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21. August 2016

Karin Büchel, Mordgeflüster – Kurzgeschichten



Kurzgeschichten, in denen Hass, Verzweiflung, Eifersucht, Gier, Zufall, aber auch Liebe im Fokus der Verbrechen stehen.

Häufig führen unerklärliche Wege zum Ziel, Menschen um ihr Glück kämpfen oder auch nicht, kaltblütige Verbrechen geschehen und skurrile Begegnungen zu überraschenden Situationen und Wendungen führen.
 
Lassen Sie sich mitnehmen in eine Welt der heiklen Verbrechen.
Mörderische Geschichten. - Kurios, amüsant, spannend und (fast) immer tödlich!


 

Leseprobe:

Sport ist Mord!

Sport ist Mord! - Sagt man doch so, oder?
Ich hasste Sport jeglicher Art: Ballspiele gingen mir auf die Nerven, Wassersportarten konnte ich so gar nichts abringen, Skispringen machte mich irgendwie nervös und Kampfsportarten aller Art waren mir zuwider.
Bruno war da ganz anders. Viermal in der Woche rannte er durch den nahegelegenen Stadtpark, zweimal wöchentlich kraulte er sich durch das hiesige Schwimmbecken und an den Wochenenden raste er mit seinem Rennrad sämtliche Erdhügel der Umgebung hinauf und wieder hinunter. Zwischendurch stemmte er Hanteln, diverse Eisenstangen, Ziegelsteine und andere Gewichte.
Jedes mal kam er pitschnass geschwitzt nach Hause, warf seine in Schweiß gebadeten Klamotten auf den Boden und duschte ausgiebig. Selig pfeifend und total gut gelaunt. Ich hörte ihn selbst in der Küche und hielt mir die Ohren zu.
Danach zog er sich einen Energie-Drink rein, mit Betonung auf Energie, aß eine Schüssel mit traditionellen Cerealien und ging zu Bett.
Das ich als seine Ehefrau eigentlich mein Leben, besonders meine Freizeit mit ihm teilen wollte, interessierte ihn so gar nicht. Er brauche diese Energie um seinen gestressten Alltag durchstehen zu können, waren seine Worte. Ich könnte ja mal mitlaufen.
Haha! - Bruno wusste ganz genau, dass mein Körper die Bewegungen eines schnelleren Laufes nicht hin bekam, lag wahrscheinlich an einem genetischen Defekt, den man allerdings medizinisch nie diagnostiziert hatte.
Aber mir war er durchaus bewusst und ich blickte dementsprechend neidisch auf alle, die sich grazil und schnell bewegen konnten.
So wie mein Bruno!
Und wäre Bruno nicht immer so müde nach seinem Sport, wäre es mir auch egal. Aber so! Gemeinsame Abende mit ihm konnte ich vergessen, geschweige denn gemeinsame Nächte. Dafür hatte er einfach keinen Sinn mehr. Wäre  zu anstrengend.
Das ich nicht lache!
Vor etwa drei Wochen lernte ich im Supermarkt Egon kennen. Ganz zufällig. Wie dies eben so geschieht. Er schnappte sich die letzte Dose Bohnensuppe aus dem Regal, obwohl meine Hand diese Dose schon berührt hatte.
„Lackaffe!“ Ein Wort, das mir in diesem Moment aus dem Mund fiel, so wie ein Zahn, der beim Zähneputzen herausbricht.
„Entschuldigung! Hier nehmen Sie die Dose, ich kann auch Linsensuppe kochen!“ Sprach der Lackaffe und griff zur Linsensuppendose.
„Kochen? Das ich nicht lache.“ Ich drehte mich auf dem Absatz um, schob meinen Einkaufswagen vor mir her und entfernte mich von diesem Regal und den Dosen.
„Warten Sie doch. - Bitte!“
Und ich wartete. Auf was, wusste ich in diesem Moment noch nicht.  Aber einige Minuten später.
Der Lackaffe stellte sich als Egon Müller-Wimpel vor, begleitete mich ins nächstgelegene Cafe und erzählte mir aus seinem Leben. Einfach so.
Ich war begeistert. Strahlte in zwei smaragdgrüne Augen und zwei Grübchen, die sich bei jedem Lachen in winzige, lustige Kuhlen verwandelten.
Auch ich erzählte Episoden aus meinem Leben, von meinem vom Sport besessenen Mann Bruno und von meiner Einsamkeit.
Ob man es nun glaubt oder nicht, aber Egon und ich waren auf ein und derselben Wellenlänge.
Seine Frau, Gott hab sie selig, sei nach einem Marathonlauf zusammengebrochen und noch im Krankenwagen gestorben. Seitdem lebte er sein Leben alleine und ganz ohne irgendeine sportliche Betätigung.
Oh wie gut mir das tat. Ein Leben ohne Sport und trotzdem zufrieden und ausgeglichen.
„Geben Sie doch ihrem Bruno jeden Tag ein bisschen Rizinus in den Energie-Drink. Sie werden sehen, dass ihm jegliche Form von Sport schwer fallen wird. Er wird verstärkt zu Hause sein und die Nasszelle ihrer Wohnung aufsuchen und wenn er erst einmal den Spaß am Sport verloren hat, dann hat er auch wieder Zeit für Sie.“
Ich dachte nach.
Nicht lange. Denn eigentlich wollte ich gar nicht, dass Bruno mehr Zeit für mich hat. Nein! Ich hatte mich Hals über Kopf in Egon und seine Grübchen verliebt und wollte ihn. So wie er war.
Aber die Idee an sich, dem Energie-Drink meines Mannes etwas beizumischen war nicht schlecht.
Tagelang beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, welche Art von Gift wirklich zum Tod führen könnte. Bis tief in die Nacht saß ich vor meinem Computer, bis ich auf eine hoch giftige Pflanze stieß, die zu extremer Übelkeit und dann zum Tod durch Atemlähmung führte.
Sie hieß: Herbstzeitlose und wurde sogar im Jahre 2010 zur Giftpflanze des Jahres gewählt. Alle Pflanzenteile von ihr sind giftig, aber vor allem ihr Samen. In der Medizin wird sie sinnvoll eingesetzt und ist nahezu unersetzbar.
Ich war begeistert über meine Entdeckung und da das Internet unendliche Möglichkeiten bietet, etwas zu bekommen, fand ich auch relativ schnell eine Quelle, die mir ein Fläschchen mit diesem Pflanzengift zusendete.
Ich hütete dieses Fläschchen wie einen Schatz, hoffte insgeheim immer noch, mein Bruno würde seine sportlichen Extremaktivitäten mir zu Liebe etwas vernachlässigen. Musste aber erkennen, dass das nicht der Fall war. Zu allem Übel kam noch die Tatsache, dass Bruno nie alleine lief, nie alleine seine Runden im Schwimmbad drehte und nie alleine mit seinem Fahrrad durch die Landschaft raste. Er hatte eine Begleitung, wie ich durch seinen angeblich besten Freund Olli erfahren durfte. Eine gewisse Eva-Maria ließ es sich nicht nehmen, ihn auf allen Wegen zu begleiten.
Na warte, dachte ich so. Du wirst schon sehen, was du davon hast.
Auf meinem Fläschchen mit dem Pflanzengift stand, dass 20 bis 40 Milligramm schon ausreichen würden, um einen Erwachsenen aus dem Leben zu hieven.
Diese sehr geringe Menge Gift füllte ich in Brunos Energie-Drink-Flasche, schraubte sie ordentlich zu und verabschiedete ihn mit den Worten:
„Denke daran mein Schatz, wer viel schwitzt muss viel trinken.“ Dabei konnte ich ein kleines süffisantes Grinsen gerade noch verbergen.
Bruno warf seinen Astralkörper auf sein Rennrad, steckte die Energieflasche in die Rückentasche des Trikots und sauste davon. Ich vermutete zuerst zu Eva-Maria und dann die Hügel hinauf und wieder hinunter.
Leise summte ich vor mich hin und entlauste dabei meinen Rosenstock, den ich vor acht Jahren von Bruno geschenkt bekommen hatte. Damals war die Welt noch in Ordnung und Sport für ihn nur aus dem Fernsehen bekannt.
Das Klingeln des  Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Na, ob er schon zusammen gebrochen war und irgendwo im Graben lag? Wäre sehr schnell, denn Bruno war gerade mal zehn Minuten aus dem Haus.
„Frau Kremer? Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann einen schweren Unfall gehabt hat. Er liegt auf der Intensivstation des hiesigen Krankenhauses.“
Das kann ja wohl nicht wahr sein! Bruno hatte noch nie einen Unfall mit dem Fahrrad.
Mein Adrenalinspiegel war am Anschlag und mein Blutdruck wohl nicht mehr messbar. Ich fuhr ins Krankenhaus, rannte auf die Intensivstation und siehe da: Vor der Tür saß eine Frau im Trikot, beide Hände vor das Gesicht geschlagen und jämmerlichst am weinen. Eva-Maria, schoss es mir sogleich durch den Kopf. Was will die denn hier? Schließlich ist Bruno mein Mann.
Der Arzt kam mit betretener Mine, gab mir die Hand und drückte sein Beileid aus. Bruno war gegangen. Für immer.
Ohne meine Hilfe. Ganz alleine, der Rausch der Geschwindigkeit war sein Täter.
Die OP Schwester gab mir Brunos Trikot, in der die Energieflasche ungeöffnet lag und Eva-Maria bekam eine Art Nervenzusammenbruch. Drohte zu kollabieren.
Was tun?
Ich reichte ihr zur Beruhigung spontan die Flasche, die ich aus dem Trikot nahm. Dachte nicht darüber nach. Wirklich nicht! - Eva-Maria trank!  Gierig, schnell und ohne abzusetzen.
Meine Güte. Das Gift, schoss es mir durch den Kopf!
Es wirkte.
Schneller als gedacht. Eva-Maria sackte zusammen, fiel dann noch so unglücklich, dass sie mit der rechten Schläfe auf die Kante des Stuhls knallte.
Ich war geschockt. Soviel Unheil an einem Tag war selbst für mich fast zu viel.
Zwei Tote!
Aber Egon mit seinen smaragdgrünen Augen, seinen lustigen Grübchen und seiner Vorliebe für Bohnensuppe aus der Dose verstand es, meine traurigen Lebensgeister wach zu kitzeln.
Ganz ohne Sport!


Die Autorin
Karin Büchel, geboren 1959 in Gelsenkirchen. Aufgewachsen in Hennef (Sieg) studierte sie nach dem Abitur Sozialwissenschaften an der Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn. Sie  arbeitet in Behindertenwerkstätten der Lebenshilfe e.V.
Seit über dreißig Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Bonn/Beuel.
Als freie Autorin schreibt sie Regionalkrimis, Kurzgeschichten über Männer und Frauen und den kleinen Widrigkeiten des Alltags sowie skurrile Geschichten, oft mit einer Prise schwarzem Humor.
Sie ist Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ und in der „Literaturwerkstatt Hennef“.

Zu ihren Veröffentlichungen zählen u.a.:

„Beueler Kriminalgeschichten“, Band I – IV, BoD-Verlag
„Anekdoten aus Beuel & Umgebung“, BoD-Verlag
„Mord(s)geflüster“, BoD-Verlag
„Begegnungen“, BoD-Verlag

„Nix zu verlieren“, Anthologie, Hrsg. Manu Wirtz, Brighton Verlag - vertreten mit der Geschichte: „Vielleicht...“


Karin Büchel, Mordgeflüster – Kurzgeschichten


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