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Rezensionen

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21. August 2016

Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes





Nach einer großen Dürre in Nordafrika strömen Millionen Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, nach Europa. Am Ostersonntag verkündet der neue Papst Innozenz XIV. von der Loggia des Petersdoms aus etwas, das die Welt erschüttert und springt danach in den Tod. 

Journalistin Ramona und Komponist Manuel erleben in Berlin die Tage des Umbruchs und des Chaos. Zusammen mit ihren Freunden entdecken sie ein furchtbares Geheimnis und geraten dabei in höchste Gefahr. Eine spannende Geschichte über das, was ist, und das, was sein könnte.



Leseprobe:

Die Tage davor

Ich wollte eigentlich nach Gran Canaria, den Garanten für ganzjährig herrliches Wetter.
Aber nein, meine Freundin bestand auf Rom. Und nachdem ich vorher noch nie in der Ewigen Stadt gewesen war, willigte ich schließlich ein.
Ramona buchte online eine private Unterkunft, die sich ganz in der Nähe des Vatikans befand. Es war eine sehr hübsche Wohnung, was ich ihr gegenüber aber niemals zugegeben hätte.
Überhaupt war meine Stimmung zu Beginn unseres Urlaubs irgendwie schlecht gewesen. Ich konnte gar nicht genau sagen warum, denn der Himmel war wolkenlos, sodass man tagsüber durchaus im T-Shirt draußen sitzen konnte. Alles hatte wunderbar geklappt, selbst der Flug war ohne Komplikationen vonstattengegangen. Ich denke, es lag einfach daran, dass ich so auf die Kanaren fixiert war und ich meinen Willen nicht hatte durchsetzen können. Aber schon am ersten Abend hatte das wunderbare Essen in einem kleinen Restaurant meine Stimmung etwas steigen lassen, und die vier Tage, die wir nun bereits hier in dieser großartigen Stadt verweilten, waren sehr schön gewesen.

Ein Summen. Die Stechmücke quälte mich schon die ganze Nacht hindurch. Ich wedelte mit den Händen und rieb danach meine verquollenen Augen, tastete blind nach meiner Armbanduhr. Fünf Uhr. Viel hatte ich nicht geschlafen, aber an ein Weiterschlummern war nun nicht mehr zu denken.
Ich blickte zu Ramona, die mit dem Rücken zu mir seelenruhig schlief, und berührte mit der Nase ihren Nacken. Wie gut sie immer duftet, dachte ich, stand auf und wankte im Dunkeln zur Toilette. Zähneputzen kann nicht schaden, fand ich, als ich mir die Hände wusch, denn vielleicht könnte ich Ramona mit ein wenig Ankuscheln ja zu ‚mehr‘ bewegen. Erwartungsvoll schlich ich zurück ins Bett, zog meine Unterhose aus, flutschte leise unter das dünne Stofftuch und schmiegte mich an ihren warmen Körper.
„Mann! Lass mich in Ruhe! Ich will schlafen.“ Und um meine Niederlage noch zu betonen, stieß sie mich grob von sich.
Frustriert stand ich wieder auf und streifte mir die nötigsten Klamotten über. „Ich gehe runter zu McDonalds und trinke einen Kaffee“, brummelte ich und nutzte mein Handylicht, um die Zimmertür zu finden.

Die eiskalte Morgenluft traf mich wie eine zusätzliche Ohrfeige, als ich auf die leere Straße hinaustrat. Um diese Zeit ist Rom auch nicht gerade lebendiger als das kleine Scheißkaff, in dem ich geboren worden bin, dachte ich ärgerlich und hoffte inständig, dass das McDonalds in unserer Straße einen Vierundzwanzig-Stunden-Service hatte.
Es war offen. Fröstelnd trat ich ein paar Minuten später, mit einem dampfenden Pappbecher in der Hand, aus dem Schnellimbiss und überlegte, was ich nun unternehmen könnte. Ramona würde nicht vor acht Uhr aufstehen, geschweige denn ausgehfertig sein. Über zwei Stunden Zeit also. Nachdem der Petersplatz nur zirka fünfzehn Minuten entfernt war, entschloss ich mich dorthinzulaufen. Ich war sicher, dort wenigstens auf ein paar interessante Medienleute zu treffen, denn schließlich wartete die Welt sehnsüchtig auf das Ende des nun bereits dritten Konklaves, der Versammlung der Kardinäle, die den neuen Bischof von Rom, den Papst, wählen sollte. Bereits zweimal war schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen. Ich hatte damals absolut keine Ahnung von der Kirche und ihren vielen, für mich sonderlichen Gepflogenheiten und Bräuchen. Aber selbst mir war nicht entgangen, dass die aktuellen Kandidaten wohl durchaus umstritten waren.
Durch den dichten Nebel schienen die Straßenlaternen die Stadt in eine Art zauberhafte Bühne verwandeln zu wollen. Wunderschön, dachte ich und genoss einen großen Schluck meines heißen Kaffees.
Kurz vor der Via Aurelia traf ich schon auf die ersten kleineren Gruppen. Ich zwängte mich gerade an einem Übertragungswagen vorbei, der den halben Fußgängerweg blockierte, als mich ein junger schlaksiger Typ in viel zu weiten Klamotten ansprach. „He, für solch einen Kaffee würde ich jetzt gerade mein Leben geben“, sagte er auf Deutsch.
„Was nützt dir dann der Kaffee?“, fragte ich lächelnd. „Woher wusstest du, dass ich Deutsch spreche?“
„Na, was steht da wohl auf deinem T-Shirt?“
Ich schaute an meiner offenen Wolljacke herunter. ‚Gefällt mir‘ war da zu lesen, zusammen mit dem bekannten Daumen-nach-oben-Symbol.
„Stimmt“, meinte ich und reichte ihm meinen Kaffee. „Sag, ihr berichtet hier über die Papstwahl? Was gibt es da Neues?“
Irgendwie erinnerte mich der Typ an Goofy. Er trank einen großen Schluck. „Ah, das tut gut. Na ja, so wirklich viel weiß ich nicht. Ich bin hier lediglich für die scheiß Kabel zuständig. Aber anscheinend ist denen ihr Spitzenkandidat abhandengekommen. Ha, der hat wohl kalte Füße bekommen. Kann ich gut verstehen.“
„Der Papst ist abgehauen?“
„Nicht der Papst, Mann. Der wird doch erst gewählt. Aber einer ihrer Favoriten. Ein Südafrikaner, soweit ich weiß.“
„Na, so was! Das ist ja ein Ding! Die können da einfach rausspazieren? Ich habe echt keine Ahnung von dem Zeug. Kirche ist eben nicht so meins.“
„Kann ich gut verstehen“, antwortete er und nahm noch einen kräftigen Schluck meines wertvollen Getränkes zu sich. „Ich selbst glaube auch nur das, was ich sehe.“ Er hustete trocken. „Nein, natürlich läuft von denen normalerweise niemand einfach mal so durch die Stadt. Der wird sich wahrscheinlich im Vatikan verlaufen haben. He Mann, die sind doch fast alle hundert Jahre alt und total senil.“ Er lachte laut auf, bleckte mir seine viel zu großen Zähne entgegen und zog ein letztes Mal am Kaffee. Dann gab er mir den Becher zurück.
Besorgt blinzelte ich hinein, und leider wurden meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Halb leer.
„He Mann, danke für den Kaffee. Das war echt nett.“
„Kein Problem. Ich hole mir einfach noch einen“, meinte ich lächelnd, hob die Hand kurz zum Gruß und blickte dabei auf meine Uhr. Erst kurz vor sechs, dachte ich gelangweilt. Ich schaute mich ein wenig um und stellte fest, dass sich die Straße langsam belebte.
Immer noch war es unangenehm nasskalt, und ich bekam langsam Hunger. So entschied ich, mich auf den Rückweg zu machen, diesmal aber einen anderen Weg zu nehmen und mich dabei ein wenig in der Altstadt umzusehen.
Tagsüber waren die Gassen überfüllt mit Touristen, und so sah ich eine gute Gelegenheit, ein paar schöne Erinnerungsfotos mit dem Handy zu schießen. Der Nebel, verbunden mit dem Licht des Morgens, erschien mir damals als das ultimative Motiv.
Ich zog also los, und tatsächlich konnte ich ein paar echt geniale Bilder einfangen, war dabei aber so ins Fotografieren vertieft, dass ich mich bereits nach wenigen Minuten verlaufen hatte. Also schaltete ich das Smartphone auf Navigation, gab die Adresse unserer Unterkunft ein und wartete, dass dieser winzige Computer mich auf den rechten Weg zurückbrachte. Kein Empfang. Das war ja klar.
Ich hörte etwas. Jemand, eine Frau oder ein Mädchen, sang ein wunderschönes Lied, traurig und doch irgendwie voller Kraft. Ruckartig drehte ich mich um, lief hin und her, konnte aber den Ursprung dieses wunderschönen Gesangs nicht ausmachen. Ich horchte wieder. Das muss ich unbedingt aufnehmen, dachte ich. Ja, ich bin Komponist und von jeher fasziniert von Musik. Und diese Melodie war so unglaublich schön, dass mir sofort eine passende Orchestrierung dazu einfiel. In meinem Kopf ertönte bereits ein ganzes Orchester zu ihrem Lied. Ich muss die Sängerin unbedingt finden, dachte ich fast schon panisch und begann in die von mir vermutete Richtung zu laufen.
Überraschend verstummte die Stimme. Ich stoppte abrupt und fand mich, völlig alleine, inmitten eines Labyrinths aus engen stockfinsteren Gassen wieder. Eine Kirchenglocke läutete in der Ferne, ein Hund antwortete ihr unaufhörlich. Gruselig, dachte ich, musste jedoch über die klischeehafte Situation grinsen. Dennoch ein klein wenig verunsichert, ging ich die winzige Straße, durch die ich ursprünglich gekommen war, zurück. Oder vielleicht sollte ich besser sagen ‚vermeintlich ursprünglich‘, denn natürlich war es der falsche Weg, was mir aber erst nach zirka zehn Minuten Marsch auffiel.
Ein warmes Licht erregte mein Aufsehen, und so blieb ich stehen. Direkt vor mir lag eine kleine Kapelle, deren Tore weit offen standen, sodass man die vielen Kerzen erkennen konnte, die im Inneren ein weiches oranges Licht zauberten. Was für ein Motiv, dachte ich entzückt und schoss ein paar Fotos. Ein kurzer Blick ins Innere konnte nicht schaden, so betrat ich die Kirche.


Der Autor
Michael Pilipp
geboren: 23.09.1962 (in Coburg - auch wohnhaft)
erste Kurzgeschichten: 2000 (bis 2001)
erstes Drehbuch: 2007 („Michelle & Isabelle“)
tägliche Kolumne: 2015 („Man And The City“)
erster Roman: 2016 („Der Selbstmord des Papstes“) 


Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes


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