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Rezensionen

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31. Oktober 2015

Sigrid Wohlgemuth, Der Duft von Oliven



„Die Insel, meine zweite Heimat, hat ihre eigenen Gerüche. Mit geschlossenen Augen erkenne ich die Kräuter an ihrem ausgeprägten Aroma, genieße und liebe diesen Duft.“

Lebe deinen Traum, bevor es zu spät ist!, denkt sich die junge Kölnerin Anna, lässt ihr Geburtsland kurzerhand hinter sich und zieht zu ihrer großen Liebe nach Kreta. Das Leben in dem kleinen Bergdorf ist hart – bei der Arbeit im Olivenhain muss sie sich ständig aufs Neue beweisen, denn ihr Schwiegervater beharrt eigensinnig darauf, dass ein Stadtmensch, noch dazu eine Deutsche, auf der Insel nichts zu suchen hat.
Eine große Stütze für sie ist ihre beste Freundin Thália. Was Anna jedoch nicht weiß, ist, dass Thálias Ehe unter einem sehnlichen Kinderwunsch Stück für Stück zu zerbrechen droht. Als Anna mit ihrem ersten Kind schwanger wird, bricht für Thália eine Welt zusammen.

Mit viel Liebe und Feingefühl zeichnet Sigrid Wohlgemuth ein Bild zweier Frauen, die sich ihren Schicksalen stellen und sich mit ihrer Identität, Heimat, Herkunft und der Gesellschaft auf Kreta auseinandersetzen.

Rezension

Entgegen den Wünschen ihrer Familie wagt Anna aus Köln den abenteuerlichen Schritt, auf die Insel Kreta auszuwandern. Doch nicht, wie man annehmen könnte, um ein angenehmes Leben an der Küste zu führen, nein, ihre Wahl ist ein raues Bergdörflein, in dem ihr kretischer Verlobter und seine Familie ein Dasein als Bauern fristet. Ein hartes Leben erwartet Anna. Es ist nicht die Arbeit, die ihr Probleme macht, es ist der Schwiegervater, der - bedingt durch seine Erinnerungen an den 2. Weltkrieg - alle Deutschen zutiefst hasst. Anna bekommt das fast täglich zu spüren, so sehr sie sich auch anstrengt, ihm alles recht zu machen. Es wird ihr schwer gemacht, ihre Liebe zu Ilias zu bewahren, den Konflikte sind vorprogrammiert.
Zum Glück schließt Anna bald Freundschaft mit Thalia, sie stärken sich gegenseitig.

Ob Annas Träume in Erfüllung gehen? Das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber eines seit gesagt, der Roman über ein Auswandererdasein hat mich von Anfang bis Ende gepackt.

Elsa Rieger



Leseprobe:

Prolog

Es krachte. Anna fuhr zusammen. Direkt vor ihr löste sich ein Baum samt Wurzelballen aus der Böschung am Abhang über der Straße. Ruckhaft riss sie das Lenkrad herum. Der Baum stürzte knapp hinter ihrem Wagen auf die Fahrbahn. Sie hatte keine Zeit aufzuatmen, denn durch die plötzliche Bewegung war das Heck ins Schleudern geraten. Sie trudelte unkontrolliert um die eigene Achse, kam nun endgültig von der Straße ab, an der sich keine Leitplanke befand, und rutschte mit einem gellenden Schrei den Berg hinab. Dann hörte sie nur noch das Schrappen der Scheibenwischer, stierte wie betäubt auf die rasche Bewegung. Das Atmen fiel ihr schwer, der Sicherheitsgurt umspannte straff ihren Körper. Der Versuch, sich zu rühren, scheiterte schmerzlich. Sie schloss die Augen. Nicht einschlafen. Ich muss wach bleiben, bis ich gefunden werde. Aber ich bin schrecklich müde und möchte schlafen. Es tut weh. Am besten zähle ich. Doch als sie damit anfangen wollte, brachte sie die Lippen kaum auseinander. Sie schmeckte Blut.
»Helft mir!«, rief sie und hatte das Gefühl, als prallten die Worte an die Windschutzscheibe und schallten zu ihr zurück. Sie werden mich bald finden. Ganz sicher! Der Regen hat nachgelassen. Nur eine Frage der Zeit, bis ein Auto vorbeikommt. Mit einem letzten Ratschen verstummten die Scheibenwischer. Die Stille ist unerträglich, dachte sie und spürte Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Ruhe bewahren. Ich darf nicht in Panik ausbrechen.
Anna atmete flach, um das Stechen in ihrem Leib gering zu halten.
»Verdammt!«, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Nachdem sie im Reisebüro die Tickets für einen Familienurlaub in Köln zu Weihnachten freudig entgegengenommen hatte, war sie vor der Tür von einem leichten Nieselregen überrascht worden. Bald darauf öffnete der Himmel über Kreta seine Pforten und es begann, in Strömen zu gießen. Ein starker Wind aus Südosten fegte übers Land, und der Wagen schwankte auf der Rückfahrt von Sitía nach Tourlotí, ihrem Heimatdorf.
Obwohl sie den Scheibenwischer auf höchste Stufe gestellt hatte, war der Asphalt durch die beschlagene Windschutzscheibe vor ihren Augen nur verschwommen zu sehen. An dem Teilstück der engen Straße, das sich im Bau befand, wurde es schlimmer. (...)

1. Kapitel

Anna blinzelte in die Spätnachmittagssonne. Sie setzte sich auf und strich den inzwischen getrockneten Sand von ihren Beinen. Dann hielt sie sich die Hand schützend über die Augen und sah zu, wie der leichte Wind die Wellen ans Land trieb.
War es die Liebe zu Ilías, dem kretischen Bauern, die sie alles im rosaroten Licht sehen ließ? Wenn sie an Zuhause dachte, an Köln, die Stadt mit ihrem oft deprimierend grauen Himmel, an den herrischen Vater, dem sie nichts gut genug machen konnte, fröstelte sie.
In diesem Moment stieg Ilías aus dem Wasser. Er kam im Laufschritt auf sie zu, ließ sich neben ihr auf das Badetuch fallen und zog sie in seine Arme.
»He!«, schrie Anna, »du machst mich wieder total nass.« Sie stieß ihn in die Rippen. Ilías schüttelte sein Haar. Anna quiekte, als die Wassertropfen sie trafen. Er lachte und streckte sich aus, schlug die Füße übereinander, verschränkte die Arme im Nacken.
Kaum zu glauben – Anna ließ ihre Augen über Ilías’ Körper schweifen – dieser Mann möchte mit mir zusammenleben. Im Schneidersitz schob sie sich neben ihn.
»Und, hattest du genug Zeit, um darüber nachzudenken?« Ilías stützte sich auf die Ellbogen und sah Anna liebevoll an.
»Worüber?«
»Anna, ich meine es ernst.«
»Ich soll zu dir nach Kreta ziehen?«
»Liegt es an meinem Griechisch, dass du mich nicht verstehst?«
»Scherz nicht rum.« Anna verzog den Mund zu einer Schnute.
»Nun gut. Du willst es nicht anders.« Er richtete sich auf. Anna bemerkte ein schelmisches Zucken um seine Mundwinkel. »Du bist die Frau meiner Träume! Wenn ich dich anschaue, mit deinen langen blonden Haaren und dem athletischen Körper, könnte ich vor Glück verrückt werden! Deine himmelblauen Augen ziehen mich magisch an, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe!«
Anna lachte verlegen, um nicht vor Rührung zu weinen, und entgegnete schnippisch: »Ach, es geht dir nur um mein Aussehen?«
Ilías griff nach ihrer Hand. »Lass mich ausreden. Ich bewundere deine Intelligenz, deine Aufgeschlossenheit, dein Einfühlungsvermögen. Ich liebe dich, vertraue dir und will dich nicht mehr loslassen.« Anna wollte ihm die Hand entziehen, doch Ilías verstärkte den Griff. »Wir kennen uns lang genug, um eine Entscheidung zu treffen. Seit zwei Jahren liegen dreitausend Kilometer zwischen uns. Das langt jetzt, Anna!«
»Es gibt viel zu bedenken«, warf sie ein.
»Und was?«
»Wo werden wir wohnen? Und wie sieht es mit einem Job aus?«
»Ist dir das wichtig?«
»Ja.«
»Mein Einkommen wird für uns beide reichen. Und ich bin sicher, du wirst an der Schule arbeiten können mit deinem perfekten Griechisch und den vielen anderen Sprachen.«
Er wollte sie in seine Arme ziehen, doch Anna entschlüpfte ihm, rannte zum Meer. Am Ufer entlangschlendernd, die Füße im kühlen Wasser, schaute sie auf die Wellen. Dann streiften ihre Augen die Landschaft. Umschlossen von hohen Bergen lag die Thólos-Bucht, wenige Kilometer vom Dorf Kavoúsi entfernt. Nach Süden breiteten sich Olivenhaine aus, vom salzigen Sturm gebeugte Äste trugen kleine Früchte. Tamarisken standen am Strand und spendeten den überwiegend griechischen Badegästen Schatten.
Um eine kleine Süßwasserader herum schwirrten Hornissen. Ein holländisches Pärchen hatte seinen Wohnwagen im Schutz der Sträucher geparkt. Die beiden saßen gerade an einem Campingtisch beim Essen.
Griechische Musik schallte aus einem Holzhaus herüber, einige Tische und Stühle standen davor. Der Besitzer der Taverne stellte gerade Erfrischungen auf ein Tablett. Eine Gruppe Einheimischer stand im Meer und unterhielt sich Wasser tretend. Zwischendurch tauchten sie tiefer hinein oder schwammen auf dem Rücken, ohne das Gespräch zu unterbrechen.
Anna blickte auf die Weite des Meeres, das sich bis zum Horizont erstreckte.
Die Frau seiner Träume. Nein, ich zweifle nicht. Weder an Ilías’ Liebe noch daran, dass ich genau hier mein Leben führen will. Sie drehte sich zu dem Mann um, der fortan alles mit ihr teilen wollte. Er winkte, und sie schrie über die Brandung hinweg: »Ich will!«
Mit ausgebreiteten Armen lief sie auf ihn zu. Sie sah, wie er aufsprang und einen Freudentanz aufführte, dass der Sand hochspritzte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl ergriff Besitz von jeder Faser ihres Seins.


Die Autorin

Sigrid Wohlgemuth wurde in Brühl bei Köln geboren. 1996 erfüllte sie sich ihren Traum und machte Kreta zu ihrer Wahlheimat. Die Mittelmeerinsel und das Schreiben wurden zu ihrem Lebensmittelpunkt. In ihren Erzählungen, bei Lesungen und in Kochshows möchte sie ihren Gästen die kretische Kultur sowie Land und Leute näher bringen. Zu ihren bisherigen Veröffentlichungen gehören neben "Bis am Baum die Lichter brennen" (2012) und "Drei Stühle. Köstliche kretische Geschichten mit Rezepten" (2013) auch zahlreiche Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien.

Sigrid Wohlgemuth, Der Duft von Oliven


Kommentare:

Sigrid Wohlgemuth hat gesagt…

Vielen Dank, eine tolle Buchbesprechung, was möchte ein Schreiberling mehr.

Elsa Rieger hat gesagt…

Sehr gern! Ein gutes Buch!