Salon

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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

28. Oktober 2016

Udo Kübler, The Real Gig – Fantastische Geschichten








Geschichten zwischen Comedy und Philosophie. 
Vorgetragen von einem leidenschaftlichen Erzähler. 
Ohne Netz und doppeltem Boden.











Leseprobe

BEGEGNUNG AUF DEM ATALAYA
(2016)


Frage:
Müssen eigentlich die wirklich fetzigen Sachen immer auf Bergen passieren?

Antwort:
Keine Ahnung, aber manchmal ist es eben so …
(Und übrigens: Was versteht man denn unter ›wirklich fetzigen Sachen‹?)


Scheiße aber auch, dieser Aufstieg auf den Atalaya hatte es wirklich in sich gehabt. Möglicherweise lag es auch daran, dass er nicht besonders gut in Form war. Das zuzugeben hatte er aber nicht die geringste Lust.
Immerhin, jetzt hatte er es ja geschafft. Und nun würde er es sich erst einmal hier auf dem Gipfel so richtig gemütlich machen und die grandiose Aussicht über den gesamten Norden der Insel genießen. Wenn er ehrlich war, konnte er sich, wenn er noch unten war, nie vorstellen, dass die Aussicht von hier oben tatsächlich so überwältigend war. Denn der Atalaya war zwar vierhundertvierundvierzig Meter hoch und der höchste Gipfel hier in der Gegend – aber dennoch, so lange er nicht oben war …
Ergriffen blickte Jonathan Simpson auf die unter ihm liegende Bucht von Pollença, auf die Bergrücken von Formentor auf der gegenüberliegenden Seite, zu der imposanten Kulisse der Tramuntana, die sich die ganze Westküste, bis runter nach Port Andratx zog. Sein Blick ging über die weite Ebene Mallorcas, schweifte ab zur Albufera, dem großen Sumpfgebiet hinter Pto. Alcúdia, das sich bis fast nach C'an Picafort hinüber zog, und landete schließlich auf der großen Bucht von Alcúdia und den Bergrücken auf deren gegenüberliegenden Seite. Fast glaubte er da hinten sogar noch Árta wahrnehmen zu können. ›Oh mein Gott!‹, dachte er noch, während er den Blick über seine direkte Umgebung streifen ließ, um sich einen geeigneten Sitzplatz auszusuchen. ›Den ganzen Aufstieg über fragt man sich, ob man eigentlich noch ganz bei Trost ist, bei der Hitze über all das Geröll aufzusteigen. Und wenn man dann hier oben steht, dann wird einem klar, was man gesucht hat.‹
Na ja, wenn er ganz ehrlich war, wusste er immer noch nicht, was ihn dazu gebracht hatte, ausgerechnet heute, in dieser Gluthitze, hochzusteigen. Fakt war, er hatte es getan – und war jetzt doch sehr froh darüber, seinen inneren Schweinehund einmal mehr überwunden zu haben. Zumal hier oben die Sonne zwar noch immer brannte, als wolle sie einen schon einmal auf die Hölle einstimmen, die Luft aber wunderbar frisch und überhaupt nicht drückend war. Dennoch, die Sonne machte es einem wirklich nicht gerade einfach. Besser war es wohl, auf die andere Seite des Felsens zu gehen, um dort im Schatten Platz zu nehmen. Dort würde sicher auch das Wasser aus seinem kleinen Rucksack und ein Apfel, eine Birne oder ein Pfirsich dazu vorzüglich schmecken.
Und, wie er so den ersten Schritt dorthin machen wollte, fiel sein Blick auf das Ding, das genau jetzt hinter dem Felsen hervorkam.
Dieses Ding war annähernd kugelförmig und bewegte sich auf drei kurzen und pummeligen Beinchen vorwärts. Es verfügte über zwei dünne Arme, die unmittelbar unterhalb des kuppelförmigen Kopfes, der fast ohne Ansatz von Hals obenauf saß, links und rechts aus dem kugeligen Leib ragten, und es war fast ausnahmslos mit einer grauen, lederartigen Haut bedeckt. An der Vorderseite des kuppelförmigen Kopfes entdeckte Jonathan insgesamt fünf Augen. Drei in einer unteren Reihe, zwei mittig darüber. Eine Nase oder einen Mund konnte er allerdings beim besten Willen nicht entdecken. Insgesamt schätzte er die Höhe der Erscheinung auf knapp eineinhalb Meter. Der Durchmesser des kugeligen Leibs dürfte etwas mehr als einen Meter betragen.
Dass es sich um ein Lebewesen handelte, war recht eindeutig. Mindestens ebenso eindeutig war allerdings, dass dieses Geschöpf nicht die geringste Ähnlichkeit mit irgendeiner anderen Kreatur hier auf der Erde hatte. Jonathan machte sich also nicht erst die Mühe, sich zu fragen, wo er einem solchen Ding vielleicht schon einmal begegnet sein konnte, sondern ergab sich darein, dass er hier eine sogenannte Begegnung der Dritten Art hatte. Oder anders ausgedrückt: Er war sich sicher, hier einem leibhaftigen Alien gegenüberzustehen. Das löste bei ihm eine spontane hysterische Starre aus, die mit einem vorübergehenden hysterischen Sprachverlust einherging, der allerdings nicht weiter ins Gewicht fiel, da ihm sowieso nicht eingefallen wäre, was er in diesem Moment hätte sagen können.
Das Alien allerdings schien von seinem Anblick weniger beeindruckt zu sein. Zumindest machte es nicht den Anschein. Es blinzelte unablässig mit allen fünf Augen – allerdings in einem sehr chaotischen, für Jonathan nicht zu erfassenden Rhythmus –, hob mal den einen, dann den anderen Arm mal mehr, mal weniger etwas höher und tänzelte auf den kurzen, dicken Beinchen eine nicht zu erfassende Figur. Zwischendurch hörte Jonathan mal eher zwitschernde oder keuchende oder brummende Geräusche, die wohl von einer Art Membran kamen, die man an der Vorderseite des sehr kurzen Halses wahrnahm. Und immer und immer wieder diese Bewegungen mit den dünnen, langen Armen, die mindestens fünf Gelenke zu haben schienen, und an deren Enden jeweils eine Hand mit zwei dicken Fingern und einem Daumen saß.
Da sowohl die hysterische Starre als auch der ebensolche Sprachverlust lediglich vorübergehend waren, legte sich beides nach einigen Minuten des seltsamen Tanzens und Hantierens und Blinzelns des Aliens zumindest so weit, das sich Jonathans Mund die Worte »Ach, du heilige Scheiße« entrangen.
Daraufhin stockten der Tanz, das Hantieren und das Blinzeln des Aliens für einen Moment, und es sagte mit angenehmer Stimme klar und deutlich: »Warum, beim Schlingwiiieh, gibt mir das bescheuerte Ding nie die richtigen Informationen?« Dann räusperte es sich förmlich, stellte sich in theatralische Positur und verkündete: »Wohlan, Erdling, du darfst mich anbeten.«
Nun hatte ja Jonathan durchaus mit der einen oder anderen Überraschung gerechnet, da Aliens, wie man weiß, ganz allgemein immer für solche gut sind. Mit einem derartigen Satz allerdings hatte er nun doch nicht gerechnet.
»Hä?!«, lautete deshalb seine eindeutige Antwort.
Für einen Moment schien das Alien irritiert und blinzelte heftig mit allen fünf Augen. Dann jedoch breitete es die dünnen Arme aus, machte eine verwirrende Schrittfolge mit den Stummelbeinchen und verkündete mit vor Freude bebender Stimme: »Denn siehe, der Herr, dein Gott, hat Wohlgefallen an dir und möchte dich erhören!«
»Mich erhören?«
»Dich erhören.«
Jonathan kratzte sich am Hinterkopf. »Das verstehe ich jetzt nicht. Erhört wird man doch, wenn man um was gebeten hat, oder?«
»Durchaus«, antwortete das Alien wohlwollend.
»Aber … aber ich hab doch um gar nichts gebeten. Oder etwa doch?«
»Du hast nie um etwas gebeten?«, fragte das Alien verwundert.
»Nun, zumindest kann ich mich jetzt nicht erinnern, das getan zu haben.« Er blickte etwas ratlos zur Seite, konnte aber außer der Bucht von Pollença und den Bergrücken von Formentor dort nichts erkennen. »Zumindest nicht jetzt und hier. Also, ich meine, jetzt eben. Hier oben.« Jonathan sah das Alien treuherzig an.
Jenes schien bei diesen Worten zumindest einen Teil des bisherigen Enthusiasmus verloren zu haben, was vor allem daran zu erkennen war, dass die Spannung ein wenig aus den ausgebreiteten Armen entwichen war.
»Aber davor hast du dir schon mal was gewünscht, oder?«, fragte es dann.
»Wann genau meinst du jetzt? Jetzt, heute? Zum Beispiel während des Aufstiegs?«
»Zum Beispiel.«
»Nun, also … Klar, da hab ich mir zum Beispiel gewünscht, ich wäre schon oben.«
»Wo oben?« Das Alien deutete mit einer Hand nach oben. »Im Himmel? Meinst du oben im Himmel?«
»Gott bewahre«, wehrte Jonathan ab. »Nein, ich meine hier oben. Auf dem Gipfel.«
Das Alien sah ihn etwas ratlos an. »Aber da bist du doch.«
»Ja, klar«, sagte Jonathan. »Jetzt schon.«
Das Alien ließ nun beide Arme sinken, blinzelte nervös und schien nicht so recht weiter zu wissen.
»Ich meine, davor – gestern, oder sogar noch heute Morgen – da hab ich mir sicher auch noch andere Sachen gewünscht. Was weiß ich, vielleicht … vielleicht … Na, ich komm jetzt so spontan nicht drauf …« Jonathan ließ diesen Satz im sanften Wind verwehen, der hier oben für etwas frischere Luft sorgte. »Wenn ich’s mir allerdings recht überlege, dann kann das ja jetzt und hier nicht weiter von Belang sein, oder?« Und damit sah er das Alien erstmals so an, dass er es auch wirklich erfasste.
Dem schien das auch bewusst zu werden, aber nicht besonders gut in den Kram zu passen. »Wohlan, dann wurdest du ja schon hier und heute erhört und bist des Glanzes und der Herrlichkeit des Herrn, deines Gottes, schon teilhaftig geworden«, rief es deshalb schnell aus und reckte einmal mehr seine dünnen Arme in den Himmel.
(… wie es weitergeht, lesen Sie im Buch …)


Rezension

Okay, ich habe die Erzählungen „THE REAL GIG“ von Udo Kübler
lektoriert. Das hält mich aber nicht davon ab, eine Rezension zu den Erlebnissen des Protagonisten Jonathan Simpson zu schreiben. Schließlich habe ich ein Naheverhältnis zu dem jungen Mann, da er auch in anderen Werken des Autors die Hauptrolle spielt.

Oder spielt der Autor mit ihm?
Denn das ist der Knackpunkt dieser überaus klugen und zugleich amüsanten Geschichten um Jonathan. Der arme Kerl tappt doch ständig in unglaubliche Situation, während der Autor Kübler sich ins Fäustchen lacht.
Man könnte auch sagen, Jonathan Simpson ist der Prototyp des Menschen an sich, der sich mit Glaube, Liebe, Hoffnung sowie Hochmut, Abenteuerlust und Versagen auseinandersetzten muss, weil sein Autor das so will.

Aber dann, ja dann
ist so, dass die Erzählungen plötzlich unvollendet in der Luft hängen! Der Leser denkt sich vielleicht: Ja, spinnt der Kübler jetzt?
Nein, ganz und gar nicht, denn der Kübler bedient sich einer super Finte: Er lässt den geplagten Protagonisten auf seinen Autor treffen, gemütlich bei „THELMA’S“, einer Kneipe und tauscht sich mit ihm aus. Es entspinnen sich interessante Dialoge zur eben erlebten Geschichte, teils philosophisch, teils sehr komisch, denn Jonathan ist manchmal wütend, dass er eine schöne Geschichte ohne Happy End verlassen musste, teils aber auch sehr dankbar, einer prekären Situation entkommen zu sein.

Eine wunderbare Idee
mit so einer Finte zu arbeiten. Die Geschichten um Jonathan Simpson sind wirklich lesenswert. Waren sie schon vor dem Lektorat, das mir großes Vergnügen gemacht hat.


Elsa Rieger

Der Autor

Udo Kübler – Jahrgang 1951, geboren in Heidelberg – beschäftigt sich in seinen Erzählungen, Kurz-geschichten und Novellen am liebsten mit hypo-thetischen Situationen, denen er mit seinem Leib- und Seelen-Protagonisten JONATHAN SIMPSON zu Leibe rückt.
Kein Szenario scheint zu abwegig oder bizarr, als dass man es nicht mit Jonathans gelassener Bereitschaft, sich wirklich jeder Herausforderung zu stellen, erlebbar und nachvollziehbar machen könnte.
Und so scheint auch der Verdacht nicht völlig unbegründet, mitunter schicke der Autor den wackeren Protagonisten vor allem deshalb in seine Geschichten hinein, um selbst davon lernen – ja vielleicht sogar diese erst verstehen zu können …


Udo Kübler, The Real Gig – Fantastische Geschichten




Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Liest sich schön, die Szene, mit dem kleinen Alien.
Unerwartet, lustig, unterhaltsam mit einem kleinen ironischen Unterton.

Kann ja auch wirklich nicht sein, was da vor sich geht...oder doch?

Ich fand's köstlich.

Gruß, James

Elsa Rieger hat gesagt…

Ja, ist doch köstlich. Und wer weiß, wer weiß ....

Grüße, Elsa