinn!“

Auch der Greis mit den Klumpfuß in dem kleinen Geschäft in der Innenstadt hörte an diesem Morgen die Nachrichten.
„Elender Dilettant!“, brummte er grimmig. „Unbewohnte Insel!“
Natürlich verfolgte er den Tattoo-Käufer bis an dessen Haustür, er wusste, wo jenes wertvolle Abbild der Erde jetzt zu finden war. Auch er setzte sich an seinen Küchentisch, überlegte bei einer Tasse schwarzen Tees. Schließlich griff er entschlossen nach Hut, Mantel, einen Spazierstock mit silbernem Knauf, um kurz darauf am Rathaus der Stadt aus einem Taxi zu steigen, zielstrebig das Büro des Leiters des Baureferates der Stadt, Egon Geldaug, der auch zuständig für Abrisse war, anzusteuern.
Er verließ dessen Zimmer eine Viertelstunde später, ein triumphierendes Grinsen im Gesicht. Geldaug dagegen hinter seinem Ebenholzschreibtisch rieb sich die Hände, verwahrte den Scheck in Millionenhöhe sorgfältig in seiner Jacketttasche.

Der Mann saß, ganz gegen seine Gewohnheit um diese frühe Stunde, mit einer gerade geöffneten Flasche Rotwein auf dem Sofa vor dem Tattoo. Für das, was er plante, schien notwendig, sich Mut anzutrinken. Er zweifelte. Seine eigene Auffassung vermochte nicht, ihn zu überzeugen. Angestrengt suchte er die Karte nach einer winzigen Insel ab, doch der Maßstab der Karte, so überlegte er, konnte lediglich größere Landmassen abbilden.
Nachdem er die Flasche zur Gänze geleert, eine zweite geöffnet hatte, schabte er mit einem Messer zitternd ein winziges Stück Eiland in der Mitte des Südpazifiks zwischen Australien und Südamerika ab. Betäubt von der großen Menge Alkohols schlief er auf der Couch ein.
Nach dem Erwachen, etliche Stunden später, wartete er voller Ungeduld die Nachrichten ab, suchte in der Zwischenzeit auf allen verfügbaren Kanälen seines Fernsehers nach Neuigkeiten. Er wünschte, einen Computer zu besitzen. Im Internet fand man die neusten Informationen! Je weiter der Tag fortschritt, desto ruhiger, gelassener zeigte sich das Befinden des Mannes. Denn nichts deutete daraufhin, dass die unsinnige Ahnung, seine Karte hätte mit dem Verschwinden von Devon-Island zu tun, der Wirklichkeit entspräche.
Er entschied, einen Spaziergang in den nahegelegenen Park zu unternehmen. Während er dem Kiesweg durch die Waldungen folgte, tief den Duft der Kiefern einatmete, die unzähligen Vögel zwitschern hörte, die Gräser im Frühlingswind sich biegen sah, empfand er ein ungeheuer starkes Gefühl, nicht wirklich einzuordnen.
Wunderbar, jedenfalls. Alles so voller Liebe, Fülle, so … lebendig … vielfältig … Die Worte fehlten. In dieses Empfinden hinein drängte der Gedanke, welche Möglichkeiten ihm gegeben wären, würde die Fantasterei, welche da in seinem Kopf spukte, tatsächlich einer Realität entsprechen.
Der Mann beschloss, erst einmal zu frühstücken. Nüchtern zu werden. Die Bäckerei lag nur einen Steinwurf entfernt auf dem Weg zu seinem kleinen, viereckigen Bungalow, zwischen mehrstöckigen Reihenhäusern.
Die Verkäuferin grüßte ihn freundlich wie stets, bediente jedoch lediglich nebenbei, nachdem sie ihn mit einem „Wie immer?“ abnickte. Der Grund ihr angeregtes Gespräch mit einer Nachbarsfrau in den Dreißigern.
Während er auf seine Semmeln wartete, hörte er, teilweise übertüncht von der altmodischen Thekenkühlung, etliche Satzfetzen.
„ … im Meer. Einfach so.“
„ … Atlantis ...“
„ ... jeden Tag passieren ...“
Der Verkäuferin fiel das leichenblasse Gesicht des Mannes auf, als sie ihm die Brötchen in einer Papiertüte reichte.
„Geht’s Ihnen gut, Herr …? Soll ich den Arzt holen? Sie sind ja ganz weiß, um Gottes Willen!“
Der Mann winkte nur schwach ab, verließ den Laden.

In seinem Bungalow angekommen, setzte er sich erneut vor das Wandbild, glotzte es fasziniert an, griff die Weinflasche, nahm einen kräftigen Schluck.
„Du spinnst!“
Er schaltete kurz den Fernseher ein. Quer über den unteren Bildrand lief eine Schrift. „Sondermeldung“. Dahinter:
„Nach Devon-Island auch Insel im Südpazifik auf rätselhafte Weise verschwunden“.
Er lehnte sich zurück, lachte, bis ihn die Schmerzen in den Bauchmuskeln zu einem Ende bewegten. Nach einer kurzen Pause der Überlegung stand er auf, holte aus einer Schublade seines Schreibtisches einen grünen Farbstift, schraffierte eine gute Fläche der arabischen Halbinsel. Gerade bei der Sache, grünte er weitere große Teile Afrikas ein. Einen kleinen Witz erlaubte sich der Mann, als er in der Antarktis einen großen grünen Punkt aufbrachte.

Die Medien tobten. Da hörte man von einem neuen Paradies Erde, die Außerirdischen brachte man ins Spiel, die Oberhäupter sämtlicher Religionsgemeinschaften proklamierten die plötzliche Fruchtbarkeit in vorher vertrockneten Wüstenzonen, den Anbau von Orangen innerhalb einer grünen, angenehm temperierten Oase der Polregion, für ihren Erlöser. Man sprach von einer neuen Ära.
Der Mann jedoch begriff, welch ungeheurer Einfluss ihm da verliehen war. Bei richtigem Hinsehen, so überlegte er, könne er sich ohne Weiteres als der Gott dieser Welt bezeichnen. Wie mit einer solchen Fülle an Macht umgehen? Wie handeln? Was tun? Noch etwas: Wenn er sich mit dem Besitz der Karte als Gott fühlte, was mit dem Voreigentümer? War der Gott? Oder der Teufel? Er wusste von einem alten Märchen, in dem der Teufel das Werkzeug zur Macht auf Erden auch immer irgendwie den Menschen anbieten musste. Doch er wischte den Gedanken weg.
Nach einer schlaflosen Nacht fokussierte sein Denken. „Frieden“ entschied er, sei das Allerwichtigste. Doch das Wort „Frieden“ erkannte er als zu vage. Es implizierte trotz allem eine dualistische Haltung.
Frieden machte zwei Seiten notwendig. Er hatte weiterhin nachgedacht, kam zu dem Schluss, die Voraussetzung für Frieden sei Liebe. Liebe, so wurde ihm klar, kommt ohne Reflexion aus. Liebe benötigt keinen Dualismus.
So bereitete er denn gegen vier Uhr morgens ein opulentes Frühstück, begann anschließend aus Stecknadeln und kleinen Stückchen Pappkarton Fahnen zu basteln, für jedes Land der Erde eine. Auf die winzigen Fähnchen schrieb er mit rotem Filzstift das Wort „Liebe“. Er benötigte eine ganze Weile. Erst gegen acht Uhr morgens beendete er befriedigt seine Bastelarbeit. Die Fähnchen lagen in einer Reihe auf dem Tisch vor der Weltkarte.

Der Leiter der Baustellencrew des Unternehmens Terra Form, Otto Letztwei, ein korpulenter Mann Mitte fünfzig, teilte zu dieser Zeit gerade seine Mitarbeiter für die verschiedenen Jobs des Tages ein. Einen Auftrag jedoch, den er heute Morgen in der Liste gefunden hatte, würde er selber übernehmen, die satte Prämie, die damit verbunden war, kassieren.
Sorgfältig, liebevoll, behutsam spickte der Mann den Erdball mit den kleinen Fahnen der Liebe. Liebe für den Sudan, für Palästina, für die Ukraine, den Kongo. Zuneigung, Verständnis in Venezuela und Kolumbien, in China und Russland, in Europa, Nordamerika. Hinwendung und Warmherzigkeit in Bagdad und Kalkutta, Friede, Verbundenheit in Kundus, Islamabad. Gerade als der Mann aber das letzte Fähnchen in die Hauptstadt Frankreichs, Paris, stecken wollte, vernahm er dieses seltsame Grollen, begannen die Wände, das Fundament seines Bungalows zu vibrieren. Zutiefst entsetzt, fassungslos starrte er auf die Karte. Dort, wohin er gerade das letzte Fähnchen stecken wollte, erschien ein Riss. Einer Zeitlupe gleich, beobachtete der Mann, wie ein Metallzahn, Teil einer Baggerschaufel offensichtlich, durch die mit Friedensfähnchen verzierte Erde brach. Europa und Russland, Südostasien, China stürzten ein, verkamen zu Schutt. Die Mauer fiel zusammen, die Weltkarte verschwand.
Otto Letztzwei, der Mann auf dem Abrissbagger, tat, wie er beauftragt. In der Beschreibung stand ausdrücklich, das Gebäude ohne weitere Nachfragen abzureißen, es sei unbewohnt. Verantwortungsvoll telefonierte er mit dem Auftraggeber, dem Vorsteher des Baureferats Eugen Geldaug. Der erhöhte die Prämie für die umgehende Ausführung nochmals. Da stellte man keine Fragen.
Als den Baggerfahrer Otto Letztzwei ein Erdstoß von seinem Sitz auf dem Baufahrzeug schleuderte, die Welt um ihn herum in Trümmern zerbrach, waren seine Gedanken bei den grünen Scheinen, die nun verloren gingen. Dann gab es da nur Dunkel. Aus der Finsternis heraus trat ein Mann mit dicker Hornbrille, hinkend, ein Käppi auf schütterem Haar. Und er lachte.


(c) Thom Delißen

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